Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
18Jul/120
Top 10

Die zehn besten Songs von Deep Purple

Jon Lord von Deep Purple (Copyright: jonlord.org)

Der Orgelgott ist tot! Jon Lord, Gründungsmitglied des Hard-Rock-Urgesteins Deep Purple, ist im Alter von 71 Jahren seinem Krebsleiden erlegen. Zwar wusste man seit einer Weile, dass es Jon nicht allzu gut ging, zuletzt hieß es aber, dass es keinen akuten Grund zur Sorge gebe. Umso schockierender ist nun die Todesnachricht.

Seitdem ich es erfahren habe, laufen Deep Purple mal wieder rauf und runter bei mir. Nur ein paar Bands verbinde ich noch stärker mit meiner Kindheit als Deep Purple. Schon als Grundschüler fand ich Rolf Zuckowski scheiße und liebte den Hard Rock von Foreigner, Golden Earring und eben Deep Purple. Irgendwie war die Band schon immer ein Teil meines Lebens. Umso trauriger bin ich, dass wir deutlicher denn je auf die Zielgerade einbiegen: die Hard-Rock-Bands der ersten Stunde werden nicht mehr allzu lange aktiv sein. Zu den wenigen Bands, die sich bisher dem Zahn der Zeit widersetzt haben, gehören Deep Purple. Natürlich kommt Ian Gillan heute nicht mehr an seine früheren Leistungen heran, aber im Gegensatz zu vielen anderen völlig demotiviert wirkenden Rentertruppen wirken die Briten noch immer wie eine Windbrise, die einem Staub vergangener Tage in die Kehle weht.

Dass man Deep Purples (und damit eben auch Jon Lords) Musik auch in hundert Jahren noch hören und schätzen wird, davon bin ich fest überzeugt. Hier sind die zehn besten Beispiele, warum das so ist:

10. Smoke On The Water

Der muss ja dabei sein. Auch wenn ich ihn seit Jahren nicht mehr zuhause gehört habe. "Smoke On The Water" ist der Beweis dafür, dass man einen Song zu eingängig komponieren kann. Kein Rock-Riff auf der Welt ist bekannter als das Thema von "Smoke On The Water". Ich glaube, selbst in den hintersten Winkeln der Erde hat man diesen Riff schon einmal gehört. Objektiv gesehen ist "Smoke On The Water" natürlich nicht nur eine saustarke Nummer, die weit mehr zu bieten hat als die Ohrwurm-Notenabfolge, sondern auch noch ein Welthit. Und genau da ist vielleicht das Problem: Keine Rock-Disco ohne "Smoke On The Water", kein Bierabend unter Kumpels, bei dem nicht irgendeiner diesen einzigen Riff auf einer beiliegenden Akustikklampfe spielt. Hach, was soll's, ich liebe den Song trotzdem!

9. Black Night

Der Song ist bis heute der höchste Einstieg, den Deep Purple jemals in die Charts ihres Heimatlandes geschafft haben. Das mutet angesichts der anderen herausragenden Singles zwar etwas komisch an, aber nachvollziehbar ist die Euphorie für das immer etwas roh wirkende "Black Night" trotzdem. Deep Purple holtern und poltern, wirken schwer wie nie und haben natürlich einen weiteren Killer-Riff im Gepäck, der dem Song immer wieder die rote Linie zurückgibt.

8. Burn

Die beste Nummer mit David Coverdale als Ian-Gillan-Ersatz. Allerdings lebt "Burn" nicht in erster Linie von dem (natürlich durchweg geilen) Gesang, sondern einzig und ausschließlich von diesem überaus einprägsamen Riff. Den Refrain fand ich hingegen immer schwierig. Einfach nur ein lang gehaltenes "Buuuuuuuuuuurn" zu singen, macht irgendwie weniger Spaß als vieles andere. Kein Wunder, dass meine Lieblingspassagen die sind, in denen die Gitarre zu dem Hauptriff des Songs zurückfindet.

7. Space Truckin'

Eigentlich gehört "Space Truckin'" noch weiter nach vorne in die Liste, vermute ich. Aber auch wenn es nicht ganz so extrem wie mit "Smoke On The Water" ist, habe ich mir diesen Hit etwas kaputt gehört. Dieser markante Riff, dieser nicht zu vergessene Refrain, bei dem vor dem inneren Auge ein ganzes Stadion immer wieder mitbrüllt "C'mon, c'mon, c'mon, let's go space truckin!" - das hatte vielleicht zu viel eingängiges Potenzial, um nicht in Rock-Diskotheken weltweit immer und wieder aufgelegt zu werden. Das hat bei mir - zumindest nüchtern - dafür gesorgt, dass die Euphorie etwas nachgelassen hat. Dabei war "Space Truckin'" eine Weile sogar mein Lieblingssong von Deep Purple. Das wird er auch heute noch ganz schnell. Dafür brauche ich nur ein Bier und eine Tanzfläche...

