FIFA 12 – Der Ersteindruck
Je realistischer ein Fußballspiel wird, desto schwieriger wird es auch. Diese Weisheit nehme ich aus den ersten 10 Demo-Partien FIFA 12 mit. Vergangene Woche wurde die Testversion für die Playstation 3 enthüllt, seitdem habe ich das Spiel täglich ein paar Runden lang getestet. Dass sich etwas grundlegend verändert hat, darauf weist bereits das Tutorial hin, das einen im Hauptmenü quasi-obligatorisch begrüßt. Ziel der Veränderung: die Verteidigung. Oha!
Zugegeben: Das Press-X-System, das die vergangenen FIFA-Teile bestimmte, lud Anfänger dazu ein, nur dauerhaft den X-Button zu drücken, sobald der Gegner am Ball war. Dadurch lief der aktive Spieler immer frontal auf den Ballführenden zu und, sobald er in Reichweite war, tackelte ihn. Zumindest andere Anfänger konnte man damit sehr gut in Schach halten. Erfahrene Spieler wussten solches Defensifverhalten jedoch gnaden- und problemlos auszunutzen. Aber dafür brauchte es eben Zeit und Spielerfahrung.
Vielleicht ist das der Grund, dass dieses System mit FIFA 12 scheinbar völlig ausgedient hat. Die Verteidigung sollte realistischer werden. Das war das Ziel von EA Sports. Die Lösung hört auf den Namen Tactical Defending. Und das sieht wie folgt aus: Die X-Taste kommt nach wie vor zum Einsatz, allerdings stellt der aktive Spieler damit den Ballführenden lediglich zu - mit einem gewissen Sicherheitsabstand, den man per linkem Stick variieren kann. Während der ersten Runden war das sehr ungewohnt. Eigentlich ist es das noch immer. Nach über 1000 online gespielten FIFA-11-Partien (zzgl. einer adäquaten Anzahl an FIFA-09- und FIFA-10-Partien) verwirrt es mich, wenn ich im richtigen Moment zum Tackling ansetzen will, Mats Hummels aber nur harmlos vor dem blöden Robin van Persie herumtänzelt und irgendwie nicht die Eier zu haben scheint, dem jetzt mal ordentlich in die Knochen zu springen.
Damit van Persie ordentlich einen auf den Sack bekommt, muss ein Tackling manuell ausgeführt werden. Und das geschieht mittlerweile mit der Kreistaste. Das Problem ist nur: den letzten Yard, den der Verteidiger im Rahmen des Tactical Defendings einhält, muss man manuell zum Angreifer aufschließen. Was theoretisch nur ein winziges Stück Weg ist, das erhöhte Koordinationsfähigkeit erfordert, sorgt in der Realität dafür, dass der Angreifer es sehr viel einfacher hat, an einem Verteidiger vorbeizustürmen.
Das wiederum ist die Plusseite des Tactical Defendings. Vorausgesetzt man steht auf der richtigen Seite. Der Angreifer hat mehr Zeit und Raum, um mit Dribblings und Spezialbewegungen am Gegner vorbeizukommen. Es bleibt mehr Zeit, um sich zu überlegen, wie man den vor sich stehenden Verteidiger blamiert. Das Durchbrechen der Verteidigerreihe wird damit weitaus weniger auf Doppelpässe und hohe Flanken in den Lauf reduziert, sondern der Zweikampf gefördert. Aus Angreifersicht macht das Spaß. Aus Verteidigersicht, nun ja, noch nicht so richtig viel. Zumal jedes versuchte Tackling, das daneben geht, gnadenlos bestraft wird. Einmal im falschen Moment die Kreistaste gedrückt und der verteidigende Spieler stolpert tollpatschig vor sich herum. Wertvolle Zeit, die man im Angriff blitzschnell ausnutzen kann. Man muss sich bei FIFA 12 zweimal überlegen, wann man tacklen möchte. Das Timing ist hier entscheidend.Realismus ja, aber daran muss man sich erstmal gewöhnen.
