Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
18Jan/120

Die 50 besten Songs des Jahres 2011

Die 50 besten Songs des Jahres 2011

In einer musikalischen Bierrunde nach der nächsten muss ich mir Jahr für Jahr anhören, dass heutzutage ja keine gute Musik mehr rauskommen würde und früher sowieso alles besser war. "Schwachsinn!", sage ich. Auch heutzutage werden Jahr für Jahr unzählige grandiose Alben veröffentlicht, fantastische Songs geschrieben und Bands gegründet, die die Musik immer noch um ein wesentliches Stück bereichern. 2011 war ein Jahr mit vielen Highlights. Und damit man das nicht als inhaltslose Floskel abtun kann, habe ich mich in den letzten Wochen noch einmal kreuz und quer durch das vergangene Jahr gehört und eine Liste mit den 50 besten Songs aus 2011 zusammengestellt.

Das Erstellen solch einer Liste ist alles andere als einfach, wie ich dabei feststellen durfte. Und damit meine ich nicht die nicht eingehaltene Objektivität, auf die ich es bestimmt nicht abgezielt hatte, sondern das Schwanken der eigenen Meinung. Meine Liste umfasst Songs aus allen Bereichen des Heavy Metals, von hart bis zart. Es gibt Rock-Klassiker, die nach den Siebzigern klingen und elektronischen Metal. Black-Metal-Orgien und kitschige Schweineorgel-Songs. Poppige Refrains und Blastbeats. Dabei ertappte ich mich immer wieder selbst dabei, dass ich die Liste umstellte, je nachdem in welcher Stimmung ich war. Gute Laune und Partystimmung? Na klar, da muss ein Song mit Mitsing-Refrain und Pop-Appeal her. Schlechte Laune und Lethargie? Schwupps, schon habe ich Bock auf abstrusen, endlos ausufernden Black-Doom-Metal mit naturmystischem Einschlag. Und so ging es Tage, ach was: Wochen hin und her. Als ich endlich glaubte, ich habe eine endgültige, halbwegs stimmungsneutrale Einschätzung geschafft, stattete mir mein Bruder Benne einen Besuch ab. Wir saßen gemeinsam auf meiner Couch, tranken Bier und hörten uns in viereinhalb Stunden die gesamte Liste durch. Und natürlich warf ich wieder einiges über den Haufen.

Bei manch einem Song schreckte Benne erstaunt auf und fragte mich unverblümt: "Haben sie dir ins Gehirn geschissen?" Und in dem Moment fragte ich mich das auch. Ich erkannte überhaupt nicht mehr, was ich an dem Song ursprünglich gemocht hatte. Schwupps, weg war der Song (um welchen es sich handelt, werde ich aus Respekt vor den Musikschaffenden nicht verraten). Andere Songs hatte ich viel zu schlecht eingestuft und musste nun die passende Lücke weiter oben in der Rangliste finden. Dann wies mich Benne noch auf das ein oder andere Album bzw. den ein oder anderen Song hin, den ich vollkommen vergessen hatte. Also wurde die Liste wieder überarbeitet. Jetzt, nachdem weitere Wochen vergangen sind, bin ich halbwegs sicher, dass ich meine endgültige Liste fertig habe. Dass es hierbei keinen objektiven Maßstab gibt, erklärt sich von selbst. Vielmehr soll diese Liste ein kleiner Wegweiser sein. Ich bin mir sicher, dass die meisten den ein oder anderen tollen Song entdecken können.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Durchstöbern!

50. Moonsorrow - Tähdetön

Moonsorrow sind nach wie vor die derzeitige Spitze, wenn es um epischen Folk-Pagan-Metal geht. Einziges Problem: Diese Songkolosse, die selten kürzer als zehn Minuten gehen, wirken in Albenform mehr als Gesamtkunstwerk, weniger als einzelne Songs. Dass Titel und Texte auf Finnisch gehalten sind, macht den Wiedererkennungswert nicht unbedingt besser. Dennoch: "Tähdetön" ist ein wunderbarer Repräsentant für Moonsorrows Musik: Episch, voller Atmosphäre und wie immer auch ein wenig sperrig.

49. Opeth - Folklore

Wer hätte gedacht, dass ich jemals einen Opeth-Song für solch eine Liste in Erwägung ziehen werde? Aber der gute Mikael hat es sich verdient - auch wenn Liebhaber der Band die Truppe vermutlich sehr viel weiter vorne positionieren werden. Was hat sich also geändert? Nun, Opeth machen nicht mehr progressiven Death-Melancholic-Rock-irgendwas-Metal, sondern werden auf ihrem aktuellen Album sehr viel psychedelischer, was durchaus gewagt ist, sich aber zumindest in meinem Fall bezahlt gemacht hat. "Folklore" kreiert eine ganz merkwürdige, faszinierende Atmosphäre und wird vor allem gegen Ende zu einem mitreißenden Stück, dem man aber etwas Zeit geben muss.

48. Megadeth - Sudden Death

Die Rückkehr von Megadave: So einen Hit wie "Symphony Of Destructon" erwarte ich von Megadeth nicht mehr, aber "Sudden Death" lässt durchblicken, dass der Rotschopf nach wie vor den ein oder anderen Riff aus dem Ärmel schütteln kann, der hängen bleibt. Coole Solos gibt es sowieso.

47. Arch Enemy - Bloodstained Cross

Arch Enemy gehören zu den Bands, für die ich mich zu "Anthems Of Rebellion"-Zeiten richtig begeistert habe. In meinen Augen sind die Alben der Band zwar mittlerweile recht redundant, aber "Bloodstained Cross" wirkt wie eine kleine Erinnerung, warum die Band so populär geworden ist: Michael Amott ist ein Gott an der Gitarre, die Melodien sind toll, Angelas Stimme ist nach wie vor cool - einer der besseren Arch-Enemy-Songs seit dem Kracheralbum von 2003.

46. Absu - Circles Of The Oath

Miri hat Absu mal passenderweise als eine epileptische ADS-Truppe bezeichnet. Besser bringt man die Mucke dieser freakigen Black-Thrasher eigentlich nicht auf den Punkt. Für sanfte Gemüter ist dieser chaotische Hochgeschwindigkeitstrip nichts, aber definitiv eine der besten Abrissbirnen des Jahres.

45. Samael - Luxferre

Es gibt nur wenige Bands, die Metal mit Elektronik kreuzen können, ohne dass dabei totaler Mist herauskommt. Samael haben dieses Verfahren perfektioniert und werden dabei eigentlich nur noch von Rob Zombie und Pain übertroffen. Mit denen lassen Samael sich aber auch irgendwie nicht vergleichen. Denn Samael sind trotz allem böser, dunkler, okkulter - das muss am Black-Metal-Background liegen. Ursprünglich starteten die Schweizer nämlich als eine der ganz frühen Black-Metal-Bands.

