Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
27Jun/120
Black-Metal-Schrott: Furze - Psych Minus Space Control

Meine erste Arschbombe

Furze - Psych Minus Space Control

Cover von Furzes "Psych Minus Space Control", erschienen am 11. Mai 2012 (Fysisk Format)

In RockHard #301 durfte ich eine Premiere feiern: Nach fast drei Jahren freier Mitarbeit für das Magazin, habe ich erstmals die "Arschbombe" beigesteuert. Zur Erläuterung: Die "Arschbombe" ist jeden Monat das Album, das in der Review-Sektion am mieserabelsten abgeschnitten hat. Ich persönlich habe die Kategorie schon immer sehr gerne gelesen. Verrisse sind eben meist sehr viel unterhaltsamer geschrieben als der x-te Review zu einer Scheibe, die nicht wirklich gut, nicht wirklich schlecht, sondern eben einfach nur naja ist. Wo dann Sound und Beherrschung der Instrumente gelobt werden, im nächsten Nebensatz aber angemerkt wird, dass es das alles schon viel besser und sowieso viel zu oft gab. Da es mittlerweile in den meisten Magazinen von Reviews zu derartigen Scheiben nur so wimmelt (da können wir uns auch beim METAL MIRROR nicht von freisprechen), ist es regelrecht erfrischend, dass es eine Review-Kategorie gibt, bei der man weiß, dass es niemals langweilig wird, sondern man immer schonungslose Kost geboten bekommt.

Wie bereits erwähnt, im vergangenen Monat durfte ich diese "Arschbombe" beisteuern. Nicht wissentlich, versteht sich. Das habe ich erst nach Schreiben des Textes erfahren. Allerdings hatte ich das bei dieser Scheibe schon vorher im Gefühl. Hauptfigur meiner Arschbombe ist nämlich das Ein-Mann-Projekt Furze, neben den glücklicherweise aufgelösten Xasthur eine der furchtbarsten Black-Metal-Bands, die in Rekordzeit Alben zusammenrotzen, und dann behaupten, es sei richtig guter Black Metal, nur weil sie diesen mit der richtigen Attitüde eingespielt hätten. Keine Frage, die auf CD gebannte Atmosphäre, die Einstellung mit der diese Musik eingespielt wurde (sofern man es denn schafft, diese auf die Musik abfärben zu lassen), das sind vor allem für eine so emotionale und verschrobene Musikrichtung wie den Black Metal durchaus relevante Faktoren. Aber es sind eben nicht die einzigen.

Sicher, oft klingt Black Metal simpel. Für ungeschulte Ohren manchmal sogar primitiv. Der Unterschied ist nur: Gekonnt primitiv zu spielen, aus Gründen der Songdienlichkeit, ist nochmal eine ganz andere Baustelle, als es einfach nicht richtig zu können, vier Noten zu zupfen, hirnlos zu kreischen und das dann als primitiven, ergo: guten Black Metal zu verkaufen. Furze (sprich: Bandkopf Woe J. Reaper) gehören jedenfalls in genau diese Kategorie, versuchen neuerdings zurück zu den Wurzeln des Genres zu gehen und werden damit seit Jahren von Label zu Label geschoben (erst Apocalyptic Empire, dann Candlelight, dann Agonia, jetzt Fysisk Format). Ihr neues Album "Psych Minus Space Control" ist nach dem sogar noch etwas katastrophaleren "Reaper Subconscious Guide" ein weiteres hervorragendes Beispiel, wie man es bloß nicht machen sollte - quasi eine Art Warnhinweis für andere Bands, die glauben, mal eben ein Black-Metal-Album aufnehmen zu können.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich möchte euch natürlich nicht meine erste "Arschbombe"  vorenthalten:

Herzlich Willkommen zu einem neuen Trip mit FURZE, der Band mit dem Namen, der dazu verführt, dass man hier irgendwelche Kalauer über Darmatmung vom Zaun bricht. Aber diese Platte hat gar nicht verdient, dass man kreative Wortwitze reißt, sie selbst ist nämlich so dermaßen uninspirierender Vollschrott, dass es einem eher am anderen Ende wieder herauskommt. Vermutlich soll dieser weitgehend instrumentale Brei total sphärisch sein, den Black Metal auf ein neues Level hieven. Tut er aber nicht. Stattdessen klingt das hier nach Fingerübungen eines Gitarrenschülers, der nicht nur im ersten Lehrjahr, sondern auch noch auf Valium ist. Hier werden ewig ausufernde Brechreiz-Passagen zusammengeschustert und damit weniger Charme versprüht als es Kassettenrekorder-Aufnahmen von Riffideen jeder anderen unkonventionellen Black-Metal-Band getan hätten.

© RockHard #301

Was man in der Redaktion von powermetal.de für ein Zeug raucht, dass man die hilflosen Psychedelic-Doom-Versuche von Woe J. Reaper tatsächlich als einen würdigen Rückschritt in Richtung Black-Sabbath-Quintessenz wertet, bleibt wohl einzig und alleine deren Geheimnis...

P.S.: Das Cover-Artwork, das Jesus als Pseudo-Bleistift-Kritzelei auf eine Mausefalle spannt und unter anderem eine Maus mit Papstmütze zeigt, ist auch ganz großer Sport...

20Feb/120

33 Stunden Stockholm – Ein Reisereport

Stockholmer Landschaft
4.00 Uhr am sehr, sehr, sehr frühen Samstagmorgen. Normalerweise ist das die Zeit, wann ich ins Bett gehe. An diesem Samstag stehe ich hingegen zu dieser Uhrzeit auf. Der Grund: Dorian fliegt nach Stockholm. Als Abgesandter des RockHard-Magazins wird mir die Ehre zuteil, vorab in die neue Marduk-Scheibe (den Titel darf ich noch nicht verraten) hineinzuhören.

Für mich wird dadurch immerhin ein kleiner Traum wahr: Seit Jahren wollte ich endlich mal nach Schweden – bisher lösten sich alle Pläne jedoch immer wieder in Luft auf. Schöne Frauen, teures Bier, eisige Kälte? Nicht jedes Klischee über Schweden ist wahr, wie ich in den folgenden 33 Stunden feststellen werde.

Der Trip startet letztlich schon am Freitagabend. Fieberhaft überlege ich, wie es mir gelingen soll, rechtzeitig ins Bett zu gehen und auch schlafen zu können – ich verfluche meinen verkorksten Tag-Nacht-Rhythmus! Letztlich komme ich immerhin auf knappe drei Stunden Schlaf bevor es zum Düsseldorfer Flughafen geht. Völlig verschlafen stolpere ich dort als erstes in Chris Boltendahl von Grave Digger, der mit seiner Familie unterwegs zu sein scheint. Wo der wohl hinfliegt? Keine Ahnung. Ich bin aber auch zu müde, um nachzufragen. Wir nicken uns kurz zu und gehen unserer Wege.

