Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
12Jun/120
Umzug nach Berlin

Warum es hier so still war…

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte:

Umzugskartons in meiner neuen Heimat: Berlin

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Na gut, ich kann es doch nicht lassen. Ich bin eben ein Freund des geschriebenen Wortes. Warum also nur ein Bild sprechen lassen? Hier war es (wieder einmal) so still, weil ich in den vergangenen drei Monaten eigentlich nur für eines einen Kopf hatte: Meinen Umzug. Ja, ich habe das schöne Hannover verlassen. Nach zweieinhalb Jahren in Niedersachsens Landeshauptstadt bin ich aus beruflichen Gründen nach Berlin gezogen. Ein solches Mammutprojekt (versucht mal in Berlin eine schöne Wohnung zu finden, doch dazu später mehr...) verlangt volle Konzentration. Da ich trotzdem nebenher den METAL MIRROR herausgebracht habe, meinen diversen anderen Aktivitäten nachgegangen bin oder nachgehen musste, blieb für meinen geliebten Blog einfach keine Zeit. Das wird sich ab jetzt ändern!

Mittlerweile lebe ich seit zwei Wochen in Berlin, noch immer sind nicht alle Umzugskartons ausgepackt, aber ich bin endlich mal dazu gekommen, etwas durchzuatmen. Das bedeutet im Umkehrschluss: Ab jetzt wird es hier wieder viel, viel mehr Action geben. In meinem Kopf spuken tausend Ideen herum; Dinge, die einfach herausgeschrieben werden müssen. Macht euch auf was gefasst!

10Mrz/123

Musik, die sich hinter Brüsten versteckt?

Diese Woche war ja mal wieder internationaler Frauentag. Ein Tag um ein Bewusstsein für die Frauen dieser Welt zu schaffen. Und vor allem ein Tag, der in meinen Augen ziemlich unsinnig zelebriert wird (darüber habe hier ausführlich geschrieben). Eigentlich ist dieser Tag ein wunderbarer Anlass, um auch einen Blick auf die Macho-Bastion der Musik zu werfen - die Metal-Szene.

Dabei soll es heute mal nicht um die weiblichen Fans gehen, die ja meist in der Unterzahl sind. Auch nicht um peinliche Förderprogramme wie irgendwelche Girls-Rock-Camps, mit denen man dafür sorgen möchte, dass die Quote auch in Metal- und Rock-Fankreisen stimmt. Nein, ich möchte heute einen Blick auf die weiblich angeführten Bands und genauer: auf deren Genrebezeichnung werfen. In jüngerer Vergangenheit fällt mir nämlich vermehrt auf, dass man Metal, der von Frauenstimmen vorangetrieben wird, als eigenständiges Genre zu etablieren versucht. Mit "man" sind in dem Fall die Labels und Promoter gemeint, die - so befürchte ich - diese Etablierung für einen taktischen Supercoup halten.

Und deswegen kriege ich häufiger und häufiger Post auf den Schreibtisch, bei der ich ins Stutzen komme, wenn ich einen Blick auf den beiliegenden Promozettel werfe. Da steht dann so etwas wie "Genre: Female fronted". Verwunderung. Was soll das denn bitte für eine Stilrichtung sein?

Natürlich ist mir klar, welche Form von Musik man mit dem Genre "Female fronted" vermarktet. Das sind die Nightwish-Klone, die Möchtegern-Within-Temptations, die oft (auch von mir) abwertend Elsenbands genannten Truppen, die ein Power- oder Gothic-Metal-Fundament verwenden, jede Menge symphonische Elemente dazupacken und das ganze dann von einer mal mehr, mal weniger talentierten Pseudo-Opernsängerin veredeln lassen. So klingt also "Female fronted".

Mich stört diese Genrebezeichnung, die letztlich nichts anderes als ein purer Sexismus der Musikbranche ist, denn sie legt die Rolle der Frau in der Musik sehr starr fest. Female fronted heißt doch eigentlich nichts anderes, als dass die Fronterin weiblich ist. Punkt. Mehr Aussage hat der Terminus nicht. Allerdings führt uns dieser synthetische Genre-Begriff in die Irre. "Frau an der Front? Muss kitschiger Gothic Metal sein." Das ist die Heuristik, die durch diesen Marketing-Schachzug geschaffen wird. Außer Acht gelassen wird dabei, dass es etliche Bands mit Frauen an der Front gibt, die kein normaler Metaller jemals mit "Female fronted" gleichsetzen würde. Sind Arch Enemy female fronted? Oder Holy Moses? Wortwörtlich ja. Musikalisch würde die da aber niemand verorten. Selbst eine Band wie wie von mir abgöttisch verehrten The Devil's Blood, bei der die Sängerin nicht rumbrüllt, sondern durch ihre klare Stimme begeistert, könnte man nicht ohne Bauchschmerzen mit dem Etikett "Female fronted" behaften.

Was soll das also? Kann man Gothic Metal nicht einfach auch als diesen brandmarken? Sind die Brüste an der Front ein so wesentliches Merkmal des Stils, dass man diese gleich mit ins Genre packen muss? Verkauft sich Musik, bei der man von Anfang an klar macht, dass da jemand mit weiblichem Geschlecht singt, besser? Ist es in den Augen dieser Leute etwas so besonderes, dass da eine Frau bei einer Metal-Band singt? Viele Fragen. Keine Antworten. Nur eine Theorie meinerseits: Wer sich hinter diesem Etikett versteckt, will vermutlich eh nur über die mittelmäßig bis unterdurchschnittliche Musik hinwegtäuschen und schiebt deswegen die Brüste in den Vordergrund. Aber wen lenkt das schon von dem langweiligen Hörerlebnis ab? Mich jedenfalls nicht. Also: Schafft diesen Unfug bitte unverzüglich wieder ab. Danke.


Hinweis: Dieser Artikel ist ursprünglich als Kolumne auf METAL MIRROR erschienen.

Illustrationen: Mikrofon von Deviantart (Kaboom), Lippenstift von 123rf (D. Celik)

18Jan/120

Die 50 besten Songs des Jahres 2011

Die 50 besten Songs des Jahres 2011

In einer musikalischen Bierrunde nach der nächsten muss ich mir Jahr für Jahr anhören, dass heutzutage ja keine gute Musik mehr rauskommen würde und früher sowieso alles besser war. "Schwachsinn!", sage ich. Auch heutzutage werden Jahr für Jahr unzählige grandiose Alben veröffentlicht, fantastische Songs geschrieben und Bands gegründet, die die Musik immer noch um ein wesentliches Stück bereichern. 2011 war ein Jahr mit vielen Highlights. Und damit man das nicht als inhaltslose Floskel abtun kann, habe ich mich in den letzten Wochen noch einmal kreuz und quer durch das vergangene Jahr gehört und eine Liste mit den 50 besten Songs aus 2011 zusammengestellt.

Das Erstellen solch einer Liste ist alles andere als einfach, wie ich dabei feststellen durfte. Und damit meine ich nicht die nicht eingehaltene Objektivität, auf die ich es bestimmt nicht abgezielt hatte, sondern das Schwanken der eigenen Meinung. Meine Liste umfasst Songs aus allen Bereichen des Heavy Metals, von hart bis zart. Es gibt Rock-Klassiker, die nach den Siebzigern klingen und elektronischen Metal. Black-Metal-Orgien und kitschige Schweineorgel-Songs. Poppige Refrains und Blastbeats. Dabei ertappte ich mich immer wieder selbst dabei, dass ich die Liste umstellte, je nachdem in welcher Stimmung ich war. Gute Laune und Partystimmung? Na klar, da muss ein Song mit Mitsing-Refrain und Pop-Appeal her. Schlechte Laune und Lethargie? Schwupps, schon habe ich Bock auf abstrusen, endlos ausufernden Black-Doom-Metal mit naturmystischem Einschlag. Und so ging es Tage, ach was: Wochen hin und her. Als ich endlich glaubte, ich habe eine endgültige, halbwegs stimmungsneutrale Einschätzung geschafft, stattete mir mein Bruder Benne einen Besuch ab. Wir saßen gemeinsam auf meiner Couch, tranken Bier und hörten uns in viereinhalb Stunden die gesamte Liste durch. Und natürlich warf ich wieder einiges über den Haufen.

Bei manch einem Song schreckte Benne erstaunt auf und fragte mich unverblümt: "Haben sie dir ins Gehirn geschissen?" Und in dem Moment fragte ich mich das auch. Ich erkannte überhaupt nicht mehr, was ich an dem Song ursprünglich gemocht hatte. Schwupps, weg war der Song (um welchen es sich handelt, werde ich aus Respekt vor den Musikschaffenden nicht verraten). Andere Songs hatte ich viel zu schlecht eingestuft und musste nun die passende Lücke weiter oben in der Rangliste finden. Dann wies mich Benne noch auf das ein oder andere Album bzw. den ein oder anderen Song hin, den ich vollkommen vergessen hatte. Also wurde die Liste wieder überarbeitet. Jetzt, nachdem weitere Wochen vergangen sind, bin ich halbwegs sicher, dass ich meine endgültige Liste fertig habe. Dass es hierbei keinen objektiven Maßstab gibt, erklärt sich von selbst. Vielmehr soll diese Liste ein kleiner Wegweiser sein. Ich bin mir sicher, dass die meisten den ein oder anderen tollen Song entdecken können.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Durchstöbern!

50. Moonsorrow - Tähdetön

Moonsorrow sind nach wie vor die derzeitige Spitze, wenn es um epischen Folk-Pagan-Metal geht. Einziges Problem: Diese Songkolosse, die selten kürzer als zehn Minuten gehen, wirken in Albenform mehr als Gesamtkunstwerk, weniger als einzelne Songs. Dass Titel und Texte auf Finnisch gehalten sind, macht den Wiedererkennungswert nicht unbedingt besser. Dennoch: "Tähdetön" ist ein wunderbarer Repräsentant für Moonsorrows Musik: Episch, voller Atmosphäre und wie immer auch ein wenig sperrig.

49. Opeth - Folklore

Wer hätte gedacht, dass ich jemals einen Opeth-Song für solch eine Liste in Erwägung ziehen werde? Aber der gute Mikael hat es sich verdient - auch wenn Liebhaber der Band die Truppe vermutlich sehr viel weiter vorne positionieren werden. Was hat sich also geändert? Nun, Opeth machen nicht mehr progressiven Death-Melancholic-Rock-irgendwas-Metal, sondern werden auf ihrem aktuellen Album sehr viel psychedelischer, was durchaus gewagt ist, sich aber zumindest in meinem Fall bezahlt gemacht hat. "Folklore" kreiert eine ganz merkwürdige, faszinierende Atmosphäre und wird vor allem gegen Ende zu einem mitreißenden Stück, dem man aber etwas Zeit geben muss.

48. Megadeth - Sudden Death

Die Rückkehr von Megadave: So einen Hit wie "Symphony Of Destructon" erwarte ich von Megadeth nicht mehr, aber "Sudden Death" lässt durchblicken, dass der Rotschopf nach wie vor den ein oder anderen Riff aus dem Ärmel schütteln kann, der hängen bleibt. Coole Solos gibt es sowieso.

47. Arch Enemy - Bloodstained Cross

Arch Enemy gehören zu den Bands, für die ich mich zu "Anthems Of Rebellion"-Zeiten richtig begeistert habe. In meinen Augen sind die Alben der Band zwar mittlerweile recht redundant, aber "Bloodstained Cross" wirkt wie eine kleine Erinnerung, warum die Band so populär geworden ist: Michael Amott ist ein Gott an der Gitarre, die Melodien sind toll, Angelas Stimme ist nach wie vor cool - einer der besseren Arch-Enemy-Songs seit dem Kracheralbum von 2003.