Auch das Hinzurufen eines zweiten Verteidigers (vormals mit der Kreis-, jetzt mit der R1-Taste) ist entsprechend sanfter. Der zweite AI-gesteuerte Spieler geht ebenfalls nicht auf den Angreifer drauf, sondern stellt diesen nicht zu. Allerdings hat die AI hier Fortschritte gemacht, sodass sich die beiden Spieler intelligent ergänzen und nicht blöd ineinander rennen.
Was hat sich sonst verändert? Gar nicht so wahnsinnig viel. Es sind eher kleine Features, die man nach ein paar Runden bemerkt. Die Flanken kommen noch etwas realistischer in den Strafraum, die Schüsse außerhalb des 16ers fliegen (zumindest wenn man Superstars wie Messi, David Villa oder Iniesta steuert) noch strahlförmiger in Richtung Tor und beim Einwurf sieht man manchmal, wenn der Ball nur knapp hinter die Außenlinie gerollt ist, wie der Spieler den Ball schnell aufhebt, wodurch sich die Möglichkeit ergibt, einen schnellen Einwurf, quasi parallel zu dem in FIFA 11 eingeführten schnellen Freistoß, auszuführen. Die Grafik hat sich zudem verbessert. Die Spieler wirken etwas weicher gezeichnet und detaillierter. Die Gesichter, die man bei Close-Up-Zwischensequenzen sieht, wirken natürlich etwas realistischer. Wer's braucht...
Die zweite große Änderung, die Player Impact Engine, die für realistischere Zusammenstöße zwischen Spielern sorgen soll, macht sich jedenfalls bisher wenn überhaupt nur durch seltsame Spielerstürze bemerkbar. Das werden Bugs sein, die bis zum Release behoben sind, etwas schadenfroh ist man aber trotzdem, wenn man bedenkt, dass diese neue Engine von EA Sports im Vorfeld als die größte, tollste Neuerung überhaupt angekündigt wurde.
Wie also fällt das erste Fazit aus: FIFA 12 ist ein harter Schnitt nach FIFA 11. Bauten 09, 10 und 11 stark aufeinander auf, sodass die Eingewöhnungsphase recht kurz war und man die Entwicklungsschritte natürlich adaptierte, bricht EA Sports mit FIFA 12 mit einem wesentlichen Bestandteil der vorherigen drei Spielsysteme. Das Spiel wird dadurch taktischer. Es erfordert mehr Können. Im Angriff macht das Tactical Defending eine Menge Spaß. Da der Verteidiger weiß, dass es aufs richtige Timing ankommt, ist hier weniger Sturm und Drang angesagt. Viel öfter als in FIFA 11 hat man die Möglichkeit, als Angreifer für einen Moment regungslos dem Verteidiger gegenüber zu stehen, einen coolen Schritt nach rechts anzutäuschen und sich dann mit einer Drehung um die eigene Achse links an ihm vorbeizusetzen. Das sind die Momente, in denen FIFA 12 Bock macht. In der Verteidigung führt das neue System jedoch noch häufig dazu, dass ich die kleinen, digitalen Männer in meinem Fernseher anbrülle, sie sollen ihre lahmen Ärsche bewegen. Man wird sich daran gewöhnen müssen. Ich versuche optimistisch zu bleiben und das Tactical Defending als Chance zu begreifen, die dem Spiel eine noch taktischere Schlagseite verpasst. Hoffentlich dauert das Eingewöhnen nicht zu lange.
Ich bin dann mal wieder auf dem virtuellen Platz, meine Verteidigung stärken.
Außerdem:
- Das einzige deutsche Team, das in der Demo spielbar ist, ist Borussia Dortmund. Mario Götze hat mittlerweile einen Wert von 83. Vor Kader-Updates hatte er bei FIFA 11 nur 70. Krasse Steigerung!
