Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
15Nov/110

Making Of: METAL MIRROR #59

Die neue Ausgabe von METAL MIRROR ist erschienen. Und das heißt: Es ist erneut Zeit für einen Werbeblock. Hier alles zur Entstehung der aktuellen Ausgabe.

Ist es nicht wundervoll, dieses Titelbild? Selten passte ein Cover so gut zur zugehörigen Story wie dieses Mal. Das Titelbild ist simpel, ja fast schon stumpf. Kein Schnickschnack. Nichts beschönigt. Roh und einfach, ganz genau so wie Venoms Musik. Lustigerweise war die Idee zu diesem Titelbild eher aus der Not geboren. Venom haben mit die schlechtesten Promofotos, die ich seit einer langen Zeit gesehen habe. Als ich die Bilder das erste Mal sah, verzog es mein Gesicht vor Schreck. Daraufhin schrieb ich Venoms Management, ob es da nicht noch bessere Bilder geben würde. Man antwortete mir mit zwei weiteren Fotos, die ebenfalls von eher bescheidener Qualität waren. Und damit meine ich nicht mal das Motiv, das in der Gestalt von Cronos zugebenermaßen nicht das Attraktivste sein mag. Egal. Da das "Welcome To Hell"-Album einen ganz entscheidenden Part in unserem Special einnahm, kam ich schließlich auf die Idee, doch einfach das Cover des Albums als Titelbild zu nehmen. Die Idee zündete sofort, Benne und David, denen ich beiden einen Entwurf schickte, waren begeistert. Das reichte als Bestätigung.

Ansonsten startet die Ausgabe mit etwas, was die Jugend heutzutage einen Diss nennt. Opfer der Mobbing-Attacke sind Brutal Truth, deren Album in diesem Monat (und wenn man die Durchschnittspunktzahl betrachtet: auch in diesem Jahr) unsere großen Kreuzfeuer-Verlierer sind. Meine Güte, was ist das doch für ein scheußliches Album. Das muss man an dieser Stelle tatsächlich mal in aller Offenheit sagen. Uninspirierter, unnötiger, charakterloser Krach. Ein ganzes Album lang. Und diese Orgie endet in einem 15-minütigen Track, der eigentlich nur aus Störgeräuschen besteht. Aufmerksam wurde ich auf den Song zuerst, als Miri mir eines Abends eine E-Mail schrieb, in der nur stand: "Ich muss dich jetzt in aller Deutlichkeit fragen, ob Brutal Truth den Track Control Room ernst meinen...." Ich wusste darauf nach dem ersten Reinhören selbst keine Antwort. Ist das akustische Kunst, die ich vielleicht nur nicht verstehe? Zumindest wäre ich dann in guter Gesellschaft, denn in unserer Kreuzfeuer-Belegschaft stieß die Platte fast ausschließlich auf ziemliche Ablehnung. Nur Elvis gab sechs Gnadenpunkte. Wofür genau, kann ich mir selbst nicht erklären. Aber Geschmäcker sind ja verschieden. Jedenfalls habe ich etwas gelernt: Man kann mit dem letzten Track der CD hervorragend Wetten gewinnen. Jenny ist die Erste, die mir wegen des Songs ein Bier schuldet. Weitere werden folgen.

Venom Promofoto (c) Terry Attwater

Es gibt bessere Promofotos als die von Venom (c) Terry Attwater

Doch kommen wir zum Prachtstück der Ausgabe: Fünf Doppelseiten Venom! Das ist ein Fest für jeden Old-School-Metaller. Und wie alleine das Feedback binnen der ersten zwei Tage mir gezeigt hat: Die Arbeit für dieses Special hat sich gelohnt. Wir haben kürzlich in einer Redaktionskonferenz beschlossen, dass wir zukünftig noch verstärkter darauf achten wollen, dass die Titelstorys sich von den restlichen Interviews abheben. Während des vergangenen Jahres waren da mit Sicherheit etliche coole Storys und auch spannende Interviews dabei, aber manch ein Interview unterschied sich von den weiteren Geschichten nur dadurch, dass es eben auch auf dem Titelbild der Ausgabe gefeatured wurde. Das Venom-Special soll da noch einmal deutlich machen, wie eine wirklich coole Titelstory aufbereitet werden sollte.