46. Absu - Circles Of The Oath

Miri hat Absu mal passenderweise als eine epileptische ADS-Truppe bezeichnet. Besser bringt man die Mucke dieser freakigen Black-Thrasher eigentlich nicht auf den Punkt. Für sanfte Gemüter ist dieser chaotische Hochgeschwindigkeitstrip nichts, aber definitiv eine der besten Abrissbirnen des Jahres.

45. Samael - Luxferre

Es gibt nur wenige Bands, die Metal mit Elektronik kreuzen können, ohne dass dabei totaler Mist herauskommt. Samael haben dieses Verfahren perfektioniert und werden dabei eigentlich nur noch von Rob Zombie und Pain übertroffen. Mit denen lassen Samael sich aber auch irgendwie nicht vergleichen. Denn Samael sind trotz allem böser, dunkler, okkulter - das muss am Black-Metal-Background liegen. Ursprünglich starteten die Schweizer nämlich als eine der ganz frühen Black-Metal-Bands.

44. Eat The Gun - Runner

Die vermutlich unbekannteste Band in dieser Top 50 - und dabei habe ich später sogar eine Band ohne Label dabei, die aber absoluten Kultstatus genießt. Von dem sind Eat The Gun noch meilenweit entfernt. Mit "Runner" sind die Jungs aus Münster jedoch auf einem guten Weg. Zugegeben: Das zu diesem Song gehörende Album finde ich mit jedem weiteren Durchlauf noch belangloser, aber diese fast schon poppige Rockhymne hat es mir mit ihrem catchy Refrain angetan.

43. Negura Bunget - Hotar

Natur zu vertonen erfreut sich im heidnischen Metal einer enormen Beliebtheit. Doch während die ganzen grässlichen Pseudowikinger bei ihren Versuchen meist kläglich scheitern, verbuchen Negura Bunget seit Beginn ihrer Karriere einen Erfolg nach dem nächsten. Auch "Hotar", das erste Stück der 2011 erschienenen EP, kreiert eine unglaubliche Atmosphäre, wie es nur Negura Bunget zu schaffen vermögen. Das ist keine Musik für Nebenher. Solche Songs muss man alleine in der Dunkelheit auf Kopfhörer hören - vorzugsweise während man einen nächtlichen Waldspaziergang macht.

42. Thulcandra - In Blood And Fire

Manchmal glaube ich, Jon Nödtveidt ist gar nicht tot, sondern hat sich einer Gesichtsoperation unterzogen und macht nun bei Thulcandra Musik. Die Band, die von Obscuras Steffen Kummerer angeführt wird, klingt so dermaßen nach Dissection, dass es schon gruselig ist - kalt-klirrende Riffs inklusive. Für Fans der Black-Death-Legende ist das Pflicht!

41. HammerFall - Bang Your Head

Metal Mirrors HammerFall-Kultist David wird vermutlich schon Anschlagspläne auf mich vorbereiten, aber höher haben es HammerFall nicht in meiner Rangliste geschafft. Keine Frage, die Truppe gehört zu den besten Bands ihres Genres, aber für mich hat die Band seit "Legacy Of Kings" einen stetigen Abstieg erfahren. "Bang Your Head" ist eine arschcoole Metal-Hymne mit klischeehaftem Text, tollen Vocals von Gottsänger Joacim Cans, aber so ein pures Euphoriegefühl wie einst "Heeding The Call" kann das bei mir nicht mehr auslösen. Sorry, David...

40. Hell - On Earth As It Is In Hell

Für RockHard-Chef Götz laut einem Zitat auf einer Magazin-Rückenanzeige das beste Metal-Album des Jahres... Das sehe ich anders, aber zweifellos sind Hell ziemlich geil, was in erster Linie an den sehr charakteristischen Oldschool-Vocals liegt. Hell holen - wie so viele Bands heutzutage - die Achtziger zurück: schnelle Riffs und King-Diamond-Tribut-Gesang. Was viele Bands vergeblich versuchen, gelingt Hell scheinbar ganz locker. Der Song, zu dem es auch ein offizielles Video gibt, ist das definitive Aushängeschild der Platte. Mehr solcher Hits und ich schließe mich Götz vielleicht eines Tages an.

39. Taake - Myr

Nochmal in aller Klarheit: Ich mag Taake nicht. Und vor allem mag ich Hoest nicht. Aber wenn ich das Album einmal losgelöst von all dem Unfug und den Querelen betrachte, die der Frontdepp in der Vergangenheit fabriziert hat, dann sticht in erster Linie "Myr" als ziemlich cooler Black-Metal-Song heraus. Vor allem, weil er zur einen Hälfte klassischer True Norwegian Black Metal ist, in der zweiten Hälfte aber mit einem minutenlangen Banjo-Einsatz schockiert. Das, lieber Hoest, ist musikalische Provokation, wie man sie gerne sieht. Also belasse es dabei und spare dir all den anderen Quatsch.

38. Sebastian Bach - Kicking & Screaming

Der Skid-Row-Fronter, Musical-Darsteller, Rolling-Stone-Coverboy, Frauenschwarm, Gilmore-Girls-Schauspieler und beste Freund von Axl Rose ist zurück mit einer Soloplatte: Sebastian Bach. Darauf hören wir viel belanglosen Kram, aber eben auch einen Ohrwurm, nämlich den Titeltrack "Kicking & Screaming". Mir ist der Song zwar etwas zu modern produziert und ich bin nicht durchweg in der Stimmung für den charakteristischen Gesang Bachs, aber dieser Song hat Eier, einen geilen Refrain und obendrein ein Killer-Riff. Und das ist wohl mehr, als die meisten von dem Tausendsassa erwarteten.

37. Riotgod - Breed

Kyuss lassen grüßen: Riotgod stehen ganz in der Tradition der besten, tollsten, coolsten, größten, einflussreichsten (sorry, ich gerate ins Schwärmen) Stoner-Rock-Band aller Zeiten. Dabei stecken hinter Riotgod auch keine unbekannten Gesichter. Die beiden Monster-Magnet-Mitglieder Jim Baglino (Bass) und Bob Pantella (Schlagzeug) haben diese Band 2006 gegründet und klingen so unglaublich schwer, groovy und cool, dass es eine Freude ist. Obendrein klingt Sänger Mark Sunshine so dermaßen nach John Garcia, dass ich immer wieder vermute, dass der Name lediglich ein Pseudonym Garcias ist.

36. Uriah Heep - Into The Wild

"Die Rückkehr der Rock-Dinosaurier" lautete die Überschrift des Interviews, das ich in diesem Jahr mit den Rockgöttern führte, die unter anderem die Welthits "Easy Livin'" und "Lady In Black" verzapft haben. Uriah Heep sind zweifellos eine der ganz wenigen Bands, die es nicht nötig haben, sich auf ihre einstigen Erfolge zu berufen, damit man sich ihre neuen Songs gerne anhört. "Into The Wild" ist das beste Beispiel dafür. Während Nazareth sich erst dieses Jahr vollkommen selbst demontiert haben, sprühen Uriah Heep vor Energie. Die Schweineorgel dudelt herrlich, die Solos sind geil, der Song hat einfach alles, wofür ich Uriah Heep seit meiner frühsten Kindheit liebe.

35. The Konsortium - Under The Black Flag

The Konsortium gehören zweifellos zu den besten Newcomern des aktuellen Jahres. Im Black-Thrash-Genre sind sie sogar die unumstritten beste Neuentdeckung des vergangenen Jahres. "Under The Black Flag" macht das binnen weniger Sekunden deutlich: Auf so einen geilen Riff und so eine seltsame Haudrauf-Atmosphäre können andere Bands einige Jahrzehnte erfolglos hinarbeiten. Wer hinter der Band steckt, ist übrigens weitgehend unbekannt: Die Bandmitglieder haben sich schlicht durchnummeriert. Man weiß lediglich, dass Teloch (war u.a. bei Gorgoroth und Mayhem aktiv) mit von der Partie ist.

34. Endstille - Bloody H (The Hurt-Gene)

Ich war ja der festen Überzeugung, dass Endstille tot sind. Erster Indikator waren die ohnehin mit jedem Mal schwächer werdenden Alben, die vermuten ließen, dass die Band ihren Zenit recht früh (nämlich 2005 mit "Navigator") erreicht hatte. Dann kam hinzu, dass man sich von der doch sehr charakteristischen Stimme Iblis' trennte. Mit Zingultus, den Black-Metal-Hardliner von den überaus geilen Graupel kennen werden, haben die Norddeutschen jedoch einen noch besseren Schreihals gefunden, der sich überraschend gut in das Endstille-Fundament einfügt. "Bloody H", ein typischer Vertreter der auf jedem Endstille-Album vertretenen Nach-vorne-Nummern, macht ziemlich deutlich, dass die Band vielleicht ihren zweiten Frühling erlebt. Mal abwarten...

33. In Solitude - The World, The Flesh, The Devil

Über Hell habe ich erst einige Songs vorher geschrieben, In Solitude fahren eine ähnliche Schiene, sind in meinen Augen jedoch besser. Die Band spielt ebenfalls geilsten Oldschool-Metal, der ganz und gar im Erbe der großen Mercyful Fate ergo King Diamond steht. Auch hier sind es die Vocals, die den Ausschlag geben. Live hat mich das im vergangenen Jahr weniger überzeugt, aber das mag auch daran gelegen haben, dass die Band zu recht früher Stunde ran musste und in der ausnahmsweise vorhandenen Festival-Sonne nicht zünden konnte.

32. Vreid - Welcome To The Asylum

Ich muss gestehen: Im Gegensatz zu allen vorherigen Alben, hat mich Vreids aktuelle Scheibe eher enttäuscht. "Milorg" hatte 2009 so viele geile Hits zu bieten, auf "V" entdecke ich nur einen Song, der es mit den frühen Granaten aufnehmen kann. Nicht dass wir uns falsch verstehen: die meisten Songs auf "V" sind immer noch gut, aber Vreid können es eben noch besser, das weiß ich! Und das zeigt auch "Welcome To The Asylum", ein grooviger Black-Metal-Kracher, der mich in wenigen Momenten sogar an die frühen Immortal erinnert, bevor es mit Vreid'schem Groove weitergeht.

31. U.D.O. - Rev-Raptor

Es ist erstaunlich: Ich habe Udo Dirkschneider gedanklich schon oft abgeschrieben und den "German Tank" dabei scheinbar unterschätzt. Zwar wirkt der ex-Accept-Sänger bei allem, was er heute tut, etwas gelangweilt, aber "Rev-Raptor" (und auch sein Bruder "Leatherhead") ist ein saugeiler Heavy-Metal-Hammer, den man unweigerlich mitsingen muss! Der Song folgt Heavy-Metal-Schema F, macht dabei aber so ziemlich alles richtig. Das Abschreiben kann ich also wieder abschreiben...

30. Johann Wolfgang Pozoj - I Am The Forest

Ein absoluter Geheimtipp für Black-Metaller. Erst ganz am Ende des Jahres stolperte ich mitten in der Nacht über diese Black-Metal-Truppe aus Kroatien und war hin und weg: Die Band hat Aggressivität, sie hat Groove und ein tolles Gespür fürs Tempo. Als ich am Ende auf "I Am The Forest" stieß, war ich so umgehauen von der Kombination des mystischen Intros und dem geilen Black-Metal-Groove, das ich den Song kurzerhand in diese Liste aufnahm. Jetzt, Wochen später, hat sich meine Begeisterung noch immer nicht gelegt. Wer Black Metal mag, wird Johann Wolfgang Pozoj trotz des komischen Namens lieben.