- Außerdem spielbar: Barcelona, AC Mailand, Olympique Marseille, FC Arsenal und Manchester City
- FIFA 12 erscheint am 29. September
- Ebenfalls lesenswert bzgl. Tactical Defending: http://fifasoccerblog.com/blog/fifa-12-tactical-defending/
Gedanken zur Frauenfußball-WM
Mit aller Macht versucht die Medienwelt derzeit ein sogenanntes "Sommermärchen" heraufzubeschwören. Sie sind gierig nach Autokorsos, nach einem Meer aus Schwarz-Rot-Gold und einer Public-Viewing-Fanmeile, die sich bei jedem Tor jubelnd in den Armen liegt. Künstlich wird versucht, eine solche Atmosphäre zu kreieren, wie sie 2006 bei der WM in Deutschland im ganzen Land herrschte. Das ganze Land soll mitfiebern. Denn immerhin feuert selbst Franz Beckenbauer in Werbespots die Damen in den schwarz-weißen Trikots an. Na, dann.
Man möchte uns weismachen, dass diese WM ein quasi-gleiches Ereignis wie das vor fünf Jahren ist. Ist es aber nicht. Hier spielen Frauen, nicht Männer. Und das ist völlig wertfrei zu verstehen. Denn - und hier kommt die große Überraschung - Mann und Frau sind (entgegen der Political-Correctness-Auffassung vieler) nicht gleich. Sie sind gleichwertig, aber nicht gleich. Und das ist auch verdammt gut so. Michael Kimmel, dessen Ansichten ich nicht unbedingt immer teile, hat einmal einen tollen Spruch gebracht: "Gleichberechtigung ist die Wertschätzung von Differenzen, nicht Unterschiedslosigkeit." Und die Unterschiede sind in diesem Fall eben sichtbar.
Es sind nicht nur Unterschiede, die durch die Gesellschaft, die Sozialisation und das Umfeld kreiert werden. Es sind auch biologische Unterschiede, die sich eben vor allem im Leistungssport bemerkbar machen. Gebt Mutter Natur die Schuld. Der Fußball, der bei einer Frauen-WM geboten wird, wird dadurch auch nicht temporeicher. Die Schüsse aus der zweiten Reihe werden trotzdem nicht kraftvoller.
Ich sehe den Fußball bei dieser WM losgelöst vom Geschlecht und losgelöst vom drumherum kreierten Politikum. Ich betrachte nur den Fußball. Und das ist wahrscheinlich die emanzipierteste Einstellung, die man diesbezüglich haben kann, die aber einen Nebeneffekt mit sich bringt: es begeistert nicht. Ich mag schnelle, temporeiche Spielzüge und knallharte Schüsse, die aus der zweiten Reihe abgefeuert werden und die das Netz zu zerfetzen drohen, wenn sie oben links im Winkel mit voller Wucht einschlagen. Aber das sehe ich hier nicht. Stattdessen sehe ich Fußball, der oft wie das mittlere Amateur-Niveau der Männer wirken würde, wenn man die Frauen auf dem Platz nicht als solche identifizieren könnte. Das begeistert mich nun einmal nicht. Nicht wegen der Frauen, sondern wegen des Spiels an sich.
Vielleicht bin ich mit meiner Einstellung zu emanzipiert und meiner Zeit weit voraus. Wer weiß... All jene, die diese WM mit dem Bewusstsein fürs das spielende Geschlecht schauen, sind doch letztlich sexistisch. Das Geschlecht sollte keine Rolle spielen. Gar keine. Tut es aber. Vor allem auf Seiten der großen Befürworter dieser WM - den Medien, den Radikalfeministinnen, den pseudosensiblen Frauenverstehern. Sie setzen sich für Gleichberechtigung ein, stellen diese aber weit mehr ins Abseits als es mein Nichtschauen der WM jemals könnte.
