Die CD, die ich nie hörte
Vergangenes Wochenende ist mir etwas passiert. Es war ein bisschen peinlich, aber auch ein wunderbares Beispiel dafür, in welchem Umfeld Musikjournalisten arbeiten. Wir, damit meine ich eine Belegschaft vom METAL MIRROR, waren auf dem Dong Open Air (dazu vielleicht später mehr). Dort sprach mich ein Metaller mit Netzhemd und Cowboy-Hut an. Er habe mir im vergangenen Jahr eine Demo-CD seiner Band überreicht und wolle nun wissen, wie ich die Musik denn finden würde. Das Problem: Ich erinnere mich zwar daran, von ihm eine CD bekommen zu haben, aber ich habe mir die Musik darauf nicht ein einziges Mal angehört. Glaube ich zumindest. Lediglich die Lobeshymne meines Gegenübers fiel mir wieder ein. Lag vielleicht aber auch daran, dass er sie – scheinbar nur um sicher zu gehen – gleich noch einmal wiederholte. Wie eine Mischung aus Guns N' Roses und Mötley Crüe sollte die Band angeblich klingen. „Richtiger Achtziger-Style“, schwärmte er und blickte mich erwartungsvoll an.
Da saß ich also nun hinter unserem Stand. Ohne Fluchtweg. Ohne gute Ausrede. Aber auch ohne jede Ahnung, wie die CD denn nun geklungen haben soll. Scheiße, ich wusste ja nicht einmal, ob ich die CD überhaupt ein einziges Mal angehört habe. Das mag für Außenstehende vielleicht ignorant wirken, und vor einigen Jahren hätte ich das selbst so gesehen. Aber die Wahrheit ist: Sobald man einmal wirklich ein Teil dieser Szene ist, Kontakte zu einer quasi unüberschaubaren Anzahl PR-Agenten, Label-Menschen, Musikern, Hobbypromotern und Freundesfreunden von Bands hat, kriegt man mehr Musik zugeschmissen, als man jemals in seinem Leben hören kann. Schlimmer noch: Man ist auch irgendwie dazu verpflichtet, zu jeder dieser CDs eine Meinung zu haben, die aber bitteschön auch positiv sein soll. Bei weit über hundert Releases pro Monat ein Ding der Unmöglichkeit.
Das Problem ist: die Musikrichtung, aus der ich komme, hat mehr Nachwuchs, als sie eigentlich benötigt. Steffen Kummerer von Obscura sagte einmal zu mir: „Letztlich ist Metal eben eine Musikrichtung für Musiker.“ Damit hat er fast Recht. Ich glaube: Metal ist eine Musikrichtung, in der jeder glaubt, auch Musiker sein zu müssen. Und in Ausübung dieser obligatorischen Nebenbeschäftigung nehmen sich die meisten viel zu wichtig.
Ich bewundere den Enthusiasmus, mit dem sich junge Musiker Woche für Woche in den Proberaum stellen, Demos aufnehmen, eventuell sogar bei einem Indie-Underground-Label unterkommen, wo sie dann (teils mit finanzieller Eigenbeteiligung) ein „richtiges Album“ veröffentlichen, aber letztlich haben die meisten dieser stündlich neu gegründeten Bands nichts zu sagen. Sie kopieren Musik, die sie selbst mögen und hören, sie haben entweder nicht den Mumm oder nicht die Vorstellungskraft, um etwas zu komponieren, was die Musikwelt ansatzweise bereichern wird. Die meisten sind dazu bestimmt, ein Bandleben lang in Jugendzentren im Vorprogramm einer nur mäßig bekannteren Band zu spielen. Das ist die harte, bittere, Träume vernichtende Realität. Nicht jeder wird Rockstar. Aber er hat natürlich das Recht, es zu versuchen (und solange es Spaß macht, ist's doch umso besser).
Warum erzähle ich das alles? Gute Frage. Vielleicht weil ich mir doch zumindest nachträglich eine Rechtfertigung überlegen wollte, warum ich mir die CD dieser mir nach wie vor unbekannten Band niemals angehört habe.
Irgendsoetwas wie das da oben habe ich wohl auch in den frühen Morgenstunden auf dem Dong Open Air meinem Gegenüber entgegen gebrabbelt. Ob er es verstanden hat? Ich glaube nicht. Denn er ging gleich los, um mir noch eine CD zum Reinhören zu besorgen. In einem Jahr wird er mich dann bestimmt wieder fragen, wie ich die Musik fand. Ich werde ihm dann einen Ausdruck dieses Artikels überreichen. Oder auf Bennes Urteil verweisen. Der hatte sich die CD nämlich angehört und für langweilig befunden. Und Benne irrt sich bei so etwas nie. Na ja, fast nie.
Anmerkung: Kommentator "Benne" ist nicht der Benne, von dem im Text die Rede ist. Der Kommentator hat aber nachweislich auch keinen schlechten Musikgeschmack...