Ich war selbst davon überrascht, dass der Venom-Phoner so reibungslos über die Bühne ging. Der Termin musste nicht mehrfach verschoben werden, Musiker und Label hielten Zeitpläne ein und obendrein war Cronos sogar noch sehr redselig. Fast schon zu sehr. Bereits im Vorfeld warnten mich Promoagentur und Label, dass Cronos gerne ohne Punkt und Komma redet und man deswegen Probleme bekomme, mit seinem Fragenkatalog durchzukommen. Und ja, auf meinem Diktiergerät standen bereits mehr als 7 Minuten, als Cronos meine zweite Frage beantwortet hatte. Also etwas das Tempo anziehen. Manchmal muss man einem Musiker auch mal ins Wort fallen - selbst wenn es eine Legende wie Cronos ist.

Was ich an dem Briten mit dem höchsten Haaransatz der Welt besonders schätze, ist seine Offenheit. Cronos ist tatsächlich noch immer der Punk, den er in der Eingangsfrage beschreibt: Klappe aufreißen, die eigene Meinung sagen. Ich finde das sehr erfrischend. Vielleicht sind Venom auch nur deswegen so weit gekommen und beeinflussten so viele Musiker. Einige Beispiele finden sich dafür ja nur eine Seite weiter. Die Rekrutierung geeigneter Musiker gestaltete sich als recht einfach. Fast jeder Old-School-Metaller führt die Band als einen wichtigen Einfluss an, man brauchte dort nur ein bisschen seine Fühler ausstrecken. Hail Of Bullets, Desaster und Gorgoroth waren die ersten, die sich umgehend zurückmeldeten und ihre Antworten rausschickten, die nachher in kompaktere Statements zusammengefasst wurden. Als vorerst letzter Kandidat erhielt ich dann noch die Antworten von Toxic Holocausts Joel Grind, der sich überglücklich zeigte und sich mehrfach per E-Mail dafür bedankte, dass ich ihn dafür gefragt hatte. Ist doch Ehrensache, Joel. Dennoch: Noch fehlte da was. Da waren sich Elvis und ich während einiger ICQ-Dialoge ziemlich sicher: Wir brauchten Onkel Tom von Sodom. Kaum ein anderer Musiker führt Venom so offenherzig als seinen Haupteinfluss an wie er. Einziges Problem: Auf meine private E-Mail antwortete er nicht, vom Label hörte ich vorerst auch nichts, es sah nicht gut aus. Also wurde das Special, das mittlerweile fertig geschrieben war, komplett ins Layout gepackt. Und wie es der Zufall so will, war die Seite gerade fertig, als plötzlich doch noch eine E-Mail von Tom ins Postfach flatterte. Also die Seite nochmal neu gebastelt. Tom Angelripper ist's wert.

Für mich war das Special übrigens ein super Anlass, um mich nochmal durch die Venom-Frühwerke zu hören. Mein Venom-Lieblingssong ist übrigens noch immer "Black Metal", dicht gefolgt von "One Thousand Days In Sodom".