Der Flug ist sehr angenehm. Gemeinsam mit dem Kollegen vom Metal Hammer und einem Promoter der zuständigen Plattenfirma geht es innerhalb von zwei Stunden nach Stockholm. An Schlaf ist unterwegs nicht zu denken. Unter uns verschwinden die Lichter Düsseldorfs hinter Wolken. Über den Wolken wird geplaudert. Worüber man in diesem Business eben so plaudert: Gute Bands, schlechte Bands, skurrile Interview-Erlebnisse und Rock'n'Roll-Anekdoten. Die Zeit verfliegt und schwupps stehen wir am Gepäckband des Stockholmer Flughafens.

Mit dem Schnellzug geht es vom sehr weit außerhalb gelegenen Flughafen in die Innenstadt. Wir fahren durch winterliche Waldlandschaften, vereinzelt blickt man auf Häuser, die aussehen wie aus einer Astrid-Lindgren-Verfilmung. Aber wir kommen auch durch die weniger romantischen Ecken des Stockholmer Umlands. Industriegelände, hässliche Brücken, mit Graffitis besprühte Tunnel...

Der Stadtteil, in dem wir letztlich landen, ist jedoch schön. Unser Hotel liegt sehr zentral, in der Nähe des Medborgarplatsen. Lange bleiben wir da jedoch nicht. Wenn man nur etwas mehr als einen Tag Zeit hat, um Stockholm unsicher zu machen, dann möchte man das auch nutzen. Und Stefan, unser Reiseführer, hat sich top vorbereitet: Womit macht man Musikverrückte glücklicher als mit einem kleinen Shopping-Trip durch Stockholms Underground-Plattenläden?

Plattenladen in Stockholm

Platten, Platten, Platten... Unseren Reiseführer freut's.

Wir landen schließlich im „An Ideal For Living“, einem unscheinbaren Laden, der sich laut seinen Werbeschlagworten zufolge auf „Vintage“, „Design“ und eben „Records“ spezialisiert hat. Von außen unspektakulär kommen wir im Inneren ins Staunen. Bereits im Eingangsbereich stehen ein paar Kisten mit Platten, der richtige Eyecatcher folgt jedoch erst, als wir eine Treppe hinunter in den Kellerraum des Ladens hinabsteigen. Wir befinden uns in Nerdvana. Tonnenweise stapeln sich die Schallplatten, vor allem im Bereich Rock und Metal hat der Laden einiges zu bieten. Ich gehe schließlich vom Glück beseelt mit vier neuen LPs aus dem Plattenparadies: Manowar – Sign Of The Hammer, Thin Lizzy – Live & Dangerous, Ozzy Osbourne – Blizzard Of Ozz und (natürlich) The Doors – Waiting For The Sun. Alles zusammen für 330 Kronen, was etwas mehr als 40 Euro entspricht. Yay!

Die weiteren Plattenläden, die Stefan herausgesucht hat, können nicht mit diesem Geheimtipp mithalten. In einem gibt es fast nur Techno-House-sonstwas-Platten. Wir gehen nach wenigen Sekunden rückwärts wieder aus dem Laden. Der nächste Plattenladen hat nicht einmal ansatzweise eine so große Auswahl und bietet weniger Second-Hand-Raritäten, sondern eher Vinyl-Neuheiten und vor allem CDs an. Mir ist's egal, ich habe ja ein, ach quatsch: vier super Andenken.

Es geht zurück zum Hotel. Die Listening-Session soll später in der sogenannten Vampire Lounge, angeblich die beste Cocktailbar Stockholms, stattfinden. Stefan möchte im Vorfeld den Club abchecken, um zu klären, ob alles funktioniert. Für uns bedeutet das eine gute Dreiviertelstunde Freizeit. Hinlegen? Power-Napping? Pah, von wegen.

Mit meiner Kamera im Anschlag begebe ich mich auf einen kleinen Spaziergang durch Stockholm. Im Supermarkt um die Ecke kaufe ich mir eine Dose Lätt-Öl, sprich: Bier mit weniger Prozenten. In diesem Falle: 2,8 Umdrehungen, aber sehr lecker. Und der Preis von 8 Kronen (rund 1 Euro) geht auch in Ordnung.

Als ich wieder vor dem Supermarkt stehe, überkommen mich jedoch Zweifel: Darf man in Stockholm einfach mit einer Bierdose durch die Gegend marschieren? Es soll ja Gegenden geben, in denen so etwas nicht so gern gesehen wird, manchmal gar verboten ist. Und die Supermarktfrau schaute mich schon etwas seltsam an, als ich nur mit einer Dose Bier an ihrer Kasse stand und im Portemonnaie umherwühlte, verzweifelt darum bemüht, die richtige Kronenanzahl zu erspähen. Passenderweise sackt die örtliche Polizei um die Ecke einen volltrunkenen Obdachlosen ein, der seine Wodkabuddel über dem Kopf umherwirbelt. Machen die das jetzt weil er strunzenvoll ist? Oder weil er in der Öffentlichkeit Alkohol trinkt? Ich drücke meine Bierdose jedenfalls eng an meinen Körper. "Notfalls sagen, dass du unwissender Tourist bist", denke ich mir und nehme einen weiteren großen Schluck aus der blauen Dose.

Richtiges Schweden-Flair kommt bei meinem Spaziergang aber nicht auf. Am Platz um die Ecke gibt es alles, was es in jeder Großstadt des Planeten gibt: McDonalds, Burger King, jede Menge Touristen, Straßenmusiker und einen Feuerspucker. Ich schieße ein paar Fotos, lasse das überfüllte Treiben auf mich wirken und stapfe durch den Schnee zurück zum Hotel.

Stockholm: Feuerspucker

Feuerspucker und Touristen: Großstadtflair in Stockholm

Dann ist es Zeit für die Listening-Session. In der Hotel-Lobby treffe ich die anderen Journalisten. Mit dabei sind Kollegen aus Belgien, Finnland, Frankreich, Spanien und natürlich Schweden. Ab jetzt wird nur noch Englisch geredet, selbst wenn man nur mit seinen deutschen Kollegen quatscht. Die Vampire Lounge befindet sich glücklicherweise keine zehn Minuten Fußweg entfernt. Unterwegs gibt es internationalen Metal-Journalisten-Smalltalk. Wofür schreibst du? Wie war die Hinreise? Hast du auch so'n Bierdurst?

Die Vampire Lounge macht bereits beim Betreten des Kellergewölbes mächtig Eindruck. Im Erdgeschoss befindet sich ein deutsch-schwedisches Restaurant, das typisch gutbürgerlich wirkt. Im Keller herrscht jedoch eine ganz andere Atmosphäre. Die Bar ist komplett abgedunkelt, nur sehr vereinzelt gibt es spärliche, meist dunkelrote Lichtquellen. Marduk sind bereits vor Ort – zumindest zum größten Teil. Morgan, den Bandchef, erkennt man sofort. Schon alleine, weil er eine unglaubliche Präsenz ausstrahlt. Er hat eine laute Stimme, ist groß und drückt mit jeder Körperbewegung Selbstbewusstsein aus. Er begrüßt jeden Journalisten einzeln und stellt sich vor. Manieren hat er, dieser gefürchtete Black-Metal-Musiker. Sein Kollege, der Ausnahmeschreihals Mortuus, ist dagegen sehr viel wortkarger, bleibt meist in der Ecke sitzen und wirkt ganz anders - irgendwie verwundbarer - als auf der Bühne

Als das Einheitsgeplänkel vorbei ist, geht es mit den ersten Bierchen und schließlich mit dem neuen Marduk-Album los. Wie das Album klingt und heißt, darüber will ich an dieser Stelle nichts verraten. Diese Infos kann man allesamt im nächsten RockHard durchlesen. Gleiches gilt für das Interview mit Morgan, das ich direkt im Anschluss an die Listening-Session mit ihm führe. Was bei unserem halbstündigen Gespräch herauskommt, wird man in zwei Ausgaben ebenfalls im RockHard erfahren können.

