Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
10Mrz/123

Musik, die sich hinter Brüsten versteckt?

Diese Woche war ja mal wieder internationaler Frauentag. Ein Tag um ein Bewusstsein für die Frauen dieser Welt zu schaffen. Und vor allem ein Tag, der in meinen Augen ziemlich unsinnig zelebriert wird (darüber habe hier ausführlich geschrieben). Eigentlich ist dieser Tag ein wunderbarer Anlass, um auch einen Blick auf die Macho-Bastion der Musik zu werfen - die Metal-Szene.

Dabei soll es heute mal nicht um die weiblichen Fans gehen, die ja meist in der Unterzahl sind. Auch nicht um peinliche Förderprogramme wie irgendwelche Girls-Rock-Camps, mit denen man dafür sorgen möchte, dass die Quote auch in Metal- und Rock-Fankreisen stimmt. Nein, ich möchte heute einen Blick auf die weiblich angeführten Bands und genauer: auf deren Genrebezeichnung werfen. In jüngerer Vergangenheit fällt mir nämlich vermehrt auf, dass man Metal, der von Frauenstimmen vorangetrieben wird, als eigenständiges Genre zu etablieren versucht. Mit "man" sind in dem Fall die Labels und Promoter gemeint, die - so befürchte ich - diese Etablierung für einen taktischen Supercoup halten.

Und deswegen kriege ich häufiger und häufiger Post auf den Schreibtisch, bei der ich ins Stutzen komme, wenn ich einen Blick auf den beiliegenden Promozettel werfe. Da steht dann so etwas wie "Genre: Female fronted". Verwunderung. Was soll das denn bitte für eine Stilrichtung sein?

Natürlich ist mir klar, welche Form von Musik man mit dem Genre "Female fronted" vermarktet. Das sind die Nightwish-Klone, die Möchtegern-Within-Temptations, die oft (auch von mir) abwertend Elsenbands genannten Truppen, die ein Power- oder Gothic-Metal-Fundament verwenden, jede Menge symphonische Elemente dazupacken und das ganze dann von einer mal mehr, mal weniger talentierten Pseudo-Opernsängerin veredeln lassen. So klingt also "Female fronted".

Mich stört diese Genrebezeichnung, die letztlich nichts anderes als ein purer Sexismus der Musikbranche ist, denn sie legt die Rolle der Frau in der Musik sehr starr fest. Female fronted heißt doch eigentlich nichts anderes, als dass die Fronterin weiblich ist. Punkt. Mehr Aussage hat der Terminus nicht. Allerdings führt uns dieser synthetische Genre-Begriff in die Irre. "Frau an der Front? Muss kitschiger Gothic Metal sein." Das ist die Heuristik, die durch diesen Marketing-Schachzug geschaffen wird. Außer Acht gelassen wird dabei, dass es etliche Bands mit Frauen an der Front gibt, die kein normaler Metaller jemals mit "Female fronted" gleichsetzen würde. Sind Arch Enemy female fronted? Oder Holy Moses? Wortwörtlich ja. Musikalisch würde die da aber niemand verorten. Selbst eine Band wie wie von mir abgöttisch verehrten The Devil's Blood, bei der die Sängerin nicht rumbrüllt, sondern durch ihre klare Stimme begeistert, könnte man nicht ohne Bauchschmerzen mit dem Etikett "Female fronted" behaften.

Was soll das also? Kann man Gothic Metal nicht einfach auch als diesen brandmarken? Sind die Brüste an der Front ein so wesentliches Merkmal des Stils, dass man diese gleich mit ins Genre packen muss? Verkauft sich Musik, bei der man von Anfang an klar macht, dass da jemand mit weiblichem Geschlecht singt, besser? Ist es in den Augen dieser Leute etwas so besonderes, dass da eine Frau bei einer Metal-Band singt? Viele Fragen. Keine Antworten. Nur eine Theorie meinerseits: Wer sich hinter diesem Etikett versteckt, will vermutlich eh nur über die mittelmäßig bis unterdurchschnittliche Musik hinwegtäuschen und schiebt deswegen die Brüste in den Vordergrund. Aber wen lenkt das schon von dem langweiligen Hörerlebnis ab? Mich jedenfalls nicht. Also: Schafft diesen Unfug bitte unverzüglich wieder ab. Danke.