29. Venom - Hammerhead

Zugegeben: Venom kann man nicht immer hören. Die Musik ist so unglaublich stumpf, dass man in eben solch einer Laune sein muss, um einen Songrüpel wie "Hammerhead" genießen zu können. Ist man jedoch in der passenden Stimmung, gibt es kaum etwas, was einen zufriedener stellen kann als eine Krachgranate wie der Opener des aktuellen Albums "Fallen Angels". Groove, Quietsche-Solo, Cronos gewaltiges Organ - das sind Venom wie sie sich in dreißig Jahren nicht weiterentwickelt haben.

28. Debauchery - Zombie Blitzkrieg

Mir ist egal, was die Death-Metal-Fraktion sagt: Debauchery sind cool. Natürlich gibt es etliche Songs, die mir am Allerwertesten vorbeigehen, aber auf jedem Album holt Thomas mindestens zwei oder drei Songs aus dem Ärmel, die einfach Bock beim Hören machen. Natürlich ist das kein "richtiger Death Metal", aber wen interessiert das? Mich nicht. Nennt es Death'n'Roll, Zombie Metal, Debauchery Rock, nennt es wie ihr wollt, das ändert nichts daran, dass Songs wie "Zombie Blitzkrieg" Laune machen. Fakt!

27. Skeletonwitch - This Horrifying Force (The Desire To Kill)

Die "Arschlöcher aus Ohio", wie sie sich beim Interview vorstellten, das ich mit Teilen der Band auf dem Wacken Open Air führte, sind obendrein absolut überragende Songschreiber, die sich bevorzugt irgendwo zwischen Black-Thrash und NWOBHM austoben. "This Horrifying Force (The Desire To Kill)" geht eher in die schnelle Black-Thrash-Richtung, überzeugt dabei aber mit immer wieder reingearbeiteten Melodiepassagen.

26. Tsjuder - Fra En Ratten Kiste

Ich habe auf das aktuelle Tsjuder-Album lange gewartet. Sehr lange. Wie ich in diesem Blog schon einmal geschrieben habe, zählt ihr 2004er Album "Desert Northern Hell" zu den besten jüngeren Scheiben des norwegischen Black Metals. Bei so viel Erwartungsdruck hatten es Tsjuder keinesfalls leicht bei mir und in der Tat war ich ein klitzekleines bisschen enttäuscht, als ich "Legion Helvete" hörte. Das Album ist nicht so gut wie sein Vorgänger, aber eben immer noch viel besser als so ziemlich alles andere, was dieser Tage im True Norwegian Black Metal herauskommt. "Fra En Ratten Kiste" ist der zweifellos beste Song auf dem Album. Die Nummer hätte auch gut und gerne von "Desert Northern Hell" stammen können, wäre da aber unter den ewigen Killern "Mouth Of Madness", "Ghoul" und "Malignant Coronation" etwas untergegangen.

25. Sister - Too Bad For You

Diesen Song hier aufzulisten, ist ein bisschen geschummelt, denn ursprünglich erschien dieser Ohrwurm bereits 2009 auf einer EP. Für ihr Metal-Blade-Debüt "Hated" hat die Band jedoch eine neue Version des Songs aufgenommen, der an Partylaune nichts eingebüßt hat. Die Typen mögen mit ihrem Mötley-Crüe-Look bei manchen Metallern auf Unverständnis stoßen (ich finde es supercool!), aber selbst die Kajal-Hasser da draußen können diesem Song eigentlich nicht guten Gewissens seine Qualität absprechen. Und wenn doch: Too bad for you!

24. Djerv - Madman

Eine überraschende Entdeckung von Metal Mirrors Jenny. Djerv machen... nunja... was machen Djerv eigentlich? So richtig zusammenfassen kann man das gar nicht. Die Gitarren sind catchy, der Bass wummert ziemlich. Die Band hat Groove, tolle Refrains, der weibliche Gesang ist ausgeflippt und erinnert teilweise an deutsche New-Rock-Bands der Marke frühe Guano Apes, nur um einen dann im nächsten Moment in eine völlig andere Richtung zu lenken. Ich finde dafür einfach kein Genre. Und das brauche ich auch nicht. Djervs "Madman" macht unglaublich viel Laune! Kleine Randnotiz: Die Sängerin Agnete, auf youtube wird sie als "Gwen Stefani from Hell" charakterisiert, sang auch bei Dimmu Borgirs Single "Gateways" den weiblichen Part. Grandiose Stimme!

23. Woods Of Desolation - Darker Days

Ich bin ja sehr froh, dass ich mich doch nicht um einen Lunar-Aurora-Ersatz kümmern muss, weil die deutsche Black-Metal-Legende in Kürze ein neues Album veröffentlichen wird. Aber wenn ich eine neue Band für den Thron des atmosphärischen Black Metals brauchen würde, wären die Australier Woods Of Desolation heiße Anwärter. Grandiose Synthesizer, eine unglaublich verstörende und zugleich epische Atmosphäre, die durch den Wechsel aus Gekeife und mystischem Clean-Gesang nur noch verstärkt wird - genau so muss Black Metal klingen.

22. Forgotten Tomb - Reject Existence

Ich bin nicht stolz darauf, dass Forgotten Tomb in dieser Liste auftauchen. Herr Morbid, der Fronter dieser italienischen Truppe, ist ein hochgradig unsympathischer Kerl, der nicht nur fragwürdige Aussagen tätigt und zwielichtige Beziehungen pflegt, sondern in Interviews auch gerne ausfällig gegenüber Journalisten wird. Nichtsdestotrotz ist "Reject Existence" ein absolut faszinierender Song eines sehr guten Albums, das sich irgendwo zwischen Black Metal, Doom Metal, sehr viel Atmosphäre, Melodien und Rock ansiedelt. Diese Mischung hat Charakter. Und zwar einen sehr viel besseren als ihr Schöpfer.

21. Sarke - Pessimist

Zeit für Dampfhammer-Musik! Natürlich wurde es Sarke sehr einfach dadurch gemacht, dass sich Nocturno Culto von Darkthrone dazu bereit erklärte, die Vocals bei dieser eigentlich als Soloprojekt gestarteten Band zu übernehmen, aber Nocturno hat nur beschleunigt, was sonst ohnehin geschehen wäre: die Band hätte von sich hören lassen. Thomas "Sarke" Berglie hat ein so unglaubliches Händchen dafür, düsteren Metal mit Rock'n'Roll zu kombinieren, dass der Fuß niemals still stehen kann. Wer bei "Pessimist" nicht mitwippt, kommt von einem mir fremden Planeten. Nocturnos rotzige Vocals veredeln diese Mischung obendrein.

20. Steelpreacher - We Want Metal

Die Top 20 startet mit einer Band, die nach wie vor alles in Eigenregie macht und auf so ziemlich alles scheißt, was man machen müsste, um richtig groß und professionell durchzustarten. Egal, Kultstatus genießen die Steelpreacher trotzdem. Ihr Erfolgsgeheimnis: Diese Jungs sind echte Originale, die obendrein ein Händchen für eingängige Melodien und Refrains haben. Ja, ihr ganzen Spötter, ich weiß: Das ist keine komplexe Musik, da gibt es keine technischen Spielereien. Aber seit wann kommt es darauf in der Musik an? Die Songs sollen Spaß machen und nach geilem Achtziger-Metal klingen. Für die chaotischen Jungs aus Koblenz ist das ein Kinderspiel. Die Produktion von "We Want Metal" könnte zwar etwas besser sein, aber trotzdem brüllt man den Song jederzeit gerne inbrünstig mit.

19. An Autumn For Crippled Children - Formlessness

Schon das Debüt der mysteriösen Black-Metal-Band begeisterte mich fast ausschließlich. Der Zweitling "Everything" zieht da gebührend nach. "Formlessness" ist ein Musterbeispiel dafür, warum diese Band einen so aufzurütteln vermag. An Autumn For Crippled Children (seltsamer Name übrigens, der oft nur mit AAFCC abgekürzt wird) haben längst die Grenzen des reinen Black Metals hinter sich gelassen. Das Gekeife ist zwar hoch und verzerrt, die Gitarren schrammeln ganz schön und mit Brutalität wird nicht gegeizt, aber dann gibt es eben diese vielen Passagen, in denen das ganze Gekloppe nur Beiwerk ist und eine überaus harmonische Melodie in den Vordergrund rückt und für eine sehr entrückte Atmosphäre sorgt. Ist das Post-Black-Metal? Avantgarde-Black-Metal? Experimental oder Atmospheric Black Metal? Scheißegal, es ist saugeil!

18. Amon Amarth - For Victory Or Death

Im Gegensatz zu vielen anderen Bands, die irgendwann vor fünf-sechs-sieben Jahren den großen Durchbruch schafften, haben sich Amon Amarth nie wirklich verschlechtert. Ganz im Gegenteil: Ein so rundum gelungenes Album wie seinerzeit "Versus The World" haben die schwedischen Death-Metaller zwar nie wieder abgeliefert, aber was das Songwriting anbelangt, sind die fünf Wikinger mit jedem Album gereift, haben sich mehr und mehr vom reinen Death Metal verabschiedet (zum Leidwesen der True-Fraktion) und sich mehr auf das Spiel mit Melodien eingelassen. Das trägt Früchte: "For Victory Or Death" überzeugt erneut mit einer umwerfend schönen Melodie, eingebettet in das Death-Metal-Fundament. An "Embrace The Endless Ocean" vom Vorgängeralbum kommt der Song nicht ran, rangiert bei mir aber auf jeden Fall in der Top 5 der besten Amon-Amarth-Songs.

17. Demonaz - Where Gods Once Rode

Ih finde es sehr cool, dass Demonaz es trotz seiner Krankheit (der Gründer, Texter und ex-Gitarrist von Immortal leidet unter einer chronischen Sehnenscheidenentzündung) geschafft hat, ein Soloalbum aufzunehmen. Natürlich sind die Parallelen zu seiner Hauptband, für die er ja noch heute alle Texte verfasst, unübersehbar. Allerdings ist Demonaz weniger Black-Metal-konform, sondern schlägt eine sehr viel epischere Breitseite mit viel Heavy Metal ein. Teilweise erinnern die Songs an das geniale I-Album, an dem Harald Nævdal, so Demonaz' bürgerlicher Name, ebenfalls mitgewirkt hat. Und dieser Vergleich kann nur Gutes bedeuten!

16. Turisas - Stand Up And Fight

Völlig zu Unrecht wurden Turisas seit jeher zu der Vielzahl an Bands hinzugezählt, die Mitte des vergangenen Jahrzehnts im schier endlosen Strome des Viking-Hypes auf der Welle des Erfolges mitschwammen. Dass Turisas sich stets bei Touren mit derlei Bands zusammenschloss, sorgte zusätzlich dafür, dass die Mathias Nygard und seine Mannen mehr und mehr mit dieser Szene verschmolzen. Dabei sind Turisas eigentlich in allen Belangen sehr viel komplexer, tiefgründer und schlicht besser als 99 Prozent der Bands, die diese Szene bis heute bevölkern. Mittlerweile kann die Band problemlos ein 60-Minuten-Set ausschließlich mit Hits füllen. Das neue Album gleicht einem epischen Film-Soundtrack, bei dem aber auch erneut der großartige Hit nicht fehlen darf. Diesmal hört er auf den Namen "Stand Up And Fight" und hat beste Chancen, dem Evergreen "Battle Metal" den Rang abzulaufen.