Ich bin nur froh, dass mein Interview das erste Interview auf der Tagesordnung ist. Ich hasse es, Musiker zu interviewen, die sich gerade in einem Interview-Marathon befinden und nur noch routiniert ihren Standardtext runterrasseln (meist unabhängig davon, ob dieser zur gestellten Frage passt). Ich erlebe jedenfalls einen frischen, ja fast Interview-hungrigen Bandchef. Der nächste Vorteil des frühen Interview-Termins: Ich kann als erster zurück an die Bar. Dort quatsche ich eine ganze Weile mit dem finnischen Journalisten Timo, ein sehr netter Mittdreißiger mit krassem Rauschebart. Die französische Kollegin sitzt derweil lieber alleine an einem Tisch und geht nochmal ihre Notizen durch. Was der spanische Kollege macht, weiß ich auch nicht. Der sitzt eigentlich die gesamte Listening-Session hindurch hinter seinem Macbook, drei Tische von allen anderen entfernt. Freiwillig gewählte Isolation. Eigentlich schade, denn das internationale Ründchen lernt sich langsam kennen und fängt spätestens beim an die Listening-Session anschließenden Abendessen an, Witze auf Kosten jeder anwesenden Nationalität zu machen. Der Belgier und die Französin sind der festen Überzeugung, dass „wir Deutschen“ nichts anderes außer Wurst essen. Mit dem obligatorischen Abwechslungsschnitzel zwischendurch, versteht sich. Interessant. So fühlt es sich also an, Opfer eines nationalen Stereotyps zu sein.

Doch es kommt auch Sinnvolles beim Essen heraus. Timo, der finnische Kollege, weist mich als Die-Hard-Bathory-Fan darauf hin, dass ich unbedingt Quorthons Grab besuchen soll. Wann werde ich schon noch die Gelegenheit dazu haben?! Stefan, unser Reiseführer, ist glücklicherweise auch begeistert von der Idee. Wir besiegeln die Idee mit einem Handschlag: Morgen werden wir Quorthons Grab suchen und finden!

Stockholm: Vampire Lounge

"Ihr Deutschen esst doch eh nur Wurst."

Der offizielle Rahmen der Listening-Session neigt sich derweil dem Ende entgegen. Der inoffizielle Teil hat jedoch gerade erst begonnen. Nur wenige Straßen entfernt findet nämlich gerade eine Überraschungsparty für ein Mitglied der Stoner-Metal-Truppe Grand Magus statt – in einem Club, der sich „Garlic & Shots“ schimpft. Unterwegs haben wir zwar ein paar Journalisten an die Müdigkeit, die Schreiblust oder den Alkoholkonsum verloren, der Großteil der Anwesenden spaziert (oder stolpert, je nach Verfassung) jedoch in den Kellerraum des ungewöhnlichen Clubs. Und der Laden riecht nicht nur nach Garlic (= Knoblauch), sondern auch nach Rock’n’Roll! Die Decke ist zugekleistert mit Rockpostern, die schon so lange da zu hängen scheinen, dass sie eins mit dem harten Putz geworden sind. Auf klapprigen Barhockern und ausgewetzten Sofas hockt Stockholms Rockszene. Das für deutsche Verhältnisse krass überteuerte Bier (0,3 l kriegt man nicht für unter rund 5 Euro) wird auf wackeligen Gartenmöbeln abgestellt. Aus den Boxen dröhnen Rock und Punk, dann aber auch wieder elektronische Musik. So feiert man also in Stockholm: querbeet!

Das trifft auch auf den Altersdurchschnitt der Besucher zu. Jungspunde drängeln sich verschwitzt über die Tanzfläche, vorbei an Rock-Dinosauriern. Wobei man manch einer Person das Alter gar nicht anmerkt. Ich unterhalte mich mit einer vermeintlich jungen Schwedin. Nach 15 Minuten erfahre ich, dass sie bereits 36 ist und zwei Kinder hat. Hut ab, die hat sich gut gehalten. Und schon überkommen mich Zweifel: Sind die ganzen Jünglinge hier vielleicht eigentlich viel älter als sie aussehen? Wirken Schweden und Schwedinnen in unseren Augen vielleicht einfach jünger? Hübscher sind sie jedenfalls nicht – auch wenn das Klischee oft das Gegenteil behauptet. Und es gibt auch weitaus weniger blonde Menschen als man es im Vorfeld vermutet. Eigentlich sehen die genau so aus wie wir. Was für eine Erkenntnis. Darauf noch ein Schluck überteuertes Bier und weiter die Menge beobachten. So viel Atmosphäre aufsaugen, wie es nur geht.

Die Grand-Magus-Jungs scheinen hier jedenfalls zuhause zu sein. Klar, Grand Magus ist nicht die größte Band der Welt, aber immerhin ein Name in internationalen Szenekreisen. Hier sitzen die Jungs trotzdem ganz entspannt zwischen ihrer Vielzahl an Freunden und anderen Club-Besuchern. Ich unterhalte mich kurz mit Janne „JB“ Christoffersson, dem Frontmann der Truppe. Wirkt im direkten Gespräch eine ganze Ecke sympathischer als auf der Bühne. Und sieh an: der kann ja sogar lachen.

Gleiches gilt auch für Daniel aka Mortuus, den Marduk-Sänger. Morgan hatte scheinbar keine Lust mehr auf den After-Listening-Knoblauch-Shot mit der restlichen Belegschaft, Mortuus sitzt jedoch gutgelaunt und breitschultrig auf einer ranzigen Couch und unterhält sich mit den Journalisten und mitgebrachten Kumpels. Als Marduk-Fronter erkannt wird er nicht – das mag am fehlenden Corpsepaint liegen, das ihn gleich eine ganze Ecke freundlicher erscheinen lässt. Andererseits kann es natürlich auch sein, dass man ihn hier einfach so gut kennt, dass es nichts Besonderes mehr ist, wenn er im Knoblauch-Club herumhängt.

Irgendwann setzt jedoch die Müdigkeit ein. Für mich ein ungewohntes Gefühl. Vermutlich hängt mir noch immer der Flug oder besser gesagt: das unmenschlich frühe Aufstehen in den Knochen. Also zurück ins Hotel. Morgen ist ja auch noch ein Tag!