Hinweis: Dieser Artikel ist ursprünglich als Kolumne auf METAL MIRROR erschienen.

Illustrationen: Mikrofon von Deviantart (Kaboom), Lippenstift von 123rf (D. Celik)

4Okt/110

Bülent Ceylan vs. Lou Gramm. Oder: Was bitte ist Prominenz?

Bülent Ceylan Pressefoto

Pressefoto von Bülent Ceylan (c) Marco Perdigones

Manch einem wird es nicht entgangen sein, dass wir in der aktuellen Metal-Mirror-Ausgabe unserer Maxime treu geblieben sind, immer wieder ungewöhnliche Storys zu suchen und zu finden. Es brauchen ja nicht immer Bands und deren neue Alben sein, die im Fokus stehen. Auf dem Wacken Open Air erkannte ich eine solche Gelegenheit und packte sie wenige Wochen später beim Schopfe: Ich organisierte mir ein Interview mit Bülent Ceylan, aufstrebender Komiker, laut Eigenaussage Metal-Fan und der erste Comedian, der auf einem großen Heavy-Metal-Festival aufgetreten ist. Ich wollte ihm einmal auf den Zahn fühlen. Wie viel Heavy Metal ist der gute Bülent denn eigentlich? Was dabei herausgekommen ist, möchte ich hier gar nicht vorweg nehmen. Das könnt ihr hier nachlesen. Worüber ich schreiben möchte, ist etwas anderes.

Lou Gramm Pressefoto

Pressefoto von Lou Gramm (c) Scott Hamilton

Mir hat dieser Vorfall wieder einmal gezeigt, wie unterschiedliche Vorstellungen von Prominenz wir haben, ich habe, ihr habt. Ich habe in den sieben Jahren, in denen ich den METAL MIRROR herausgebe, unzählige Bands und Musiker interviewt. Vor manch einem Interview saß ich hibbelig vorm Telefon und kaute auf meinen Fingernägeln, weil ich nervös war. Wenn dann mein Telefondisplay leuchtete und klar war, dass am anderen Ende Musiker X von Band Y war, um mit mir zu sprechen, dann erstarrte ich manchmal für ein paar Schrecksekunden vor Ehrfurcht. Das war nicht oft der Fall und es legte sich binnen weniger Sekunden. Aber wenn es passierte, dann waren waren am anderen Ende der Leitung so Namen wie Eric Adams von Manowar, Rob Halford von Judas Priest, Lou Gramm von Foreigner. Absolute Legenden des Heavy Metals und Hard Rocks. Musiker, die teils ganze Generationen maßgeblich geprägt und Musikstile erfunden haben. Diese Bands haben ganze Zweige der Musikkultur geschaffen. Und diese Typen riefen von irgendeinem luxuriösen Anwesen aus den Musikjournalisten und Studenten Dorian in seiner kleinen unaufgeräumten Bude an. Eine fast schon skurrile Situation.

Was hat das alles mit Bülent Ceylan zu tun, mag sich manch einer jetzt fragen. Ganz einfach: Verglichen mit diesen Legenden, die ich teils schon Jahre zuvor interviewt habe, ist ein Bülent Ceylan ehrlich gesagt ein kleiner Fisch. Nervosität oder Ehrfurcht? Keine Spur. Klar, das liegt mit Sicherheit auch an der mit jedem Monat steigenden Erfahrung, der jahrelang aufgebauten Routine und meinem furchtbar übertriebenen Selbstbewusstsein. Aber das ist nicht der einzige Grund. Für mich ist ein Bülent Ceylan, so erfolgreich er derzeit auch sein mag, nicht einmal ansatzweise so prominent und bedeutsam wie die eben erwähnten Namen.

Umso interessanter sind deswegen die unterschiedlichen Reaktionen des Umfelds. Szenario: Ich sitze in einer munteren Bierrunde unter Bekannten in irgendeiner Kneipe. In einem Nebensatz kommt zur Sprache, dass ich kürzlich Lou Gramm interviewt habe. Ich blicke in Gesichter, die wie große Fragezeichen aussehen. "Lou... wer?" - "Lou Gramm." - "Wer ist Lou Gramm?" - "Der ehemalige Sänger von Foreigner?!" - "Wer sind Foreigner?"