6. Pictures Of Home

Auf "Machine Head", dem zweifellos besten Album von Deep Purple, stand "Pictures Of Home" immer ein wenig in der zweiten Reihe, verdeckt von der Jukebox-Nummer "Smoke On The Water" und auch dem orgiastischen "Space Truckin'". Eigentlich unverständlich, befindet sich die Nummer doch locker auf Augenhöhe, ist in meinen Augen sogar noch ein wenig geiler, weil eben weniger abgenutzt. Der Riff ist markant wie so viele Deep-Purple-Riffs, die Schweineorgel verlegt einen Teppich in Stakkato-Farbe und die gesungen Strophen wirken so eingängig als seien sie eigene Refrains. Wann wird der Rest der Deep-Purple-Fraktion erkennen, dass "Pictures Of Home" eine Weltnummer ist?

5. Fireball

Eine Hochgeschwindigkeits-Granate wie sie im frühen Hard-Rock-Zeitalter nur Deep Purple schreiben konnten. Das Drumming auf "Fireball" ist so feurig wie der Titel und treibt den Song unnachgiebig nach vorne. Drei Minuten, 21 Sekunden, dann ist hier alles gesagt. Durchatmen ist bei diesem Song weder erlaubt, noch möglich. Spätestens das Flitzefinger-Orgelsolo raubt einem die Luft. Jon Lord in grandioser Form!

4. When A Blind Man Cries

Irgendwie hat "When A Blind Man Cries" immer im Schatten der Götterballade "Child In Time" gestanden - und ist damit ganz unfreiwillig zum vielleicht unterbewertesten Deep-Purple-Song der gesamten Diskographie mutiert. Ich habe das nie verstanden. Denn obwohl die Ballade mit nicht einmal vier Minuten unfassbar kurz ausfällt, entfesselt sie mühelos ihre gesamte Wirkung. Ian Gillans Gesang treibt einem Tränen in die Augen. Jedes einzelne Wort betont er so markant, dass es wie ein weiterer kleiner Stich ins Herz ist. "Had a friend once in a room. Had a good time but it ended much to soon." Kaum ein anderer Song schafft es, Einsamkeit akustisch so wundervoll umzusetzen.

3. Hush

Die in meinen Augen beste Deep-Purple-Nummer bei der Ian Gillan nicht singt. Rod Evans macht auf dem Debüt allerdings auch eine super Figur. Der Song mag nicht so raffiniert sein wie eine Vielzahl der vorherigen Songs, aber mit wie viel Melodie-Gespür Deep Purple bereits auf ihrem ersten Album gesegnet waren, zeigt keine Nummer besser als "Hush". Partytauglicher kann man einen Refrain eigentlich nicht schreiben. Und Jon Lords Orgelsolo im Mittelteil ist ebenfalls schon ein früher Wegweiser, der zeigte, zu was dieser Ausnahmemusiker noch fähig sein sollte.

2. Child In Time

Die Jahrhundert-Nummer, ein 10-Minuten-Epos, der ergreifender nicht sein könnte. "Child In Time" steht auf einer Stufe mit den ganz großen Nummern: Lynyrd Skynyrds "Free Bird", Led Zeppelins "Stairway To Heaven", Queens "Bohemian Rhapsody". Die Mischung aus gefühlvollem Melancholie-Einstieg und wahnwitzig-orgasmischem End-Inferno suchen seinesgleichen. Über allem schwebt die beste Gesangsleistung, die Ian Gillan jemals abgeliefert hat. Wenn er sich auf dem Höhepunkt des Songs die Seele aus dem Leib kreischt, ist man gewillt zu sagen, dass er auf dem Höhepunkt seiner Karriere der beste Hard-Rock-Sänger der Welt war. Zu schade, dass Deep Purple die Nummer seit Jahren nicht mehr spielen, wohlwissend, dass Gillan zu solchen Ausnahmeleistungen leider nicht mehr im Stande ist. Auf Platte bleibt der Song jedoch unsterblich!