15. Blood Ceremony - My Demon Brother

Das große Siebziger-Revival wird bisher noch nicht langweilig. Blood Ceremony mögen nicht ganz so sensationell wie Ghost, Rival Sons oder The Devil's Blood sein, aber die Truppe geht mit so viel okkultem Dunkelcharme an ihre Musik heran, dass Gänsehaut garantiert ist. Hammond-Orgel, psychedelischer Frauengesang, schwerer Doom-Sound, toller Refrain - Blood Ceremony sind so etwas wie die weiblichen angeführten Black Sabbath der Neuzeit.

14. Amorphis - Battle For Light

Von Amorphis habe ich wirklich gar nichts mehr erwartet. Für mich war eigentlich immer nur die Phase rund um das grandiose "Tales From The Thousand Lakes" interessant. Ihr neues Album "The Beginning Of Times" und allen voran "Battle For Light" hat mich wieder auf sie aufmerksam gemacht. Der Song hat einfach alles, was ich mir von Amorphis wünsche: Brutale Vocals, sanfte Vocals, tolle Synthesizer und Melodien, die so wunderschön und melancholisch sind, dass es schon fast weh tut.

13. Skull Fist - Get Fisted

Schwupps, mit einem Mal ist man mitten in den Achtzigern. Wo die Metal-Musiker noch unförmige Wildwuchs-Matten trugen, Spandexhose und Kutte Hand in Hand gingen. Wo es längst nicht um technischen Firlefanz und perfektes Timing ging, sondern um die Energie, die die Musik versprüht. Skull Fist aus Kanada wirken wie Relikte aus dieser Zeit, sind dabei aber alle gerade Mal in ihren frühen Zwanzigern. Dass die Musik trotzdem hochgradig authentisch, ja fast partytauglich wirkt, mag daran liegen, dass diese Bands sich nicht nur ein Image aufgebunden haben, sondern das Musikerdasein mit jeder Faser ihres Körpers leben.

12. Pain - The Great Pretender

De facto gibt es keine Band, die Electro und Metal besser verbindet, als es Pain tun. Bei den Schweden kann man sich immer darauf verlassen, dass es mindestens drei richtige Hits auf einem neuen Album gibt. Es ist fast schon unheimlich, wie Peter Tägtgren, den ich sehr viel mehr für seine Musik als für seine Produzententätigkeit schätze, immer wieder so unendliche viele Ideen zu haben scheint. Dieser Typ ist eine Maschine. "The Great Pretender" ist nur einer von echt sehr vielen geilen Songs, die sich auf dem neuen Album "You Only Live Twice" finden lassen und schlägt eine perfekte Brücke zwischen elektronischen Synthesizer-Ohrwürmern und den harten Metal-Riffs, für die Peter ja ohnehin schon seit den frühen Neunzigern bekannt ist.

11. Nicke Borg - Alone

Ich liebe die Backyard Babies! Diese Jungs sind die sleazy, dreckigen Straßenköter des schwedischen Rock'n'Rolls - und ohne jede Anbiederei haben sie es bis an die Spitze der dortigen Musikszene geschafft. Das verdient Respekt! Doch auch wenn mir die Fähigkeiten der Backyard Babies bekannt waren, wäre ich niemals darauf gekommen, dass Nicke Borg, der Babies-Fronter, auch in der Lage ist, ein göttliches Soloalbum zu fabrizieren. "Alone", der Opener der Scheibe, ist zwar genau wie die ganze restliche Scheibe eine ganze Ecke sanfter als die Musik der Backyard Babies, frisst sich mit seiner folkigen Akustikgitarre jedoch schon beim allerersten Mal tief in die Gehörgänge - Musik für so ziemlich jede Stimmungslage!

10. ICS Vortex - Odin's Tree

Als Simen Hestnæs, so ICS Vortex' bürgerlicher Name, seine damalige Hauptband Dimmu Borgir verließ, war ich bestürzt. Die einzigartige Stimme des norwegischen Hünen hatte sich zwar nie in den Fokus der Musik der norwegischen Black-Metaller gedrängt, machte für mich aber trotzdem einen der wichtigsten Parts in diesem komplexen Konstrukt namens Dimmu Borgir aus. Mittlerweile hat sich meine Trauer gelegt, denn Dimmu Borgir haben trotz allem eine gute Scheibe abgeliefert und obendrein beschert uns Simen mit seinem ersten Soloalbum einen ungeahnten Ohrgasmus. Ich glaube nicht, dass es irgendjemanden gibt, der so eine Stimme wie ICS Vortex hat. Das war mir schon klar, bevor es diese Soloscheibe gab. Sie macht jedoch das unglaubliche Potenzial dieses Musikers noch eine ganze Ecke deutlicher. Sein glasklares Organ, gepaart mit progressivem, atmosphärischen Pagan-Folk-irgendwas-Metal, das ist ein akustisches Supermenü, von dem ich gerne einen dicken Nachschlag hätte.

9. Urfaust - Ein leeres Zauberspiel

Schummelalarm, aber ich konnte nicht anders: Urfausts "Der freiwillige Bettler" kam eigentlich schon im November 2010 heraus. Da die Promophase für dieses Album aber irgendwie etwas versetzt lief, erhielten wir die Platte erst 2011. Und ich kann einfach nicht verantworten, dass dieser Song und diese Band hier nicht auftauchen, denn Urfaust machen die vielleicht ungewöhnlichste Musik, die ich kenne. Irgendwie ist das Black Metal. Aber mit dem seltsamsten Gesang, den man sich vorstellen kann. Dieser Track gehört zu den direktesten, die man in der Urfaust-Diskographie finden wird. Oft lebt sich die Band auch in Doom-Metal-beeinflussten Atmosphärik-Orgien aus. Mir gefallen diese Frontalattacken jedoch nach wie vor am besten. "Ein leeres Zauberspiel" sagt in dreieinhalb Minuten alles, was man sagen kann. Ohne dass man auch nur ein einziges Wort versteht. Große Kunst!

8. Steel Panther - Tomorrow Night

Auf Platz 8 eine Band, die weit weniger komplex, dafür umso kultiger ist: Steel Panther starteten als Glam-Metal-Parodie. Und vielleicht sind sie das immer noch. Im Gegensatz zu allen anderen musikalischen Parodien, die man im Heavy Metal so kennt, haben die vier Jungs aus Los Angeles (woher auch sonst?) es jedoch geschafft, Musik zu schreiben, die es mühelos mit jeder Achtziger-Poser-Metal-Kapelle aufnehmen kann. Jeder Song ein Ohrwurm, geile Solos eines unglaublich guten Gitarristen und dazu das bekloppte, mit einem leichten ironischen Zwinkern vorgelebte Rockstar-Dasein - natürlich auch mit jeder Menge Schminke, Haarspray, Lippenstift und Glitzerklamotten. Glam Metal kann so schön sein. "Tomorrow Night" ist die Partyhymne des neuen Albums "Balls Out". Ich garantiere: Jeder kann diesen Song beim zweiten Mal mitsingen.

7. Nightwish - Storytime

Niemals, ich betone, NIEMALS hätte ich Anfang des Jahres geglaubt, dass am Ende Nightwish überhaupt in meiner Top 50 landen werden. Im Gegenteil: Ich hätte jede Wette angenommen, dass ich dieses Album hassen werde. Und hier sitze ich nun, ein Jahr später, und bin geläutert: Ich mochte Nightwish wenn überhaupt nur mit Tarja Turunen. Die neue Sängerin hat mich auf dem Wacken Open Air sogar mal so sehr gelangweilt, dass ich auf dem matschigen Festivalboden eingepennt bin. Als ich das erste Mal "Storytime", die erste Single des neuen Albums "Imaginaerum" hörte, war es sofort um mich geschehen. Ich habe im ersten Moment meinen Ohren gar nicht geglaubt. Das ist wieder genau die Nightwish-Atmosphäre, die ich ein Jahrzehnt früher faszinierend fand. Nur mit neuer Sängerin, die auf einmal toll in den Sound passt. Auf dem Album, das mittlerweile mit Gold ausgezeichnet wurde, ist bei weitem nicht jeder Song ein Hit, aber "Storytime" gehört unantastbar zu den besten Songs, die dieses Jahr hervorgebracht hat. Und das schockiert mich selbst ein bisschen.

6. Status Quo - Frozen Hero

Status Quo beweisen neben Uriah Heep (und sogar noch etwas besser), dass man für Rock'n'Roll nie zu alt ist. Francis Rossi hat die 60 mittlerweile hinter sich gelassen und doch kann ich einfach nicht fassen, wie frisch diese Platte wirkt. Ich liebe diesen typischen Status-Quo-Groove. Diese etwas zahnlosen Gitarren, dieser tanzbare Rhythmus, diese tollen Refrains - ich liebe diese Band, ich liebe ihr neues Album "Quid Pro Quo" und ich liebe vor allem diesen unfassbar coolen, groovigen Rock'n'Roll-Song. Macht bitte lange weiter, ihr Rockgötter!

5. Primordial - Bloodied Yet Unbowed

Alan "Nemtheanga" Averill hat eigentlich keine Konkurrenz, wenn er auf der Bühne steht. Der Sänger der irischen Pagan-Metaller Primordial gehört in meinen Augen zu den besten Frontern, die es jemals im Heavy Metal gab. Seine theatralischen Auftritte, die gesamte Gestik, jeder einzelne Blick löst bei mir immer wieder eine Gänsehaut aus - von seinem genialen, einfach nicht kopierbaren Organ einmal ganz abgesehen. Seit ihrem Album "The Gathering Wilderness" (2005) thronen Primordial weit, weit über der gesamten restlichen Folk-irgendwas-Szene, die mir in weiten Teilen mit ihrem Phrasengedresche, ihrer Oberflächlichkeit und ihren Thorshämmern nur auf die Nerven geht. Primordial haben sich lange abgesetzt. Warum Namedropping aus der Edda betreiben, wenn man ganz geschickt einen Bogen zur heutigen Politik und den vielen Problemen in Irland spannen kann? Primordial, und allen voran ihr unersetzbarer Fronter, leben im Hier und Jetzt und sind zudem mit einem musikalischen Talent gesegnet, dass es mir immer wieder aufs Neue die Sprache verschlägt. "Bloodied Yet Unbowed" ist so ein Track. Emotionaler, verstörender, epischer kann ein Song kaum sein.

4. Shining - Tillsammans Är Vi Allt

Ach, der will doch nur spielen: Niklas Kvarforth fällt oft nur wegen seiner seltsamen Aussagen, der unvorhersehbaren Bühnenshow und seinem exzentrischen, sich gerne in Szene setzenden Charakters auf. Ich schmunzle darüber und nehme diesen Typen eigentlich nie wirklich für voll. Niklas weiß, wie er sich zu inszenieren hat. Provokation bedeutet Publicity. Publicity bedeutet gute Verkaufszahlen und gute Verkaufszahlen bedeuten lecker Rotwein für diesen Verrückten. Schade ist nur, dass bei all dem Trubel um das Drumherum ständig vergessen wird, was für ein fantastischer Musiker Kvarforth ist. "Tillsammans Är Vi Allt" ruft das mal wieder ins Gedächtnis. Der Song ist eine Mischung aus derbem, aber nie dreckigen Black Metal und Pop-Nummer. Ja, richtig gehört. Und genau dieser Kontrast macht diese neuneinhalb Minuten so unwiderstehlich. Verstärkt wird das durch den Einsatz des schwedischen Popsängers Håkan Hemlin, der gemeinsam mit Kvarforth für Gänsehautstimmung sorgt. Ohne Skandal ging übrigens auch dieser Song nicht: Der Titel bedeutet zu deutsch so viel wie: Nur zusammen sind wir ein Ganzes und wurde Håkan Hemlin, der jahrelang massive Drogenprobleme hatte, als Liebessong beschrieben. Was er nicht ahnte: Der Song war keineswegs Kvarforths Liebeserklärung an eine Frau, sondern an Heroin. Die Medien stürzten sich auf diesen "Skandal" und Kvarforth hatte wieder einmal gut lachen.