In diesen Momenten hilft meist nur eins: "I Want To Know What Love Is" oder "Cold As Ice" summen. Das kennt ja doch jeder. Auch die Leute in der munteren Bierrunde. "Aaahhh, wusste gar nicht, von wem das ist", stimmt die Runde dann meist im Kollektiv an.

Anderes Szenario: Ich sitze in einer munteren Bierrunde unter Bekannten in irgendeiner Kneipe. In einem Nebensatz kommt zur Sprache, dass ich kürzlich Bülent Ceylan interviewt habe. Ich blicke in staunende Gesichter. "Woaaahh, echt?!" - "Äh, ja." - "Ist ja krass." - "Äh, ja?" - "Kann man davon mal die Aufnahme hören?" - "Äh, ne."

Mich überrascht das. Ganz ehrlich! Das mag vielleicht die Form von Naivität sein, die man sich zulegt, wenn man abgesehen von Nachrichten und Fußball jahrelang so gut wie kein TV schaut und sich immer weiter und weiter in einen speziellen Musikzweig und vor allem dessen Ursprünge hineinarbeitet, hineindenkt, hineinhört, hineinlebt. Aber was ist denn ein Bülent Ceylan im Vergleich zu einem Lou Gramm? Nichts gegen Bülent, der ist ein echt sehr netter Typ, wie ich in unserem halbstündigen Telefonat feststellen durfte. Aber mal ernsthaft: Bülent macht Comedy. Lou Gramm hat den melodischen Hard Rock der Achtziger maßgeblich mitgeprägt und mit Foreigner über 50 Millionen Alben verkauft.

Für mich liegen da einfach Welten zwischen. Für große Teile meines Umfeldes ist Bülent der Promi und Lou Gramm irgendein Typ von irgendeiner alten Band. Verrückt. Man kann daraus wohl nur den Rückschluss ziehen, dass auch der Ruhm, den man sich durch die größten Erfolge aufgebaut hat, innerhalb einiger Jahrzehnte langsam verpufft. In den Achtzigern wäre es schlichtweg undenkbar gewesen, dass jemand Foreigner nicht kennt. Aber die Zeiten ändern sich. Vermutlich wird in zwanzig Jahren irgendein Journalist in seiner Bekanntenrunde in einer Cyberspace-Kneipe sitzen, Astronautenbier trinken und beiläufig erwähnen, dass er neulich den klassischen, deutschen Comedian Bülent Ceylan zu seiner 30th-Anniversary-Tour interviewt hat. Und die Leute werden sagen: "Bülent...wer?"

20Sep/110

Vergeben und vergessen? Taake sind wieder da.

Taake beim PartySan 2011

Sturz- statt Hakenkreuz auf der Brust: Hoest von Taake beim PartySan 2011 (Foto: E. Dolff / Metal Mirror)

Die Metal-Szene ist seltsam. Hardliner verzeihen Metallica bis heute nicht ihre Rock-Anbiedereien in den Neunzigern. Ozzy Osbourne gilt für viele seit seinem Osbournes-Spektakel als reine Witzfigur. Ein Martin Kesici hat es sich mit seinem Star-Search-Einsatz bis in alle Ewigkeit mit jedem Heavy-Metal-Publikum verscherzt. Es verstieß gegen die Szenekonvention, das ein Sänger, der bei einer populären Castingshow gewann, auf einmal für sich beanspruchte, im angeblichen Underground des Heavy Metals zuhause zu sein. Vergebung? Ausgeschlossen! Sobald sich irgendjemand für den Erfolg verbiegt, gilt das als Kapitalverbrechen. Egal, ob man dann Hetfield oder Kesici heißt. Die Glaubwürdigkeit ist verspielt. Zumindest bei vielen Fans.

Dumm ist diese vielfach gelebte Zero-Tolerance-Policy sowieso. Aber sie wird noch absurder, wenn dann auf der anderen Seite sehr viel haarsträubendere Aktionen mit einem Schulterzucken als Kavaliersdelikt abgetan werden, wenn nur genug Gras über die Sache gewachsen ist. Die Rede ist in diesem Fall von Taake. Ich habe die Veröffentlichung des neuen Albums der norwegischen Black-Metaller mit Spannung erwartet. Nicht etwa, weil die Musik von Taake meist überaus passabel ist, sondern weil ich mich im Vorfeld fragte, wie die Medien reagieren. Aber reisen wir zuerst einmal ein paar Jahre zurück.

