RockHard #292: Hundeblick, Blödelbarden und Oben-ohne-Girls
Jetzt wird mir endlich klar, warum Opeth so viele weibliche Fans haben. Dem Hundeblick von Mikael Åkerfeldt kann vermutlich kaum eine Metal-Dame widerstehen. Wenn der Wuschelkopf dann noch romantisch aus seinem psychedelischen Seventies-Vorhang hervorlugt, ist die Herzschmelze komplett. Mich lässt das allerdings kalt.
Es ist Zeit für ein Geständnis: Ich finde Opeth gnadenlos überbewertet. Mikael ist ein lustiger Kauz, sein trockener Humor legendär, seine musikalischen Fähigkeiten unumstritten, aber das was letztlich zählt – nämlich die Musik – hat mich, von ganz wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, noch nie berührt. Dass dem Heft der Live-Mitschnitt des Auftritts auf dem 2009er RockHard-Festival beiliegt, ist demnach zwar ein cooles Gimmick für Fans und Interessierte, ich selbst habe diese CD jedoch bisher gemieden. Ich habe den Auftritt damals live gesehen, war wieder einmal nicht begeistert, warum sollte das bei der Live-CD anders sein?
Egal. Hilft ja nichts, darüber weiter nachzudenken. Zumal ich ein paar Seiten körperlich gefordert bin. Die Seiten 8 und 9 sind nicht voneinander getrennt, sodass ich so filigran wie es mir möglich ist, die Seiten auseinanderreiße. Na, hoffentlich lohnt sich das wenigstens... Aha... Krisiun im Studio, Bobby Schottkowski mit neuer Band, ein Mitglied von Coheed And Cambria hat eine Apotheke ausgeraubt und die Erkenntnis, dass es bei Artillery sehr öde im Tourbus zugehen muss: Keine CDs, keine DVDs, keine Bücher,... was machen diese Dänen denn den ganzen Tag im Bus? Außer furzen. Das ist nämlich das einzige Thema, bei dem die beiden Stützer-Brüder aufblähen... äh... aufblühen.
Anders Mikael Åkerfeldt, der einem im Rahmen einer mehrseitigen Titelstory wieder begegnet und dessen Leidenschaft für Musik wirklich so gut wie durchgehend spürbar ist. Der Typ ist richtig sympathisch, sein Musikgeschmack verrückt und sein Werdegang beeindruckend. Umso mehr ärgere ich mich, dass mir Opeth' Musik so gar nichts gibt. Seht ihr, ich denke schon wieder drüber nach...
Schnell auf andere Gedanken bringen. Da kommen Turbonegro gerade recht. An denen ist die Offenheit, mit der sie an das Interview herangehen, sympathisch. Turbojugend-Mitglied Cobra Erzgebirge (na, welcher RockHard-Redakteur verbirgt sich hinter diesem Pseudonym?) unterhält sich vorwiegend mit Tony Sylvester, der nach Jahren als Fanclub-Mitglied und Presseagent nun den Sängerposten übernimmt. From dishwater to millionaire...oder irgendwas in der Art.
Interessant aber auch die ursprünglich von RockHard aufgestellte Wunsch-Top-3 für den vormals vakanten Posten: Udo Dirkschneider, Fenriz und Klaus Meine. Ja, nee, is kla! Wie Fenriz „All My Friends Are Dead“ intonieren würde, würde ich sehr gerne mal hören. Zu schade, dass er nicht in Frage kommt, weil er laut Happy Tom sein halbes Leben im Wald verbringt.
Steve „Lips“ Kudlow hat hingegen mehr als sein halbes Leben damit verbracht, Rockstar werden zu wollen. Weitgehend (sprich: von einem kurzen Hoch in den Achtzigern einmal abgesehen) erfolglos. Kaum war die Dokumentation in aller Munde, lief es für die Kanadier rund. Dennoch maßregelt „Lips“ den Kollegen Frank Albrecht und weist darauf hin, dass die Band nur so erfolgreich sei, weil sie tolle Songs habe und eine starke Band sei. An der Dokumentation liege das nicht. Was für ein Bullshit! Ich meine: schön wär's, aber dass der derzeitige Erfolg in erster Linie der Doku zu verdanken ist, kannst du doch nicht ernsthaft leugnen, lieber Steve. Keine Ahnung, von wo da gerade der Wind weht. Vielleicht kann „Lips“ es nicht verkraften, dass er es eben nicht alleine einen Schritt weiter in Richtung Rock-Olymp geschafft hat, sondern dafür einen kräftigen Schubser eines talentierten Dokufilmers brauchte. Wirklich zufrieden wirkt der Wuschelkopf jedenfalls nicht: Er flucht über den in der Doku häufig auftretenden ex-Produzenten, den in der Doku auftretenden ex-Gitarristen, die in der Doku auftretende ex-Tourmanagerin und unterstellt schließlich sogar den Kameraleuten, dass diese beim Dreh sensationsgeil auf eine Eskalation gewartet hätten... Dankbarkeit für diesen Wink des Schicksals sieht anders aus. Dass dir das mal nicht noch zum Verhängnis wird, Steve.