Der nächste Tag. Ich wache auf, weil ich Durst habe. Der berühmte Nachdurst eben. Ein Blick auf die Uhr, Panik. In 30 Minuten wird das Frühstücksbuffet geschlossen! Die langen Haare ungekämmt, schnell in ein Bandshirt geschmissen, die Ringe angezogen – auch beim Frühstück kann man Rock’n’Roll sein. Mein Kollege vom Metal Hammer hält es da genau so. Im Frühstücksraum gucken die wenigen, noch frühstückenden schwedischen Spießerpärchen nicht schlecht, als die beiden langhaarigen Metal-Dudes verpennt und leicht verkatert Orangensaft und Toastbrot konsumieren. Irgendwann stößt auch unser Reiseführer Stefan dazu. Anscheinend waren die Jungs nach „Garlic & Shots“, wo um 1 Uhr Zapfenstreich war, noch in einem anderen Club.

Nach so viel Party wird es heute Zeit für ein paar Sehenswürdigkeiten. Unseren Plan haben wir ja bereits am Vorabend geschmiedet: Wir wollen Quorthons Grab besuchen! Am Morgen danach ist nicht mehr die ganze Reisegruppe davon überzeugt, dass uns das auch gelingen wird, aber ich verbreite Optimismus. Das muss einfach klappen!

Stockholms Friedhof

In Schnee gehüllt: Der Friedhof in Stockholm.

Mit der U-Bahn machen wir uns auf den Weg. Bis zum Friedhof sind es nur vier oder fünf Stationen. Der Friedhof ist freilich leicht zu finden, ein einzelnes Grab hingegen – das erweist sich als sehr viel schwieriger. Doch schon so hat sich der Besuch gelohnt. Wir haben das perfekte Wetter erwischt. In der Nacht ist Neuschnee gefallen, der Himmel ist strahlendblau, die Sonne strahlt und die gefühlte Temperatur entsprechend ganz angenehm. Uns bietet sich ein fantastischer Anblick. Die vielen Gräber sind schneebedeckt und schimmern im Strahlen der Sonne. Langsam gehen wir durch die Friedhofswege, immer die Augen offen nach einem Grab, auf dem der Name Forsberg, Quorthons bürgerlicher Nachname, steht. Unter unseren Füßen knarzt der weiße Neuschnee, die Sonne blendet, es ist – im wahrsten Sinne des Wortes – totenstill. Eine sehr harmonische, fast schon beruhigende Kulisse. Dennoch: Ohne Hilfe kommen wir hier nicht weiter. Immerhin ist es nicht so, als sei Quorthons Grab eine große Pilgerstätte, wie es bei Phil Lynott oder Jim Morrison der Fall ist. Es ist traurig, aber außerhalb der Metal-Szene genoss Quorthon quasi keine Popularität.

Ich schreibe eine SMS nach Deutschland, mit der Bitte, doch mal nach Quorthons Grabnummer zu googlen. Dann heißt es abwarten und weiter über den Friedhof spazieren gehen. Wenige Minuten später klingelt mein Telefon. Die Info: Kvarter 1, Grab 525. Immer gut, wenn man Leute kennt, auf die man sich jederzeit verlassen kann. Jetzt ist alles ganz einfach. In Kvarter 1 befanden wir uns ohnehin schon. Müssen nur noch die Gräber abgezählt werden.

Nach wenigen Minuten ist es soweit. Wir stehen vor Quorthons Grab. Es ist noch unscheinbarer und kleiner als wir es vermutet hatten. Ohne die Hilfe hätten wir das Grab niemals gefunden. Es liegt abseits des Hauptweges, vollkommen unauffällig zwischen einer Vielzahl anderer Familiengräber. Ein recht kleiner, rechteckiger Stein, auf dem drei Namen (es ist ebenfalls ein Familiengrab) stehen. Fromm, Sulling und eben Forsberg. Hier liegt er also, einer der bedeutendsten Musiker, die der Heavy Metal je hatte und verlor. Ein Mann wie ein Mythos. Ein Visionär, der im Alleingang zwei Subgenres des Heavy Metals, den Black und den Viking Metal, mitbegründete. Dessen markant schräge Stimme und die epischen Songstrukturen man noch auf der ganzen Welt hören wird, wenn uns alle längst das Zeitliche gesegnet hat. Ich hätte ihn zu gerne einmal interviewt, diesen unsterblichen, öffentlichkeitsscheuen Pionier, um den sich bis heute die Mythen ranken. Hieß er Tomas oder Ace mit Vornamen? War Boss, Inhaber des Black-Mark-Labels, tatsächlich sein Vater? Eigentlich meint man über all die Dinge Bescheid zu wissen. Bathory-Freaks streiten sich über diese Fragen aber immer noch. Und das seit Jahren. Es kursieren zahlreiche Versionen der Wahrheit über diese Band und diesen Musiker. Und mindestens genauso viele Anekdoten und Geschichten. Meine Lieblings-Quorthon-Anekdote ist die, dass er eines Tages mit seiner damaligen Freundin durch die Plattenläden streifte. Seine Freundin begutachtete eine Bathory-Scheibe, empfahl sie Quorthon als echt gute Band und fragte, was er von der Band halte. Quorthon nickte nur, lächelte und sagte der Legende zufolge: „Das ist meine Band.“ Bis zu dem Zeitpunkt hatte er es nicht für nötig erachtet, seiner Freundin mitzuteilen, dass er der kreative Kopf hinter einer der schon damals wichtigsten Bands der Black- und Viking-Metal-Szene war. Ob die Geschichte wahr ist? Wer weiß. Schon zu Lebzeiten war Quorthon ein Mythos.

Quorthons Grab auf dem Stockholmer Friedhof

Das Grab eines grandiosen Musikers: Ruhe in Frieden, Quorthon!

Vor dem Grab steht eine Leuchte. Die Kerze darin ist so gut wie abgebrannt. Wahrscheinlich war schon lange niemand mehr hier. Es erinnert nicht viel an Quorthon. Sein Grab ist kein Schrein geworden, den Jahr für Jahr Heerscharen an Fans besuchen, die dort Joints platzieren, persönliche Gedichte hinterlassen oder Whiskeyflaschen über dem Grab auskippen, um einem großen Musiker ihre Ehre zu erweisen. Auf diesem Familiengrab stehen nur drei Namen. Und wer sich nicht viel mit Quorthon befasst hat, erkennt sein Grab nicht einmal an seinem Nachnamen. Aus dem Grab wächst eine Pflanze, die mittlerweile sogar Teile des Grabsteines überdeckt. Ich glaube, das hätte ihm gut gefallen. Ruhe in Frieden, Quorthon! Du bist zu früh gegangen!

Als ich mich neben das Grab hocke, habe ich Tränen in den Augen. In dem Fall allerdings, weil mich die Sonne blendet und meine Augen deshalb tränen. Dennoch ist das alles irgendwie emotional. Schon vor Jahren habe ich in einer der ersten Ausgaben des METAL MIRRORs schriftlich in einer Top 5 verfügt, dass Bathorys Song „Hammerheart“ irgendwann mal auf meiner Beerdigung laufen wird. Das Stück ist so schön und traurig zugleich, dass ich es mir nur sehr, sehr selten anhöre. Obendrein ist es auf einem meiner ewigen zehn Lieblingsalben, nämlich dem legendären „Twilight Of The Gods“ (1991), das bei mir seit dem Schwedentrip wieder rauf und runter läuft.

