Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
22Aug/120
Excrementory Grindfuckers

“Wisst ihr eigentlich, wie beschränkt ihr seid, denn ihr hört Grind!”

Excrementory Grindfuckers auf dem Dong Open Air 2010 (Copyright: Dorian Gorr)

Stilecht mit Leopardenmuster und Blockflöte: Die Excrementory Grindfuckers auf dem Dong Open Air 2010 (Foto: D. Gorr)

In dem Teil meines Freundeskreises, der auf Heavy Metal steht, ernte ich selbst bei den richtig Toleranten meist sehr missmutige Blicke, wenn ich gestehe, dass ich die Excrementory Grindfuckers zwar albern, aber eben gut finde. Heute möchte ich erklären wieso. Ja, das Publikum, das bei einem Grindfuckers-Konzert zur Polonaise aufruft, gehört oft zu der Kategorie "Metaller", die auf dem Wacken in Blechdosenrüstung und mit Hello-Kitty-Luftgitarre laut "Helga!" brüllt, nicht ahnend, dass man sich damit lediglich als Festival-Novize und Depp vom Dienst brandmarkt. Diese Leute finden gewöhnlicherweise auch die Grindfuckers toll. Weil das eben genau so absurd und blöde ist. Zumindest auf den ersten Blick.

Für mich sind die Grindfuckers aber etwas mehr als das. Für mich sind sie eine wandelnde, lärmende Musiksatire. Eine Band, die musikalische Trends und Anbiedereien aufs Korn nimmt, indem sie sich eben genau an diese Trends anbiedert. Sich selbst werden die Grindfuckers niemals ein solches Etikett anhaften. Dafür ist es der Band viel zu wichtig, dass sie ihren chaotischen Ruf beibehält. Ein solch hehrer Anspruch würde da nur schlecht ins Bild passen. Und ja, ich will nicht ausschließen, dass die Grindfuckers sich ganz unbewusst, quasi aus Jux und Tollerei zu diesem Satire-Organismus entwickelt haben. Aber sie erfüllen diesen Zweck.

Was gibt es denn Ironischeres, als einen Song "I Don't Wanna Sound Like Korn" zu taufen, auf diesem dann aber exakt deren Effekte und Trademarks zu verwenden? Oder einen Metalcore-Song mit all seinen typischen Elementen - sprich: Beatdown-Passagen, klarer Gesang im Refrain, modisches Geshoute in den Strophen - zu schreiben und diesen "Malen nach Zahlen" zu nennen? Oder der 3-Sekunden-Remix des Neue-Deutsche-Welle-Hits "Da-Da-Da", der einfach nur aus eben einem "Da-Da-Da" besteht. Das soll keine Kritik sein? Und selbst den Grindcore, in dem sich die Band laut Eigenaussage übrigens niemals verorten würde, nehmen die Excrementory Grindfuckers knallhart auf die Schippe. Unter dem Titel "How II Make A Grind" schrieben sie mehrere hochgradig stupide Anleitungen, wie man denn einen Grindfuckers-Song schreibt. In "Glockenkantate" singen sie zwischen Grindprügel-Passagen: "Wisst ihr eigentlich wie beschränkt ihr seid, denn ihr hört Grind!"

Beeindruckend dabei: Wenn die Jungs aus Hannover und Umgebung sich an einem Pop-Song versuchen, klingt das ebenso authentisch als wenn sie kalt-klirrende Black-Metal-Riffs heraushauen. R'n'B-Synthesizer, Schlagergeschunkel, Country-Elemente, Singer-Songwriter-Gitarre, Power-Metal-Ballade - die Band setzt jede noch so absurde Musiknische verwirrend gut in Szene, bevor sie genau deren typische Elemente ins Absurde, den lärmenden Grindcore, überführt. Das ist Musikkritik auf höchst unterhaltsame Weise. Kritik, die Fans der besagten Richtungen nicht verstehen werden, weil sie sich erst in den überzeugend umgesetzten Musiknischen wiedererkennen, anschließend dann missverstanden fühlen werden. Kritik, die die Party-Metaller nicht verstehen werden, weil sie damit beschäftigt sind, Polonaise zu tanzen. Kritik, die die Excrementory Grindfuckers vielleicht manchmal gar nicht so beabsichtigt haben und die ab und an von den absurden Blödelnummern verdeckt wird. Das ändert aber nichts daran, dass sie da ist.