Es war im Frühjahr 2007, als mir mein Metal-Mirror-Kollege David eines Morgens bei ICQ schrieb: "Alter, du glaubst nicht, was gestern beim Taake-Auftritt abging!" Taake-Chef Hoest hatte sich mal wieder daneben benommen. Diesmal jedoch so richtig. Die Geschichte machte im Internet schnell die Runde: Hoest war bei der Show im Essener Turock mit einem Hakenkreuz auf der Brust auf die Bühne gegangen und beschmiss das Publikum mit Flaschen und Zigaretten. Manche Quellen sprechen sogar davon, dass er auch den Hitlergruß zeigte (den einige gehirnamputierter Black-Metaller angeblich freudig erwiderten...). Veranstalter und Turock-Inhaber Peter Siewert, den ich spätestens seit dieser Aktion schätze, griff couragiert ein und prügelte Hoest mitsamt Band von der Bühne. Hoest war nie als Unschuldslamm bekannt, saß zuweilen wegen Körperverletzung Gefängnisstrafen ab, aber mit so einem, wollen wir es Ausrutscher nennen?, hatte niemand gerechnet. Weder die Fans, noch Peter. Und auch Hoest nicht so wirklich. Der sah sich plötzlich mit der bitteren Realität konfrontiert.

Veranstalter schmissen die Band reihenweise vom Billing. PR-Firmen, Labels, Vertriebe, Magazine... niemand wollte das heiße Eisen Taake auch nur mit der Kneifzange anfassen. Bei einem Festival in Norwegen übte Mille Petrozza, Kreators Thrash-Altmeister und bekennender Linker, so einen Druck auf die Veranstalter aus, dass die Band auch in ihrem eigenen Heimatland vom Billing flogen. Taake, so schien es, waren bis in alle Ewigkeit gebrandmarkt. Zumal Hoest seine Situation nicht unbedingt durch sein anschließendes Statement verbesserte. Halbherzig entschuldigte er sich für den Vorfall, nutzte die Gelegenheit aber gleich, um Turock-Chef Peter als "Untermensch" zu bezeichnen und forderte ihn auf, "Moslem-Schwänze zu lutschen". Dass er zwei Sätze vorher irgendwas von "keine Nazi-Band" gefaselt hatte und sich für den Vorfall entschuldigte, erschien in dem Moment nicht mehr ganz so glaubwürdig.

Und so blieben Taake vorerst auf der schwarzen Liste. Ihr 2008 erschienenes Album wurde fast nirgendwo beachtet. Schließlich gab es Ende 2008 eine dringend notwendige Aussprache im Metal Hammer. Dort beteuerte Hoest, nicht rechtsradikal zu sein. Die Artikelbilder zeigten ihn von seiner sanften Seite. Ironischerweise, aber natürlich beabsichtigt, saß er im Kreator-Shirt auf der Wiese vor seinem Haus und kuschelte mit einem Kaninchen (ja, wirklich!). Anschließend war nicht so richtig klar, wie es denn jetzt nun weitergehen sollte. Darf man wieder? Darf man nicht? Wie verhält man sich mit diesem schwarzen Schaf unter den schwarzen Schafen? Die Vergangenheit ausblenden? Doch wieder darauf herumreiten? Nochmal das ganze in Interviewform aufrollen? Die Möglichkeiten sind quasi endlos. Und genau deswegen war ich so gespannt auf die Veröffentlichung des neuen Albums.

Die Industrie hat Taake mittlerweile wieder still, leise und ohne groß Aufsehen zu erregen in ihrer Mitte integriert. Die Band spielte in diesem Jahr auf dem PartySan-Open-Air, hat eine leistungsstarke PR-Agentur im Rücken, mit der wir beim Metal Mirror seit etlichen Jahren zusammenarbeiten, und auch ihr altes Label Dark Essence Records hat die Truppe zurückgeholt. Es ist, als habe die große Swastika-Kontroverse nie stattgefunden. Zumindest wirkt das derzeit so.

