Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
26Jul/112

Billiger Sexismus: Die Männer und der Alkohol

Kennt ihr diese Werbekampagne? "Kenn dein Limit" hat es sich zur Aufgabe gemacht, über das Thema Alkoholmissbrauch aufzuklären. Grundsätzlich eine ehrenvolle Sache. Aber fällt nur mir auf, dass die Kampagne ein sehr einseitiges Bild auf die Geschlechter bei diesem Thema wirft?

Drei Motive gibt es. Laut Webseiten-Info zeigen diese:

(...) typische Situationen fürs Trinken – und was passieren kann, wenn man dabei aus seinem Limit rutscht.

Alles klar soweit. Hier die drei Motive:

Man beachte: Frau 1 lässt heute die Hemmungen fallen. Vielleicht bin ich da komisch, aber laut meinem Vokabular ist es meist wünschenswert "Hemmungen fallen zu lassen". Hemmungen blockieren, stellen sich zwischen uns und etwas, was wir eigentlich tun wollen. Wir trauen uns nur nicht. Das sind in meinen Augen Hemmungen. Dass Frau 1 die Hemmungen fallen lässt, wäre ja auch nicht schlimm, wäre da nicht Mann 1. Dieser perverse Handylüstling mit seinem eklig-süffisanten Playboy-Grinsen. Das Fotohandy bereits im Anschlag. Und natürlich - das machen Männer grundsätzlich bei One-Night-Stands - lichtet er die Hemmungslose später nackt ab und stellt sie ins Internet. Frau 2 ist scheinbar vernünftig und bleibt putzmunter. Nicht so ihr Begleiter. Der landet auf der Intensivstation. Das war Postermotiv 1. Zwischenfazit: Eine hemmungslose Frau, ein potenzieller Triebtäter und eine männliche Alkoholleiche. Kommen wir zu Motiv 2.

Hier haben wir das männliche Pendant zur weiblichen Hemmungslosen von Postermotiv 1. Allerdings sind es diesmal nicht die "Hemmungen", die man "fallen lässt", sondern es ist die "Kontrolle", die man "verliert". Kontrolle ist im Gegenzug zu Hemmungen durchaus positiv. Verlust hingegen nicht wünschenswert. Hier werden ganz anders konnotierte Worte verwendet. Finde ich zumindest. Und der Kontrollverlust hat Konsequenzen. Denn die grinsende Frau in der Mitte wird ihm diesen nie verzeihen. Vermutlich, weil sie vernünftig ist und eine Alkoholvergiftung, schlechte Betrunkenen-Tanzmoves und Erbrochenes auf der Grillwiese dann Trennungsgründe sind. Apropos Erbrochenes: Der junge Mann rechts im Bild schafft es nicht bis auf die Intensivstation, wo sein Pendant aus Motiv 1 bereits auf ihn wartet. Er göbelt sich stattdessen gleich an Ort und Stelle voll und schläft anschließend in seiner Kotze ein. Bon Scott lässt grüßen. Fassen wir Motiv 2 zusammen: Ein in Kotze Badender und ein Kontrollverlust, der von der einzigen Frau im Bilde mit Konsequenzen sanktioniert wird. Wir kommen zu Postermotiv 3.

Dieses Motiv vollendet die Werbekampagne und treibt die einseitigen Geschlechterrollen auf die Spitze. Erneut sehen wir vier hippe Partypeople. Erneut passiert einer jungen Dame gar nichts, die andere hingegen "kriegt noch die Kurve". Kein Kontrollverlust also in der Damenwelt. Kommen wir zu den jungen Herren, deren Schicksal besiegelt scheint: einer rauscht durch die Prüfung, bei dem anderen wird gar angedeutet, dass er noch heute Abend stirbt, vermutlich weil er besoffen gegen einen Baum fährt. Bin ich immer noch der einzige, dem da etwas auffällt?

Fazit: Wir sahen sechs Männer und fünf Frauen. Die Männer waren Handy-Perverse, Intensivstationspatienten, Unkontrollierbare, Eingekotzte, Prüfungsdurchrassler und tot. Die Frauen waren hemmungslos und Opfer, bestraften den Kontrollverlust, kriegten die Kurve und vermittelten in zwei von fünf Fällen gar keine Botschaft. Soll das etwa die Realität widerspiegeln? Kann man Geschlechterstereotype noch billiger bedienen? Dass man solche durchaus wünschenswerten Kampagnen auch ohne platte Geschlechterklischees aufziehen kann, beweist massvoll-geniessen.de.

Anmerkung: Ich trinke manchmal gerne. Bevorzugt White Russian, Rum-Cola oder Whiskey. Ich habe noch keine Frau nackt ins Internet gestellt, lag noch nie auf der Intensivstation, habe mich meistens gut unter Kontrolle, bin noch nie in meiner Kotze aufgewacht, in meiner gesamten Studentenlaufbahn durch keine Prüfung gerasselt und lebendig obendrein.