Ganz nebenbei bemerkt machen einige der Songs auch einfach richtig viel Spaß beim Hören. Meine drei Grindfuckers-Favoriten: Das EAV-Cover "Vater Morgana" (ja, bewusst falsch geschrieben), das folkige "Zu Cool" und der bescheuerte Country-Grind-Trip "Hinnerk, der Grindfucker".

21Jul/120
Kritik: Lemmy - Das Hörbuch

Das Lemmy-Desaster

Lemmy - Das Hörbuch

Grauenhaft: Das Lemmy-Hörbuch

Soll noch einer sagen, Rezensionen seien überflüssig. Zumindest beim Rockhörbuch-Verlag, einer Tochter von Flying Dolphin Entertainment, scheint man tatsächlich noch auf die Meinungen zu den eigenen Produkten gespannt zu sein. Könnte aber auch daran liegen, dass deren letzte Hörbücher gelinde gesagt suboptimal ausfielen. Jedenfalls schreibt uns das Label in seinem Promoschreiben zum neuen Rainbow-Hörbuch:

An dieser Stelle nochmals Danke für alle Eure Anregungen und Kritiken zu unseren ersten beiden Hörbuch VÖs. Wir haben uns diese sehr zu Herzen genommen und Rainbow entsprechend neu konzipiert.

Ich selbst bin sehr gespannt, wie sich das neue Konzept anhören wird. Zeit zum Reinhören hatte ich bisher nicht. Im Gegensatz zum Lemmy-Hörbuch ist jedoch so oder so nur eine Steigerung möglich. Was dieses Hörbuch so unsagbar schlecht machte, habe ich in einer der bösesten (aber gerechtfertigsten) Rezensionen zusammengefasst, die ich bisher in diesem Jahr geschrieben habe. Das Schreiben mit Lob auf Besserung nehme ich als Anlass, um meinen Verriss nochmal aus der Schublade zu kramen.

Der Misserfolg dieses Hörbuchs startet schon bei dem grundsätzlichen Plan, das bewegte Leben des Ian „Lemmy“ Kilmister auf zwei Discs pressen zu wollen, denn erstens reicht das nie und nimmer aus, um einen wirklichen Einblick in die Jahrzehnte lange Karriere zu geben und zweitens ist erst vor wenigen Jahren das Hörbuch zu Lemmys offizieller Autobiographie „White Line Fever“ erschienen – damals gelesen von Martin Semmelrogge. Womit wir beim größten Manko des vorliegenden Hörbuchs wären: der Sprecher. Nicht nur, dass er weitgehend emotionslos ein Skript herunterlabert, das nicht viel spannender als ein Wikipedia-Eintrag über Motörhead ist. Obendrein scheitert Hans Mörsch an den banalsten englischen Worten wie Albentiteln.

Ein paar Beispiele gefällig? Nichts leichter als das. Das „Parole“ in Motörheads Scheibe „On Parole“ wird einfach mal deutsch, also „Pahrohle“ ausgesprochen, „Orgasmatron“ (für dessen richtige Aussprache man halt mal den entsprechenden Motörhead-Song gehört haben müsste) mutiert zum Or-GAS-Mah-Trohn, aus „Stone Deaf“ wird „Stone Dief“ gemacht und „1916“ wird wahlweise als Neunzehnsechzehn oder Ninety-Sixty ausgesprochen. „Lethal“ spricht man mittlerweile als „Lässel“ aus und der Motörhead-Song „Ain‘t No Nice Guy“ heißt neuerdings „Ain‘t No Guys Guy“. Endgültige Fremdscham, gepaart mit Haareraufen, Augenverdrehen und Kopfschütteln gibt es dann schließlich, wenn selbst deutsche Worte nicht mehr richtig über die Lippen kommen. Wer die „kreative Hochzeit“ ausspricht, als sei es eine kreative Eheschließung, der soll bitte lebenslanges Mikrofon-Verbot haben. Finger weg!