44. Eat The Gun - Runner

Die vermutlich unbekannteste Band in dieser Top 50 - und dabei habe ich später sogar eine Band ohne Label dabei, die aber absoluten Kultstatus genießt. Von dem sind Eat The Gun noch meilenweit entfernt. Mit "Runner" sind die Jungs aus Münster jedoch auf einem guten Weg. Zugegeben: Das zu diesem Song gehörende Album finde ich mit jedem weiteren Durchlauf noch belangloser, aber diese fast schon poppige Rockhymne hat es mir mit ihrem catchy Refrain angetan.

43. Negura Bunget - Hotar

Natur zu vertonen erfreut sich im heidnischen Metal einer enormen Beliebtheit. Doch während die ganzen grässlichen Pseudowikinger bei ihren Versuchen meist kläglich scheitern, verbuchen Negura Bunget seit Beginn ihrer Karriere einen Erfolg nach dem nächsten. Auch "Hotar", das erste Stück der 2011 erschienenen EP, kreiert eine unglaubliche Atmosphäre, wie es nur Negura Bunget zu schaffen vermögen. Das ist keine Musik für Nebenher. Solche Songs muss man alleine in der Dunkelheit auf Kopfhörer hören - vorzugsweise während man einen nächtlichen Waldspaziergang macht.

42. Thulcandra - In Blood And Fire

Manchmal glaube ich, Jon Nödtveidt ist gar nicht tot, sondern hat sich einer Gesichtsoperation unterzogen und macht nun bei Thulcandra Musik. Die Band, die von Obscuras Steffen Kummerer angeführt wird, klingt so dermaßen nach Dissection, dass es schon gruselig ist - kalt-klirrende Riffs inklusive. Für Fans der Black-Death-Legende ist das Pflicht!

41. HammerFall - Bang Your Head

Metal Mirrors HammerFall-Kultist David wird vermutlich schon Anschlagspläne auf mich vorbereiten, aber höher haben es HammerFall nicht in meiner Rangliste geschafft. Keine Frage, die Truppe gehört zu den besten Bands ihres Genres, aber für mich hat die Band seit "Legacy Of Kings" einen stetigen Abstieg erfahren. "Bang Your Head" ist eine arschcoole Metal-Hymne mit klischeehaftem Text, tollen Vocals von Gottsänger Joacim Cans, aber so ein pures Euphoriegefühl wie einst "Heeding The Call" kann das bei mir nicht mehr auslösen. Sorry, David...

40. Hell - On Earth As It Is In Hell

Für RockHard-Chef Götz laut einem Zitat auf einer Magazin-Rückenanzeige das beste Metal-Album des Jahres... Das sehe ich anders, aber zweifellos sind Hell ziemlich geil, was in erster Linie an den sehr charakteristischen Oldschool-Vocals liegt. Hell holen - wie so viele Bands heutzutage - die Achtziger zurück: schnelle Riffs und King-Diamond-Tribut-Gesang. Was viele Bands vergeblich versuchen, gelingt Hell scheinbar ganz locker. Der Song, zu dem es auch ein offizielles Video gibt, ist das definitive Aushängeschild der Platte. Mehr solcher Hits und ich schließe mich Götz vielleicht eines Tages an.

39. Taake - Myr

Nochmal in aller Klarheit: Ich mag Taake nicht. Und vor allem mag ich Hoest nicht. Aber wenn ich das Album einmal losgelöst von all dem Unfug und den Querelen betrachte, die der Frontdepp in der Vergangenheit fabriziert hat, dann sticht in erster Linie "Myr" als ziemlich cooler Black-Metal-Song heraus. Vor allem, weil er zur einen Hälfte klassischer True Norwegian Black Metal ist, in der zweiten Hälfte aber mit einem minutenlangen Banjo-Einsatz schockiert. Das, lieber Hoest, ist musikalische Provokation, wie man sie gerne sieht. Also belasse es dabei und spare dir all den anderen Quatsch.

38. Sebastian Bach - Kicking & Screaming

Der Skid-Row-Fronter, Musical-Darsteller, Rolling-Stone-Coverboy, Frauenschwarm, Gilmore-Girls-Schauspieler und beste Freund von Axl Rose ist zurück mit einer Soloplatte: Sebastian Bach. Darauf hören wir viel belanglosen Kram, aber eben auch einen Ohrwurm, nämlich den Titeltrack "Kicking & Screaming". Mir ist der Song zwar etwas zu modern produziert und ich bin nicht durchweg in der Stimmung für den charakteristischen Gesang Bachs, aber dieser Song hat Eier, einen geilen Refrain und obendrein ein Killer-Riff. Und das ist wohl mehr, als die meisten von dem Tausendsassa erwarteten.

37. Riotgod - Breed

Kyuss lassen grüßen: Riotgod stehen ganz in der Tradition der besten, tollsten, coolsten, größten, einflussreichsten (sorry, ich gerate ins Schwärmen) Stoner-Rock-Band aller Zeiten. Dabei stecken hinter Riotgod auch keine unbekannten Gesichter. Die beiden Monster-Magnet-Mitglieder Jim Baglino (Bass) und Bob Pantella (Schlagzeug) haben diese Band 2006 gegründet und klingen so unglaublich schwer, groovy und cool, dass es eine Freude ist. Obendrein klingt Sänger Mark Sunshine so dermaßen nach John Garcia, dass ich immer wieder vermute, dass der Name lediglich ein Pseudonym Garcias ist.

36. Uriah Heep - Into The Wild

"Die Rückkehr der Rock-Dinosaurier" lautete die Überschrift des Interviews, das ich in diesem Jahr mit den Rockgöttern führte, die unter anderem die Welthits "Easy Livin'" und "Lady In Black" verzapft haben. Uriah Heep sind zweifellos eine der ganz wenigen Bands, die es nicht nötig haben, sich auf ihre einstigen Erfolge zu berufen, damit man sich ihre neuen Songs gerne anhört. "Into The Wild" ist das beste Beispiel dafür. Während Nazareth sich erst dieses Jahr vollkommen selbst demontiert haben, sprühen Uriah Heep vor Energie. Die Schweineorgel dudelt herrlich, die Solos sind geil, der Song hat einfach alles, wofür ich Uriah Heep seit meiner frühsten Kindheit liebe.

35. The Konsortium - Under The Black Flag

The Konsortium gehören zweifellos zu den besten Newcomern des aktuellen Jahres. Im Black-Thrash-Genre sind sie sogar die unumstritten beste Neuentdeckung des vergangenen Jahres. "Under The Black Flag" macht das binnen weniger Sekunden deutlich: Auf so einen geilen Riff und so eine seltsame Haudrauf-Atmosphäre können andere Bands einige Jahrzehnte erfolglos hinarbeiten. Wer hinter der Band steckt, ist übrigens weitgehend unbekannt: Die Bandmitglieder haben sich schlicht durchnummeriert. Man weiß lediglich, dass Teloch (war u.a. bei Gorgoroth und Mayhem aktiv) mit von der Partie ist.