Der Punkt ist: Hoest ist kein Nazi. Hoest ist lediglich einer der größten Vollidioten, die diese Szene zu bieten hat. Einer, der glaubt, nur dann bühnenwirksame Aufmerksamkeit generieren zu können, wenn er Tabus und Grenzen bricht. Hoest ist ein notorischer Provokateur, der sich mit Nationalsozialismus nicht besser auskennt als ein neugieriger Unterstufenschüler, der das erste Mal von der Besessenheit und dem diabolischen Wesen der Nazis hört. Angezogen und interessiert, weil das alles ganz, ganz böse ist. In seiner Rolle als richtig harter Szenetyp ist er vollkommen aufgegangen. Körperverletzung, Misanthropie, da passte doch auch noch das Kokettieren mit dem Nationalsozialismus ins Resumee. Aber das alles ist jetzt Geschichte. Hoest hatte unterschätzt, wie sensibel man in Deutschland auf Anspielungen in diese Richtung reagiert. Umso wichtiger war es für ihn, sich für eine Weile brav zu verhalten. Ganz unauffällig bleiben. Gras über die ganze Sache wachsen lassen. Und in der Tat: Taake wurde Gnade zuteil. Die neue Platte besiegelt, so scheint es, die Resozialisierung.

Wie es der Zufall will, landete die Scheibe dann direkt in einem RockHard-Päckchen auf meinem Schreibtisch. Also Schluss mit der Beobachterrolle.Wie geht man... nein: wie gehe ich mit diesem Album um? Totschweigen macht in meinen Augen keinen Sinn. Egal wie sehr ich den Typen hinter der Band ablehne: Taake sind - rein musikalisch gesehen! - einer der bedeutendsten Vertreter des norwegischen Black Metals der Gegenwart. Schon alleine aus künstlerisch-musikalischer Sicht ist so ein Album also hochinteressant. Aber ich will auch kein Teil der Hat-nie-passiert-Fraktion sein. Denn dieser Vorfall hat nun einmal stattgefunden und hat - zumindest mir - Taake bis in alle Ewigkeit zu weiten Teilen ungenießbar gemacht. Künstlerisch ist das Album wieder ein absoluter Kracher und eines der besten Black-Metal-Alben des bisherigen Jahres. Seitdem ich meine Rezension geschrieben habe, ist das Album trotzdem kein einziges Mal mehr in meinem Player gelandet. Apropos Rezension: In der habe ich den in meinen Augen besten Weg gewählt. Ich habe meinen inneren Zwiespalt geschildert und klar auf den Essener Vorfall hingewiesen, aber die Musik separat von der Dummheit Hoests bewertet.

Vollkommene Vergebung wird es zumindest von meiner Seite aus bei Taake nicht geben. Nur sehen das wohl viele Veranstalter, Promoter und Labelmenschen anders. Wie sich wohl die anderen Journalisten gegenüber dem Album verhalten werden? Ich bin selbst sehr gespannt, frage mich derweil nur: Was müsste eigentlich passieren, dass ein Hoest sich endgültig die Finger verbrennt und auf immer und ewig ein rotes Tuch für die Metal-Szene bleibt? Das Hakenkreuz auf der Brust hat dafür scheinbar nicht gereicht. Zwei-drei Jahre Sperre, mehr nicht. Um ihn und Taake endgültig zu verbannen, da müsste schon eine Casting-Show her.

Die Metal-Szene ist seltsam.

19Aug/110

Für ein Foto mit der Queen ist immer Zeit…

Wacken Foundation Logo

Logo der Wacken Foundation (Fragezeichen von mir)

Wacken Open Air. Da saß ich nun. Der Regen prasselte auf das Kunststoffdach des Pressezelts. Eigentlich wollte ich nur mein Handy aufladen. Doch ich wurde Zeuge einer typischen Veranstaltung bei Festivals: einer Pressekonferenz. Diesmal ging es um die Wacken Foundation, eine Einrichtung, die aus Produkten, wie dem Wacken-Kaffee, Geld zieht und Spenden sammelt, um damit irgendwann in einer scheinbar weit, weit entfernten Zukunft Bands zu unterstützen. Wie? Keine Ahnung. Womit? Mit Geld. Welche Bands? Niemand weiß es.