3. Sólstafir - Fjara

Sólstafir duellieren sich mit Urfaust um den Titel "Ungewöhnlichste Musik". Doch während Urfausts Musik irgendwie immer sehr abstrus, weltfremd, verworren und okkult wirkt, setzen Sólstafir alles auf Melancholie und landen damit prompt einen Volltreffer. Ich kann das Gefühl, das "Fjara" in mir auslöst, einfach nicht so richtig in Worte fassen. Der Song gehört zu den schönsten und traurigsten Songs, die ich jemals gehört habe. Jede Sekunde ist Emotion pur. Sólstafir haben für mich kein Genre. Streng genommen ist das irgendwas mit Folk-Einflüssen, aber so weit entfernt von allem und zudem so eigenständig und skurril, dass ich diese dauerbesoffenen Isländer beleidigen würde, wenn ich sie einfach in irgendeine Schublade packen würde. Ich möchte eigentlich auch gar nicht mehr zu dem Song sagen. Der ist nicht zu beschreiben. Tut mir einen Gefallen, klickt auf den Link, setzt den Kopfhörer auf und schließt die Augen. Der Rest ist Magie.

2. The Devil's Blood - The Thousandfold Epicentre

Für mich ist es komisch, diesen Song losgelöst vom gleichnamigen Album zu hören. Auch wenn die Platte erst im November herauskam, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich kein Album im vergangenen Jahr öfter gehört habe als The Devil's Bloods "The Thousandfold Epicentre". Zwei Monate lang lief die Scheibe jeden Tag mindestens zweimal komplett durch und bescherte mir eine Gänsehaut nach der nächsten. Diese Band kann man einfach nicht überbewerten. Schon der Vorgänger gehörte zu den besten Alben der vergangenen 20 Jahre, die neue Scheibe hält dieses Level locker. Jeder Song (mit Ausnahme des schwurbeligen Outros) hat seine eigene Atmosphäre, nimmt einen mit auf eine seltsame Reise. Ich weiß, dass der Typ, der hinter dieser Band steckt, nicht immer alle Latten am Zaun zu haben scheint, aber musikalisch ist Selim Lemouchi nichts anderes als eines der größten musikalischen Genies der Gegenwart. Das sage ich bei vollem Bewusstsein und ohne den Wunsch einen Hype zu füttern, der zumindest in meinem Kopf nicht wirklich existiert, den aber etliche andere wahrzunehmen scheinen. Das neue Album der Niederländer braucht etwas Zeit, deswegen war ich zuerst auch vorsichtig mit meiner Wertung im Metal Mirror. Nach nunmehr drei Monaten, in denen ich die Scheibe fast täglich auflege, ärgere ich mich eigentlich nur noch, dass die Notenskala bei 10 endet.

1. Rival Sons - Pressure And Time

Was kann danach noch folgen? Nun, nur einer der besten Rocksongs aller Zeiten. Ich habe mich schon selbst mehrfach geohrfeigt (ja, wortwörtlich), weil ich die Genialität des gleichnamigen Albums nicht sofort erkannte. Wäre ich bei Sinnen gewesen, hätte ich sofort die Höchstnote zücken müssen. Die Rival Sons sind das, was der Rockmusik solange zu fehlen schien. Und zwar in der reinsten Form, die man sich nur vorstellen kann: Eine Band von vier Musikbegeisterten, allesamt Blues-Rock-Fans, die sich - ohne wirklich Songs geschrieben zu haben - einfach in ein Studio stellen, vor Ort jammen und keine zwei Wochen später mit einem der besten Alben der vergangenen zehn Jahre herauskommen. Die Titelnummer "Pressure And Time" würde sogar die frühen Led Zeppelin neidisch machen: Catchy, voller Groove und mit dem geilsten Gesang, den ich in diesem Genre seit einer Ewigkeit gehört habe. Als ich die Band vor wenigen Monaten live im kleinen Kölner Underground sah, konnte ich meinen Augen nicht trauen. Das ist es! Ganz genau das ist es! Man hat auf einmal das Gefühl, dass es sie wieder gibt, diese Momente, in denen etwas in der Musik geschieht, was wirklich bedeutsam scheint. Die Rocker der vergangenen Generationen erzählen, dass sie uns bemitleiden, weil wir damals nicht die Rockgötter in all ihrer jugendlichen Frische gesehen haben. Und wir stimmen ihnen zu. Es bleibt der schale Nachgeschmack, dieses ungute Gefühl im Hinterkopf. Und wir haben Angst, dass es sie nicht mehr gibt, die Momente, die die Musik bereichern. Momente, an die man sich noch rührselig in Jahrzehnten erinnern wird. Die wirklich etwas bedeutet haben. Und ich habe begriffen: Es gibt sie noch, diese Momente. Doch genau wie damals muss man gewillt sein, sie zu finden. Ich habe einen solchen Moment gefunden: Und der Moment hört auf den Namen Rival Sons, die nichts anderes als die Spitze, den Olymp des Rock'n'Rolls verdient haben. Die Siebziger hatten Led Zeppelin. Wir, meine Freunde, wir haben die Rival Sons und grandiose Songs wie "Pressure And Time".

2Jan/120

Pssst, ich bin noch da…

Boah, gerade habe ich mich echt erschrocken. Mein letzter Eintrag in diesem Blog liegt tatsächlich schon mehr als fünf Wochen zurück. Zugegeben: Ja, es ist hier im Dezember etwas still geworden. Die Gründe dafür: Nachdem METAL MIRROR #60 erschienen war, hatten wir nur knappe drei Wochen Zeit, um die nächste Ausgabe fertigzustellen. Auf ein großes Making-Of werde ich an dieser Stelle verzichten, nur so viel sei verraten: die Lektüre lohnt sich! Mit dabei ist unter anderem ein großes Death-Special zum 10. Todestag von Chuck Schuldiner. Ich wage zu behaupten, dass wir beim METAL MIRROR das umfangreichste Special der hiesigen Metalpresse zu diesem Jubiläum abgeliefert haben. Das Feedback darauf war jedenfalls überaus zufriedenstellend.

Weiterhin schreibe ich seit einigen Monaten an einem Blog zum Thema Online-Spiele, was ebenfalls eine Menge Zeit in Anspruch nimmt, aber auch eine Menge Spaß macht. Wen es interessiert, hier gibt es alles zum Thema Browserspiele zum Nachlesen: www.browserspiele.de/blog

Rückblickend war 2011 ein sehr anstrengendes Jahr für mich. Ich habe meine Masterarbeit geschrieben, parallel meine Zukunft geplant und eine mehrmonatige Bewerbungsphase erfolgreich gemeistert. Hinzu kommt der allmonatliche (natürlich auch Spaß machende) Stress und Aufwand, den der METAL MIRROR mit sich bringt. Kurzum: Ich konnte zwei Wochen Auszeit über die Feiertage sehr gut gebrauchen. Nach Fertigstellen unserer 61. Ausgabe habe ich mich deswegen in die Weihnachtsferien verdrückt und einfach mal die Füße oder besser gesagt: die Finger still gehalten.

Jetzt hat die Stille aber ein Ende. Die Akkus sind aufgeladen und die kommenden sechs Monate werde ich damit verbringen, so viel zu schreiben wie es möglich ist und mich nicht wegen meines Umzugs nach Berlin (zum 1. Juni) stressen lassen. Mal sehen, ob mir das gelingt.

Ihr könnt derweil an unterschiedlicher Stelle Texte von mir lesen: Beim METAL MIRROR haben wir gerade ein neues Online-Konzept aufgezogen, bei dem es nicht nur wochentags aktuelle News geben wird, sondern jede Woche auch eine neue Kolumne aus einer unterschiedlichen Feder. Seid gespannt! Diese Woche erscheint außerdem unser Rückblick auf das Jahr 2011. Viel zu tun also.

Und auch dieser Blog wird wieder mit Leben gefüllt werden. Morgen werde ich hier in einem Artikel die 50 besten Songs des Jahres 2011 vorstellen. Für mich besteht kein Zweifel: Das Jahr mag stressig gewesen sein, musikalisch war es aber absolut grandios!

Wir lesen uns in den kommenden Tagen. Und bevor ich es vergesse: Frohes Neues!

5Okt/111

Making Of: METAL MIRROR #58

Werbeblock: Vorgestern ist mit einwöchiger Verspätung die neue Ausgabe von METAL MIRROR erschienen. Nachfolgend ein Blick hinter die Kulissen.

Iced Earth sind die vierte Band, die es zum zweiten Mal auf den Titel einer Ausgabe von METAL MIRROR geschafft hat. Vor ihnen haben das nur Moonsorrow (#1, #17), Gorgoroth (#12; #25) und Destruction (#4, #33) geschafft. Das erste Mal waren Iced Earth im Sommer 2008 (Ausgabe #20) auf unserem Cover. Und auch damals war es Jenny Bombeck, die sich mit Feuereifer ins Interview-Gefecht stürzte und mit Charakterkopf Jon Schaffer telefonierte. Der große Unterschied: Damals sah man Matt Barlow auf dem Cover der neuen Ausgabe. Diesmal Bandchef Jon Schaffer, allerdings schon fast in den Hintergrund gedrängt von einem Typen, der einem im ersten Moment so gar nichts sagen will und eher mit leicht fettig wirkenden Haaren als mit charismatischer Ausstrahlung glänzt. Darf ich vorstellen? Dieser Typ ist Stu Block, neuer Sänger von Iced Earth und Nachfolger des einzigartigen Matt Barlow. Die große Überraschung, wie sich spätestens im Kreuzfeuer auf Seite 42 zeigt: Diesmal klappt das scheinbar. Das mag vor allem daran liegen, dass die Band diesmal keinen harten Schnitt vollzieht, wie es bei dem Wechsel Barlow-Ripper der Fall war. Stu singt absolut fantastisch, beweist eigenen Charakter und klingt dennoch nicht so viel anders als Barlow. Uns erschien das Vorstellen des neuen Sängers eine würdige Titelstory zu sein. Erst recht, wenn man bedenkt, dass unsere Power-Metal-Fraktion, allen voran unsere Metal-Damen Miriam Görge und Jenny Bombeck, hin und weg von "Dystopia" sind.

Ganz und gar nicht gefiel Miri hingegen die neue Absu-Platte. Bereits zum vierten Mal in Folge gipfelte eine unserer nächtlichen ICQ-Diskussionen über das Für und Wider von lahmen Bands wie Brainstorm (sorry, Jungs!) im Gegensatz zu Knallerbands wie Absu in einem ihrer berüchtigten O-Töne. Vielleicht sollten wir die Kategorie in "Quatsch mit Miri" umbenennen?

David versuchte im Vorfeld übrigens wieder einmal die Notengebung zu beeinflussen und drohte all jenen Gewalt an, die Absu eine schlechte Note verpassen würden. Unsere beiden Kreuzfeuer-Damen zeigten sich davon jedoch unbeeindruckt. Da muss David wohl noch mehr pumpen gehen.

Schade ist derweil, dass das geplante Absu-Interview von David mit Absus Proscriptor noch nicht zustande kam. Wir hoffen, das in der nächsten Ausgabe nachliefern zu können. Gleiches gilt für Opeth und Machine Head, bei denen wir ebenfalls noch dran sind, uns Interviewtermine zu organisieren.