34. Endstille - Bloody H (The Hurt-Gene)

Ich war ja der festen Überzeugung, dass Endstille tot sind. Erster Indikator waren die ohnehin mit jedem Mal schwächer werdenden Alben, die vermuten ließen, dass die Band ihren Zenit recht früh (nämlich 2005 mit "Navigator") erreicht hatte. Dann kam hinzu, dass man sich von der doch sehr charakteristischen Stimme Iblis' trennte. Mit Zingultus, den Black-Metal-Hardliner von den überaus geilen Graupel kennen werden, haben die Norddeutschen jedoch einen noch besseren Schreihals gefunden, der sich überraschend gut in das Endstille-Fundament einfügt. "Bloody H", ein typischer Vertreter der auf jedem Endstille-Album vertretenen Nach-vorne-Nummern, macht ziemlich deutlich, dass die Band vielleicht ihren zweiten Frühling erlebt. Mal abwarten...

33. In Solitude - The World, The Flesh, The Devil

Über Hell habe ich erst einige Songs vorher geschrieben, In Solitude fahren eine ähnliche Schiene, sind in meinen Augen jedoch besser. Die Band spielt ebenfalls geilsten Oldschool-Metal, der ganz und gar im Erbe der großen Mercyful Fate ergo King Diamond steht. Auch hier sind es die Vocals, die den Ausschlag geben. Live hat mich das im vergangenen Jahr weniger überzeugt, aber das mag auch daran gelegen haben, dass die Band zu recht früher Stunde ran musste und in der ausnahmsweise vorhandenen Festival-Sonne nicht zünden konnte.

32. Vreid - Welcome To The Asylum

Ich muss gestehen: Im Gegensatz zu allen vorherigen Alben, hat mich Vreids aktuelle Scheibe eher enttäuscht. "Milorg" hatte 2009 so viele geile Hits zu bieten, auf "V" entdecke ich nur einen Song, der es mit den frühen Granaten aufnehmen kann. Nicht dass wir uns falsch verstehen: die meisten Songs auf "V" sind immer noch gut, aber Vreid können es eben noch besser, das weiß ich! Und das zeigt auch "Welcome To The Asylum", ein grooviger Black-Metal-Kracher, der mich in wenigen Momenten sogar an die frühen Immortal erinnert, bevor es mit Vreid'schem Groove weitergeht.

31. U.D.O. - Rev-Raptor

Es ist erstaunlich: Ich habe Udo Dirkschneider gedanklich schon oft abgeschrieben und den "German Tank" dabei scheinbar unterschätzt. Zwar wirkt der ex-Accept-Sänger bei allem, was er heute tut, etwas gelangweilt, aber "Rev-Raptor" (und auch sein Bruder "Leatherhead") ist ein saugeiler Heavy-Metal-Hammer, den man unweigerlich mitsingen muss! Der Song folgt Heavy-Metal-Schema F, macht dabei aber so ziemlich alles richtig. Das Abschreiben kann ich also wieder abschreiben...

30. Johann Wolfgang Pozoj - I Am The Forest

Ein absoluter Geheimtipp für Black-Metaller. Erst ganz am Ende des Jahres stolperte ich mitten in der Nacht über diese Black-Metal-Truppe aus Kroatien und war hin und weg: Die Band hat Aggressivität, sie hat Groove und ein tolles Gespür fürs Tempo. Als ich am Ende auf "I Am The Forest" stieß, war ich so umgehauen von der Kombination des mystischen Intros und dem geilen Black-Metal-Groove, das ich den Song kurzerhand in diese Liste aufnahm. Jetzt, Wochen später, hat sich meine Begeisterung noch immer nicht gelegt. Wer Black Metal mag, wird Johann Wolfgang Pozoj trotz des komischen Namens lieben.

29. Venom - Hammerhead

Zugegeben: Venom kann man nicht immer hören. Die Musik ist so unglaublich stumpf, dass man in eben solch einer Laune sein muss, um einen Songrüpel wie "Hammerhead" genießen zu können. Ist man jedoch in der passenden Stimmung, gibt es kaum etwas, was einen zufriedener stellen kann als eine Krachgranate wie der Opener des aktuellen Albums "Fallen Angels". Groove, Quietsche-Solo, Cronos gewaltiges Organ - das sind Venom wie sie sich in dreißig Jahren nicht weiterentwickelt haben.

28. Debauchery - Zombie Blitzkrieg

Mir ist egal, was die Death-Metal-Fraktion sagt: Debauchery sind cool. Natürlich gibt es etliche Songs, die mir am Allerwertesten vorbeigehen, aber auf jedem Album holt Thomas mindestens zwei oder drei Songs aus dem Ärmel, die einfach Bock beim Hören machen. Natürlich ist das kein "richtiger Death Metal", aber wen interessiert das? Mich nicht. Nennt es Death'n'Roll, Zombie Metal, Debauchery Rock, nennt es wie ihr wollt, das ändert nichts daran, dass Songs wie "Zombie Blitzkrieg" Laune machen. Fakt!

27. Skeletonwitch - This Horrifying Force (The Desire To Kill)

Die "Arschlöcher aus Ohio", wie sie sich beim Interview vorstellten, das ich mit Teilen der Band auf dem Wacken Open Air führte, sind obendrein absolut überragende Songschreiber, die sich bevorzugt irgendwo zwischen Black-Thrash und NWOBHM austoben. "This Horrifying Force (The Desire To Kill)" geht eher in die schnelle Black-Thrash-Richtung, überzeugt dabei aber mit immer wieder reingearbeiteten Melodiepassagen.

26. Tsjuder - Fra En Ratten Kiste

Ich habe auf das aktuelle Tsjuder-Album lange gewartet. Sehr lange. Wie ich in diesem Blog schon einmal geschrieben habe, zählt ihr 2004er Album "Desert Northern Hell" zu den besten jüngeren Scheiben des norwegischen Black Metals. Bei so viel Erwartungsdruck hatten es Tsjuder keinesfalls leicht bei mir und in der Tat war ich ein klitzekleines bisschen enttäuscht, als ich "Legion Helvete" hörte. Das Album ist nicht so gut wie sein Vorgänger, aber eben immer noch viel besser als so ziemlich alles andere, was dieser Tage im True Norwegian Black Metal herauskommt. "Fra En Ratten Kiste" ist der zweifellos beste Song auf dem Album. Die Nummer hätte auch gut und gerne von "Desert Northern Hell" stammen können, wäre da aber unter den ewigen Killern "Mouth Of Madness", "Ghoul" und "Malignant Coronation" etwas untergegangen.

25. Sister - Too Bad For You

Diesen Song hier aufzulisten, ist ein bisschen geschummelt, denn ursprünglich erschien dieser Ohrwurm bereits 2009 auf einer EP. Für ihr Metal-Blade-Debüt "Hated" hat die Band jedoch eine neue Version des Songs aufgenommen, der an Partylaune nichts eingebüßt hat. Die Typen mögen mit ihrem Mötley-Crüe-Look bei manchen Metallern auf Unverständnis stoßen (ich finde es supercool!), aber selbst die Kajal-Hasser da draußen können diesem Song eigentlich nicht guten Gewissens seine Qualität absprechen. Und wenn doch: Too bad for you!