Es wäre eigentlich ein Einfaches, bei einer Pressekonferenz zu diesem Thema einmal kritisch nachzuhaken. Bands wie Airbourne, Volbeat, Rival Sons und und und zeigen seit Jahren, dass man es mit origineller, authentischer und teilweise sogar mit beschissener Musik (wer das von den dreien ist, dürft ihr raten) zu Ruhm, Frauen und Geld schaffen kann. Wozu braucht es da eine Finanzspritze von den Wacken-Heiligen? Zumal weder die zu wissen scheinen, wie, wann, wo und wer gefördert werden soll. Darauf angesprochen wird meist rumgedruckst. Man habe Pläne. Aha.

Die in meinen Augen bisherige Sinnlosigkeit dieser Foundation ist aber nicht einmal das Problem, das mich zum Nachdenken anregte, während ich dort auf einem Barhocker am Ende des Pressezeltes saß und mich über den viel zu langsam aufladenden Akku meines Handys ärgerte. Es war viel mehr die gesamte Szenerie und die Reaktion der angeblichen Pressevertreter.

Da sitzen sie also alle vorne. Nett nebeneinander aufgereiht und beweihräuchern sich selbst. Irgendeine Schauspielerin, die angeblich megabekannt ist, Journalisten, Musikmanager, Wacken-Veranstalter, Foundation-Offizielle und natürlich "Metal-Queen" und Patin für alles: Doro. Sie reichen sich gegenseitig das Mikrofon und jeder darf mal betonen, wie sinnvoll, wie wichtig und überhaupt wie supertoll eigentlich alles ist. Diese Foundation natürlich sowieso. Jedes Statement gefolgt von einem lauten Applaus der Medienvertreter. Kritik? Fehlanzeige.

Man braucht sich nur die Fakten anschauen. 2008 wurde die Foundation gegründet. Mit viel Tamtam. Man soll spenden, es wird teurer Kaffee verkauft, es wird sich selbst auf die Schulter geklopft. Das Projekt wird als wichtig und als Chance für junge Metal-Bands, die es wirklich schaffen wollen, begriffen. Tatsache ist jedoch: Seit 2008 wurde nicht ein einzelnes Projekt gefördert. Klickt man sich auf www.wacken-foundation.com zu den geförderten Projekten, steht dort seit geraumer Zeit, dass man hier zukünftig die von der Stiftung geförderten Projekte vorstellen wird.

Nicht dass ich nicht glauben würde, dass da in Zukunft noch etwas kommen würde, aber zumindest momentan ist die Angriffsfläche für diese Foundation riesig. Man muss nicht einmal so ein notorischer Herumnörgler und Provokateur wie ich sein, nein, alleine aus den offiziellen Fakten und der angeblichen Verpflichtung, sollte jedem angeblichen Pressevertreter auffallen, dass man dieser Sache einmal auf den Zahn fühlen sollte. Nur ein Medienvertreter, von welcher Publikation er entsandt wurde, ist mir leider entfallen, horchte nach, was eine Band denn mitbringen müsse, damit sie von der Wacken Foundation gefördert werden kann. Es war das einzige Mal, dass man das Gefühl hatte, dass dies eine Pressekonferenz und keine Werbeveranstaltung ist. Die Antwort fiel aber entsprechend vage aus. Genaue Kriterien könnten nicht definiert werden. Man müsse bei der Band spüren, dass diese wirklich hart für den Erfolg arbeiten wolle. Wie genau? Kein Plan. Entsprechend enttäuscht sah der Medienvertreter aus, als er sich wieder bedröppelt auf seinen Platz setzte und das Mikrofon der Moderation überreichte.

Seine Frage, die übrigens die einzige war, hatte kein Feuer entfacht. Niemand sonst wollte fragen. Die Presse hatte anderes im Sinn. Kaum war das Schlusswort gesprochen, stürmten die ach-so-kritischen Presseleute nach vorne, stellten sich artig in Reih und Glied auf, um ein Foto von sich mit Doro oder Wacken-Chef Thomas Jensen zu ergattern. So ist sie die Musikpresse des Heavy Metals. Eingelullt von ein paar Backstage-Privilegien schmeißen ihre Vertreter jeden Pressegedanke über Bord. Sie fressen den Offiziellen ihren Blabla aus den Händen. Für Fragen bleibt keine Zeit. Für ein Pommesgabel-Foto mit der Metal Queen hingegen schon.

Scheiß auf den halbvollen Akku. Raus hier!