Dennoch: Es wird Zeit zu gehen. Wir haben genug Zeit an Quorthons Grab verbracht. Zumal wir noch eine zweite Mission haben. Stefan möchte unbedingt zu dem großen Kreuz, das Entombed einst im Hintergrund eines ihrer ersten Bandfotos zeigten. Dieses Kreuz steht keine zehn Minuten Fußweg von Quorthons Grab entfernt und ist angesichts seiner Größe auch sehr viel einfacher zu finden als ein einzelnes Grab. Auch hier bietet sich wieder eine fantastische Aussicht auf eine weitläufige, schneebedeckte Landschaft. Mitten drin steht – beeindruckend groß – das Entombed-Kreuz. Überaus passend: Auf dem Bandfoto sieht man vier Bandmitglieder, wir sind zu viert unterwegs. Also schnell in Entombed-Pose bringen und ein spazierendes Pärchen fragen, ob sie uns eben fotografieren können. Das Ergebnis sieht doch ganz geil aus:

Stockholm: Entombed-Kreuz

Links Entombed, rechts unsere kleine Reisegruppe.

Der Rest des Tages geht schnell vorbei. Wir haben nur noch zwei Stunden Zeit, bevor es zurück zum Flughafen geht. Eine Zwischenmahlzeit genehmigen wir uns beim örtlichen Burger King. Ich versuche so viele Kronenmünzen wie möglich loszuwerden, da meine Bank in Deutschland nur die Noten zurücktauscht. Obendrein freue ich mich über die nationalen Unterschiede. Beim dortigen Burger King gibt es als Dip Sauce Béarnaise, statt einem Tablett kriegt man einen Korb und den Ketchup kann man sich neben der All-you-can-drink-Anlage frei in kleine Schälchen abfüllen. Verrückt!

Schließlich treffen wir noch eine ehemalige Kollegin von Stefan. Jenny, so der Name der blonden Frau im originalen (!) Rainbow-Tourshirt, hat für einige Zeit die Skandinavien-Promotion von Century Media geführt und hat etliche Anekdoten über die Musiker der Stadt auf Lager. Zu schade, dass nicht genug Zeit bleibt. Wir sitzen nur kurz im Café, plaudern etwas und machen uns dann mit dem Schnellzug auf in Richtung Flughafen.

Plötzlich sitzen wir wieder im Flieger. Es ist seltsam. Irgendwie kommt es einem so vor, als sei man gerade erst angekommen, andererseits hat man das Gefühl, eine Ewigkeit hier gewesen zu sein. Ziemlich genau 33 Stunden waren es. 33 Stunden, in denen ich endlos viele Eindrücke mitgenommen habe. Wie lauteten nochmal meine Eingangsfragen: Teures Bier, hübsche Frauen, Eiseskälte? Im Flieger ziehe ich in Gedanken ein Resümee: Eiseskälte? Pah! Hübsche Frauen? Hm. Teures Bier? Oh ja.

Bis zum nächsten Mal, Stockholm!

20Sep/110

Vergeben und vergessen? Taake sind wieder da.

Taake beim PartySan 2011

Sturz- statt Hakenkreuz auf der Brust: Hoest von Taake beim PartySan 2011 (Foto: E. Dolff / Metal Mirror)

Die Metal-Szene ist seltsam. Hardliner verzeihen Metallica bis heute nicht ihre Rock-Anbiedereien in den Neunzigern. Ozzy Osbourne gilt für viele seit seinem Osbournes-Spektakel als reine Witzfigur. Ein Martin Kesici hat es sich mit seinem Star-Search-Einsatz bis in alle Ewigkeit mit jedem Heavy-Metal-Publikum verscherzt. Es verstieß gegen die Szenekonvention, das ein Sänger, der bei einer populären Castingshow gewann, auf einmal für sich beanspruchte, im angeblichen Underground des Heavy Metals zuhause zu sein. Vergebung? Ausgeschlossen! Sobald sich irgendjemand für den Erfolg verbiegt, gilt das als Kapitalverbrechen. Egal, ob man dann Hetfield oder Kesici heißt. Die Glaubwürdigkeit ist verspielt. Zumindest bei vielen Fans.

Dumm ist diese vielfach gelebte Zero-Tolerance-Policy sowieso. Aber sie wird noch absurder, wenn dann auf der anderen Seite sehr viel haarsträubendere Aktionen mit einem Schulterzucken als Kavaliersdelikt abgetan werden, wenn nur genug Gras über die Sache gewachsen ist. Die Rede ist in diesem Fall von Taake. Ich habe die Veröffentlichung des neuen Albums der norwegischen Black-Metaller mit Spannung erwartet. Nicht etwa, weil die Musik von Taake meist überaus passabel ist, sondern weil ich mich im Vorfeld fragte, wie die Medien reagieren. Aber reisen wir zuerst einmal ein paar Jahre zurück.

Es war im Frühjahr 2007, als mir mein Metal-Mirror-Kollege David eines Morgens bei ICQ schrieb: "Alter, du glaubst nicht, was gestern beim Taake-Auftritt abging!" Taake-Chef Hoest hatte sich mal wieder daneben benommen. Diesmal jedoch so richtig. Die Geschichte machte im Internet schnell die Runde: Hoest war bei der Show im Essener Turock mit einem Hakenkreuz auf der Brust auf die Bühne gegangen und beschmiss das Publikum mit Flaschen und Zigaretten. Manche Quellen sprechen sogar davon, dass er auch den Hitlergruß zeigte (den einige gehirnamputierter Black-Metaller angeblich freudig erwiderten...). Veranstalter und Turock-Inhaber Peter Siewert, den ich spätestens seit dieser Aktion schätze, griff couragiert ein und prügelte Hoest mitsamt Band von der Bühne. Hoest war nie als Unschuldslamm bekannt, saß zuweilen wegen Körperverletzung Gefängnisstrafen ab, aber mit so einem, wollen wir es Ausrutscher nennen?, hatte niemand gerechnet. Weder die Fans, noch Peter. Und auch Hoest nicht so wirklich. Der sah sich plötzlich mit der bitteren Realität konfrontiert.

Veranstalter schmissen die Band reihenweise vom Billing. PR-Firmen, Labels, Vertriebe, Magazine... niemand wollte das heiße Eisen Taake auch nur mit der Kneifzange anfassen. Bei einem Festival in Norwegen übte Mille Petrozza, Kreators Thrash-Altmeister und bekennender Linker, so einen Druck auf die Veranstalter aus, dass die Band auch in ihrem eigenen Heimatland vom Billing flogen. Taake, so schien es, waren bis in alle Ewigkeit gebrandmarkt. Zumal Hoest seine Situation nicht unbedingt durch sein anschließendes Statement verbesserte. Halbherzig entschuldigte er sich für den Vorfall, nutzte die Gelegenheit aber gleich, um Turock-Chef Peter als "Untermensch" zu bezeichnen und forderte ihn auf, "Moslem-Schwänze zu lutschen". Dass er zwei Sätze vorher irgendwas von "keine Nazi-Band" gefaselt hatte und sich für den Vorfall entschuldigte, erschien in dem Moment nicht mehr ganz so glaubwürdig.