24. Djerv - Madman

Eine überraschende Entdeckung von Metal Mirrors Jenny. Djerv machen... nunja... was machen Djerv eigentlich? So richtig zusammenfassen kann man das gar nicht. Die Gitarren sind catchy, der Bass wummert ziemlich. Die Band hat Groove, tolle Refrains, der weibliche Gesang ist ausgeflippt und erinnert teilweise an deutsche New-Rock-Bands der Marke frühe Guano Apes, nur um einen dann im nächsten Moment in eine völlig andere Richtung zu lenken. Ich finde dafür einfach kein Genre. Und das brauche ich auch nicht. Djervs "Madman" macht unglaublich viel Laune! Kleine Randnotiz: Die Sängerin Agnete, auf youtube wird sie als "Gwen Stefani from Hell" charakterisiert, sang auch bei Dimmu Borgirs Single "Gateways" den weiblichen Part. Grandiose Stimme!

23. Woods Of Desolation - Darker Days

Ich bin ja sehr froh, dass ich mich doch nicht um einen Lunar-Aurora-Ersatz kümmern muss, weil die deutsche Black-Metal-Legende in Kürze ein neues Album veröffentlichen wird. Aber wenn ich eine neue Band für den Thron des atmosphärischen Black Metals brauchen würde, wären die Australier Woods Of Desolation heiße Anwärter. Grandiose Synthesizer, eine unglaublich verstörende und zugleich epische Atmosphäre, die durch den Wechsel aus Gekeife und mystischem Clean-Gesang nur noch verstärkt wird - genau so muss Black Metal klingen.

22. Forgotten Tomb - Reject Existence

Ich bin nicht stolz darauf, dass Forgotten Tomb in dieser Liste auftauchen. Herr Morbid, der Fronter dieser italienischen Truppe, ist ein hochgradig unsympathischer Kerl, der nicht nur fragwürdige Aussagen tätigt und zwielichtige Beziehungen pflegt, sondern in Interviews auch gerne ausfällig gegenüber Journalisten wird. Nichtsdestotrotz ist "Reject Existence" ein absolut faszinierender Song eines sehr guten Albums, das sich irgendwo zwischen Black Metal, Doom Metal, sehr viel Atmosphäre, Melodien und Rock ansiedelt. Diese Mischung hat Charakter. Und zwar einen sehr viel besseren als ihr Schöpfer.

21. Sarke - Pessimist

Zeit für Dampfhammer-Musik! Natürlich wurde es Sarke sehr einfach dadurch gemacht, dass sich Nocturno Culto von Darkthrone dazu bereit erklärte, die Vocals bei dieser eigentlich als Soloprojekt gestarteten Band zu übernehmen, aber Nocturno hat nur beschleunigt, was sonst ohnehin geschehen wäre: die Band hätte von sich hören lassen. Thomas "Sarke" Berglie hat ein so unglaubliches Händchen dafür, düsteren Metal mit Rock'n'Roll zu kombinieren, dass der Fuß niemals still stehen kann. Wer bei "Pessimist" nicht mitwippt, kommt von einem mir fremden Planeten. Nocturnos rotzige Vocals veredeln diese Mischung obendrein.

20. Steelpreacher - We Want Metal

Die Top 20 startet mit einer Band, die nach wie vor alles in Eigenregie macht und auf so ziemlich alles scheißt, was man machen müsste, um richtig groß und professionell durchzustarten. Egal, Kultstatus genießen die Steelpreacher trotzdem. Ihr Erfolgsgeheimnis: Diese Jungs sind echte Originale, die obendrein ein Händchen für eingängige Melodien und Refrains haben. Ja, ihr ganzen Spötter, ich weiß: Das ist keine komplexe Musik, da gibt es keine technischen Spielereien. Aber seit wann kommt es darauf in der Musik an? Die Songs sollen Spaß machen und nach geilem Achtziger-Metal klingen. Für die chaotischen Jungs aus Koblenz ist das ein Kinderspiel. Die Produktion von "We Want Metal" könnte zwar etwas besser sein, aber trotzdem brüllt man den Song jederzeit gerne inbrünstig mit.

19. An Autumn For Crippled Children - Formlessness

Schon das Debüt der mysteriösen Black-Metal-Band begeisterte mich fast ausschließlich. Der Zweitling "Everything" zieht da gebührend nach. "Formlessness" ist ein Musterbeispiel dafür, warum diese Band einen so aufzurütteln vermag. An Autumn For Crippled Children (seltsamer Name übrigens, der oft nur mit AAFCC abgekürzt wird) haben längst die Grenzen des reinen Black Metals hinter sich gelassen. Das Gekeife ist zwar hoch und verzerrt, die Gitarren schrammeln ganz schön und mit Brutalität wird nicht gegeizt, aber dann gibt es eben diese vielen Passagen, in denen das ganze Gekloppe nur Beiwerk ist und eine überaus harmonische Melodie in den Vordergrund rückt und für eine sehr entrückte Atmosphäre sorgt. Ist das Post-Black-Metal? Avantgarde-Black-Metal? Experimental oder Atmospheric Black Metal? Scheißegal, es ist saugeil!

18. Amon Amarth - For Victory Or Death

Im Gegensatz zu vielen anderen Bands, die irgendwann vor fünf-sechs-sieben Jahren den großen Durchbruch schafften, haben sich Amon Amarth nie wirklich verschlechtert. Ganz im Gegenteil: Ein so rundum gelungenes Album wie seinerzeit "Versus The World" haben die schwedischen Death-Metaller zwar nie wieder abgeliefert, aber was das Songwriting anbelangt, sind die fünf Wikinger mit jedem Album gereift, haben sich mehr und mehr vom reinen Death Metal verabschiedet (zum Leidwesen der True-Fraktion) und sich mehr auf das Spiel mit Melodien eingelassen. Das trägt Früchte: "For Victory Or Death" überzeugt erneut mit einer umwerfend schönen Melodie, eingebettet in das Death-Metal-Fundament. An "Embrace The Endless Ocean" vom Vorgängeralbum kommt der Song nicht ran, rangiert bei mir aber auf jeden Fall in der Top 5 der besten Amon-Amarth-Songs.

17. Demonaz - Where Gods Once Rode

Ih finde es sehr cool, dass Demonaz es trotz seiner Krankheit (der Gründer, Texter und ex-Gitarrist von Immortal leidet unter einer chronischen Sehnenscheidenentzündung) geschafft hat, ein Soloalbum aufzunehmen. Natürlich sind die Parallelen zu seiner Hauptband, für die er ja noch heute alle Texte verfasst, unübersehbar. Allerdings ist Demonaz weniger Black-Metal-konform, sondern schlägt eine sehr viel epischere Breitseite mit viel Heavy Metal ein. Teilweise erinnern die Songs an das geniale I-Album, an dem Harald Nævdal, so Demonaz' bürgerlicher Name, ebenfalls mitgewirkt hat. Und dieser Vergleich kann nur Gutes bedeuten!