Allerdings mindert das nicht die Qualität der neuen Ausgabe, die keinesfalls so übermäßig Power-Metal-lastig ausfällt, wie man es zu Beginn vielleicht denken könnte. Wir starten zwar mit besagter Iced-Earth-Titeltory und den schwäbischen (Nicht-)Cover-Girls, gemeint sind Brainstorm, wären aber nicht der METAL MIRROR, wenn wir nicht noch eine ganze Menge Interviews und Artikel anderer Richtungen dabei hätten. Mehr denn je sogar, möchte ich fast sagen. Es ist schon fast ironisch, dass wir in einem Monat, in dem die Ausgabe wegen Stress und Zeitmangel um eine Woche verschoben werden musste, eine der abwechslungsreichsten Ausgaben der vergangenen Monate zusammengeschustert bekommen haben. Wir sind wieder einmal unserer Maxime treu geblieben: Wir wollen für die ungewöhnlichen Geschichten im Metal-Journalismus sorgen. Neben Bands und deren Alben sowie Line-Up-Wechseln gibt es deswegen diesmal sowohl Comedy als auch Wissenschaft. Ja, richtig gehört: Comedy und Wissenschaft. Und trotzdem ist's Heavy Metal!

Cover des Bandes "Metal Matters"

Cover des Bandes "Metal Matters"

Zum einen wurde mir vor anderthalb Monaten der "Metal Matters"-Band zugeschickt. Der Band ist als Konsequenz einer im vergangenen Jahr stattgefundenen Tagung in Braunschweig entstanden. Dort wurde Heavy Metal hinsichtlich verschiedenster wissenschaftlicher Aspekte untersucht. Bereits damals veröffentlichten wir ein Interview mit Dr. Rolf Nohr, dem Initiator der Tagung. Dass wir da auch einen Artikel über den Tagungsband veröffentlichen würden, war Ehrensache. Wissenschaft liegt mir ja. Immerhin ist sie der Grund, warum die Ausgabe sich eine Woche verzögerte. Lustigerweise sollte ich vergangenes Jahr zuerst selbst ein Paper für die Tagung einreichen. Eine meiner Professorinnen empfahl mich damals einem anderen Professor, wir überlegten uns ein cooles Thema, aber letztlich kamen mir terminliche Schwierigkeiten dazwischen. Immerhin hat es dazu gereicht, dass der METAL MIRROR im Literaturverzeichnis eines Beitrags erscheint, in dem es unter anderem um die Selbstdarstellung von Black-Metallern geht. Konkret wird sich dabei auf ein Interview berufen, das wir in Ausgabe #38 mit Fenriz von Darkthrone geführt haben. Wen es interessiert: Der Beitrag trägt den Titel "Wir fordern das Unmögliche. Zur Formulierung und Funktion anti-moderner Topoi in einigen Metal-Subgenres" und wurde von Jan Leichsenring geschrieben. Danke fürs Lesen, Jan.

So viel zur Wissenschaft. Nun zur Comedy: Bülent Ceylan trat in diesem Jahr als erster Komiker, oder wie er es bezeichnet: professioneller Depp, auf dem Wacken Open Air auf. Nun, professionelle Deppen habe ich auf der Wacken-Bühne schon einige gesehen. Wirkliche Comedians jedoch noch nicht. Das schrie also förmlich nach einem Interview im METAL MIRROR. Und obwohl Bülent mittlerweile kleine Arenen füllt und zu den aufstrebendsten Comedians Deutschlands gehört, verlief die Kontaktaufnahme ziemlich unproblematisch. Ich rief bei seiner Agentin an, erwischte den Anrufbeantworter, quatschte drauf, die Agentin rief zurück, erwischte den Anrufbeantworter, quatschte drauf. Wir machten einen Termin aus, an dem ich Bülent anrufen sollte und schon war die Sache im Kasten. Im Vorfeld wurde mir noch per E-Mail mitgeteilt, ich solle bitte keine Fragen zu seinem Privatleben stellen.

Ich liebe diesen PR-Agenten-Schutzinstinkt, quasi den natürlichen Feind der Pressefreiheit. Normalerweise setze ich mich über solche Vorgaben nämlich gerne hinweg. Wenn jemand über ein Thema nicht reden möchte, kann er es ja schließlich auch selbst sagen, wenn ich nachfrage. Dafür braucht es keinen Wachhund, der unerwünschten Fragen schon vorher einen Riegel vorschiebt. In dem Fall war mir das aber egal. Denn Bülents Privatleben interessiert mich ohnehin nur bis zu seinem Musikgeschmack. Also unterhielten wir uns über Musik und das Wacken. War ganz nett. Auch für Bülent. Der war am Ende ganz euphorisiert, dass er als erster Comedian im METAL MIRROR vertreten sein würde und versprach mir gleich einen Batzen Freikarten für eine seiner Shows auf der kommenden Tour. Dabei ist Comedy im Stile von Ceylan und Co. eigentlich gar nicht so sehr mein Ding. Ich stehe eher auf die etwas sozialkritischeren Kabarettisten, wie Hagen Rether, Wilfried Schmickler und Dieter Nuhr. Oder eben auf Tsjuder, die ich eine Seite später interviewt habe. Zu denen brauche ich aber keine weiteren Worte verlieren. Das steht bereits alles hier.

Tsjuder Pressefoto

Pressefoto von Tsjuder

Nach einem Monat Zwangspause haben wir außerdem beschlossen, unserer Artikelserie "Mein bestes Stück" eine weitere Chance zu geben. Die Idee ist schlichtweg zu gut, als dass man die Serie einfach sterben lassen sollte. Wir werden in Zukunft noch intensiver nach Kandidaten für diese Serie suchen. Wird schon. Skeptisch war ich jedoch durchaus, als Elvis mir per E-Mail mitteilte, dass er jemanden für die Serie hätte. Zugleich aber auch dankbar, denn zu dem Zeitpunkt befand ich mich auf dem Stress-Höhepunkt meiner Masterarbeit und war für jede weitere gefüllte Seite froh. Dennoch: Sollte man die Serie tatsächlich wiederbeleben, nachdem man sie erst im vergangenen Monat vorerst auf Eis gelegt hatte? Als ich allerdings die diesmalige Geschichte hörte, wichen alle Zweifel. Die Anekdote ist einfach zu cool, um sie nicht zu veröffentlichten.

Aufmerksame Leser der Artikelserie werden den Protagonisten des aktuellen Artikels wiedererkennen. Markus war auch der erste Kandidat der Serie. Damals erzählte er von einem der ersten Slayer-Konzert in Deutschland. Diese Story hat er diesmal getoppt. Zumindest in meinen Augen. Wer sonst besitzt bitte eine der nie veröffentlichten ersten Motörhead-Singles und hat diese obendrein von Lemmy signieren lassen? Wenn Markus noch mehr solcher Anekdoten auf Lager hat, sollten wir vielleicht darüber nachdenken, die Serie in "Markus Plauderkiste" (oder irgendwas Vergleichbares, was sich unser hauptberuflicher Werbetexter Elvis dann ausdenken dürfte) umzubenennen.

Elvis war es auch, der unserer zweiten Artikelserie den Titel "Debütastisch!" gab. Diesmal gibt es im Rahmen der Serie ein Interview mit den sehr coolen Skull Fist aus Kanada. Diese Serie mit Interviews zu befüllen, ist deswegen so schön, weil man meist mit Musikern spricht, die noch nicht so sonderlich viele Interviews geführt haben und deswegen umso motivierter und glücklicher über die Gelegenheit sind, dass sie sich mit jemandem über die eigene Musik unterhalten können und daraus später ein Artikel entsteht. So auch in diesem Fall. Jackie Slaughter unterhielt sich eine gefühlte Ewigkeit mit mir. Am Ende schaltete ich das Aufnahmegerät und den Telefonlautsprecher aus und setzte mich gemütlich auf meine Couch. Wir quatschten einfach nur so über Musik, Alkohol und den Anvil-Film. Sehr erfrischend. Und lesenswert obendrein. Findet übrigens auch Jackie selbst, der mir erst vor wenigen Stunden per E-Mail schrieb, dass er das absolut "rad!" finde und zum Glück schon ein "Chick" an der Angel hätte, die ihm den deutschen Text übersetzen könne.

Skull Fist Pressefoto

Pressefoto von Skull Fist. Jackie Slaughter ist unten rechts im Bild.

Anfang 2012 wird die Band im Rahmen einer sehr coolen Tour wieder in Deutschland sein. Wir haben am Telefon bereits beschlossen, dass wir im METAL MIRROR dann eine coole Backstage-Story mit Skull Fist machen werden. Ich bin sehr gespannt, ob es dazu kommen wird. Könnte lustig sein. Pussys und Wodka, oder wie war das noch?

An Autumn For Crippled Children - Everything

An Autumn For Crippled Children - Everything

Glaubt man unserem Kreuzfeuer, so kommt dieser Tage mehr gute Musik denn je heraus. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so viele 9-Punkte-Wertungen in einem Kreuzfeuer gesehen habe. Selbst bis hinab in die unteren Riegen wurde diesen Monat gerne mal eine Note nah am Höchstwert gezückt. Miri konnte es nicht fassen, dass außer ihr keiner der neuen Brainstorm-Platte 9 Punkte gegeben hat (und diese damit mit einem immer noch akzeptablen Schnitt auf dem letzten Platz landete) und schrieb eine pikierte "Wie scheiße seid ihr denn bitte alle?!"-Mail in die Kreuzfeuerrunde.

Dass An Autumn For Crippled Children das Kreuzfeuer gewonnen haben, hat mich jedenfalls positiv überrascht. Ich hatte die Band absichtlich ausgesucht, nachdem mich schon ihr Debüt umgehauen hatte und "Everything" ebenfalls einen grandiosen Ersteindruck machte. Die zweite Überraschung für mich: das neue Opeth-Album. Erst kürzlich habe ich in diesem Blog an anderer Stelle gestanden, dass ich Opeth' Musik nicht leiden kann. Das ändert sich mit "Heritage". Das Album präsentiert absolut tollen Prog-Psychedelic-70er-Rock.

Entgegen der allgemeinen Jubelschreie (unter anderem Album des Monats im RockHard #292) konnten Arch/Matheos uns fünf Kreuzfeuer-Schützen nicht wirklich begeistern. Auf Facebook kommentierte das ex-Erazor-Sänger und Fates-Warning-Fanatist Benedikt mit den Worten "Habt ihr gar keinen Progger in der Redaktion?" Ich weiß nicht, ob er Recht hat. Eigentlich wäre solche Musik vor allem was für Miri, aber ihr Kreuzfeuer-Kommentar zu dem Album geht in eine sehr ähnliche Richtung, in die auch meine Empfindung geht: Die nicht ganz so hohe Bewertung tut einem irgendwie leid. Aber nur weil eine Platte technisch gesehen absolut brillant ist, heißt das noch lange nicht, dass sie auch Spaß macht. Und letztlich geht es doch nur darum: Spaß beim Hören. Immerhin zeigt sich auch Benedikt halbwegs versöhnlich: "Okay, die ARCH-Kritiken sind so formuliert, dass ich damit leben kann. Auch wenn es schon hart ist, dass so ein unbegreiflicher Dreck wie die neue ANTHRAX besser abgeschnitten hat, aber ich hab Euch trotzdem lieb."

Puh, nochmal Glück gehabt.

 


Hinweis: Ansonsten bietet die Ausgabe noch Interviews mit The Answer, Vader, Tombs, Skeletonwitch, The Rotted und vieles, vieles mehr. Hier geht es zur detaillierten Inhaltsseite.

6Sep/110

Making Of: METAL MIRROR #57

Werbeblock: Bereits Anfang September ist die neue Ausgabe von METAL MIRROR erschienen. Nachfolgend ein Blick hinter die Kulissen der aktuellen Ausgabe.