1. Highway Star

"Child In Time" ist offensichtlich der Song mit mehr Tiefgang und kompositorischer Raffinesse, das ändert aber nichts daran, dass "Highway Star" bis in alle Ewigkeiten mein Lieblingssong von Deep Purple sein wird. Der Song hat einfach alles, was ich von Deep Purple erwarte: Einen Killer-Riff, der sich für mich bis heute noch nicht abgenutzt hat; geile Soloeinlagen; ein immer wiederkehrendes Thema, das den Song immer wieder auffängt; Ian Gillan in Bestform. Kein Song macht im Auto mehr Spaß als "Highway Star", das suggeriert bereits der Name. Und Deep Purple haben damit nicht zu viel versprochen, sondern eine so rebellische Autoraser-Atmosphäre eingefangen, dass sich diese mühelos auf den Hörer, ergo: den Autofahrer, überträgt. Ich bin bei "Highway Star" schon mehr als einmal geblitzt worden. Dass der Song trotzdem meine Lieblingsnummer von Deep Purple geblieben ist, spricht da doch Bände...

Ruhe in Frieden, Jon! Dass du es nicht mehr miterleben wirst, dass Deep Purple ihre längst überfällige Nominierung für die Rock'n'Roll Hall Of Fame erhalten, ist traurig und skandalös zugleich.

11Jul/112

Die zehn besten Motörhead-Songs

Am 9. Juli starb Michael Burston alias Würzel, von 1984 bis 1995 Gitarrist bei Motörhead. Wirklich wichtig für die Musik von Motörhead war Würzel zwar nicht, dennoch hat er auf einer Vielzahl der geilsten Alben (bspw. "1916", "Bastards" und "Sacrifice") Gitarre gespielt und mich damit indirekt beeinflusst. Denn es waren unter anderem Motörhead, die mir in Teeniejahren meinen weiteren musikalischen Weg wiesen. Ich war vielleicht 14 Jahre alt, als ich mit meinem Bruder Benne in einem CD-Geschäft (ja, die gab es damals noch) stand und wir uns mit geweiteten Augen und staunenden Mündern abwechselnd den Kopfhörer reichten. Wir hatten den Verkäufer gebeten, eine Motörhead-Best-Of reinzuschieben und hörten uns "Ace Of Spades" quasi in Endlosschleife an.

Lemmy Kilmister (Motörhead)

Lemmy Kilmister (Motörhead)

Was Motörhead dort machten, war genau das, wonach ich all die vorherigen Jahre unwissentlich gesucht hatte: es war hart und das mit einer Kompromisslosigkeit, die mir bis dato noch nicht untergekommen war. All die "Rockbands", die zu der Zeit bei Teenies in meinem Alter angesagt waren, waren stark von New Metal, Grunge, Alternative und all den anderen musikalischen Krankheiten beeinflusst. Beispielsweise die Smashing Pumpkins. Erst kurz zuvor hatte mir jemand deren damals neues Album "Machina" geschenkt. Beim Opener "Everlasting Gaze", den ich heute noch gerne höre, war ich wegen dieser markanten, harten Gitarre noch hellauf begeistert. Danach folgte die Enttäuschung. Die Songs wurden experimentell, es wurde rumgejammert, es war keine Härte mehr vorhanden. "Warum machen die nicht nur so Musik, wie am Anfang vom Opener?", fragten Benne und ich uns gegenseitig. Wir verstanden es wirklich nicht. Und bis zu dem Tag, an dem wir Motörhead hörten, hatten wir trotz des musikalischen Einflusses unseres Vaters keine Ahnung, dass es da draußen in der weiten Welt Bands gab, die genau diese Kompromisslosigkeit zu harten Riffs auslebten, die wir zu der Zeit einforderten. Mit Motörhead tat sich für mich ein ganz neues Kapitel in meinem musikalischen Werdegang auf. Und Würzels Gitarrenspiel hatte seinen Anteil daran.

In den vergangenen zwei Tagen habe ich mich mal wieder durch etliche Motörhead-Nummern gehört und mir Gedanken über meine zehn Lieblings-Motörhead-Songs gemacht. Die möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten:

10. Motorhead

"I should be tired and all I am is wired. Ain't felt this good for an hour. Motorhead, remember me now, Motorhead alright!"

Wir müssen Hawkwind dankbar sein. Wenn die nämlich Mitte der Siebziger Lemmy Kilmister nicht aus der Band geworfen hätten, weil er mit Amphetaminen an der kanadischen Grenze verhaftet wurde, hätte der wohl niemals seinen frisch geschriebenen Song "Motorhead" genommen und ihn mit seiner neu gegründeten Band Motörhead veröffentlicht. Schon alleine deshalb muss man "Motorhead" würdigen.