Ob das Rainbow-Hörbuch besser abschneiden wird? Ich bin sehr gespannt. Immerhin hat man aus dem Lemmy-Desaster gelernt und einen anderen Sprecher engagiert. Das lässt hoffen. Der besagte Hörbuch-Unfall hat mit seiner fast schon unfreiwilligen Komik übrigens Mirror-Mitarbeiter Elvis damals auf den Plan gerufen, es bei der nächsten Weihnachts-Team-Sause auflegen zu wollen und daraus ein Trinkspiel zu machen. Jedes Mal, wenn etwas falsch ausgesprochen wird, muss man trinken. Vielleicht lindert der Alkohol auch die Schmerzen, die einem das Hörbuch bereitet...

18Jul/120
Top 10

Die zehn besten Songs von Deep Purple

Jon Lord von Deep Purple (Copyright: jonlord.org)

Der Orgelgott ist tot! Jon Lord, Gründungsmitglied des Hard-Rock-Urgesteins Deep Purple, ist im Alter von 71 Jahren seinem Krebsleiden erlegen. Zwar wusste man seit einer Weile, dass es Jon nicht allzu gut ging, zuletzt hieß es aber, dass es keinen akuten Grund zur Sorge gebe. Umso schockierender ist nun die Todesnachricht.

Seitdem ich es erfahren habe, laufen Deep Purple mal wieder rauf und runter bei mir. Nur ein paar Bands verbinde ich noch stärker mit meiner Kindheit als Deep Purple. Schon als Grundschüler fand ich Rolf Zuckowski scheiße und liebte den Hard Rock von Foreigner, Golden Earring und eben Deep Purple. Irgendwie war die Band schon immer ein Teil meines Lebens. Umso trauriger bin ich, dass wir deutlicher denn je auf die Zielgerade einbiegen: die Hard-Rock-Bands der ersten Stunde werden nicht mehr allzu lange aktiv sein. Zu den wenigen Bands, die sich bisher dem Zahn der Zeit widersetzt haben, gehören Deep Purple. Natürlich kommt Ian Gillan heute nicht mehr an seine früheren Leistungen heran, aber im Gegensatz zu vielen anderen völlig demotiviert wirkenden Rentertruppen wirken die Briten noch immer wie eine Windbrise, die einem Staub vergangener Tage in die Kehle weht.

Dass man Deep Purples (und damit eben auch Jon Lords) Musik auch in hundert Jahren noch hören und schätzen wird, davon bin ich fest überzeugt. Hier sind die zehn besten Beispiele, warum das so ist:

10. Smoke On The Water

Der muss ja dabei sein. Auch wenn ich ihn seit Jahren nicht mehr zuhause gehört habe. "Smoke On The Water" ist der Beweis dafür, dass man einen Song zu eingängig komponieren kann. Kein Rock-Riff auf der Welt ist bekannter als das Thema von "Smoke On The Water". Ich glaube, selbst in den hintersten Winkeln der Erde hat man diesen Riff schon einmal gehört. Objektiv gesehen ist "Smoke On The Water" natürlich nicht nur eine saustarke Nummer, die weit mehr zu bieten hat als die Ohrwurm-Notenabfolge, sondern auch noch ein Welthit. Und genau da ist vielleicht das Problem: Keine Rock-Disco ohne "Smoke On The Water", kein Bierabend unter Kumpels, bei dem nicht irgendeiner diesen einzigen Riff auf einer beiliegenden Akustikklampfe spielt. Hach, was soll's, ich liebe den Song trotzdem!

9. Black Night

Der Song ist bis heute der höchste Einstieg, den Deep Purple jemals in die Charts ihres Heimatlandes geschafft haben. Das mutet angesichts der anderen herausragenden Singles zwar etwas komisch an, aber nachvollziehbar ist die Euphorie für das immer etwas roh wirkende "Black Night" trotzdem. Deep Purple holtern und poltern, wirken schwer wie nie und haben natürlich einen weiteren Killer-Riff im Gepäck, der dem Song immer wieder die rote Linie zurückgibt.