Es ist immer wieder schön, wenn der METAL MIRROR Träume erfüllen kann. Wenn man mit der vielen Arbeit schon quasi kein Geld verdient, so soll man doch wenigstens eine persönliche Bereicherung aus dem Magazin ziehen. Das Treffen bzw. Interviewen früher Idole kann zwar auch desillusionierend sein, im aktuellen Falle glaube ich jedoch nicht, dass das der Fall war. Seitdem ich Miri kenne (und das war schon eine Weile bevor sie beim Mirror anfing), war sie ein knallharter Edguy-Fan. Weder neue Ausrichtung, noch Pophymnen oder der langsam einsetzende Haarausfall bei Tobi hat daran in all den Jahren etwas geändert.

Demnach war es nicht eine Sekunde lang eine Option, dass jemand anderes als Miri das Interview führen würde, als klar wurde, dass wir die Möglichkeit bekommen, eine Edguy-Titelstory zu veröffentlichen. Für Tobi war das dadurch zugegebenermaßen eine dankbare Angelegenheit, denn ich hätte dem Frontjoker manch eine selbstverliebte Phrase nicht so unkommentiert durchgehen lassen. Dafür ärgere ich einfach zu gerne. Erst recht, wenn ein Musiker alle anderen aufstrebenden Bands an die Wursttheke schicken möchte.

Von solchen Rockstar-Attitüden sind die Rival Sons weit entfernt. Ob sich das eines Tages ändern wird - wer weiß. Derzeit schwimmen die Blues-Rocker auf einer Welle des Erfolgs, im Interview entpuppte sich Gitarrist Scott Holiday jedoch als absolut bodenständiger und überaus gutgelaunter Familienvater, der sich derzeit zwar tierisch über den Erfolg der Band freut, aber auch besorgt wirkt, wenn er daran denkt, wieviel weniger Zeit er dadurch zukünftig mit seiner Familie verbringen kann. Die Bürden des Rockstar-Daseins... Dass Rival Sons den Rock-Olymp erklimmen können, davon bin ich mit jedem weiteren Monat, in dem das Album bei mir rauf- und runterläuft, mehr überzeugt. Das Interview bestätigte mir, was ich schon vorher vermutete: diese Jungs stehen zu hundert Prozent in der Tradition all der Bands, die ich vergöttere - Led Zeppelin an vorderster Front! Man höre sich nur mal "Pressure & Time", also den Titelsong des aktuellen Albums an. Der klingt wirklich so dermaßen nach Page-Plant-Bonham-Jones, dass es fast schon gruselig ist.

Der Fokus auf die Festivals war in dieser Ausgabe nicht zu vermeiden. Im August ist einfach jedes Jahr der glorreiche Abschluss der Open-Air-Saison. Wacken, PartySan, SummerBreeze - drei der in meinen Augen wichtigsten Veranstaltungen für die hiesige Heavy-Metal-Landschaft, wo sollte man da einsparen? Umso länger habe ich darüber gegrübelt, wie man den Platz am besten verteilt. Letztlich haben wir natürlich etwas gewichten müssen. Auf Musikerkommentare haben wir dabei dieses Jahr bewusst verzichtet. Schlicht und ergreifend aus dem Grund, dass in all den Jahren, die ich mit diesem Stilmittel gearbeitet habe, in quasi jedem Falle das gleiche inhaltsleere Blabla herauskommt. Da reden Musiker davon, dass das Festival das absolut genialste überhaupt sei, waren aber nicht einmal auf dem Campingplatz. Kritisiert wird nicht, weil man möchte ja wieder eingeladen werden. Ich möchte den Musikern das nicht vorwerfen. Ihre Haltung ist ja verständlich. Die Konsequenz ist jedoch, dass Kurzinterviews über Festivals, auf denen die Band gerade spielt, zu nichts mehr taugen als dem Prominenzfaktor. Der wurde diesmal bewusst ausgeklammert. Ich bin nämlich der festen Überzeugung, dass die Festivalberichte auch so überzeugen können. Da braucht es weder Aussage noch Visage eines Musikers, der dann doch eh nichts beizutragen hat.

Vor allem der Wacken-Bericht hat diesmal eine experimentellere Herangehensweise und wurde in weiten Teilen von mir im Alleingang verfasst. Mein Gedanke war: Warum werden Festivalberichte eigentlich fast immer nach dem gleichen Prinzip aufgebaut? Es geht von Band zu Band. Im meist nüchternen, natürlich auch teils nett beschreibenden Stil, aber doch teils eben ohne die gewisse Lässigkeit. Der aktuelle Bericht bietet einen etwas anderen Ansatz. Das Programm der Bühnen wurde nicht strikt voneinander getrennt, sondern findet in einem gemeinsamen Fließtext zusammen. Benne nannte das Ergebnis skeptisch "etwas flapsig", aber ich finde den Ansatz gut. Mir selbst macht der Bericht - bei aller ab und an vorhandener Bescheidenheit - sehr viel mehr Spaß beim Lesen als das trockene Programm-Runterbeten aller anderen Online-Magazine. Und dem Wacken (oder auch jeder anderen Veranstaltung) schadet eine solche Herangehensweise auf keinen Fall. Im Gegenteil: Ich glaube dass das "flapsige" Beschreiben des Ölwrestling-Kampfes eher im Kopf hängen bleibt als der tausendste Bericht, der von A bis Z die Setlist einer spielenden Band herunterbetet. Und letztlich ist es das was zählt.

Entsprechend haben wir ja auch in der vorherigen Ausgabe mit dem Bericht vom Metalcamp experimentiert. Wer es schließlich doch etwas klassischer bei der Festival-Berichterstattung mag, wird am ehesten bei den ebenfalls coolen Berichten vom SummerBreeze und PartySan fündig. Sind also alle zufrieden? Gut. Weiter geht's.

Zumal noch drei weitere coole Interviews warten. Eines mit Saltatio Mortis, die ich persönlich hochgradig unspannend hinsichtlich aller Belange finde, die es aber Miri enorm angetan haben. Mal schauen, ob auch Alea (wie Tobi Sammet vor ihm) den Haarausfall-mindert-nicht-die-Beliebtheit-Test bestehen wird. Eine Antwort werden wir leider erst in ein paar Jahren erwarten können. Miri ist allerdings nicht die einzige, die ein Idol interviewte. Auch David stellte sich bereits Monate vor Erscheinen der Platte von ICS Vortex als dessen Interviewpartner bereit. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch gar nicht, dass der ex-Dimmu-Borgir-Musiker demnächst ein Soloalbum aufnehmen wird. Aber David ist bei seinen Helden eben immer hervorragend informiert und schwor schon im Vorfeld, dass die Platte ein "Killer-Album" bei uns werden würde - er sollte Recht behalten, wie wir seit Erscheinen der Ausgabe wissen.

Ein weiteres Interview fand für unsere letzten Monat neu gestartete Artikelserie "Debütastisch!" statt. Nachdem Djerv den Anfang gemacht hatten, traf sich David, jahrelanger Fan von Type O Negative, diesen Monat mit A Pale Horse Named Death im Biergarten des Kölner Undergrounds. Apropos Artikelserie: "Mein bestes Stück" haben wir vorerst auf Eis gelegt. Die Akquise neuer Personen, die wir mit ihrer Geschichte vorstellen konnten, war in jedem Monat ein sehr träger, zäher Prozess gewesen. Diesen Monat fanden wir abermals niemanden und waren es leid, erneut nur den eigenen Freundeskreis zu durchstöbern. Vielleicht reaktivieren wir die Serie in der Zukunft noch einmal, vorerst wird jedoch "Debütastisch!" alleine die Stellung halten.

Die Auswahl des Kreuzfeuers stellte mich diesen Monat abermals vor eine Herausforderung. Bereits im vorherigen Monat machte sich die Sommerflaute etwas bemerkbar. Diesmal war die Auswahl nicht einfacher. Letztlich ließen sich aber neun Platten finden, die populär, wichtig und stilistisch verteilt genug waren, um ein ordentliches Kreuzfeuer aufzubauen. Dass Edguy dabei soweit oben landeten, überraschte mich. Allerdings passt das: Denn die Platte überraschte mich auch sonst. Ich hatte die Band nach "Hellfire Club" abgeschrieben. Das war ein richtig gutes Album. Danach ging es für meinen Geschmack aber steil bergab. "Superheroes" und tropische Partysongs, keine Ahnung wieso, aber das fand ich doch etwas zu albern. Umso schöner finde ich, dass die Band jetzt ein Album abliefert, das facettenreich, nie banal erscheint. Die zweite Hälfte ist vielleicht an manchen Stellen etwas zu soft, aber im Groben und Ganzen ist die Platte das beste Edguy-Album seit "Hellfire Club". Und wenn selbst David 5 Punkte für ein Edguy-Album vergibt, kommt das quasi einer Erhebung in den Adelsstand gleich.

Die großen Verlierer waren hingegen Kittie. Ein Album voll mit austauschbaren New-Metal-Songs, die sich in Zeiten unzähliger Metal-Musikerinnen nicht mehr nur auf den Frauenbonus berufen können, sondern losgelöst vom Geschlecht überzeugen müssen. Daran scheiterten Kittie diesmal. Mal sehen, ob die Katzen schon alle neun Leben aufgebraucht haben. Zumindest passiv haben sie in der Redaktion aber für Freudentränen gesorgt: Als Jenny und ich beim Redigieren Elvis' Kommentar zur Scheibe lasen, lachten wir wirklich Tränen:

Hello Kittie! Krass, dass es euch immer noch gibt. Ehrlich gesagt habt ihr da echt nen tollen Stil kreiert. Besonders der Gesang, der zwischen Schnurren und Fauchen wechselt, ist einmalig. Leider bin ich ein Hund und ihr Katzen seid nix für mich. Gruß, Bellvis

4Aug/110

Making Of: METAL MIRROR #56

Werbeblock: In der Nacht von Sonntag auf Montag ist die neue Ausgabe von METAL MIRROR erschienen. In diesem Blog möchte ich nicht (nur) anpreisen, warum die Ausgabe super, toll, grandios und überhaupt ist, sondern einen Blick hinter die Kulissen des Magazins werfen. Eine Art Making-Of quasi.

Die aktuelle Ausgabe ist, wie schon die Ausgabe davor, unter sehr stressigen Bedingungen entstanden. Und damit meine ich nicht nur die Tatsache, dass wichtige Teile der eigenen Belegschaft ständig auf irgendwelchen Festivals unterwegs sind, sondern meine Abschlussarbeit, über die ich in den kommenden Tagen bestimmt mal etwas schreiben werde. Dass wir trotzdem mit Status Quo eine der wohl größten Bands in der Geschichte des Mirrors als Titelstory dabei haben, ist da umso cooler. Wobei ursprünglich ein ganz anderes Thema, nämlich Sepultura, für den Titel vorgesehen waren. Natürlich stehen Sepultura vom Popularitätsfaktor weit unter Status Quo, aber traditionellerweise kriegen wir auf Titelstorys mit Bands, die nur entfernt etwas mit Heavy Metal zu tun haben, eher mürrisches Feedback. Der gemeine Metaller bleibt eben gerne unter sich. Und eine Rock-Band wie Status Quo, deren Songs auch die Oma von nebenan mitsingen kann, ist nunmal nur entfernt Heavy Metal. Nicht weniger cool, aber eben nur entfernt Heavy Metal.