9. We Are The Road Crew

"Another town another place, another girl, another face, another truck, another race"

Pures Straßen-Feeling, dreckige Gitarren und ein Tribut an die Motörhead-Road-Crew. Braucht es mehr Worte?

8. R.A.M.O.N.E.S.

"See now, rock 'n' roll, good music, save your soul"

Der vermutlich kürzeste Motörhead-Song, der obendrein beweist, dass Lemmy nicht nur geile Mucke macht, sondern auch geile Mucke zu schätzen weiß. Der anderthalb Minuten lange Tribut an die Ramones wird eigentlich immer nur dann gespielt, wenn einen weiteren Ramone kürzlich das Zeitliche gesegnet hat. Traurigerweise hatte ich bereits zweimal das Vergnügen, den Song live zu hören...

7. Overkill

"Only way to feel the noise is when it's good and loud"

Der einzige Song, der noch nach "Ace Of Spades" auf einem Motörhead-Konzert gespielt werden kann und trotzdem Begeisterung auslöst. Vor allem wegen Mikkey Dee. Der weist mit seinem Trommelinferno dezent darauf hin, dass er zu den besten Metal-Rock-Schlagzeugern der Welt gehört (ja, wirklich!). Live entpuppt sich der Song übrigens immer als tolles Ratespielchen: "Geht der Song in noch eine Runde?"

6. Civil War

"Your children are learning, you teach them to hate"

"Civil War" hat diese unmenschliche Power, die einen vor allem live antreibt und bestimmt dafür verantwortlich ist, dass etliche Pogowütige schon mit dem ein oder anderen Zahn weniger nach Hause gekommen sind.

5. Sacrifice

"If only you believe, then only you will die"

Mit "Sacrifice" werde ich auf ewig Mikkey Dees einmalige Solokünste verbinden. Im Juni 2002 sah ich Motörhead erstmals live. Wie bis heute üblich, verschwanden Phil und Lemmy direkt nach dem ersten Refrain, Mikkey legte los und bis heute glaube ich, dass es das beste Schlagzeugsolo war, das ich je live gesehen habe - man mag es auf die jugendliche Euphorie schieben.

4. Angel City

"I'm gonna live in L.A. drinkin' all day, Lay by the pool and let the record company pay"

Ein kultiger Abgesang auf die Stadt der Engel, den Sündenpfuhl Amerikas und das Rockstar-Dasein. Lemmy fasst die Wünsche der Nachwuchsrocker in wenigen Zeilen zusammen: Alkohol, Sex, schnelles Geld, Krach und noch mehr Sex. Rock'n'Roll-Träume zum Nachhören.

3. Born To Raise Hell

"Take it or leave it!"

Der absolute Motörhead-Partytrack. Garantiert auch noch nach einer intravenös verabreichten Kiste Billigbier tanzbar. Wieviele Motörheads wegen dieses Songs "Born to raise hell" tätowiert haben, mag man sich kaum vorstellen. Obergeil ist auch, dass mit Ice-T der coolste Rapper, der je über diese Erde gewandelt ist, seinen Beitrag leistet. In dem steckt eben auch ein echter Hellraiser!

2. Killed By Death

"The only time I'm easy is when I'm killed by death!"

Wie oft ich und Benne schon über diesen Song diskutiert haben, kann ich nicht mehr zählen. Benne findet nämlich, dass "Killed By Death" von mir gnadenlos überbewertet wird. Unfassbar! Denn "Killed By Death" hat einfach alles: ein ultrageiles Solo, einen tollen Refrain, einen kultigen Text und auf eine seltsame Art und Weise hat er sogar Atmosphäre. Der Song ist anders als viele Motörhead-Songs und doch wirkt er nicht wie ein Fremdkörper unter den Single-Auskopplungen, die Motörhead herausgebracht haben.

1. Ace Of Spades

"You know I'm born to lose, and gambling is for fools. But that's the way I like it baby, I don't wanna live forever!"

Der Song, mit dem alles anfing, der bei keinem Motörhead-Konzert fehlt, der zielsicher immer an gleicher Stelle gespielt wird und über den sich trotzdem jeder wie ein Kleinkind an Weihnachten freut. Vielleicht weil der Song einen zurückversetzt. Mich teleportiert er immer zurück in das CD-Geschäft, in dem Benne und ich uns staunend anstarrten, wohl wissend, dass wir gerade unsere musikalische Zukunft besiegelt haben. "Ace Of Spades" ist zeitlos. Ein akustisches Geschenk der Rockgötter, in unsere Ohren gebracht durch Lemmy Kilmister, den heiligen Schutzpatron harter Musik. Danke!