8. Burn

Die beste Nummer mit David Coverdale als Ian-Gillan-Ersatz. Allerdings lebt "Burn" nicht in erster Linie von dem (natürlich durchweg geilen) Gesang, sondern einzig und ausschließlich von diesem überaus einprägsamen Riff. Den Refrain fand ich hingegen immer schwierig. Einfach nur ein lang gehaltenes "Buuuuuuuuuuurn" zu singen, macht irgendwie weniger Spaß als vieles andere. Kein Wunder, dass meine Lieblingspassagen die sind, in denen die Gitarre zu dem Hauptriff des Songs zurückfindet.

7. Space Truckin'

Eigentlich gehört "Space Truckin'" noch weiter nach vorne in die Liste, vermute ich. Aber auch wenn es nicht ganz so extrem wie mit "Smoke On The Water" ist, habe ich mir diesen Hit etwas kaputt gehört. Dieser markante Riff, dieser nicht zu vergessene Refrain, bei dem vor dem inneren Auge ein ganzes Stadion immer wieder mitbrüllt "C'mon, c'mon, c'mon, let's go space truckin!" - das hatte vielleicht zu viel eingängiges Potenzial, um nicht in Rock-Diskotheken weltweit immer und wieder aufgelegt zu werden. Das hat bei mir - zumindest nüchtern - dafür gesorgt, dass die Euphorie etwas nachgelassen hat. Dabei war "Space Truckin'" eine Weile sogar mein Lieblingssong von Deep Purple. Das wird er auch heute noch ganz schnell. Dafür brauche ich nur ein Bier und eine Tanzfläche...

6. Pictures Of Home

Auf "Machine Head", dem zweifellos besten Album von Deep Purple, stand "Pictures Of Home" immer ein wenig in der zweiten Reihe, verdeckt von der Jukebox-Nummer "Smoke On The Water" und auch dem orgiastischen "Space Truckin'". Eigentlich unverständlich, befindet sich die Nummer doch locker auf Augenhöhe, ist in meinen Augen sogar noch ein wenig geiler, weil eben weniger abgenutzt. Der Riff ist markant wie so viele Deep-Purple-Riffs, die Schweineorgel verlegt einen Teppich in Stakkato-Farbe und die gesungen Strophen wirken so eingängig als seien sie eigene Refrains. Wann wird der Rest der Deep-Purple-Fraktion erkennen, dass "Pictures Of Home" eine Weltnummer ist?

5. Fireball

Eine Hochgeschwindigkeits-Granate wie sie im frühen Hard-Rock-Zeitalter nur Deep Purple schreiben konnten. Das Drumming auf "Fireball" ist so feurig wie der Titel und treibt den Song unnachgiebig nach vorne. Drei Minuten, 21 Sekunden, dann ist hier alles gesagt. Durchatmen ist bei diesem Song weder erlaubt, noch möglich. Spätestens das Flitzefinger-Orgelsolo raubt einem die Luft. Jon Lord in grandioser Form!

4. When A Blind Man Cries

Irgendwie hat "When A Blind Man Cries" immer im Schatten der Götterballade "Child In Time" gestanden - und ist damit ganz unfreiwillig zum vielleicht unterbewertesten Deep-Purple-Song der gesamten Diskographie mutiert. Ich habe das nie verstanden. Denn obwohl die Ballade mit nicht einmal vier Minuten unfassbar kurz ausfällt, entfesselt sie mühelos ihre gesamte Wirkung. Ian Gillans Gesang treibt einem Tränen in die Augen. Jedes einzelne Wort betont er so markant, dass es wie ein weiterer kleiner Stich ins Herz ist. "Had a friend once in a room. Had a good time but it ended much to soon." Kaum ein anderer Song schafft es, Einsamkeit akustisch so wundervoll umzusetzen.

3. Hush

Die in meinen Augen beste Deep-Purple-Nummer bei der Ian Gillan nicht singt. Rod Evans macht auf dem Debüt allerdings auch eine super Figur. Der Song mag nicht so raffiniert sein wie eine Vielzahl der vorherigen Songs, aber mit wie viel Melodie-Gespür Deep Purple bereits auf ihrem ersten Album gesegnet waren, zeigt keine Nummer besser als "Hush". Partytauglicher kann man einen Refrain eigentlich nicht schreiben. Und Jon Lords Orgelsolo im Mittelteil ist ebenfalls schon ein früher Wegweiser, der zeigte, zu was dieser Ausnahmemusiker noch fähig sein sollte.