The Devil's Blood Promofoto (c) Sandra Ludewig

Kann man nicht überbewerten: The Devil's Blood (c) Sandra Ludewig

Okay, genug über Venom schwadroniert. Damit wir auch die Leser begeistert dabei halten, die nichts mit Venom anfangen können (ich hoffe ja ehrlich gesagt, dass es solche Leser nicht gibt...), wollten wir einen direkten Kontrast danach schaffen. The Devil's Blood oder gar Krisiun dahinter zu packen, wäre doch arg eintönig gewesen. Also mal ganz bewusst die Pop-New-Gothic-irgendwas-Chart-Rocker Evanescence an der Stelle platziert. Ich hoffe nur, dass nicht allzu viele Venom-Special-Leser das Dokument reflexartig geschlossen haben. Ich will ehrlich sein: Ich mag Evanescence nicht. Ich kann verstehen, warum "Bring Me To Life" ein so großer Hit wurde. Der Song ist eben total eingängig. Aber Begeisterung löst diese Form von Musik nicht in mir aus. Mir war es dennoch wichtig, die Band mit in die Ausgabe zu packen. Die Musikszene, in der wir uns bewegen ist vielseitig. Manch einer mag bei Evanescence vielleicht einen klaren Schnitt ziehen, in meinen Augen wäre das aber nicht angebracht. Natürlich spielt die Band keinen klassischen Metal, aber die Einflüsse sind vorhanden. Außerdem ärgere ich gerne konservative Metaller. Lustigerweise hat sich bisher noch niemand beschwert. Sind vielleicht doch alles "Bring Me To Life"-Fans...

Eine sehr viel größere Ehre als Amy Lee im Magazin zu haben, war jedoch das Interview mit Fast Eddie Clarke. Motörhead sind zu wesentlichen Teilen mit dafür verantwortlich, dass ich heute die Musik höre, die ich höre. Und vor allem die Alben mit Fast Eddie zählen noch heute zu meinen Favoriten in der Motörhead-Diskographie. Umso cooler war es, dass das Interview mit dem mittlerweile Ü60-Gitarristen klappte. Die Telefonleitung machte zwar (typisch für Gespräche nach Spanien oder Portugal, habe ich neulich herausgefunden) immer wieder Zicken, aber ich und Fast Eddie hielten durch und gingen gemeinsam noch unseren Nachgefragt-Fragebogen durch. Der wird in der kommenden Ausgabe veröffentlicht. Ihr dürft gespannt sein!

Und von Popstars und alternden Rockstars zu der vielleicht aufstrebendsten Psychedelic-Rock-Band der vergangenen Jahre. The Devil's Blood können in meinen Augen gar nicht überbewertet werden. Die Musik, die Selim kreiert ist absolut einmalig. Seine Aussagen hingegen oft seltsam. Aber letztlich macht das ein Interview umso besser. Nichts ist langweiliger, als wenn Interviewer und Interviewter durchweg einer Meinung sind und sich gegenseitig die Eier schaukeln. Mit Selim kann man hingegen gut diskutieren und - was noch viel wichtiger ist - in seiner Meinung angreifen, ohne dass er es gleich persönlich nimmt und auflegt. Vermutlich sind ihm Interviewer viel zu unwichtig, als dass sie irgendeinen Einfluss auf ihn haben können.

Eine lockere Interviewsituation herbeizuzaubern, das ist auch D:A:Ds Jesper gelungen. Wie oft hat man schon einen Musiker zum Interview an der Leitung, der parallel seine Joggingrunden dreht? Meine kurioseste Interviewsituation war ein Phoner, bei dem mein Gesprächspartner in der Badewanne lag und gemütlich vor sich hinplanschte. Aber das ist eine Geschichte, die ich ein anderes Mal erzählen werde.

Anschließend bietet unsere Ausgabe noch viel Futter für die Fans extremerer oder düsterer Klänge. Krisiun, Isole und Hypocrisy sind dabei. Zuerst hatte ich mit Hypocrisy als Titelstory geplant. Dann wurde dieser Plan jedoch von Venom verdrängt. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Eines Tages landen Hypocrisy mit einem großen Special auf dem Cover, versprochen! Ansonsten möchte ich vor allem auf The Konsortium hinweisen. Wie alle unsere Debütastisch!-Teilnehmer haben auch diese Jungs ein saugeiles Debüt herausgebracht. Wenn David schon mal neun Punkte gibt...