16. Turisas - Stand Up And Fight

Völlig zu Unrecht wurden Turisas seit jeher zu der Vielzahl an Bands hinzugezählt, die Mitte des vergangenen Jahrzehnts im schier endlosen Strome des Viking-Hypes auf der Welle des Erfolges mitschwammen. Dass Turisas sich stets bei Touren mit derlei Bands zusammenschloss, sorgte zusätzlich dafür, dass die Mathias Nygard und seine Mannen mehr und mehr mit dieser Szene verschmolzen. Dabei sind Turisas eigentlich in allen Belangen sehr viel komplexer, tiefgründer und schlicht besser als 99 Prozent der Bands, die diese Szene bis heute bevölkern. Mittlerweile kann die Band problemlos ein 60-Minuten-Set ausschließlich mit Hits füllen. Das neue Album gleicht einem epischen Film-Soundtrack, bei dem aber auch erneut der großartige Hit nicht fehlen darf. Diesmal hört er auf den Namen "Stand Up And Fight" und hat beste Chancen, dem Evergreen "Battle Metal" den Rang abzulaufen.

15. Blood Ceremony - My Demon Brother

Das große Siebziger-Revival wird bisher noch nicht langweilig. Blood Ceremony mögen nicht ganz so sensationell wie Ghost, Rival Sons oder The Devil's Blood sein, aber die Truppe geht mit so viel okkultem Dunkelcharme an ihre Musik heran, dass Gänsehaut garantiert ist. Hammond-Orgel, psychedelischer Frauengesang, schwerer Doom-Sound, toller Refrain - Blood Ceremony sind so etwas wie die weiblichen angeführten Black Sabbath der Neuzeit.

14. Amorphis - Battle For Light

Von Amorphis habe ich wirklich gar nichts mehr erwartet. Für mich war eigentlich immer nur die Phase rund um das grandiose "Tales From The Thousand Lakes" interessant. Ihr neues Album "The Beginning Of Times" und allen voran "Battle For Light" hat mich wieder auf sie aufmerksam gemacht. Der Song hat einfach alles, was ich mir von Amorphis wünsche: Brutale Vocals, sanfte Vocals, tolle Synthesizer und Melodien, die so wunderschön und melancholisch sind, dass es schon fast weh tut.

13. Skull Fist - Get Fisted

Schwupps, mit einem Mal ist man mitten in den Achtzigern. Wo die Metal-Musiker noch unförmige Wildwuchs-Matten trugen, Spandexhose und Kutte Hand in Hand gingen. Wo es längst nicht um technischen Firlefanz und perfektes Timing ging, sondern um die Energie, die die Musik versprüht. Skull Fist aus Kanada wirken wie Relikte aus dieser Zeit, sind dabei aber alle gerade Mal in ihren frühen Zwanzigern. Dass die Musik trotzdem hochgradig authentisch, ja fast partytauglich wirkt, mag daran liegen, dass diese Bands sich nicht nur ein Image aufgebunden haben, sondern das Musikerdasein mit jeder Faser ihres Körpers leben.

12. Pain - The Great Pretender

De facto gibt es keine Band, die Electro und Metal besser verbindet, als es Pain tun. Bei den Schweden kann man sich immer darauf verlassen, dass es mindestens drei richtige Hits auf einem neuen Album gibt. Es ist fast schon unheimlich, wie Peter Tägtgren, den ich sehr viel mehr für seine Musik als für seine Produzententätigkeit schätze, immer wieder so unendliche viele Ideen zu haben scheint. Dieser Typ ist eine Maschine. "The Great Pretender" ist nur einer von echt sehr vielen geilen Songs, die sich auf dem neuen Album "You Only Live Twice" finden lassen und schlägt eine perfekte Brücke zwischen elektronischen Synthesizer-Ohrwürmern und den harten Metal-Riffs, für die Peter ja ohnehin schon seit den frühen Neunzigern bekannt ist.

11. Nicke Borg - Alone

Ich liebe die Backyard Babies! Diese Jungs sind die sleazy, dreckigen Straßenköter des schwedischen Rock'n'Rolls - und ohne jede Anbiederei haben sie es bis an die Spitze der dortigen Musikszene geschafft. Das verdient Respekt! Doch auch wenn mir die Fähigkeiten der Backyard Babies bekannt waren, wäre ich niemals darauf gekommen, dass Nicke Borg, der Babies-Fronter, auch in der Lage ist, ein göttliches Soloalbum zu fabrizieren. "Alone", der Opener der Scheibe, ist zwar genau wie die ganze restliche Scheibe eine ganze Ecke sanfter als die Musik der Backyard Babies, frisst sich mit seiner folkigen Akustikgitarre jedoch schon beim allerersten Mal tief in die Gehörgänge - Musik für so ziemlich jede Stimmungslage!

10. ICS Vortex - Odin's Tree

Als Simen Hestnæs, so ICS Vortex' bürgerlicher Name, seine damalige Hauptband Dimmu Borgir verließ, war ich bestürzt. Die einzigartige Stimme des norwegischen Hünen hatte sich zwar nie in den Fokus der Musik der norwegischen Black-Metaller gedrängt, machte für mich aber trotzdem einen der wichtigsten Parts in diesem komplexen Konstrukt namens Dimmu Borgir aus. Mittlerweile hat sich meine Trauer gelegt, denn Dimmu Borgir haben trotz allem eine gute Scheibe abgeliefert und obendrein beschert uns Simen mit seinem ersten Soloalbum einen ungeahnten Ohrgasmus. Ich glaube nicht, dass es irgendjemanden gibt, der so eine Stimme wie ICS Vortex hat. Das war mir schon klar, bevor es diese Soloscheibe gab. Sie macht jedoch das unglaubliche Potenzial dieses Musikers noch eine ganze Ecke deutlicher. Sein glasklares Organ, gepaart mit progressivem, atmosphärischen Pagan-Folk-irgendwas-Metal, das ist ein akustisches Supermenü, von dem ich gerne einen dicken Nachschlag hätte.

9. Urfaust - Ein leeres Zauberspiel

Schummelalarm, aber ich konnte nicht anders: Urfausts "Der freiwillige Bettler" kam eigentlich schon im November 2010 heraus. Da die Promophase für dieses Album aber irgendwie etwas versetzt lief, erhielten wir die Platte erst 2011. Und ich kann einfach nicht verantworten, dass dieser Song und diese Band hier nicht auftauchen, denn Urfaust machen die vielleicht ungewöhnlichste Musik, die ich kenne. Irgendwie ist das Black Metal. Aber mit dem seltsamsten Gesang, den man sich vorstellen kann. Dieser Track gehört zu den direktesten, die man in der Urfaust-Diskographie finden wird. Oft lebt sich die Band auch in Doom-Metal-beeinflussten Atmosphärik-Orgien aus. Mir gefallen diese Frontalattacken jedoch nach wie vor am besten. "Ein leeres Zauberspiel" sagt in dreieinhalb Minuten alles, was man sagen kann. Ohne dass man auch nur ein einziges Wort versteht. Große Kunst!

