Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
6Jul/110

Verspätete Erkenntnis

Verdunkeln

Verdunkeln

In den vergangenen Jahren habe ich mich oft geirrt. Nicht nur im Alltag, sondern auch in Musik. Das Problem mit dem Monatsrhythmus bei einem Magazin wie dem METAL MIRROR ist, dass die Zeit, die man für eine Neuerscheinung aufbringen kann, begrenzt ist. Irgendwann kommt die Deadline, dann muss die Rezension geschrieben sein. Zu diesem Zeitpunkt hat man der Platte ein paar Runden im Player gegönnt, man hat sich Gedanken gemacht, vielleicht sogar schon die ein oder andere Zeile aufgeschrieben. So oder so: Zu diesem Zeitpunkt steht das Urteil über die subjektiv empfundene Qualität der CD fest. Sieger oder Verlierer - alea iacta est!

Doch manchmal, wenn eine CD mein längerfristiges Interesse wecken konnte und auch nach der Deadline gehört wurde, kommt man nicht drumherum, sein eigenes, damals vielleicht vorschnell gefälltes Urteil zu hinterfragen. Im METAL MIRROR ist dafür jedoch kein Platz. Deswegen nutze ich ab jetzt in unregelmäßigen Abständen diesen Blog, um meine eigenen, früher vielleicht vorschnell gefällten Urteile zu korrigieren. Manch ein angeblicher Überflieger ist plötzlich doch sehr schnell totgehört. Und manch eine Platte, die interessant wirkte, zu der man aber keinen richtigen Zugang fand, ist mit einem Schlag eben doch ein Überflieger. Hinterher ist man manchmal schlauer.

So erging es mir zum Beispiel bei Verdunkeln, einer Band, die selbst vielen Metal-Hörern gar nichts sagen werden. Hartgesottene Black-Metal-Fans werden diesen Projektnamen aber vielleicht mit Nagelfar und Graupel in Verbindung bringen können. Als ich das Debüt "Einblick in den Qualenfall" 2007 rezensierte, war ich zwar von den Black-Metal-Parts angetan, aber für die gesamte Stimmung auf dem Album weitgehend unempfänglich. Ich spürte bei dem okkulten "Der Quell" zwar, dass diese Band ein Händchen für das Kreieren einer dunklen, abgefuckten Atmosphäre hatte, aber wie einen dieser finstere Koloss umschlingen kann, habe ich erst rund zwei Jahre später gespürt. Damals nahm ich mir die Platte im Rahmen eines persönlichen Nagelfar-Revivals nochmal vor und war darüber erschüttert, dass ich damals mit Wohlwollen "nur" acht Punkte vergeben hatte. Keine Frage, acht Punkte sind ein mehr als zufriedenstellendes Ergebnis für jede Band, aber wenn man bedenkt, wie oft ich "Einblick in den Qualenfall" seitdem rauf- und runtergehört habe, kratzt diese Platte durchaus an der Höchstnote. Mea culpa, Jungs!*

(* Ich hätte übrigens nichts gegen einen Nachfolger einzuwenden. Vorausgesetzt der wird ähnlich genial.)

Eine kleine Hörprobe (für die Mutigen unter euch; das ist nicht jedermanns Geschmack):