Und so blieben Taake vorerst auf der schwarzen Liste. Ihr 2008 erschienenes Album wurde fast nirgendwo beachtet. Schließlich gab es Ende 2008 eine dringend notwendige Aussprache im Metal Hammer. Dort beteuerte Hoest, nicht rechtsradikal zu sein. Die Artikelbilder zeigten ihn von seiner sanften Seite. Ironischerweise, aber natürlich beabsichtigt, saß er im Kreator-Shirt auf der Wiese vor seinem Haus und kuschelte mit einem Kaninchen (ja, wirklich!). Anschließend war nicht so richtig klar, wie es denn jetzt nun weitergehen sollte. Darf man wieder? Darf man nicht? Wie verhält man sich mit diesem schwarzen Schaf unter den schwarzen Schafen? Die Vergangenheit ausblenden? Doch wieder darauf herumreiten? Nochmal das ganze in Interviewform aufrollen? Die Möglichkeiten sind quasi endlos. Und genau deswegen war ich so gespannt auf die Veröffentlichung des neuen Albums.

Die Industrie hat Taake mittlerweile wieder still, leise und ohne groß Aufsehen zu erregen in ihrer Mitte integriert. Die Band spielte in diesem Jahr auf dem PartySan-Open-Air, hat eine leistungsstarke PR-Agentur im Rücken, mit der wir beim Metal Mirror seit etlichen Jahren zusammenarbeiten, und auch ihr altes Label Dark Essence Records hat die Truppe zurückgeholt. Es ist, als habe die große Swastika-Kontroverse nie stattgefunden. Zumindest wirkt das derzeit so.

Der Punkt ist: Hoest ist kein Nazi. Hoest ist lediglich einer der größten Vollidioten, die diese Szene zu bieten hat. Einer, der glaubt, nur dann bühnenwirksame Aufmerksamkeit generieren zu können, wenn er Tabus und Grenzen bricht. Hoest ist ein notorischer Provokateur, der sich mit Nationalsozialismus nicht besser auskennt als ein neugieriger Unterstufenschüler, der das erste Mal von der Besessenheit und dem diabolischen Wesen der Nazis hört. Angezogen und interessiert, weil das alles ganz, ganz böse ist. In seiner Rolle als richtig harter Szenetyp ist er vollkommen aufgegangen. Körperverletzung, Misanthropie, da passte doch auch noch das Kokettieren mit dem Nationalsozialismus ins Resumee. Aber das alles ist jetzt Geschichte. Hoest hatte unterschätzt, wie sensibel man in Deutschland auf Anspielungen in diese Richtung reagiert. Umso wichtiger war es für ihn, sich für eine Weile brav zu verhalten. Ganz unauffällig bleiben. Gras über die ganze Sache wachsen lassen. Und in der Tat: Taake wurde Gnade zuteil. Die neue Platte besiegelt, so scheint es, die Resozialisierung.

Wie es der Zufall will, landete die Scheibe dann direkt in einem RockHard-Päckchen auf meinem Schreibtisch. Also Schluss mit der Beobachterrolle.Wie geht man... nein: wie gehe ich mit diesem Album um? Totschweigen macht in meinen Augen keinen Sinn. Egal wie sehr ich den Typen hinter der Band ablehne: Taake sind - rein musikalisch gesehen! - einer der bedeutendsten Vertreter des norwegischen Black Metals der Gegenwart. Schon alleine aus künstlerisch-musikalischer Sicht ist so ein Album also hochinteressant. Aber ich will auch kein Teil der Hat-nie-passiert-Fraktion sein. Denn dieser Vorfall hat nun einmal stattgefunden und hat - zumindest mir - Taake bis in alle Ewigkeit zu weiten Teilen ungenießbar gemacht. Künstlerisch ist das Album wieder ein absoluter Kracher und eines der besten Black-Metal-Alben des bisherigen Jahres. Seitdem ich meine Rezension geschrieben habe, ist das Album trotzdem kein einziges Mal mehr in meinem Player gelandet. Apropos Rezension: In der habe ich den in meinen Augen besten Weg gewählt. Ich habe meinen inneren Zwiespalt geschildert und klar auf den Essener Vorfall hingewiesen, aber die Musik separat von der Dummheit Hoests bewertet.

Vollkommene Vergebung wird es zumindest von meiner Seite aus bei Taake nicht geben. Nur sehen das wohl viele Veranstalter, Promoter und Labelmenschen anders. Wie sich wohl die anderen Journalisten gegenüber dem Album verhalten werden? Ich bin selbst sehr gespannt, frage mich derweil nur: Was müsste eigentlich passieren, dass ein Hoest sich endgültig die Finger verbrennt und auf immer und ewig ein rotes Tuch für die Metal-Szene bleibt? Das Hakenkreuz auf der Brust hat dafür scheinbar nicht gereicht. Zwei-drei Jahre Sperre, mehr nicht. Um ihn und Taake endgültig zu verbannen, da müsste schon eine Casting-Show her.

Die Metal-Szene ist seltsam.

30Aug/110

RockHard #292: Hundeblick, Blödelbarden und Oben-ohne-Girls

Titel von RockHard #292

Titel von RockHard #292

Jetzt wird mir endlich klar, warum Opeth so viele weibliche Fans haben. Dem Hundeblick von Mikael Åkerfeldt kann vermutlich kaum eine Metal-Dame widerstehen. Wenn der Wuschelkopf dann noch romantisch aus seinem psychedelischen Seventies-Vorhang hervorlugt, ist die Herzschmelze komplett. Mich lässt das allerdings kalt.
Es ist Zeit für ein Geständnis: Ich finde Opeth gnadenlos überbewertet. Mikael ist ein lustiger Kauz, sein trockener Humor legendär, seine musikalischen Fähigkeiten unumstritten, aber das was letztlich zählt – nämlich die Musik – hat mich, von ganz wenigen Ausnahmen einmal abgesehen, noch nie berührt. Dass dem Heft der Live-Mitschnitt des Auftritts auf dem 2009er RockHard-Festival beiliegt, ist demnach zwar ein cooles Gimmick für Fans und Interessierte, ich selbst habe diese CD jedoch bisher gemieden. Ich habe den Auftritt damals live gesehen, war wieder einmal nicht begeistert, warum sollte das bei der Live-CD anders sein?

Egal. Hilft ja nichts, darüber weiter nachzudenken. Zumal ich ein paar Seiten körperlich gefordert bin. Die Seiten 8 und 9 sind nicht voneinander getrennt, sodass ich so filigran wie es mir möglich ist, die Seiten auseinanderreiße. Na, hoffentlich lohnt sich das wenigstens... Aha... Krisiun im Studio, Bobby Schottkowski mit neuer Band, ein Mitglied von Coheed And Cambria hat eine Apotheke ausgeraubt und die Erkenntnis, dass es bei Artillery sehr öde im Tourbus zugehen muss: Keine CDs, keine DVDs, keine Bücher,... was machen diese Dänen denn den ganzen Tag im Bus? Außer furzen. Das ist nämlich das einzige Thema, bei dem die beiden Stützer-Brüder aufblähen... äh... aufblühen.