8. Steel Panther - Tomorrow Night

Auf Platz 8 eine Band, die weit weniger komplex, dafür umso kultiger ist: Steel Panther starteten als Glam-Metal-Parodie. Und vielleicht sind sie das immer noch. Im Gegensatz zu allen anderen musikalischen Parodien, die man im Heavy Metal so kennt, haben die vier Jungs aus Los Angeles (woher auch sonst?) es jedoch geschafft, Musik zu schreiben, die es mühelos mit jeder Achtziger-Poser-Metal-Kapelle aufnehmen kann. Jeder Song ein Ohrwurm, geile Solos eines unglaublich guten Gitarristen und dazu das bekloppte, mit einem leichten ironischen Zwinkern vorgelebte Rockstar-Dasein - natürlich auch mit jeder Menge Schminke, Haarspray, Lippenstift und Glitzerklamotten. Glam Metal kann so schön sein. "Tomorrow Night" ist die Partyhymne des neuen Albums "Balls Out". Ich garantiere: Jeder kann diesen Song beim zweiten Mal mitsingen.

7. Nightwish - Storytime

Niemals, ich betone, NIEMALS hätte ich Anfang des Jahres geglaubt, dass am Ende Nightwish überhaupt in meiner Top 50 landen werden. Im Gegenteil: Ich hätte jede Wette angenommen, dass ich dieses Album hassen werde. Und hier sitze ich nun, ein Jahr später, und bin geläutert: Ich mochte Nightwish wenn überhaupt nur mit Tarja Turunen. Die neue Sängerin hat mich auf dem Wacken Open Air sogar mal so sehr gelangweilt, dass ich auf dem matschigen Festivalboden eingepennt bin. Als ich das erste Mal "Storytime", die erste Single des neuen Albums "Imaginaerum" hörte, war es sofort um mich geschehen. Ich habe im ersten Moment meinen Ohren gar nicht geglaubt. Das ist wieder genau die Nightwish-Atmosphäre, die ich ein Jahrzehnt früher faszinierend fand. Nur mit neuer Sängerin, die auf einmal toll in den Sound passt. Auf dem Album, das mittlerweile mit Gold ausgezeichnet wurde, ist bei weitem nicht jeder Song ein Hit, aber "Storytime" gehört unantastbar zu den besten Songs, die dieses Jahr hervorgebracht hat. Und das schockiert mich selbst ein bisschen.

6. Status Quo - Frozen Hero

Status Quo beweisen neben Uriah Heep (und sogar noch etwas besser), dass man für Rock'n'Roll nie zu alt ist. Francis Rossi hat die 60 mittlerweile hinter sich gelassen und doch kann ich einfach nicht fassen, wie frisch diese Platte wirkt. Ich liebe diesen typischen Status-Quo-Groove. Diese etwas zahnlosen Gitarren, dieser tanzbare Rhythmus, diese tollen Refrains - ich liebe diese Band, ich liebe ihr neues Album "Quid Pro Quo" und ich liebe vor allem diesen unfassbar coolen, groovigen Rock'n'Roll-Song. Macht bitte lange weiter, ihr Rockgötter!

5. Primordial - Bloodied Yet Unbowed

Alan "Nemtheanga" Averill hat eigentlich keine Konkurrenz, wenn er auf der Bühne steht. Der Sänger der irischen Pagan-Metaller Primordial gehört in meinen Augen zu den besten Frontern, die es jemals im Heavy Metal gab. Seine theatralischen Auftritte, die gesamte Gestik, jeder einzelne Blick löst bei mir immer wieder eine Gänsehaut aus - von seinem genialen, einfach nicht kopierbaren Organ einmal ganz abgesehen. Seit ihrem Album "The Gathering Wilderness" (2005) thronen Primordial weit, weit über der gesamten restlichen Folk-irgendwas-Szene, die mir in weiten Teilen mit ihrem Phrasengedresche, ihrer Oberflächlichkeit und ihren Thorshämmern nur auf die Nerven geht. Primordial haben sich lange abgesetzt. Warum Namedropping aus der Edda betreiben, wenn man ganz geschickt einen Bogen zur heutigen Politik und den vielen Problemen in Irland spannen kann? Primordial, und allen voran ihr unersetzbarer Fronter, leben im Hier und Jetzt und sind zudem mit einem musikalischen Talent gesegnet, dass es mir immer wieder aufs Neue die Sprache verschlägt. "Bloodied Yet Unbowed" ist so ein Track. Emotionaler, verstörender, epischer kann ein Song kaum sein.

4. Shining - Tillsammans Är Vi Allt

Ach, der will doch nur spielen: Niklas Kvarforth fällt oft nur wegen seiner seltsamen Aussagen, der unvorhersehbaren Bühnenshow und seinem exzentrischen, sich gerne in Szene setzenden Charakters auf. Ich schmunzle darüber und nehme diesen Typen eigentlich nie wirklich für voll. Niklas weiß, wie er sich zu inszenieren hat. Provokation bedeutet Publicity. Publicity bedeutet gute Verkaufszahlen und gute Verkaufszahlen bedeuten lecker Rotwein für diesen Verrückten. Schade ist nur, dass bei all dem Trubel um das Drumherum ständig vergessen wird, was für ein fantastischer Musiker Kvarforth ist. "Tillsammans Är Vi Allt" ruft das mal wieder ins Gedächtnis. Der Song ist eine Mischung aus derbem, aber nie dreckigen Black Metal und Pop-Nummer. Ja, richtig gehört. Und genau dieser Kontrast macht diese neuneinhalb Minuten so unwiderstehlich. Verstärkt wird das durch den Einsatz des schwedischen Popsängers Håkan Hemlin, der gemeinsam mit Kvarforth für Gänsehautstimmung sorgt. Ohne Skandal ging übrigens auch dieser Song nicht: Der Titel bedeutet zu deutsch so viel wie: Nur zusammen sind wir ein Ganzes und wurde Håkan Hemlin, der jahrelang massive Drogenprobleme hatte, als Liebessong beschrieben. Was er nicht ahnte: Der Song war keineswegs Kvarforths Liebeserklärung an eine Frau, sondern an Heroin. Die Medien stürzten sich auf diesen "Skandal" und Kvarforth hatte wieder einmal gut lachen.

3. Sólstafir - Fjara

Sólstafir duellieren sich mit Urfaust um den Titel "Ungewöhnlichste Musik". Doch während Urfausts Musik irgendwie immer sehr abstrus, weltfremd, verworren und okkult wirkt, setzen Sólstafir alles auf Melancholie und landen damit prompt einen Volltreffer. Ich kann das Gefühl, das "Fjara" in mir auslöst, einfach nicht so richtig in Worte fassen. Der Song gehört zu den schönsten und traurigsten Songs, die ich jemals gehört habe. Jede Sekunde ist Emotion pur. Sólstafir haben für mich kein Genre. Streng genommen ist das irgendwas mit Folk-Einflüssen, aber so weit entfernt von allem und zudem so eigenständig und skurril, dass ich diese dauerbesoffenen Isländer beleidigen würde, wenn ich sie einfach in irgendeine Schublade packen würde. Ich möchte eigentlich auch gar nicht mehr zu dem Song sagen. Der ist nicht zu beschreiben. Tut mir einen Gefallen, klickt auf den Link, setzt den Kopfhörer auf und schließt die Augen. Der Rest ist Magie.