Dabei könnten sich die meisten Metal-Bands eine dicke Scheibe Interviewfreude von Francis Rossi abschneiden. Denn der hatte wirklich gute Laune, verarschte mich erstmal am Telefon und plauderte munter vor sich hin. Keine Ein-Satz-Antworten, kein genervtes Knurren, wenn man ihn mit Altersschwäche-Thesen provoziert. Irgendwie wirkte Francis so, als hätte er wirklich Bock auf das Gespräch. Vielleicht ist das eine in Jahren perfektionierte Profimasche. Vielleicht sind Status Quo aber auch nur froh, dass es neben "Wetten, dass...?" noch Rock- bzw. Metal-Magazine gibt, die der Band wirklich Gehör schenken. Im aktuellen RockHard hat es jedenfalls gerade mal für einen 3-Fragen-an-Kasten gereicht.

Vom Neid ergriffen war ich, als Elvis mir seine Metalcamp-Fotos zugeschickt hat, von denen man "nur" drei in seinem Artikel sieht. Ich selbst war noch nie dort, habe aber nach Lesen seines Erlebnisberichts Heißhunger darauf bekommen, auch einmal in der Soca baden zu gehen. Wäre mal was anderes, als die staubigen, matschigen Kuhacker, die man sonst den ganzen Sommer über besiedelt. Dass Elvis' Bericht die spielenden Bands in zwei Sätzen abspeist, finde ich alles andere als störend. Irgendwie hat sich im Musikjournalismus eine Routine entwickelt, wenn es um die Berichte von Festivals geht. "Es spielte Band X, es spielte Band Y, ..." Warum nicht einmal ein alternatives Format bedienen? Weniger interessant wird das Metalcamp dadurch keinesfalls. Zum Glück können wir uns beim Mirror so etwas erlauben. Bei Beschwerden verweise ich dann immer auf unsere Oberzeile: "Das journalistische Magazin für Heavy-Metal-Kultur". Und des Metallers Urlaub fällt für mich in die Kategorie Kultur. Lawyered! Zumal wir ja auch einen eher typischen Festivalbericht vom Dong Open Air dabei haben.

Das wohl spannendste Thema der Ausgabe ist jedoch das Ghost-Interview. Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass das so schnell klappen würde. Umso gespannter war ich auf die Gesprächsatmosphäre. Bei einer Band, die sich vollkommen anonymisiert, ist es durchaus vorstellbar, dass diese auch im direkten Gespräch ein Mysterium erzeugen möchte. Vor meinem inneren Ohr hörte ich mein Gegenüber bereits mit Batman-artig verstellter Stimme Ein-Satz-Antworten herauskloppen, die die Mystik der Band betonen sollen. Es kam aber ganz anders.

Ghost Promobild

Der Dunkelpop-Papst und seine namenlosen Ghouls: Ghost

Erste Überraschung: eine freundliche Stimme. Typisch skandinavischer Akzent, gute Englischkenntnisse und: auskunftsfreudig. Zweite Überraschung: der Mann am anderen Ende der Leitung lacht erstaunlich viel für ein Mitglied einer solch düsteren Satansbraten-Band. Außerdem reger Betrieb im Hintergrund. Zuerst dachte ich an einen Fernseher. Später glaube ich, andere Stimmen im Raum und eine Tür auf- und wieder zuschlagen zu hören. Gegen Ende des Interviews fällt hörbar etwas um. Etwas aus Glas oder Porzellan. Mein Gesprächspartner hält da auch für zwei Sekunden kurz inne, unterbricht seinen Satz, redet dann aber weiter, als sei nichts geschehen. Wer er ist, habe ich nicht herausbekommen. Ist aber auch eigentlich nicht so wichtig, finde ich. Viel mehr habe ich mich über die Info gefreut, dass ein zweites Album bereits in der Mache ist.

Ebenfalls eine Überraschung war das Gespräch mit Joel Grind von Toxic Holocaust. Als ich vor drei Jahren mein erstes Interview mit Joel führte, war der nämlich eher mürrisch. Damals hatte er kaum Bock irgendwas zu erzählen und gähnte ins Telefon (dabei war es nur in unserer Zeitzone mitten in der Nacht). Diesmal lief das alles ganz anders. Klar, Joel ist nach wie vor keine Quasselstrippe, aber das Gespräch fand unter einer ganz anderen Atmosphäre statt als damals. Ob das daran liegt, dass er nicht mehr die ganze Arbeit alleine machen muss, sondern mittlerweile zwei feste Bandkollegen hat? Möglich. Jedenfalls hat Joel noch bereitwillig den Nachgefragt-Bogen beantwortet, auf den man sich in einer der nächsten Ausgaben freuen darf.

Unsere Artikelserie "Mein bestes Stück" ist jeden Monat aufs Neue ein Kampf. Ewig lange versuchen wir geeignete Kandidaten aufzuspüren. Die meisten Menschen in unserem Umfeld sind der festen Überzeugung, sie hätten keine Geschichte zu erzählen. Bullshit! Ich bin mir sicher, dass jeder Memorabilia besitzt, die ihn an eine bestimmte Episode erinnern. Jedenfalls wurde es Freitag. Sonntag sollte die Ausgabe erscheinen und wir hatten noch immer keinen Kandidaten für die Artikelserie. Langsam wurde ich nervös. Spontan eingesprungen ist dann schließlich Alex Kreit, dem ich für seine sehr nette Geschichte überaus dankbar bin. Alex ist als DJ in Hannover und Umland tätig und legt nebenbei bemerkt meist fantastische Musik auf. Ich kann das bezeugen, woher würde ich ihn sonst kennen? Schade ist nur, dass das Plektron, das wir im Bild sehen, zwar genau so aussieht wie Alex', allerdings ist es nicht das Original. Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass Rahmen und Autogrammkarte fehlen. Alex befindet sich gerade mitten im Umzug und das beste Stück befand sich in einem von geschätzt tausend Umzugskartons.

Da uns eine Artikelserie nicht genug erschien, haben wir mit dieser Ausgabe übrigens eine zweite Serie gestartet. Unter dem Arbeitstitel "Darf ich vorstellen?" wollten wir eine Serie entwickeln, wo wir uns einmal abseits der großen Namen auf Bands konzentrieren, die ihr Debüt rausbringen. Bevor uns jetzt die Promoter-Garde mit ihren tausend Debüts beschmeißt: das Debüt muss uns vom Hocker reißen. Alleine deswegen legen wir viel Wert darauf, dass diese Artikelserie NICHT monatlich mit dabei sein wird. Es kommen zwar jeden Monat Debüts heraus, die wenigsten davon sind aber so gut wie bspw. das von Djerv. Die Band hat Jenny entdeckt und war sofort hin und weg von dem unkonventionellen Stil der Truppe. Als uns klar wurde, dass diese ausgesprochen gute CD ein Debüt ist, haben wir die Idee der neuen Artikelserie entwickelt. Ich bin sehr gespannt, welche Band wir dort als nächste vorstellen dürfen. Die Credits für den Serientitel "Debütastisch!" gehen übrigens - wie könnte es anders sein - an unseren Werbetexter Elvis, der mit seinem freaky Geschmack übrigens auch dafür gesorgt hat, dass wir mit Skindred eine Reggae-Metal-Truppe mit im Magazin haben.

Das Kreuzfeuer war diesen Monat durchwachsen. Irgendwie ist ein bisschen Sommerflaute. Damit möchte ich nicht das coole Rival-Sons-Album schmälern, aber die Namen und die Wertungen sehen im Frühjahr und im Herbst dann doch anders aus. Egal. Die Rival Sons haben jedenfalls gewonnen. Und wirklich überrascht war ich nicht. Denn die Band spricht jeden an, der auf die Ursprünge des Heavy Metals steht, mit Ausnahme von David versteht sich. Der hat einen so undefinierbaren Musikgeschmack, dass man damit rechnen konnte, dass er die Platte als einziger kacke findet.

Apropos: Ich war diesmal dran, eine High Five zu schreiben. Die Idee der Fremdscham-Songs kam mir und Miri bei einem Gespräch vor ein paar Monaten. Die ersten beiden Kandidaten, Bonfires Hymne und Manowars "Father", standen sofort fest. Für den Rest musste ich eine Weile überlegen. Letztlich bin ich zuversichtlich, fünf ausgesprochen grauenhafte Songs herausgepickt zu haben. Dennoch gibt es bestimmt so viele, dass ich vielleicht irgendwann eine Fortsetzung schreiben werde. Damit ihr euch selbst vom Grauen überzeugen könnt (ich versinke schon wieder im Erdboden):

Mit diesen Klängen möchte ich mich auch verabschieden. Wie im Editorial angedeutet, steht das Wacken Open Air kurz bevor. Wir sind mit einem Trupp Mirrorianer vor Ort. Außerdem bin ich im Dienste von RockHard unterwegs. Wenn ihr jemanden bei Ghost in der ersten Reihe ausflippen seht, das bin ich. Wir sehen uns dort!

6Jul/110

Verspätete Erkenntnis

Verdunkeln

Verdunkeln

In den vergangenen Jahren habe ich mich oft geirrt. Nicht nur im Alltag, sondern auch in Musik. Das Problem mit dem Monatsrhythmus bei einem Magazin wie dem METAL MIRROR ist, dass die Zeit, die man für eine Neuerscheinung aufbringen kann, begrenzt ist. Irgendwann kommt die Deadline, dann muss die Rezension geschrieben sein. Zu diesem Zeitpunkt hat man der Platte ein paar Runden im Player gegönnt, man hat sich Gedanken gemacht, vielleicht sogar schon die ein oder andere Zeile aufgeschrieben. So oder so: Zu diesem Zeitpunkt steht das Urteil über die subjektiv empfundene Qualität der CD fest. Sieger oder Verlierer - alea iacta est!

Doch manchmal, wenn eine CD mein längerfristiges Interesse wecken konnte und auch nach der Deadline gehört wurde, kommt man nicht drumherum, sein eigenes, damals vielleicht vorschnell gefälltes Urteil zu hinterfragen. Im METAL MIRROR ist dafür jedoch kein Platz. Deswegen nutze ich ab jetzt in unregelmäßigen Abständen diesen Blog, um meine eigenen, früher vielleicht vorschnell gefällten Urteile zu korrigieren. Manch ein angeblicher Überflieger ist plötzlich doch sehr schnell totgehört. Und manch eine Platte, die interessant wirkte, zu der man aber keinen richtigen Zugang fand, ist mit einem Schlag eben doch ein Überflieger. Hinterher ist man manchmal schlauer.

So erging es mir zum Beispiel bei Verdunkeln, einer Band, die selbst vielen Metal-Hörern gar nichts sagen werden. Hartgesottene Black-Metal-Fans werden diesen Projektnamen aber vielleicht mit Nagelfar und Graupel in Verbindung bringen können. Als ich das Debüt "Einblick in den Qualenfall" 2007 rezensierte, war ich zwar von den Black-Metal-Parts angetan, aber für die gesamte Stimmung auf dem Album weitgehend unempfänglich. Ich spürte bei dem okkulten "Der Quell" zwar, dass diese Band ein Händchen für das Kreieren einer dunklen, abgefuckten Atmosphäre hatte, aber wie einen dieser finstere Koloss umschlingen kann, habe ich erst rund zwei Jahre später gespürt. Damals nahm ich mir die Platte im Rahmen eines persönlichen Nagelfar-Revivals nochmal vor und war darüber erschüttert, dass ich damals mit Wohlwollen "nur" acht Punkte vergeben hatte. Keine Frage, acht Punkte sind ein mehr als zufriedenstellendes Ergebnis für jede Band, aber wenn man bedenkt, wie oft ich "Einblick in den Qualenfall" seitdem rauf- und runtergehört habe, kratzt diese Platte durchaus an der Höchstnote. Mea culpa, Jungs!*

(* Ich hätte übrigens nichts gegen einen Nachfolger einzuwenden. Vorausgesetzt der wird ähnlich genial.)

Eine kleine Hörprobe (für die Mutigen unter euch; das ist nicht jedermanns Geschmack):