Anders Mikael Åkerfeldt, der einem im Rahmen einer mehrseitigen Titelstory wieder begegnet und dessen Leidenschaft für Musik wirklich so gut wie durchgehend spürbar ist. Der Typ ist richtig sympathisch, sein Musikgeschmack verrückt und sein Werdegang beeindruckend. Umso mehr ärgere ich mich, dass mir Opeth' Musik so gar nichts gibt. Seht ihr, ich denke schon wieder drüber nach...

Schnell auf andere Gedanken bringen. Da kommen Turbonegro gerade recht. An denen ist die Offenheit, mit der sie an das Interview herangehen, sympathisch. Turbojugend-Mitglied Cobra Erzgebirge (na, welcher RockHard-Redakteur verbirgt sich hinter diesem Pseudonym?) unterhält sich vorwiegend mit Tony Sylvester, der nach Jahren als Fanclub-Mitglied und Presseagent nun den Sängerposten übernimmt. From dishwater to millionaire...oder irgendwas in der Art.
Interessant aber auch die ursprünglich von RockHard aufgestellte Wunsch-Top-3 für den vormals vakanten Posten: Udo Dirkschneider, Fenriz und Klaus Meine. Ja, nee, is kla! Wie Fenriz „All My Friends Are Dead“ intonieren würde, würde ich sehr gerne mal hören. Zu schade, dass er nicht in Frage kommt, weil er laut Happy Tom sein halbes Leben im Wald verbringt.

Steve „Lips“ Kudlow hat hingegen mehr als sein halbes Leben damit verbracht, Rockstar werden zu wollen. Weitgehend (sprich: von einem kurzen Hoch in den Achtzigern einmal abgesehen) erfolglos. Kaum war die Dokumentation in aller Munde, lief es für die Kanadier rund. Dennoch maßregelt „Lips“ den Kollegen Frank Albrecht und weist darauf hin, dass die Band nur so erfolgreich sei, weil sie tolle Songs habe und eine starke Band sei. An der Dokumentation liege das nicht. Was für ein Bullshit! Ich meine: schön wär's, aber dass der derzeitige Erfolg in erster Linie der Doku zu verdanken ist, kannst du doch nicht ernsthaft leugnen, lieber Steve. Keine Ahnung, von wo da gerade der Wind weht. Vielleicht kann „Lips“ es nicht verkraften, dass er es eben nicht alleine einen Schritt weiter in Richtung Rock-Olymp geschafft hat, sondern dafür einen kräftigen Schubser eines talentierten Dokufilmers brauchte. Wirklich zufrieden wirkt der Wuschelkopf jedenfalls nicht: Er flucht über den in der Doku häufig auftretenden ex-Produzenten, den in der Doku auftretenden ex-Gitarristen, die in der Doku auftretende ex-Tourmanagerin und unterstellt schließlich sogar den Kameraleuten, dass diese beim Dreh sensationsgeil auf eine Eskalation gewartet hätten... Dankbarkeit für diesen Wink des Schicksals sieht anders aus. Dass dir das mal nicht noch zum Verhängnis wird, Steve.

Kopfschüttelnd wird weitergeblättert: Communic wirken sympathisch. Schade, dass ich deren Musik auch nicht leiden kann. Machine Heads Robb Flynn sieht mit seinem Vollbart ein bisschen so aus, als würde er demnächst an Flughäfen doppelt und dreifach auf Terrorgefahr untersucht und Jamey Jasta gewährt kurz Einblick in die persönlichen Aspekte seines Soloalbums. So richtig interessant wird es bei dem Artikel über „Pay to Play“. Nachdem die Redaktion etliche Leserbriefe zu dem Thema erreichten (und auch diesen Monat sind zwei Stück dabei), ist Jan Jaedike losgezogen, hat sich auf die Suche nach einem Gesprächspartner gemacht und diesen schließlich (nach vielen Absagen; es will sich eben keiner die Finger verbrennen) in Form von Alex „Schnalli“ Schröder, Betreiber des Osnabrücker „Bastard“-Clubs, gefunden. Das Resultat ist ein interessantes Interview zu einem Thema, das sehr viel mehr zum Nachdenken anregt als das Blabla, das manch eine Kapelle von sich gibt. Den Pay-to-Play-Artikel hätte man gerne noch mit weiteren Erfahrungen, Stimmen und Interviews anreichern können. Vielleicht folgt da ja noch eine Fortsetzung. Aber auch so: Hut ab, Herr Kollege! Super Artikel über ein wichtiges Thema!

Hut ab auch vor der Cleverness der Blödelbarden: Um sich den illegalen Downloads zu erwehren, haben J.B.O. eine sehr geschickte Taktik gewählt. Sie schrieben einfach einen Song namens „Download“, damit Filesharer bei der Sucheingabe „J.B.O Download“ in erster Linie nur diesen Song finden. Clever, clever! Die rosa Outfits gehen trotzdem immer noch gar nicht.

Ein paar Seiten später gibt es hingegen endlich mal was Ansehnliches. Nein, nicht die Sister-Jungs, die wie eine Kreuzung aus den Murderdolls, Nikki Sixx und Gothic-Rastas aussehen, sondern das Oben-ohne-Girl, das Werbung für irgendein Tattoo-Magazin macht. Über dem abgebildeten Cover mit den... ich zähle mal eben... vier halbnackten Damen prangt: „Die erotischsten Seiten der Szene“. Ich möchte hinzufügen: Auch die erotischsten Seiten dieser RockHard-Ausgabe. Es sei denn, ich entdecke auf den folgenden Seiten noch eine Nacktaufnahme von Krypterias Ji-In, hüstel... schnell mal durchgeblättert. Leider Fehlanzeige.

Immerhin ist man überrascht über die Wahl des Album des Monats. Arch/Matheos heißt das neue Projekt um die ex- bzw. noch-immer-Fates-Warning-Mitglieder Arch und Matheos. Mal sehen, ob die nächsten Monat im Mirror auch so gut abschneiden. Eine geschmackliche Parallele entdecke ich hingegen schon jetzt: Sowohl im Mirror als auch im RockHard landen die New-Metal-Kätzchen Kittie ganz tief im Keller. Hat sich wohl ausmiaut, auch wenn Frank Albrecht, Pluskritiker und in diesem Monat entspannter Gegenpol der Minusschreiber, das noch etwas anders zu sehen scheint.

Für einen letzten Schmunzler sorgt außerdem das Bang-Your-Head-Foto von Overkills Bobby Blitz. Der sieht da nämlich so aus, als müsse er dringend mal aufs Klo. Lass laufen, Bobby!

Offene Fragen nach der Lektüre:

  • Wie selbstverliebt muss Esa Holopainen (Amorphis) sein, dass er stets die gesamte Amorphis-Diskographie auf seinem iPhone mitschleppt?
  • Ist das ein Produktionsfehler oder haben die Dream-Theater-Jungs auf ihrem Promofoto tatsächlich alle lila Lippen?
  • Bin ich der einzige, dem auffällt, dass Joel Grind (zumindest auf dem im RockHard und auch im METAL MIRROR verwendeten Promofoto) eine gewisse Ähnlichkeit mit Matt Damon hat?