Kopfschüttelnd wird weitergeblättert: Communic wirken sympathisch. Schade, dass ich deren Musik auch nicht leiden kann. Machine Heads Robb Flynn sieht mit seinem Vollbart ein bisschen so aus, als würde er demnächst an Flughäfen doppelt und dreifach auf Terrorgefahr untersucht und Jamey Jasta gewährt kurz Einblick in die persönlichen Aspekte seines Soloalbums. So richtig interessant wird es bei dem Artikel über „Pay to Play“. Nachdem die Redaktion etliche Leserbriefe zu dem Thema erreichten (und auch diesen Monat sind zwei Stück dabei), ist Jan Jaedike losgezogen, hat sich auf die Suche nach einem Gesprächspartner gemacht und diesen schließlich (nach vielen Absagen; es will sich eben keiner die Finger verbrennen) in Form von Alex „Schnalli“ Schröder, Betreiber des Osnabrücker „Bastard“-Clubs, gefunden. Das Resultat ist ein interessantes Interview zu einem Thema, das sehr viel mehr zum Nachdenken anregt als das Blabla, das manch eine Kapelle von sich gibt. Den Pay-to-Play-Artikel hätte man gerne noch mit weiteren Erfahrungen, Stimmen und Interviews anreichern können. Vielleicht folgt da ja noch eine Fortsetzung. Aber auch so: Hut ab, Herr Kollege! Super Artikel über ein wichtiges Thema!
Hut ab auch vor der Cleverness der Blödelbarden: Um sich den illegalen Downloads zu erwehren, haben J.B.O. eine sehr geschickte Taktik gewählt. Sie schrieben einfach einen Song namens „Download“, damit Filesharer bei der Sucheingabe „J.B.O Download“ in erster Linie nur diesen Song finden. Clever, clever! Die rosa Outfits gehen trotzdem immer noch gar nicht.
Ein paar Seiten später gibt es hingegen endlich mal was Ansehnliches. Nein, nicht die Sister-Jungs, die wie eine Kreuzung aus den Murderdolls, Nikki Sixx und Gothic-Rastas aussehen, sondern das Oben-ohne-Girl, das Werbung für irgendein Tattoo-Magazin macht. Über dem abgebildeten Cover mit den... ich zähle mal eben... vier halbnackten Damen prangt: „Die erotischsten Seiten der Szene“. Ich möchte hinzufügen: Auch die erotischsten Seiten dieser RockHard-Ausgabe. Es sei denn, ich entdecke auf den folgenden Seiten noch eine Nacktaufnahme von Krypterias Ji-In, hüstel... schnell mal durchgeblättert. Leider Fehlanzeige.
Immerhin ist man überrascht über die Wahl des Album des Monats. Arch/Matheos heißt das neue Projekt um die ex- bzw. noch-immer-Fates-Warning-Mitglieder Arch und Matheos. Mal sehen, ob die nächsten Monat im Mirror auch so gut abschneiden. Eine geschmackliche Parallele entdecke ich hingegen schon jetzt: Sowohl im Mirror als auch im RockHard landen die New-Metal-Kätzchen Kittie ganz tief im Keller. Hat sich wohl ausmiaut, auch wenn Frank Albrecht, Pluskritiker und in diesem Monat entspannter Gegenpol der Minusschreiber, das noch etwas anders zu sehen scheint.
Für einen letzten Schmunzler sorgt außerdem das Bang-Your-Head-Foto von Overkills Bobby Blitz. Der sieht da nämlich so aus, als müsse er dringend mal aufs Klo. Lass laufen, Bobby!
Offene Fragen nach der Lektüre:
- Wie selbstverliebt muss Esa Holopainen (Amorphis) sein, dass er stets die gesamte Amorphis-Diskographie auf seinem iPhone mitschleppt?
- Ist das ein Produktionsfehler oder haben die Dream-Theater-Jungs auf ihrem Promofoto tatsächlich alle lila Lippen?
- Bin ich der einzige, dem auffällt, dass Joel Grind (zumindest auf dem im RockHard und auch im METAL MIRROR verwendeten Promofoto) eine gewisse Ähnlichkeit mit Matt Damon hat?
Offenlegung: Ich arbeite seit knapp zwei Jahren als freier Mitarbeiter beim RockHard. Die 292. Ausgabe ist seit ein paar Tagen im Handel erhältlich!