2. Child In Time

Die Jahrhundert-Nummer, ein 10-Minuten-Epos, der ergreifender nicht sein könnte. "Child In Time" steht auf einer Stufe mit den ganz großen Nummern: Lynyrd Skynyrds "Free Bird", Led Zeppelins "Stairway To Heaven", Queens "Bohemian Rhapsody". Die Mischung aus gefühlvollem Melancholie-Einstieg und wahnwitzig-orgasmischem End-Inferno suchen seinesgleichen. Über allem schwebt die beste Gesangsleistung, die Ian Gillan jemals abgeliefert hat. Wenn er sich auf dem Höhepunkt des Songs die Seele aus dem Leib kreischt, ist man gewillt zu sagen, dass er auf dem Höhepunkt seiner Karriere der beste Hard-Rock-Sänger der Welt war. Zu schade, dass Deep Purple die Nummer seit Jahren nicht mehr spielen, wohlwissend, dass Gillan zu solchen Ausnahmeleistungen leider nicht mehr im Stande ist. Auf Platte bleibt der Song jedoch unsterblich!

1. Highway Star

"Child In Time" ist offensichtlich der Song mit mehr Tiefgang und kompositorischer Raffinesse, das ändert aber nichts daran, dass "Highway Star" bis in alle Ewigkeiten mein Lieblingssong von Deep Purple sein wird. Der Song hat einfach alles, was ich von Deep Purple erwarte: Einen Killer-Riff, der sich für mich bis heute noch nicht abgenutzt hat; geile Soloeinlagen; ein immer wiederkehrendes Thema, das den Song immer wieder auffängt; Ian Gillan in Bestform. Kein Song macht im Auto mehr Spaß als "Highway Star", das suggeriert bereits der Name. Und Deep Purple haben damit nicht zu viel versprochen, sondern eine so rebellische Autoraser-Atmosphäre eingefangen, dass sich diese mühelos auf den Hörer, ergo: den Autofahrer, überträgt. Ich bin bei "Highway Star" schon mehr als einmal geblitzt worden. Dass der Song trotzdem meine Lieblingsnummer von Deep Purple geblieben ist, spricht da doch Bände...

Ruhe in Frieden, Jon! Dass du es nicht mehr miterleben wirst, dass Deep Purple ihre längst überfällige Nominierung für die Rock'n'Roll Hall Of Fame erhalten, ist traurig und skandalös zugleich.

9Jul/120
W.A.S.P. und die Arroganz

Der Rockstar, der sich um seine Stiefel sorgte…

W.A.S.P. auf dem RockHard Festival 2012

Nicht nur manchmal zum Haare raufen: Blackie Lawless' Rockstar-Gehabe.

Fast hatte man den wahren Charaker von Blackie Lawless vergessen. Jahrelang war der Sänger, Fronter, kurz: das Genie von W.A.S.P. darum bemüht, sich wieder in der hiesigen Konzert-Szene zu etablieren. Vor nicht einmal zehn Jahren schien der Ruf von W.A.S.P. bereits endgültig hinüber zu sein. Blackie und seine Jungs ließen sich damals selten hier blicken. Und wenn, dann machten sie mit Playback-Shows, abstrusen Fotografie-Verboten und überteuerten Ticketpreisen auf sich aufmerksam.

Irgendwann auf dieser Straße in Richung Selbstzerstörung muss wohl auch Blackie gemerkt haben, dass er so nicht weiter machen kann. Dass er sich gerade selbst einen der wichtigsten Musik- und vor allem Heavy-Metal-Märkte der Welt kaputt spielt. Ab diesem Zeitpunkt versuchte er, seine Arroganz auf Backstage-Eskapaden zu beschränken. Mit Erfolg: Die Shows waren wieder besser besucht, Blackie spielte wieder live, die endgütige Rehabilitation schien beschlossen. All die Negativschlagzeilen der Vergangenheit, als Fan hatte man sie guten Gewissens abgehakt. Hinweggespült von brillanten Live-Konzerten.

All das ist jetzt Geschichte. An nur einem einzigen Abend hat Blackie all die Bemühungen des vergangenen Jahrzehnts zunichte gemacht. