“Wisst ihr eigentlich, wie beschränkt ihr seid, denn ihr hört Grind!”

Stilecht mit Leopardenmuster und Blockflöte: Die Excrementory Grindfuckers auf dem Dong Open Air 2010 (Foto: D. Gorr)
In dem Teil meines Freundeskreises, der auf Heavy Metal steht, ernte ich selbst bei den richtig Toleranten meist sehr missmutige Blicke, wenn ich gestehe, dass ich die Excrementory Grindfuckers zwar albern, aber eben gut finde. Heute möchte ich erklären wieso. Ja, das Publikum, das bei einem Grindfuckers-Konzert zur Polonaise aufruft, gehört oft zu der Kategorie "Metaller", die auf dem Wacken in Blechdosenrüstung und mit Hello-Kitty-Luftgitarre laut "Helga!" brüllt, nicht ahnend, dass man sich damit lediglich als Festival-Novize und Depp vom Dienst brandmarkt. Diese Leute finden gewöhnlicherweise auch die Grindfuckers toll. Weil das eben genau so absurd und blöde ist. Zumindest auf den ersten Blick.
Für mich sind die Grindfuckers aber etwas mehr als das. Für mich sind sie eine wandelnde, lärmende Musiksatire. Eine Band, die musikalische Trends und Anbiedereien aufs Korn nimmt, indem sie sich eben genau an diese Trends anbiedert. Sich selbst werden die Grindfuckers niemals ein solches Etikett anhaften. Dafür ist es der Band viel zu wichtig, dass sie ihren chaotischen Ruf beibehält. Ein solch hehrer Anspruch würde da nur schlecht ins Bild passen. Und ja, ich will nicht ausschließen, dass die Grindfuckers sich ganz unbewusst, quasi aus Jux und Tollerei zu diesem Satire-Organismus entwickelt haben. Aber sie erfüllen diesen Zweck.
Was gibt es denn Ironischeres, als einen Song "I Don't Wanna Sound Like Korn" zu taufen, auf diesem dann aber exakt deren Effekte und Trademarks zu verwenden? Oder einen Metalcore-Song mit all seinen typischen Elementen - sprich: Beatdown-Passagen, klarer Gesang im Refrain, modisches Geshoute in den Strophen - zu schreiben und diesen "Malen nach Zahlen" zu nennen? Oder der 3-Sekunden-Remix des Neue-Deutsche-Welle-Hits "Da-Da-Da", der einfach nur aus eben einem "Da-Da-Da" besteht. Das soll keine Kritik sein? Und selbst den Grindcore, in dem sich die Band laut Eigenaussage übrigens niemals verorten würde, nehmen die Excrementory Grindfuckers knallhart auf die Schippe. Unter dem Titel "How II Make A Grind" schrieben sie mehrere hochgradig stupide Anleitungen, wie man denn einen Grindfuckers-Song schreibt. In "Glockenkantate" singen sie zwischen Grindprügel-Passagen: "Wisst ihr eigentlich wie beschränkt ihr seid, denn ihr hört Grind!"
Beeindruckend dabei: Wenn die Jungs aus Hannover und Umgebung sich an einem Pop-Song versuchen, klingt das ebenso authentisch als wenn sie kalt-klirrende Black-Metal-Riffs heraushauen. R'n'B-Synthesizer, Schlagergeschunkel, Country-Elemente, Singer-Songwriter-Gitarre, Power-Metal-Ballade - die Band setzt jede noch so absurde Musiknische verwirrend gut in Szene, bevor sie genau deren typische Elemente ins Absurde, den lärmenden Grindcore, überführt. Das ist Musikkritik auf höchst unterhaltsame Weise. Kritik, die Fans der besagten Richtungen nicht verstehen werden, weil sie sich erst in den überzeugend umgesetzten Musiknischen wiedererkennen, anschließend dann missverstanden fühlen werden. Kritik, die die Party-Metaller nicht verstehen werden, weil sie damit beschäftigt sind, Polonaise zu tanzen. Kritik, die die Excrementory Grindfuckers vielleicht manchmal gar nicht so beabsichtigt haben und die ab und an von den absurden Blödelnummern verdeckt wird. Das ändert aber nichts daran, dass sie da ist.
Ganz nebenbei bemerkt machen einige der Songs auch einfach richtig viel Spaß beim Hören. Meine drei Grindfuckers-Favoriten: Das EAV-Cover "Vater Morgana" (ja, bewusst falsch geschrieben), das folkige "Zu Cool" und der bescheuerte Country-Grind-Trip "Hinnerk, der Grindfucker".
Die zehn besten Songs von Deep Purple
Der Orgelgott ist tot! Jon Lord, Gründungsmitglied des Hard-Rock-Urgesteins Deep Purple, ist im Alter von 71 Jahren seinem Krebsleiden erlegen. Zwar wusste man seit einer Weile, dass es Jon nicht allzu gut ging, zuletzt hieß es aber, dass es keinen akuten Grund zur Sorge gebe. Umso schockierender ist nun die Todesnachricht.
Seitdem ich es erfahren habe, laufen Deep Purple mal wieder rauf und runter bei mir. Nur ein paar Bands verbinde ich noch stärker mit meiner Kindheit als Deep Purple. Schon als Grundschüler fand ich Rolf Zuckowski scheiße und liebte den Hard Rock von Foreigner, Golden Earring und eben Deep Purple. Irgendwie war die Band schon immer ein Teil meines Lebens. Umso trauriger bin ich, dass wir deutlicher denn je auf die Zielgerade einbiegen: die Hard-Rock-Bands der ersten Stunde werden nicht mehr allzu lange aktiv sein. Zu den wenigen Bands, die sich bisher dem Zahn der Zeit widersetzt haben, gehören Deep Purple. Natürlich kommt Ian Gillan heute nicht mehr an seine früheren Leistungen heran, aber im Gegensatz zu vielen anderen völlig demotiviert wirkenden Rentertruppen wirken die Briten noch immer wie eine Windbrise, die einem Staub vergangener Tage in die Kehle weht.
Dass man Deep Purples (und damit eben auch Jon Lords) Musik auch in hundert Jahren noch hören und schätzen wird, davon bin ich fest überzeugt. Hier sind die zehn besten Beispiele, warum das so ist:
10. Smoke On The Water
Der muss ja dabei sein. Auch wenn ich ihn seit Jahren nicht mehr zuhause gehört habe. "Smoke On The Water" ist der Beweis dafür, dass man einen Song zu eingängig komponieren kann. Kein Rock-Riff auf der Welt ist bekannter als das Thema von "Smoke On The Water". Ich glaube, selbst in den hintersten Winkeln der Erde hat man diesen Riff schon einmal gehört. Objektiv gesehen ist "Smoke On The Water" natürlich nicht nur eine saustarke Nummer, die weit mehr zu bieten hat als die Ohrwurm-Notenabfolge, sondern auch noch ein Welthit. Und genau da ist vielleicht das Problem: Keine Rock-Disco ohne "Smoke On The Water", kein Bierabend unter Kumpels, bei dem nicht irgendeiner diesen einzigen Riff auf einer beiliegenden Akustikklampfe spielt. Hach, was soll's, ich liebe den Song trotzdem!
9. Black Night
Der Song ist bis heute der höchste Einstieg, den Deep Purple jemals in die Charts ihres Heimatlandes geschafft haben. Das mutet angesichts der anderen herausragenden Singles zwar etwas komisch an, aber nachvollziehbar ist die Euphorie für das immer etwas roh wirkende "Black Night" trotzdem. Deep Purple holtern und poltern, wirken schwer wie nie und haben natürlich einen weiteren Killer-Riff im Gepäck, der dem Song immer wieder die rote Linie zurückgibt.
8. Burn
Die beste Nummer mit David Coverdale als Ian-Gillan-Ersatz. Allerdings lebt "Burn" nicht in erster Linie von dem (natürlich durchweg geilen) Gesang, sondern einzig und ausschließlich von diesem überaus einprägsamen Riff. Den Refrain fand ich hingegen immer schwierig. Einfach nur ein lang gehaltenes "Buuuuuuuuuuurn" zu singen, macht irgendwie weniger Spaß als vieles andere. Kein Wunder, dass meine Lieblingspassagen die sind, in denen die Gitarre zu dem Hauptriff des Songs zurückfindet.
7. Space Truckin'
Eigentlich gehört "Space Truckin'" noch weiter nach vorne in die Liste, vermute ich. Aber auch wenn es nicht ganz so extrem wie mit "Smoke On The Water" ist, habe ich mir diesen Hit etwas kaputt gehört. Dieser markante Riff, dieser nicht zu vergessene Refrain, bei dem vor dem inneren Auge ein ganzes Stadion immer wieder mitbrüllt "C'mon, c'mon, c'mon, let's go space truckin!" - das hatte vielleicht zu viel eingängiges Potenzial, um nicht in Rock-Diskotheken weltweit immer und wieder aufgelegt zu werden. Das hat bei mir - zumindest nüchtern - dafür gesorgt, dass die Euphorie etwas nachgelassen hat. Dabei war "Space Truckin'" eine Weile sogar mein Lieblingssong von Deep Purple. Das wird er auch heute noch ganz schnell. Dafür brauche ich nur ein Bier und eine Tanzfläche...
6. Pictures Of Home
Auf "Machine Head", dem zweifellos besten Album von Deep Purple, stand "Pictures Of Home" immer ein wenig in der zweiten Reihe, verdeckt von der Jukebox-Nummer "Smoke On The Water" und auch dem orgiastischen "Space Truckin'". Eigentlich unverständlich, befindet sich die Nummer doch locker auf Augenhöhe, ist in meinen Augen sogar noch ein wenig geiler, weil eben weniger abgenutzt. Der Riff ist markant wie so viele Deep-Purple-Riffs, die Schweineorgel verlegt einen Teppich in Stakkato-Farbe und die gesungen Strophen wirken so eingängig als seien sie eigene Refrains. Wann wird der Rest der Deep-Purple-Fraktion erkennen, dass "Pictures Of Home" eine Weltnummer ist?
5. Fireball
Eine Hochgeschwindigkeits-Granate wie sie im frühen Hard-Rock-Zeitalter nur Deep Purple schreiben konnten. Das Drumming auf "Fireball" ist so feurig wie der Titel und treibt den Song unnachgiebig nach vorne. Drei Minuten, 21 Sekunden, dann ist hier alles gesagt. Durchatmen ist bei diesem Song weder erlaubt, noch möglich. Spätestens das Flitzefinger-Orgelsolo raubt einem die Luft. Jon Lord in grandioser Form!
4. When A Blind Man Cries
Irgendwie hat "When A Blind Man Cries" immer im Schatten der Götterballade "Child In Time" gestanden - und ist damit ganz unfreiwillig zum vielleicht unterbewertesten Deep-Purple-Song der gesamten Diskographie mutiert. Ich habe das nie verstanden. Denn obwohl die Ballade mit nicht einmal vier Minuten unfassbar kurz ausfällt, entfesselt sie mühelos ihre gesamte Wirkung. Ian Gillans Gesang treibt einem Tränen in die Augen. Jedes einzelne Wort betont er so markant, dass es wie ein weiterer kleiner Stich ins Herz ist. "Had a friend once in a room. Had a good time but it ended much to soon." Kaum ein anderer Song schafft es, Einsamkeit akustisch so wundervoll umzusetzen.
3. Hush
Die in meinen Augen beste Deep-Purple-Nummer bei der Ian Gillan nicht singt. Rod Evans macht auf dem Debüt allerdings auch eine super Figur. Der Song mag nicht so raffiniert sein wie eine Vielzahl der vorherigen Songs, aber mit wie viel Melodie-Gespür Deep Purple bereits auf ihrem ersten Album gesegnet waren, zeigt keine Nummer besser als "Hush". Partytauglicher kann man einen Refrain eigentlich nicht schreiben. Und Jon Lords Orgelsolo im Mittelteil ist ebenfalls schon ein früher Wegweiser, der zeigte, zu was dieser Ausnahmemusiker noch fähig sein sollte.
2. Child In Time
Die Jahrhundert-Nummer, ein 10-Minuten-Epos, der ergreifender nicht sein könnte. "Child In Time" steht auf einer Stufe mit den ganz großen Nummern: Lynyrd Skynyrds "Free Bird", Led Zeppelins "Stairway To Heaven", Queens "Bohemian Rhapsody". Die Mischung aus gefühlvollem Melancholie-Einstieg und wahnwitzig-orgasmischem End-Inferno suchen seinesgleichen. Über allem schwebt die beste Gesangsleistung, die Ian Gillan jemals abgeliefert hat. Wenn er sich auf dem Höhepunkt des Songs die Seele aus dem Leib kreischt, ist man gewillt zu sagen, dass er auf dem Höhepunkt seiner Karriere der beste Hard-Rock-Sänger der Welt war. Zu schade, dass Deep Purple die Nummer seit Jahren nicht mehr spielen, wohlwissend, dass Gillan zu solchen Ausnahmeleistungen leider nicht mehr im Stande ist. Auf Platte bleibt der Song jedoch unsterblich!
1. Highway Star
"Child In Time" ist offensichtlich der Song mit mehr Tiefgang und kompositorischer Raffinesse, das ändert aber nichts daran, dass "Highway Star" bis in alle Ewigkeiten mein Lieblingssong von Deep Purple sein wird. Der Song hat einfach alles, was ich von Deep Purple erwarte: Einen Killer-Riff, der sich für mich bis heute noch nicht abgenutzt hat; geile Soloeinlagen; ein immer wiederkehrendes Thema, das den Song immer wieder auffängt; Ian Gillan in Bestform. Kein Song macht im Auto mehr Spaß als "Highway Star", das suggeriert bereits der Name. Und Deep Purple haben damit nicht zu viel versprochen, sondern eine so rebellische Autoraser-Atmosphäre eingefangen, dass sich diese mühelos auf den Hörer, ergo: den Autofahrer, überträgt. Ich bin bei "Highway Star" schon mehr als einmal geblitzt worden. Dass der Song trotzdem meine Lieblingsnummer von Deep Purple geblieben ist, spricht da doch Bände...
Ruhe in Frieden, Jon! Dass du es nicht mehr miterleben wirst, dass Deep Purple ihre längst überfällige Nominierung für die Rock'n'Roll Hall Of Fame erhalten, ist traurig und skandalös zugleich.
Der Rockstar, der sich um seine Stiefel sorgte…
Fast hatte man den wahren Charaker von Blackie Lawless vergessen. Jahrelang war der Sänger, Fronter, kurz: das Genie von W.A.S.P. darum bemüht, sich wieder in der hiesigen Konzert-Szene zu etablieren. Vor nicht einmal zehn Jahren schien der Ruf von W.A.S.P. bereits endgültig hinüber zu sein. Blackie und seine Jungs ließen sich damals selten hier blicken. Und wenn, dann machten sie mit Playback-Shows, abstrusen Fotografie-Verboten und überteuerten Ticketpreisen auf sich aufmerksam.
Irgendwann auf dieser Straße in Richung Selbstzerstörung muss wohl auch Blackie gemerkt haben, dass er so nicht weiter machen kann. Dass er sich gerade selbst einen der wichtigsten Musik- und vor allem Heavy-Metal-Märkte der Welt kaputt spielt. Ab diesem Zeitpunkt versuchte er, seine Arroganz auf Backstage-Eskapaden zu beschränken. Mit Erfolg: Die Shows waren wieder besser besucht, Blackie spielte wieder live, die endgütige Rehabilitation schien beschlossen. All die Negativschlagzeilen der Vergangenheit, als Fan hatte man sie guten Gewissens abgehakt. Hinweggespült von brillanten Live-Konzerten.
All das ist jetzt Geschichte. An nur einem einzigen Abend hat Blackie all die Bemühungen des vergangenen Jahrzehnts zunichte gemacht. Auf dem RockHard Festival zeigte Lawless sein wahres Gesicht. Ersmals auch wieder für die Öffentlichkeit: Zwei der Gewinner einer Meet-and-Greet-Aktion durften während des Headliner-Auftritts auf die Bühne kommen, wo ihnen jeweils eine Gitarre aus dem Bestand von Blackie überreicht werden sollte.
Und ja, die beiden Gewinner gingen letztlich tatsächlich mit ihren gewonnen Gitarren von der Bühne. Allerdings nicht von Blackie überreicht. Der war sich für eine solche Aktion zu schade - wider des besseren Wissens, dass er sich damit endgültig als fannaher Musiker hätte präsentieren können.
Also durfte Götz Kühnemund, Herausgeber des RockHard-Magazins und Chef-Veranstalter des Festivals, heran. Mit einem künstlichen Grinsen versuchte er noch Blackie aufzufordern, die Gitarren selbst zu überreichen, aber der schritt zielstrebig ans andere Ende der Bühne und machte damit unverzüglich klar, dass er kein Teil der Aktion sein wollte.
Immerhin fiel ihm noch ein, das Publikum zu etwas mehr Applaus anzustacheln. Schließlich sei die Situation, vor ein paar tausend W.A.S.P.-Fans eine Gitarre geschenkt zu bekommen, "vermutlich der beste Moment des Lebens". Anschließend beförderte er die Gewinner mit einer Handbewegung von der Bühne. "Okay, ihr könnt jetzt verschwinden", blaffte er ins Mikrofon.
Wer sich ein wenig mit W.A.S.P. und der Geschichte ihres sehr eigenwilligen Fronters befasst hat, für den ist an dieser Aktion nur überraschend, dass er diesmal wieder in der Öffentlichkeit sein wahres Gesicht zeigte. Was im Backstage-Bereich beim RockHard Festival abging, hat Götz Kühnemund im aktuellen Interview, das ich für den METAL MIRROR führte, wunderbar zusammengefasst:
"Das hätte man echt filmen müssen. So viel Arroganz gegenüber den eigenen Fans habe ich noch nie gesehen. Manche der Gewinner waren zwar so W.A.S.P.-devot, dass der die vermutlich sogar hätte bespucken können, ohne dass sie was gesagt hätten, aber die meisten waren schwer enttäuscht. Die durften im Entenmarsch hineinspazieren, genau ein Autogramm bekommen, kein Foto, kein Gespräch mit Blackie. Der hat nur schnell die Dinge signiert, die Fans dabei angeschaut, als seien die das Letzte und dann schnell rausgeschmissen. Direkt daneben stand ein Tourmanager, der aufpasste, dass niemand Blackie auf die Schulter klopft. Ich stand auch daneben, habe vor Wut gekocht und hätte dem am liebsten eine reingehauen. In zehn Jahren RockHard Festival habe ich nie so einen unsympathischen Musiker gesehen."
Götz Kühnemund in METAL MIRROR #67
Mich erinnert das an eine Anekdote, die sich auf dem Magic Circle Festival 2009 ereignete. Damals sollten W.A.S.P. zum ersten Mal seit einer Weile wieder in Deutschland spielen. 60 Minuten waren angekündigt, 30 Minuten lang ließ sich Blackie Lawless und dessen Band nicht blicken. Schon eine Stunde vorher wurde der gesamte Backstage-Bereich auf Geheiß des eigenwilligen Fronters großflächig abgesperrt, damit ihn bloß niemand dabei störe, wenn er auf dem Weg in Richtung Bühne sei.
Jetzt braucht man aber nicht glauben, dass Blackie es nötig hatte, den Weg von Backstage-Bereich zu Bühne selbst zurückzulegen. Am Vormittag hatte es geregnet. Der Rasen war feucht, teils auch etwas matschig. Wer schon einmal eine W.A.S.P.-Show gesehen hat, dem werden die markant weißen Stiefel von Blackie aufgefallen sein. Besagte Stiefel sollten nicht schmutzig werden. Die Lösung: Er ließ sich von einigen Backstage-Helfern über den gesamten Rasen bis auf die Bühne tragen. Ein wahrer Rockstar eben.
Vergeben habe ich ihm damals wenige Minuten später. So wie ich Blackie auf dem RockHard Festival binnen weniger Minuten vergab. Vermutlich bin ich da einfach zu inkonsequent. Oder zumindest zu leicht durch Musik zu bestechen. Aber wenn dieser arrogante Dreckssack ans Mikrofon tritt und seine einzigartige Stimme erklingen lässt, bin ich immer noch begeistert. Die Show auf dem RockHard Festival war abermals ein grandioser Trip, das sieht sogar Götz so.
Der ist sonst allerdings nicht so inkonsequent wie ich. Und auf eine gewisse Art und Weise ehrt ihn das. Mir kündigte er jedenfalls an, dass er Blackie durchaus noch in die Suppe spucken möchte. Blackie sollte das nicht unterschätzen. Kein anderer Metal-Journalist hat hierzulande einen vergleichbaren Einfluss auf die Szene. Götz kennt jeden. Und wenn er ankündigt, dass er seinen Veranstalter-Kumpels klar machen will, durch welchen Trubel er mit W.A.S.P. im Allgemeinen und Blackie im Speziellen trotz guter Vorzeichen gegangen ist, werden es sich mit Sicherheit einige mehr als zweimal überlegen, ob sie die Band für ihr Festival buchen - und damit das Risiko eingehen, das Blackie einfach mit sich zu bringen scheint. Jahrelang hat er (zumindest halbherzig) versucht, sich einen anderen Ruf zu erarbeiten. Das Projekt ist seit Pfingsten offiziell gescheitert.
Anmerkung: Die Musik von W.A.S.P. wird für mich trotz aller unsympathischen Rockstar-Anfälle auf ewig unsterblich bleiben. Selbst die Live-Shows von Blackie und Co. waren zuletzt granatenstark und aus Fan-Sicht nur zu empfehlen. Also: Wenn ihr die Chance habt, W.A.S.P. irgendwo zu sehen, dann tut das, solange es noch die Gelegenheit dazu gibt!
Manowar haben Charakter. Nur keinen guten mehr.
Ich stecke in einer Zwickmühle.... nein... ich fange anders an: Irgendwann mal, vor langer, langer Zeit, da fand ich nach jahrelanger Suche eine Band, die ich für lange, lange Zeit meine Lieblingsband nannte. Ich war damals ein unbedarfter Teenager und stieß auf die ersten Alben einer Band, die heute nur noch ein Schatten ihrer selbst ist: Manowar. Deren ersten vier Alben vergöttere ich noch heute. Vor allem "Hail To England" und "Sign Of The Hammer" sind in meinen Augen absolut unerreichte Heavy-Metal-Alben. Wie Manowar es gleichermaßen schafften, songdienlich und doch raffiniert zu sein, das imponierte mir. Songs zu schreiben, die kompositorisch anspruchsvoll sind (ja, das konnten Manowar tatsächlich mal, man denke nur an "Bridge Of Death"), die man aber trotzdem nach dem dritten Mal nicht mehr aus dem Ohr bekam, das erschien mir immer einmalig zu sein. Obendrein war Eric Adams, als er auf dem Höhepunkt seines Könnens war, der beste Sänger, den es im klassischen Heavy Metal je gab. Maiden- und Priest-Fans mögen mich dafür steinigen wollen, aber ich stehe dazu: Eric Adams war vielleicht technisch nicht ganz so stark wie Dickinson oder Halford, aber ich kenne keinen Sänger, der dem klassischen Heavy Metal so viel Charakter verpasst hat.
Das alles ist jedoch Geschichte. Eine einsame Lederweste mit Manowar-Backpatch ist heute das einzige Relikt, das noch daran erinnert, dass ich einst mal ein großer Manowar-Fan war. Seit einiger Zeit trage ich diese Weste nicht mehr auf Festivals. Nicht weil ich die Frühwerke heute weniger schätzen würde, sondern weil ich mit dieser Band nicht mehr so recht in Verbindung gebracht werden möchte. "Warriors Of The World" war bereits ein kleiner Abstieg zu allen vorherigen Werken, aber was sich die selbstgekrönten "Kings Of Metal" mit "Gods Of War" (2007) erlaubten, ging auf keine Kuhhaut mehr. Das skandalöse Magic Circle Festival 2 zeigte die New Yorker zwar von ihrer live-technisch hervorragenden Seite, viele weitere Live-Shows, die ich mir anschaute, waren jedoch eher mittelprächtig. Tiefpunkt war die Manowar-Show Anfang 2010 in Hannover, nach der ich konsterniert und gesenkten Hauptes nach Hause stapfte, endgültig wissend, dass meine einstige Lieblingsband nur noch ein lächerliches Abziehbild dessen sind, was sie einst mal waren.
Eric Adams kommt schon lange nicht mehr so hoch mit seiner Stimme, streut immer wieder seine zwischenzeitlichen "Hugh!"-Grunzer ein, um das zu kaschieren. Die Show-Einlagen wurden weniger, das Set schlechter, die Ticketpreise teurer, das unerträgliche Gelaber von Selbstdarsteller Joey DeMaio mehr und mehr. Diese Band ist das beste Beispiel für eine Truppe, die alle Trümpfe in der Hand hielt und sich selbst demontiert hat.
Nun kommt mit "The Lord Of Steel" nach vielen Jahren das neue Album von Manowar. Das vor fünf Jahren groß angekündigte Valhalla-Thor-Nordische-Mythologie-Blabla-Konzept, das Joey einst großspurig zusammen mit Buch, Computerspiel, Film und Manowar-Teeservice ankündigte, längst in die Tonne gekloppt, regiert nun irgendein Pseudokonzept über den Wilden Westen das Album, das trotzdem irgendwie nur von Steel, Power, Warriors und Heavy Metal handelt.
Und da befinde ich mich nun in meiner Zwickmühle: Ich weiß nicht, was ich von dem Album halten soll. Die Scheibe ist im aktuellen Kreuzfeuer vom METAL MIRROR, meine Note ist seit mehr als 24 Stunden überfällig und ich sitze hier und weiß einfach nicht, wie viele Punkte ich denn jetzt vergeben soll. Das hat mehrere Gründe: Persönlich gesehen bin ich enttäuscht. Auch wenn ich seit "Warriors Of The World" keinerlei Erwartungen mehr an neue Manowar-Alben stelle, tut es jedes Mal wieder weh, dass eine Band, die einst Songs wie "Gates Of Valhalla", "Guyana (Cult Of The Damned)" oder "Battle Hymn" und "Gloves Of Metal" geschrieben hat, heute so einen dilettantischen Quatsch auf Platte bannt. Joey hat seinen Bass mittlerweile so laut aufgedreht, dass er einfach alles wegwummert und das gesamte Songkonzept zum Einsturz bringt, Eric Adams kämpft sich durch die Songs, hat nur noch wenige, sehr wenige Momente, in denen man den alten Eric Adams heraushört. Die Produktion klingt synthetisch, künstlich, steril, einfach unnatürlich und billig.
Und doch: Ich kann irgendwie nicht wirklich aufhören, dieses Album zu hören. Seit Tagen läuft die Platte bei mir auf und ab. Und das nicht nur, weil ich noch immer auf der Suche nach meiner Note für "The Lord Of Steel" bin. Irgendwas fesselt mich an die Scheibe. Mittlerweile kann ich - wenn ich denn wollen würde - fast jeden Song mitsingen, was nicht sonderlich schwer ist bei Fünftklässler-Englisch-Reimen der Marke "In Heavy Metal we believe / If you don't like it - time to leave!" (Manowarriors). Joey DeMaio hat nach wie vor das unbestreitbare Talent, Songs zu schreiben, die so simpel sind, dass sie sich sofort festsetzen. "El Gringo" beispielsweise setzt gekonnt einen Hintergrund-Chor ein, arbeitet Eric Adams (für dessen Verhältnisse mittelmäßigen) Gesang gut heraus und ist im Refrain so simpel, dass man sich an die Schlagermucke in einem Mallorca-Bierzelt erinnert fühlt. Aber irgendwie beißt sich das halt im Ohr fest, ob man möchte oder nicht.
Der springende Punkt ist: Manowar haben Charakter. Noch immer. Nur eben keinen guten Charakter mehr. Aber dadurch wird das Hörerlebnis nach wie vor irgendwie interessant. So sehr Erics Stimme auch abgenommen haben mag, seelenlos ist diese nach wie vor nicht. So sehr Joey seinen Bass jetzt auch in den Vordergrund geschoben hat, einfach nur unspektakulär ist das nicht. Vielleicht ist es das, was mich an dem Album fesselt. Dass ich noch immer den Charakter der Band spüre, die sich schon lange selbst verloren hat. Und auch wenn mir das musikalisch alles gar nicht mehr so richtig gefallen möchte, macht selbst das Kopfschütteln dabei mehr Spaß als sich die x-te Klonkrieger-Band anzuhören, die alles hat, nur eben keine eigene Vision.
Was das jetzt für meine Wertung bedeutet? Ich habe noch immer keinen blassen Schimmer. Ich glaube, da muss ich noch ein paar weitere Runden den Kopf schütteln...
Meine erste Arschbombe
In RockHard #301 durfte ich eine Premiere feiern: Nach fast drei Jahren freier Mitarbeit für das Magazin, habe ich erstmals die "Arschbombe" beigesteuert. Zur Erläuterung: Die "Arschbombe" ist jeden Monat das Album, das in der Review-Sektion am mieserabelsten abgeschnitten hat. Ich persönlich habe die Kategorie schon immer sehr gerne gelesen. Verrisse sind eben meist sehr viel unterhaltsamer geschrieben als der x-te Review zu einer Scheibe, die nicht wirklich gut, nicht wirklich schlecht, sondern eben einfach nur naja ist. Wo dann Sound und Beherrschung der Instrumente gelobt werden, im nächsten Nebensatz aber angemerkt wird, dass es das alles schon viel besser und sowieso viel zu oft gab. Da es mittlerweile in den meisten Magazinen von Reviews zu derartigen Scheiben nur so wimmelt (da können wir uns auch beim METAL MIRROR nicht von freisprechen), ist es regelrecht erfrischend, dass es eine Review-Kategorie gibt, bei der man weiß, dass es niemals langweilig wird, sondern man immer schonungslose Kost geboten bekommt.
Wie bereits erwähnt, im vergangenen Monat durfte ich diese "Arschbombe" beisteuern. Nicht wissentlich, versteht sich. Das habe ich erst nach Schreiben des Textes erfahren. Allerdings hatte ich das bei dieser Scheibe schon vorher im Gefühl. Hauptfigur meiner Arschbombe ist nämlich das Ein-Mann-Projekt Furze, neben den glücklicherweise aufgelösten Xasthur eine der furchtbarsten Black-Metal-Bands, die in Rekordzeit Alben zusammenrotzen, und dann behaupten, es sei richtig guter Black Metal, nur weil sie diesen mit der richtigen Attitüde eingespielt hätten. Keine Frage, die auf CD gebannte Atmosphäre, die Einstellung mit der diese Musik eingespielt wurde (sofern man es denn schafft, diese auf die Musik abfärben zu lassen), das sind vor allem für eine so emotionale und verschrobene Musikrichtung wie den Black Metal durchaus relevante Faktoren. Aber es sind eben nicht die einzigen.
Sicher, oft klingt Black Metal simpel. Für ungeschulte Ohren manchmal sogar primitiv. Der Unterschied ist nur: Gekonnt primitiv zu spielen, aus Gründen der Songdienlichkeit, ist nochmal eine ganz andere Baustelle, als es einfach nicht richtig zu können, vier Noten zu zupfen, hirnlos zu kreischen und das dann als primitiven, ergo: guten Black Metal zu verkaufen. Furze (sprich: Bandkopf Woe J. Reaper) gehören jedenfalls in genau diese Kategorie, versuchen neuerdings zurück zu den Wurzeln des Genres zu gehen und werden damit seit Jahren von Label zu Label geschoben (erst Apocalyptic Empire, dann Candlelight, dann Agonia, jetzt Fysisk Format). Ihr neues Album "Psych Minus Space Control" ist nach dem sogar noch etwas katastrophaleren "Reaper Subconscious Guide" ein weiteres hervorragendes Beispiel, wie man es bloß nicht machen sollte - quasi eine Art Warnhinweis für andere Bands, die glauben, mal eben ein Black-Metal-Album aufnehmen zu können.
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich möchte euch natürlich nicht meine erste "Arschbombe" vorenthalten:
Herzlich Willkommen zu einem neuen Trip mit FURZE, der Band mit dem Namen, der dazu verführt, dass man hier irgendwelche Kalauer über Darmatmung vom Zaun bricht. Aber diese Platte hat gar nicht verdient, dass man kreative Wortwitze reißt, sie selbst ist nämlich so dermaßen uninspirierender Vollschrott, dass es einem eher am anderen Ende wieder herauskommt. Vermutlich soll dieser weitgehend instrumentale Brei total sphärisch sein, den Black Metal auf ein neues Level hieven. Tut er aber nicht. Stattdessen klingt das hier nach Fingerübungen eines Gitarrenschülers, der nicht nur im ersten Lehrjahr, sondern auch noch auf Valium ist. Hier werden ewig ausufernde Brechreiz-Passagen zusammengeschustert und damit weniger Charme versprüht als es Kassettenrekorder-Aufnahmen von Riffideen jeder anderen unkonventionellen Black-Metal-Band getan hätten.
© RockHard #301
Was man in der Redaktion von powermetal.de für ein Zeug raucht, dass man die hilflosen Psychedelic-Doom-Versuche von Woe J. Reaper tatsächlich als einen würdigen Rückschritt in Richtung Black-Sabbath-Quintessenz wertet, bleibt wohl einzig und alleine deren Geheimnis...
P.S.: Das Cover-Artwork, das Jesus als Pseudo-Bleistift-Kritzelei auf eine Mausefalle spannt und unter anderem eine Maus mit Papstmütze zeigt, ist auch ganz großer Sport...
Eine Liebeserklärung
Seit ein paar Wochen habe ich einen Plattenspieler. Einen richtigen. Das war längst überfällig. Seit Jahren habe ich mit dem Gedanken gespielt, dabei aber immer abgewogen, ob sich das für mich lohnt. Immerhin verbringe ich fast meine gesamte Zeit hinter irgendwelchen Rechnern. Die viele Musik, die ich als Musikjournalist dabei höre und hören "muss", will ich schnell und komfortabel anhören, durchskippen und notfalls wieder aus meiner Playlist rausschmeißen können. Da bietet sich das Hören über den Rechner (natürlich mit guter Soundanlage) einfach an.
Dennoch: Für die unsterblichen Alben, die man nicht hört, weil es die Aufgabe ist, etwas über sie zu schreiben, sondern die man am Abend beim Bierchen auf der Couch anhören möchte, für diese Alben wollte ich einen Plattenspieler. Mittlerweile ist das Schmuckstück seit ein paar Wochen in Betrieb. Und ich habe viel gelernt.
Man fühlt sich der Musik weit mehr verbunden. Es ist ein richtiges Ritual, an das das Einlegen einer CD, geschweige denn das Mausklick-Laden einer MP3-Datei, nicht einmal entfernt herankommen kann. Es beginnt damit, dass einen das Artwork einer Vinyl wirklich gefangen nimmt. Es gibt viel mehr zu entdecken, man sieht selbst auf bekannten Plattencovern so viele neue Details, die einem vorher noch nie aufgefallen sind. Es ist atemberaubend. Dann zieht man diese (im besten Fall) schwere Vinylplatte heraus, pustet einmal drüber und legt sie vorsichtig auf den Plattenteller. Die Nadel wird positioniert, heruntergelassen, der protektive Glaskasten geschlossen. Die Reise geht los.
Dadurch, dass man so viel "Aufwand" (in sehr deutliche Anführungszeichen gesetzt) betreibt, um an die Musik zu kommen, nimmt man diese viel bewusster wahr. Man fühlt eine ganz andere Verbindung. Das ist das hundertprozentige Gegenteil des eh zu vermeidenden Nebenbeihörens.
Dann folgt der Sound. Es mag wie ein High-Fidelity-Klischee klingen, das man nur allzu gern glauben möchte, obwohl man es eigentlich besser weiß, aber in diesem Fall entspricht es einfach der Wahrheit: Vinyl klingt anders. Es klingt viel wärmer und voller. Auf einer guten Anlage abgespielt, umarmt einen die Musik. Man kann sie unmöglich ignorieren.
Die Musik gewinnt in diesem Format so unglaublich viel Kraft. Ich habe schon jetzt einige meiner absoluten Lieblingsalben auf Vinyl. Von diesen Alben dachte ich im Vorfeld, dass sie eigentlich nicht mehr zu toppen wären; dass ich sie bereits vollkommen erschlossen hätte. Ich lag falsch. Diese ohnehin vergötterte Musik mit so viel Wärme zu erleben, ist eine unbeschreibliche Erfahrung, die ich nie wieder missen möchte. Es ist ein Rausch, wirklich. Fast intim. In diesen Momenten leistet man Bis-in-den-Tod-Schwüre für seine Lieblingsbands.
Die emotionalsten Momente, die man mit Musik haben kann, wird man auf diesem Weg machen können, da bin ich mir sicher. Als ich das erste Mal Golden Earrings Überalbum „Moontan“ auflegte und „Are You Receiving Me“ hörte, einer der für mich bedeutendsten Songs in meiner musikalischen Entwicklung (danke Papa!), hatte ich wirklich Tränen in den Augen, weil es mich so umhaute. Nie zuvor – so hatte ich das Gefühl – habe ich diesen Song so abgöttisch geliebt.
Ich bemitleide all die Leute, die solche Erfahrungen niemals machen werden, weil sie physische Tonträger für tot erklären und sich stattdessen lieber per Mausklick bei iTunes eine Datei herunterladen. Weil das doch komfortabler ist. Ich frage mich nur: Warum sollte gute Musik komfortabel sein? Gute Musik sollte kein Nebenbeiding sein. Nicht ein Instrument zur Ablenkung oder zur Hintergrundbeschallung. Gute Musik hat es verdient, dass man ihr die gesamte Aufmerksamkeit schenkt. So wie man es bei einem guten Film auch macht. Vor allem, weil man Musik dadurch ganz neu entdeckt, im besten Fall noch aufs Cover starrt oder die beigelegten Texte liest und auf sich wirken lässt. Es ist eine Rundum-Erfahrung, eine fast schon spirituelle Reise in die Welt der Musik.
Was ich mit all dem eigentlich nur sagen möchte, ist: Ich liebe dich, mein Plattenspieler.
Rein und wieder raus aus dem Dschungel: Martin Kesici hat nichts dazugelernt

Martin Kesicis Profilbild auf der Webseite vom Dschungel-Camp. (c) www.dschungel-camp.de
Eine Plage hat Deutschland befallen. Und ich bin erneut darüber erschüttert, wie weit sie um sich gegriffen hat. Da lassen sich ein paar angeblich prominente, weitgehend talentlose, von Selbstrespekt befreite Nichtsnutze in einen australischen Dschungel karren und ganz Deutschland schaut zu und geilt sich an den Ekelprüfungen auf, die diese Leute durchzustehen haben, um noch einmal in die entfernte Reichweite ihres einstigen Ruhmes zu gelangen. Noch einmal das Gefühl haben, jemand zu sein. Selbst wenn man dafür im Dschungel Scheiße fressen muss.
Was mich noch viel mehr schockiert als der Mangel an Selbstwertgefühl, unter dem die Kandidaten offensichtlich leiden, ist die gesellschaftliche Akzeptanz dieses medialen Drecks. Es gibt Leute, von denen erwarte ich es, dass sie sich diesen Schrott angucken. Das ist der Typ Mensch, der mich zu meiner Schulzeit auslachte, wenn ich morgens vor Unterrichtsbeginn nichts zu der Diskussion, was denn gestern im Big-Brother-Container lief, beizusteuern hatte. Von diesen Leuten erwarte ich nichts anderes, als dass sie ihr höchstwahrscheinlich stinklangweiliges, eindimensionales Leben dadurch aufpeppeln müssen, indem sie traurigen Existenzen bei der Selbsterniedrigung zuschauen. Bis hierhin schockiert mich das nicht. Ich habe schon vor Jahren aufgehört, schockiert (oder überhaupt noch überrascht) zu sein, wenn wieder ein neues "Ekelformat" die Bildschirme der Republik erobert.
Was mich aber schockiert, ist die Überpräsenz dieses Formats. Man hat eigentlich gar keine andere Möglichkeit, als darüber informiert zu werden, wer im Dschungel gerade angesagt und wer schon wieder draußen ist. Zumindest nicht, wenn man ein Leben führt, in dem die Medien einen halbwegs wichtigen Part spielen.
Morgens fahre ich mit der U-Bahn zur Arbeit. Vier Stationen. Mehr nicht. Das sind geschätzt 6 Minuten Fahrtzeit, in denen ich nicht darum herumkomme, zu erfahren, was ex-Fußballprofi Ailton zum Favoriten der Dschungel-Zuschauerschaft macht. Bin ich ja auch selbst schuld. Ich hatte unabsichtlich auf einen Monitor des in Hannovers U-Bahnen präsenten Fahrgastfernsehens geschaut, weil da eben noch die Wetteraussichten für die kommenden Tage standen.
Sobald ich an einem Computer angekommen bin, geht es weiter. GMX-Mails aufrufen, ohne dass fett oben auf der Startseite ein Bild von irgendeiner entsetzt dreinblickenden Blondine mit jeder Menge Krabbelviecher im Gesicht prangt? Absolut undenkbar. Und damit nicht genug. Auch Spiegel Online hält es für eine Notwendigkeit, mich täglich darüber zu informieren, wen ihr Autor zum Dschungelkönig des Tages ernennt. Im Kulturteil (ja verdammt, im KULTURteil) glotzt mich dann die Visage von Dirk Bach an, der dieses Aufgeilen am Leid anderer auch noch als Quasi-Resozialisierung für ex-Stars verteidigt. Widerlich! Und dabei will ich von diesem Mist doch eigentlich gar nichts mitbekommen. Aber keine Chance: Ganz passiv, teils nur durch versehentlich gelesene Schlagzeilen, erlange ich Wissen darüber, wie es bei der aktuellen Staffel läuft. Die einzige Chance, diesen ganzen Schund komplett auszublenden, wäre ein selbstauferlegter medialer Blackout. Nur wer kann sich das schon erlauben, wenn er im Medienbereich arbeitet?
Aber vermutlich würde nicht einmal das funktionieren, denn die Plage hat längst meinen erweiterten Bekanntenkreis befallen. Vereinzelt habe ich das Gefühl, geschätzte Mitmenschen nicht wiederzuerkennen. Da reden angehende Akademiker davon, dass man so etwas ja durchaus mal am Abend einschalten könnte, wenn man "einfach mal abschalten" wollen würde. Selten habe ich mich diesen Menschen so fremd gefühlt.
Fremd fühle ich mich auch den Kandidaten. Das mag daran liegen, dass ich nach einem eben getätigten Blick auf die Kandidatenliste bis auf drei Personen niemanden kenne. Brigitte Nielsen kenne ich, weil sie eine recht markante Nebenrolle in der ewig coolen Action-Komöde "Beverly Hills Cop II" spielte. Ailton, weil der zuletzt für den damaligen Sechstliga-Fußballverein meiner Heimatstadt Krefeld aufgelaufen ist. Und dann ist da Martin Kesici, ein Typ, der es eigentlich besser wissen müsste. Zumindest hat er das mal behauptet.
Die Geschichte des Martin Kesici ist eigentlich eine traurige. Und früher habe ich ihn sogar in Schutz genommen. Alles begann für den Heavy-Metal-Fan bei irgendeiner dieser unsäglichen Casting-Shows (meine Recherche ergibt: Sie hieß "Star Search"). Dort konnte er sich mit seinem Ziegenbart und der langen Mähne perfekt als Metal-Bad-Boy mit weichem Kern inszenieren, der die mir mittlerweile fast unerträglich gewordene Weichspüler-Nummer "Nothing Else Matters" zum Besten gab.
Als sich andeutete, dass es das schnelllebige Pop-Universum wohl kaum auf Dauer gut mit dem ehemaligen Bauarbeiter meinen würde, versuchte Kesici umzusatteln. Nur zwei Jahre später sah ich ihn als Überraschungsgast auf einem überaus verregneten Wacken Open Air 2005. Die Reaktionen auf seine Hard-Rock-Einlage fielen - vornehm ausgedrückt - bescheiden aus. In den ersten Reihen standen etliche Metal-Fans, die Kesici unverblümt den Mittelfinger zeigten, als sie erkannten, wer da vor ihnen den Rocker mimte.
Doch Kesici stand seinen Mann, kämpfte sich durch seine paar Songs, die er mitgebracht hatte (diese grässliche Pophymne hatte er damals geschickterweise zuhause gelassen) und ließ sich von den Stinkefingern weder den Mut, noch die Stimme rauben. Das fand ich damals doch recht respektabel. Die Songs waren zwar allesamt stinklangweilig, aber zu dem Zeitpunkt glaubte ich ihm, wenn er in Interviews offen über seine Popvergangenheit meckerte und betonte, dass er sich nur wünscht, dass man ihn als jemanden wahrnimmt, der Metal und Rock wirklich liebt. Ich vergab ihm. Jeder macht Fehler. Warum sollte ein gescholtener Popstar nicht wieder den Weg zurück zu einer ehrlicheren Musikrichtung finden dürfen? Die Art und Weise, wie er mit seiner Castingshow-Teilnahme umging, schien glaubwürdig. Als ich im vergangenen Jahr von der Plattenfirma SPV die Nachricht erhielt, man habe Martin Kesici unter Vertrag genommen, war ich mir endgültig sicher: der Typ meint es ernst. Der sucht den Anschluss an die Heavy-Metal-Szene, koste es was es wolle.
Mittlerweile glaube ich das nicht mehr. Stattdessen glaube ich, dass Kesici ein Opportunist ist, der sich an jede Gelegenheit klammern wird, die ihn in irgendeiner Art und Weise im Rampenlicht hält. Eine andere Interpretation lässt seine Dschungelcamp-Teilnahme in meinen Augen nicht zu. Zeitgleich inszeniert er sich jedoch als bodenständiger Typ, der notfalls auch wieder auf'm Bau arbeiten würde - eine geschickte Masche, die das RTL-Publikum mit Sicherheit gerne glaubt. Aber nicht die musikalische Szene, der er sich angeblich so verbunden fühlt und von der er als Künstler akzeptiert werden möchte. Für die wird sich das Thema Martin Kesici als Metal-Rock-Musiker endgültig erledigt haben.
Beim nächsten Überraschungsauftritt auf dem Wacken Open Air könnte ich den Leuten in der ersten Reihe nicht einmal die vielen Stinkefinger übel nehmen.
Hinweis: Ja, ich weiß, dass Kesici freiwillig kurz nach Staffelstart wieder draußen ist (vielen Dank, liebes Fahrgastfernsehen...). Das ändert an seiner grundsätzlichen Bereitschaft, bei diesem Blödsinn mitzumachen, aber herzlich wenig. Ich bin nur gespannt, ob er abermals versuchen wird, sich nun als geläuterter Anti-Mainstream-Typ zu präsentieren, der tief im Herzen eigentlich doch so'n richtiger Metal-Rocker ist.
Harald vs. Lemmy – Wenn Langeweile auf Routine trifft

Von links nach rechts: Phil Campbell, Mikkey Dee, Lemmy Kilmister und Harald Schmidt (Copyright: Sat. 1)
Ich werde jetzt einmal mit einem Tabu der Metal- und Rock-Szene brechen. Ich werde schlecht über Lemmy sprechen, den Gottvater des Heavy Metals. Das unerschütterliche Frontmonster, das uns die Illusion vorlebt, dass es ewig so weitergehen wird. Dass man hundert werden kann, auch wenn man täglich Whiskey wie Wasser kippt. Mit seinem Lebensstil ist der Motörhead-Fronter das Sinnbild des Heavy Metals. Und entsprechend scheint es in diesen Kreisen verboten zu sein, den Mann mit der Warze und den Cowboy-Stiefeln zu kritisieren. Dabei gäbe es manchmal durchaus Gründe dafür, wie mir vorgestern wieder deutlich wurde.
Die Wahrheit ist: Lemmy ist gelangweilt. Seit Jahren befindet er sich mit Motörhead in der gleichen Album-Tour-Album-Tour-Routine. Selbst die Jahreszeit, in der er hier JEDES Jahr spielt, ist die gleiche. Von Ende November bis Anfang Dezember sind Motörhead in Deutschland unterwegs. Basta! Da kann man quasi die Uhr nach stellen. Ist ja auch soweit noch legitim. Die Musik macht noch immer Bock. Die Setlist variiert regelmäßig, wenn man mal von dem obligatorischen Ace-Of-Spades-Overkill-Finale absieht. Ich glaube, dass diese Momente die einzigen sind, in denen Lemmy es noch schafft, aus der selbst aufgebürdeten Routine auszubrechen.
All der andere Zirkus scheint ihm zuwider zu sein. Oder zumindest ist er bis in die letzte Körperzelle von der Medienlandschaft gelangweilt. Er tummelte sich mehrfach bei Raabs Events, hat unzählige Male mit jedem bedeutenden Rock-Journalisten der Welt geplaudert und selbst bei Harald Schmidt war er jetzt zum dritten Mal mit seiner Band zu Gast. Wer möchte dem Ü60-Jährigen da schon vorwerfen, dass er nicht vor Enthusiasmus zu platzen scheint, als er abermals von Dirty Harry ins Studio gerufen wird?
Das Problem ist nur: Lemmy muss man in dieser Verfassung aus der Reserve locken. Irgendeine abgedrehte Aktion abziehen. Vielleicht irgendwas mit Whiskey. Irgendetwas, was einen selbst zuhause so ein bisschen mitreißt. Ein provokanter Akt, der die Hausfrauen vor den Geräten herausfordert, sie piekst und unvermittelt mit der dreckigen Welt des Rock'n'Rolls konfrontiert. Ich glaube, Lemmy wäre für jeden Scheiß in dieser Richtung zu haben. Das wäre endlich mal etwas Neues. Aber dafür braucht es eben einen Moderator, der jung, frisch, zumindest aber voller revolutionärer Ideen ist. Quasi Harald Schmidt vor einem Jahrzehnt. Aber das ist Geschichte. Denn der Anzugträger, der Lemmy da nach einer gefühlten Ewigkeit und vielen schlechten Gags ins Studio bittet, ist noch viel, viel, viel mehr von all dem Trubel gelangweilt als Lemmy selbst. Wie soll in dieser Situation, wenn gelangweilter Medienprofi auf einen vom Medienzirkus gelangweilten Rockstar trifft, ein aufregendes Gespräch entstehen?
Und so kommt es wie es kommen muss: Harald Schmidt erwähnt ein paar Mal das noch immer aktuelle Album "The Wörld Is Yours" (2010), zeigt auch brav das Cover in die Kamera. Ansonsten gibt es Tour-Smalltalk. Helmut Zerlett darf mit Langhaar-Perücke nach vorne kommen und als selbsternannter Weinexperte den Motörhead-Wein analysieren (Urteil: "Nice."), bevor alle fünf Gesprächspartner die Gläser erheben.
Die einzige Prise Rock'n'Roll streut dann schließlich doch Lemmy bei, der einem weiblichen Fan aus Köln das Dekolleté signiert (daraus soll später ein Tattoo werden) und trocken über Prince urteilt, dass dieser zwar ein guter Musiker ist, aber meist keine gute Musik macht. Ansonsten gibt es inhaltsleeres Blabla, den ein oder anderen Stangenwaren-Gag von Schmidt und dann irgendwann endlich Musik ("I Know How To Die"), die eben das vermag, was das viertelstündige Geplänkel vorher nicht schaffte: Der Sat1-Zuschauer daheim erlebt eine direkte Konfrontation mit der Welt des Rock'n'Rolls.
Hat ja lange genug gedauert.
Hinweis: Die gesamte Sendung kann man hier im Videocenter von Sat. 1 nachschauen.