2. The Devil's Blood - The Thousandfold Epicentre

Für mich ist es komisch, diesen Song losgelöst vom gleichnamigen Album zu hören. Auch wenn die Platte erst im November herauskam, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich kein Album im vergangenen Jahr öfter gehört habe als The Devil's Bloods "The Thousandfold Epicentre". Zwei Monate lang lief die Scheibe jeden Tag mindestens zweimal komplett durch und bescherte mir eine Gänsehaut nach der nächsten. Diese Band kann man einfach nicht überbewerten. Schon der Vorgänger gehörte zu den besten Alben der vergangenen 20 Jahre, die neue Scheibe hält dieses Level locker. Jeder Song (mit Ausnahme des schwurbeligen Outros) hat seine eigene Atmosphäre, nimmt einen mit auf eine seltsame Reise. Ich weiß, dass der Typ, der hinter dieser Band steckt, nicht immer alle Latten am Zaun zu haben scheint, aber musikalisch ist Selim Lemouchi nichts anderes als eines der größten musikalischen Genies der Gegenwart. Das sage ich bei vollem Bewusstsein und ohne den Wunsch einen Hype zu füttern, der zumindest in meinem Kopf nicht wirklich existiert, den aber etliche andere wahrzunehmen scheinen. Das neue Album der Niederländer braucht etwas Zeit, deswegen war ich zuerst auch vorsichtig mit meiner Wertung im Metal Mirror. Nach nunmehr drei Monaten, in denen ich die Scheibe fast täglich auflege, ärgere ich mich eigentlich nur noch, dass die Notenskala bei 10 endet.

1. Rival Sons - Pressure And Time

Was kann danach noch folgen? Nun, nur einer der besten Rocksongs aller Zeiten. Ich habe mich schon selbst mehrfach geohrfeigt (ja, wortwörtlich), weil ich die Genialität des gleichnamigen Albums nicht sofort erkannte. Wäre ich bei Sinnen gewesen, hätte ich sofort die Höchstnote zücken müssen. Die Rival Sons sind das, was der Rockmusik solange zu fehlen schien. Und zwar in der reinsten Form, die man sich nur vorstellen kann: Eine Band von vier Musikbegeisterten, allesamt Blues-Rock-Fans, die sich - ohne wirklich Songs geschrieben zu haben - einfach in ein Studio stellen, vor Ort jammen und keine zwei Wochen später mit einem der besten Alben der vergangenen zehn Jahre herauskommen. Die Titelnummer "Pressure And Time" würde sogar die frühen Led Zeppelin neidisch machen: Catchy, voller Groove und mit dem geilsten Gesang, den ich in diesem Genre seit einer Ewigkeit gehört habe. Als ich die Band vor wenigen Monaten live im kleinen Kölner Underground sah, konnte ich meinen Augen nicht trauen. Das ist es! Ganz genau das ist es! Man hat auf einmal das Gefühl, dass es sie wieder gibt, diese Momente, in denen etwas in der Musik geschieht, was wirklich bedeutsam scheint. Die Rocker der vergangenen Generationen erzählen, dass sie uns bemitleiden, weil wir damals nicht die Rockgötter in all ihrer jugendlichen Frische gesehen haben. Und wir stimmen ihnen zu. Es bleibt der schale Nachgeschmack, dieses ungute Gefühl im Hinterkopf. Und wir haben Angst, dass es sie nicht mehr gibt, die Momente, die die Musik bereichern. Momente, an die man sich noch rührselig in Jahrzehnten erinnern wird. Die wirklich etwas bedeutet haben. Und ich habe begriffen: Es gibt sie noch, diese Momente. Doch genau wie damals muss man gewillt sein, sie zu finden. Ich habe einen solchen Moment gefunden: Und der Moment hört auf den Namen Rival Sons, die nichts anderes als die Spitze, den Olymp des Rock'n'Rolls verdient haben. Die Siebziger hatten Led Zeppelin. Wir, meine Freunde, wir haben die Rival Sons und grandiose Songs wie "Pressure And Time".

2Jan/120

Pssst, ich bin noch da…

Boah, gerade habe ich mich echt erschrocken. Mein letzter Eintrag in diesem Blog liegt tatsächlich schon mehr als fünf Wochen zurück. Zugegeben: Ja, es ist hier im Dezember etwas still geworden. Die Gründe dafür: Nachdem METAL MIRROR #60 erschienen war, hatten wir nur knappe drei Wochen Zeit, um die nächste Ausgabe fertigzustellen. Auf ein großes Making-Of werde ich an dieser Stelle verzichten, nur so viel sei verraten: die Lektüre lohnt sich! Mit dabei ist unter anderem ein großes Death-Special zum 10. Todestag von Chuck Schuldiner. Ich wage zu behaupten, dass wir beim METAL MIRROR das umfangreichste Special der hiesigen Metalpresse zu diesem Jubiläum abgeliefert haben. Das Feedback darauf war jedenfalls überaus zufriedenstellend.

Weiterhin schreibe ich seit einigen Monaten an einem Blog zum Thema Online-Spiele, was ebenfalls eine Menge Zeit in Anspruch nimmt, aber auch eine Menge Spaß macht. Wen es interessiert, hier gibt es alles zum Thema Browserspiele zum Nachlesen: www.browserspiele.de/blog

Rückblickend war 2011 ein sehr anstrengendes Jahr für mich. Ich habe meine Masterarbeit geschrieben, parallel meine Zukunft geplant und eine mehrmonatige Bewerbungsphase erfolgreich gemeistert. Hinzu kommt der allmonatliche (natürlich auch Spaß machende) Stress und Aufwand, den der METAL MIRROR mit sich bringt. Kurzum: Ich konnte zwei Wochen Auszeit über die Feiertage sehr gut gebrauchen. Nach Fertigstellen unserer 61. Ausgabe habe ich mich deswegen in die Weihnachtsferien verdrückt und einfach mal die Füße oder besser gesagt: die Finger still gehalten.

Jetzt hat die Stille aber ein Ende. Die Akkus sind aufgeladen und die kommenden sechs Monate werde ich damit verbringen, so viel zu schreiben wie es möglich ist und mich nicht wegen meines Umzugs nach Berlin (zum 1. Juni) stressen lassen. Mal sehen, ob mir das gelingt.

Ihr könnt derweil an unterschiedlicher Stelle Texte von mir lesen: Beim METAL MIRROR haben wir gerade ein neues Online-Konzept aufgezogen, bei dem es nicht nur wochentags aktuelle News geben wird, sondern jede Woche auch eine neue Kolumne aus einer unterschiedlichen Feder. Seid gespannt! Diese Woche erscheint außerdem unser Rückblick auf das Jahr 2011. Viel zu tun also.

Und auch dieser Blog wird wieder mit Leben gefüllt werden. Morgen werde ich hier in einem Artikel die 50 besten Songs des Jahres 2011 vorstellen. Für mich besteht kein Zweifel: Das Jahr mag stressig gewesen sein, musikalisch war es aber absolut grandios!

Wir lesen uns in den kommenden Tagen. Und bevor ich es vergesse: Frohes Neues!

