Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
16Sep/110

Unterbewertete Dämonen des Nordens: Tsjuder

Tsjuders Draugluin in Essen, Zeche Carl

Draugluin (Tsjuder) in Essen, Zeche Carl / (c) Metal Mirror

Zeit für ein Fan-Bekenntnis: Tsjuder sind die wohl unterbewerteste Black-Metal-Band, die Norwegen je hervorgebracht hat. Ein mit schwarz-weißer Farbe bepinseltes Trio, das vor Authentizität nur so sprüht und als eine der letzten Instanzen des oft zitierten "True Norwegian Black Metals" zählen dürfte. In Zeiten, in denen die Genreväter Darkthrone einen Punk-Speed-Metal-Bastard nach dem nächsten produzieren, in denen TNBM-Minister Nattefrost seit Jahren nichts mehr von sich hören lässt, in denen viele mit norwegischem Black Metal nur noch Dimmu Borgir verbinden, in diesen Zeiten ist es eine wohltuende Abwechslung, wenn sich wieder eine Band zu Wort meldet, die ihren Black Metal zwar rotzig und primitiv begreift, dabei aber stets vor Ideenreichtum sprüht.

Ich traf 2005 das erste Mal auf Tsjuder. Und das war eigentlich auch nur ein Zufall. Damals besuchte ich ein Carpathian-Forest-Konzert in der Essener Zeche Carl. Frontsadomasochist Nattefrost hatte seine Schützlinge mit auf die Tour genommen, sodass Nag, Draugluin und der Schlagzeuger mit dem einfallsreichen Namen Anti-Christian die Möglichkeit erhielten, vor knapp 50 Nasen aufzutreten. Die Band konnte sofort begeistern. Und das nicht nur wegen der martialischen Outfits, bestehend aus langen Nagelarmbändern, Kunstblut und jeder Menge Farbe. Nein, im Gegensatz zu den gefühlt zwanzigtausend anderen Standard-Black-Metal-Bands schafften es Tsjuder zwar total engstirnig Musik zu machen, hatten dabei aber musikalischen Charakter.  Es sind de facto nicht viele Bausteine, die Tsjuder nutzen. Aber diese wenigen Elemente kombinieren sie auf einzigartige Weise. Ein Eindruck, den ich live vor über sechs Jahren hatte und der sich im Sensationsalbum "Desert Northern Hell" (2004) bei jedem Hören bestätigt sieht.

Das 2004 erschienene Album bewertete ich ursprünglich mit 8 von 10 Punkten. Heute würde ich mindestens einen weiteren Punkt oben drauf legen. Vielleicht sogar zwei. Die Platte zeigt wie kaum ein anderes TNBM-Werk (von wenigen Ausnahmen der Marke Carpathian Forest einmal abgesehen), dass man sehr wohl Black-Metal-Hits schreiben kann, ohne gleich Orchester oder Else mit einzubauen. Mit Songs wie "Ghoul", "Malignant Coronation" und vor allem mit dem Midtempo-Fiesling "Mouth Of Madness" haben Tsjuder einen Maßstab definiert, an dem sich die vielen unsäglichen, stets gleich klingenden Bands messen lassen müssen. Und für gewöhnlich versagen sie kläglich dabei.

Lustigerweise bin ich nicht der Einzige, der eine so hohe Meinung von Tsjuder hat. Wann immer ich mich mit anderen (nicht völlig ahnungslosen) Black-Metal-Fans unterhalte, trifft die Band meist auf allgemeine Zustimmung. Selbst mit David komme ich da auf einen Nenner. Dass Tsjuder es dennoch nie in den Schwarzmetall-Olymp geschafft haben, ist eine Tatsache, die sie sich - so befürchte ich - selbst vorwerfen müssen. Nag, Draugluin und Anti-Christian hatten nie das richtige Gespür dafür, sich richtig zu inszenieren. Im Windschatten eines notorischen Provokateurs wie Nattefrost wirkten Sturzkreuze, Corpsepaint und Nieten harmlos und bieder. Im Internet machte sich die Band rar, hatte jahrelang nur ein Info-Standbild auf ihrer Webseite. Als ich damals Nag per E-Mail anbot, ihm meine Fotos aus Essen zur Verfügung zu stellen, bekam ich keine Antwort. Es schien Tsjuder irgendwie immer an der notwendigen Professionalität, an außermusikalischem Engagement zu mangeln. Und dass sich der Erfolg nicht von ganz alleine einstellte, schien auch das Trio zu frustrieren. 2006 löste sich die Band auf. Nag brachte mit seiner neuen Band Krypt ein gutes Album heraus, das zumindest Erinnerungen an Tsjuder wach werden ließ.  Draugluin, dessen Gesang ich übrigens immer noch ein Stück geiler fand als Nags, reformierte seine Band Tyrann und veröffentlichte ein mittelmäßiges Album. Wirbelwind Anti-Christian trommelte sich durch verschiedene Projekte. So richtig viel Erfolg hatte dabei aber keiner der drei Musiker. Als Tsjuder vergangenes Jahr erneut zusammenfanden, hüpfte ich schließlich vor Freude vor meinem Schreibtisch herum.

Mittlerweile nimmt Tsjuder 2.0 Gestalt an. Der Auftritt auf dem Wacken Open Air war bereits schlichtweg grandios. Nag und Draugluin haben nichts an Boshaftigkeit eingebüßt. Die beiden wirken noch genau so, wie sie es damals in Essen taten: stumpf, eigenbrödlerisch, unkommunikativ, brutal! Für den Oktober ist das neue Album "Legion Helvete" angekündigt, das ich für die kommende RockHard-Ausgabe rezensieren darf. Während ich diese Zeilen tippe, gönne ich dem Album gerade die zweite Runde. Erster Eindruck: Hervorragend! Noch kein zweites "Desert Northern Hell", aber das wird vielleicht noch.

Wer sich von der genialen Boshaftigkeit Tsjuders einmal selbst überzeugen möchte:

Folgenden Song spielte ich mal im Rahmen eines Referats über Black Metal an der Uni Duisburg-Essen einem kopfschüttelnden Auditorium vor. Man wollte mir danach nicht glauben, dass ich mir tatsächlich stundenlang solche Musik anhöre.