Und damit sind wir bereits beim Kreuzfeuer angelangt. Zwei Dinge sind auffällig:
1. Brutal Truth holen sich, wie bereits erwähnt, einen vernichten Durchschnittswert ab. Und noch während ich diese Zeilen tippe, frage ich mich schon wieder, was die Jungs mit dieser Scheibe bezwecken wollten und wie man dafür sechs Punkte geben kann.
2. Ich habe das erste Mal seit weit über vier Jahren wieder die Höchstnote gegeben. Das letzte Mal war, wenn ich mich recht entsinne, am Anfang des Jahres 2007 und die Lorbeeren gingen an Abbath' Nebenprojekt I, das ich bis heute vergöttere. Ich will keineswegs sagen, dass es seitdem keine Alben gab, die nicht ebenfalls die vollen 10 Punkte verdient hätten, aber manchmal braucht eine CD noch etwas zum Reifen. Innerhalb eines Monats kann man so einer Platte ja nur eine bestimmte Anzahl an Durchläufen gönnen. Bei manchen bereits für sehr gut befundenen Alben, kristallisiert sich nach ein paar Monaten jedoch noch heraus, dass man es hier mit einem echten Meilenstein zu tun hat. Drei Alben, die mir sofort einfallen und eigentlich auch die Höchstnote verdient hätten: 1. Ghost - Opus Eponymous 2. The Devil's Blood - The Time Of No Time Evermore 3. Steel Panther - Feel The Steel.

Diesmal zücke ich die Höchstnote von Anfang an. Sonst ärgere ich mich hinterher wieder. Und verdient hat die Scheibe das zweifellos. Die Musik von The Devil's Blood ist so raffiniert, dass sie bei jedem weiteren Durchgang wächst und weitere Aspekte von sich offenbart. Ich habe in den vergangenen Wochen wirklich so gut wie täglich mehrere Runden lang "The Thousandfold Epicentre" laufen lassen. Teilweise lief die Platte sogar nachts, während ich bereits im Bett lag und schlief. An Faszination hat sie nicht eingebüßt. Ganz im Gegenteil! Und deswegen: Volle Punktzahl und das würdigste Killer-Album seit langem.

Ansonsten ist an der Review-Sektion nicht viel auffällig. Mich persönlich hat gewundert, dass Venom es so weit nach oben geschafft haben, gelten meine Kolleginnen Jenny und Miri doch sonst als gnadenlose Totschlägerinnen jedweder Rumpelmucke. Ansonsten ist die Review-Sektion wie immer: es gibt gute und es gibt schlechte Kritiken. Über die guten freuen sich Bands und Plattenfirmen, für die schlechten ernten wir die ein oder andere böse E-Mail - anonym versteht sich. Das gehört irgendwie dazu.

Machen wir also einen Sprung an das Ende der Ausgabe und begrüßen unsere neue Rubrik: die Tweetshow. Ich hatte schon lange die Überlegung, irgendeinen Rausschmeißer zu entwickeln. Leichte Unterhaltung sollte es sein. Dafür sind Live-Berichte nur bedingt geeignet. Irgendwann kam mir die Tweetshow-Idee. Die Umsetzung geschah dann überaus spontan wenige Tage vor Ausgabenschluss. Ich bin dennoch sehr zufrieden, wie sich die erste Ausgabe der Tweetshow präsentiert. Ich hoffe mal, dass wir da zukünftig jeden Monat spannende Twitter-Themen finden und dass ein paar mehr deutsche Metal-Musiker Zeit in ihren Twitter-Account investieren werden. Bisher scheint das ein überwiegend amerikanisches Phänomen zu sein. Für die kommende Ausgabe haben wir die Seite übrigens schon entworfen. Ihr dürft gespannt sein, welches Thema wir uns ausgeguckt haben. Das erfahrt ihr Ende November.

Ich geh dann mal weiter The Devil's Blood hören...