8Jul/110

Gedanken zur Frauenfußball-WM

Frauenfußball-WMMit aller Macht versucht die Medienwelt derzeit ein sogenanntes "Sommermärchen" heraufzubeschwören. Sie sind gierig nach Autokorsos, nach einem Meer aus Schwarz-Rot-Gold und einer Public-Viewing-Fanmeile, die sich bei jedem Tor jubelnd in den Armen liegt. Künstlich wird versucht, eine solche Atmosphäre zu kreieren, wie sie 2006 bei der WM in Deutschland im ganzen Land herrschte. Das ganze Land soll mitfiebern. Denn immerhin feuert selbst Franz Beckenbauer in Werbespots die Damen in den schwarz-weißen Trikots an. Na, dann.

Man möchte uns weismachen, dass diese WM ein quasi-gleiches Ereignis wie das vor fünf Jahren ist. Ist es aber nicht. Hier spielen Frauen, nicht Männer. Und das ist völlig wertfrei zu verstehen. Denn - und hier kommt die große Überraschung - Mann und Frau sind (entgegen der Political-Correctness-Auffassung vieler) nicht gleich. Sie sind gleichwertig, aber nicht gleich. Und das ist auch verdammt gut so. Michael Kimmel, dessen Ansichten ich nicht unbedingt immer teile, hat einmal einen tollen Spruch gebracht: "Gleichberechtigung ist die Wertschätzung von Differenzen, nicht Unterschiedslosigkeit." Und die Unterschiede sind in diesem Fall eben sichtbar.

Es sind nicht nur Unterschiede, die durch die Gesellschaft, die Sozialisation und das Umfeld kreiert werden. Es sind auch biologische Unterschiede, die sich eben vor allem im Leistungssport bemerkbar machen. Gebt Mutter Natur die Schuld. Der Fußball, der bei einer Frauen-WM geboten wird, wird dadurch auch nicht temporeicher. Die Schüsse aus der zweiten Reihe werden trotzdem nicht kraftvoller.

Ich sehe den Fußball bei dieser WM losgelöst vom Geschlecht und losgelöst vom drumherum kreierten Politikum. Ich betrachte nur den Fußball. Und das ist wahrscheinlich die emanzipierteste Einstellung, die man diesbezüglich haben kann, die aber einen Nebeneffekt mit sich bringt: es begeistert nicht. Ich mag schnelle, temporeiche Spielzüge und knallharte Schüsse, die aus der zweiten Reihe abgefeuert werden und die das Netz zu zerfetzen drohen, wenn sie oben links im Winkel mit voller Wucht einschlagen. Aber das sehe ich hier nicht. Stattdessen sehe ich Fußball, der oft wie das mittlere Amateur-Niveau der Männer wirken würde, wenn man die Frauen auf dem Platz nicht als solche identifizieren könnte. Das begeistert mich nun einmal nicht. Nicht wegen der Frauen, sondern wegen des Spiels an sich.

Vielleicht bin ich mit meiner Einstellung zu emanzipiert und meiner Zeit weit voraus. Wer weiß... All jene, die diese WM mit dem Bewusstsein fürs das spielende Geschlecht schauen, sind doch letztlich sexistisch. Das Geschlecht sollte keine Rolle spielen. Gar keine. Tut es aber. Vor allem auf Seiten der großen Befürworter dieser WM - den Medien, den Radikalfeministinnen, den pseudosensiblen Frauenverstehern. Sie setzen sich für Gleichberechtigung ein, stellen diese aber weit mehr ins Abseits als es mein Nichtschauen der WM jemals könnte.

Aber das würden die Beteiligten niemals selbst bemerken. Dafür sind sie viel zu sehr damit beschäftigt, in Rollenklischees zu verfallen. Die EMMA fordert symbolisch die Hälfte des Balls, begreift die WM als Kreuzzug für den Feminismus, anstatt den Sport eben einfach mal nur Sport sein zu lassen. Die FIFA-Oberhäupter sind damit beschäftigt, sich als nette, wohltätige Onkels von nebenan zu inszenieren. Die Machos reißen nur engstirnige Plattitüden vom Stapel und ARD und ZDF nutzen die Sommermärchen-Chance, um mit "frechen" (O-Ton: BILD) Werbeplakaten einen Geschlechterkampf und vor allem einen Vergleich zwischen Männer- und Frauenfußball anzuzetteln. "Männer spielen. Frauen siegen." und "3. Plätze sind was für Männer" prangt es da von den Plakatwänden. Aha. Ob ARD und ZDF dem Frauenfußball damit einen Gefallen getan haben? Ich glaube nicht. Denn würde man es wirklich auf einen direkten Vergleich ankommen lassen, sähe der Frauenfußball nicht gut aus. Zumal ich diese Plakate als nicht sonderlich einladend empfinde. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich ein Mann bin. Ich spiele nur und lande ständig auf dem dritten Platz.

Es scheint mir, als könne man mit kaum jemandem ernsthaft darüber reden. Diejenigen, mit denen ich über dieses Thema spreche, schaffen es meist nicht, so habe ich zumindest das Gefühl, meine losgelöste Position nachvollziehen oder gar einnehmen zu können. Die Frauen faseln irgendetwas von Gleichberechtigung und Respekt, schauen sich aber (zumindest in meinem Bekanntenkreis) selbst kein Spiel an. Die Fußball-Machos faseln aus Angst davor, dass ihre Lieblingsdomäne Berührung mit Frauen hat, etwas von "Frauen an den Herd". Die Radikal-Feministinnen faseln vom feministischen Feldzug, begreifen die WM aber eben nicht aus rein sportlicher Sicht. Und manch ein "Ja-Mausi"-Pseudofrauenversteher gesteht mir, dass er die Spiele schon alleine aus einem Gerechtigkeitsgefühl heraus schauen würde. Als sei das der Sinn eines sportlichen Turnieres.

All dieses Gefasel ist Unsinn. Frauen gehören nicht an den Herd, es sei denn sie wollen gerne. Die Frauen, die mir im Rahmen der WM etwas von Gleichberechtigung erzählen wollen, haben schlichtweg keine Ahnung, was dieser Begriff bedeutet. Und sich über den Gehaltsunterschied von Bastian Schweinsteiger und Kim Kulig aufzuregen, entbehrt jedes logischen Grundsatzes. Die Popularität bestimmt in so einem Sektor nun einmal, wie hochdotiert Werbeverträge, Lizenzgebühren und Gehälter sind. Ich verdiene mit meinen Texten schließlich auch nicht so viel wie Marcel Reich-Ranicki.

Liebe Mitmenschen, seht die Angelegenheit doch lockerer. Lasst die Frauen Fußball spielen, wenn sie das Bedürfnis danach haben. Lasst sie Profiligen gründen und Weltmeisterschaften spielen. Fördert Frauen, die gerne Fußball spielen wollen. Sie haben jedes Recht der Welt dazu, auf Bolzplätzen und in Stadien Bälle zu treten. Aber hört doch bitte auf, daraus ein Politikum zu machen. Das ist kein feministischer Kreuzzug und nicht "die schönste WM aller Zeiten". Es ist Fußball. Mehr nicht. Und ich habe jedes Recht der Welt, diesen Fußball angesichts seiner Tempolosigkeit langweilig zu finden. Punkt.