 


Offenlegung: Ich arbeite seit knapp zwei Jahren als freier Mitarbeiter beim RockHard. Die 292. Ausgabe ist seit ein paar Tagen im Handel erhältlich!

22Jul/110

RockHard #291: Melancholie, Schlafsack-Erotik und ein Jimmy-Page-Klon

Seit Mittwoch im Handel: die 291. Ausgabe vom RockHard-Magazin. Nachfolgend ein Überblick über das neue Heft.

Das Titelbild der neuen Ausgabe stimmt mich traurig. Denn irgendwie sieht Dio da so lebendig drauf aus. Man mag sich gar nicht vorstellen, dass man ihn nie wieder so imposant und in Aktion erleben wird. Über ein Jahr ist es her, dass der - laut Götz - "größte Rocksänger aller Zeiten" (mir würden da ein paar andere Namen noch eher in den Kopf schießen...) von uns gegangen ist. Da man Dio freilich nicht mehr interviewen kann, steht dessen jahrelange Frau und Managerin Rede und Antwort. Ergebnis: Melancholie. Ich bezweifle, dass Ronnie seine frühen Werke nochmal hätte toppen können, aber das Interview mit Wendy Dio hinterlässt angesichts des bekundigten Tatendrangs mehr denn je den Eindruck, dass hier ein Musiker zu früh von uns gegangen ist. Schnief.... kann mir jemand ein Taschentuch reichen? Danke. Geht schon wieder.

Schnell weitergeblättert. Oha: David Vincent kommt nochmal zu Wort. Vor zwei Monaten erst hatte Götz sich mit dem Death-Metal-Querulanten über das neue Morbid-Angel-Album unterhalten. Dingdingding, Runde zwei. Diesmal darf allerdings Frank Albrecht als Gesprächspartner heran, der die neue Scheibe scheinbar gar nicht so schlecht findet und sich trotz der Techno-Einflüsse versöhnlich zeigt. Hätten wir für den Metal Mirror unseren Redakteur und Morbid-Angel-Traditionalisten David Dankert zum Gespräch geschickt, wäre das vermutlich in einer handfesten Schlägerei geendet. Der ist da nämlich weniger tolerant als Frank.

Weiter geht's mit alten Hasen: Symphony-X-Gitarrist Michael Romeo macht Werbung für seinen japanischen Gitarrenhersteller und Sepulturas Andreas Kisser erteilt der Frage nach einer Reunion mit Cavalera die drölfzigste Absage. Aber man wolle gerne Freunde bleiben, wieder werden...oder irgendwie so etwas.

Was macht Jimmy Page denn da? Und wer sind die Jungspunde um ihn herum? Moment mal... Das ist ja gar nicht Jimmy Page, sondern Rival-Sons-Fronter Jay Buchanan. Diese Ähnlichkeit. Verblüffend. Und dann klingt die Mucke von Rival Sons auch noch verdächtig nach Led Zeppelin. Ich wittere eine Verschwörungstheorie, die das Klonen von DNA beinhaltet. Im Interview geht es jedenfalls um Gras, große Vinyl-Sammlungen und das Leben eines Jung-Rockstars, der sich gar nicht wie einer vorkommt. Götz' "Visions"-Seitenhieb im Interview-Vorspann sorgt ebenfalls für ein Schmunzeln.

Großes Zentrum der Ausgabe ist jedoch (wie könnte es anders sein) das RockHard-Festival. Da werden Erinnerungen wach. Zumindest wenn man da war. Auf mehreren Seiten bietet der Bericht die Möglichkeit, nochmal in das Amphitheater zurückzureisen. Ob man immer mit der Meinung der jeweiligen Schreiber übereinstimmt, ist wohl Ansichtssache. Ich konnte Epica zumindest gar nichts abgewinnen. Nicht mal die von Kollege Jaedike heraufbeschworenen "angenehmen Erinnerungen für den Schlafsack". Schlechte Musik macht mich wohl unempfänglich für weibliche Reize...

Wenige Seiten später: Anthrax. Mittlerweile hebe ich da schon ganz reflexartig skeptisch eine Augenbraue. Drummer Charlie Benante versucht Licht in die undurchschaubaren Aus- und Einstiege, Wechsel, Sänger und Aufnahmen zu bringen. (Für eine Übersicht: METAL MIRROR #51, S. 28) Viele böse Worte über Dan Nelson inklusive. Mal schauen, ab wann Jetzt-Sänger Joey Belladonna wieder der Übeltäter ist.

Na, den kennst du doch. Waldgeflüster heißt das Black-Metal-Projekt des Mannes, der sich Winterherz nennt und dessen Album auf seiner Wanderung durch ein norwegisches Naturschutzgebiet basiert. So weit, so true. Früher hieß Winterherz jedenfalls noch Jan, spielte bei Scarcross und erlangte im Internet durch die Videoclips "Wie macht man Metal" und "Wie macht man Wacken" szeneweit Bekanntheit. Wie sich die Zeiten doch ändern...

Außerdem geht die Serie "Die 250 besten Songs aller Zeiten" zu Ende. Große Überraschungen gibt es in der Spitze nur wenige. Und die müsst ihr wenn dann selbst herausfinden. Protest möchte ich aber hinsichtlich folgender Entscheidungen notiert wissen. Fürs Protokoll und so.

  • "Sweet Child O' Mine" von Guns N' Roses ist göttlich, aber immer noch Welten hinter "Welcome To The Jungle" und "Rocket Queen".
  • Der beste Helloween-Song ist und bleibt "Future World". Oder "I Want Out". Nicht "Ride The Sky".
  • Thin Lizzys "Emerald" kann nicht gegen "Jailbreak" und "The Boys Are Back In Town" anstinken
  • Lynyrd Skynyrd gehören in die Top 10, ach was: die Top 3...

Außerdem gibt es Interviews mit Night Ranger, Year Of The Goat, Castle, Unearth, einen Seziertisch mit Amorphis, eine Klassiker-Story mit Kyuss und und und und.... Mit dabei ist diesmal auch eine weitere Rock-Guerilla-DVD. Die habe ich mir aber noch nicht angeguckt. Sollte ich darauf etwas entdecken, das mich zum Schreiben inspiriert, werde ich das hier nachholen.

Meine offenen Fragen nach der Lektüre von RockHard #291:

  • Wer bitteschön bezeichnet Stormwarrior als die "besseren Gamma Ray" und was für Zeug muss man rauchen, um das zu behaupten?
  • Wenn man schon transparent darstellt (sehr lobenswert übrigens!), wie die Plattenfirma versucht, die inhaltliche Ausrichtung eines Interviews (in diesem Falle: Ozzy Osbourne wegen eines neuen Boxsets) vorzugeben, warum arbeitet man dann nicht gleich komplett dagegen an und zeigt diesen Labelmenschen, die Journalismus für kostenlose PR halten, dick und fett den Stinkefinger?
  • Konnte Kollege Mühlmann noch bei den beiden Norwegerinnen landen, die er gemäß des Sweden-Rock-Berichtes vor Ort angegraben hat?

 


Offenlegung: Ich arbeite seit knapp zwei Jahren als freier Mitarbeiter beim RockHard.