Aber das würden die Beteiligten niemals selbst bemerken. Dafür sind sie viel zu sehr damit beschäftigt, in Rollenklischees zu verfallen. Die EMMA fordert symbolisch die Hälfte des Balls, begreift die WM als Kreuzzug für den Feminismus, anstatt den Sport eben einfach mal nur Sport sein zu lassen. Die FIFA-Oberhäupter sind damit beschäftigt, sich als nette, wohltätige Onkels von nebenan zu inszenieren. Die Machos reißen nur engstirnige Plattitüden vom Stapel und ARD und ZDF nutzen die Sommermärchen-Chance, um mit "frechen" (O-Ton: BILD) Werbeplakaten einen Geschlechterkampf und vor allem einen Vergleich zwischen Männer- und Frauenfußball anzuzetteln. "Männer spielen. Frauen siegen." und "3. Plätze sind was für Männer" prangt es da von den Plakatwänden. Aha. Ob ARD und ZDF dem Frauenfußball damit einen Gefallen getan haben? Ich glaube nicht. Denn würde man es wirklich auf einen direkten Vergleich ankommen lassen, sähe der Frauenfußball nicht gut aus. Zumal ich diese Plakate als nicht sonderlich einladend empfinde. Liegt aber vielleicht auch daran, dass ich ein Mann bin. Ich spiele nur und lande ständig auf dem dritten Platz.
Es scheint mir, als könne man mit kaum jemandem ernsthaft darüber reden. Diejenigen, mit denen ich über dieses Thema spreche, schaffen es meist nicht, so habe ich zumindest das Gefühl, meine losgelöste Position nachvollziehen oder gar einnehmen zu können. Die Frauen faseln irgendetwas von Gleichberechtigung und Respekt, schauen sich aber (zumindest in meinem Bekanntenkreis) selbst kein Spiel an. Die Fußball-Machos faseln aus Angst davor, dass ihre Lieblingsdomäne Berührung mit Frauen hat, etwas von "Frauen an den Herd". Die Radikal-Feministinnen faseln vom feministischen Feldzug, begreifen die WM aber eben nicht aus rein sportlicher Sicht. Und manch ein "Ja-Mausi"-Pseudofrauenversteher gesteht mir, dass er die Spiele schon alleine aus einem Gerechtigkeitsgefühl heraus schauen würde. Als sei das der Sinn eines sportlichen Turnieres.
All dieses Gefasel ist Unsinn. Frauen gehören nicht an den Herd, es sei denn sie wollen gerne. Die Frauen, die mir im Rahmen der WM etwas von Gleichberechtigung erzählen wollen, haben schlichtweg keine Ahnung, was dieser Begriff bedeutet. Und sich über den Gehaltsunterschied von Bastian Schweinsteiger und Kim Kulig aufzuregen, entbehrt jedes logischen Grundsatzes. Die Popularität bestimmt in so einem Sektor nun einmal, wie hochdotiert Werbeverträge, Lizenzgebühren und Gehälter sind. Ich verdiene mit meinen Texten schließlich auch nicht so viel wie Marcel Reich-Ranicki.
Liebe Mitmenschen, seht die Angelegenheit doch lockerer. Lasst die Frauen Fußball spielen, wenn sie das Bedürfnis danach haben. Lasst sie Profiligen gründen und Weltmeisterschaften spielen. Fördert Frauen, die gerne Fußball spielen wollen. Sie haben jedes Recht der Welt dazu, auf Bolzplätzen und in Stadien Bälle zu treten. Aber hört doch bitte auf, daraus ein Politikum zu machen. Das ist kein feministischer Kreuzzug und nicht "die schönste WM aller Zeiten". Es ist Fußball. Mehr nicht. Und ich habe jedes Recht der Welt, diesen Fußball angesichts seiner Tempolosigkeit langweilig zu finden. Punkt.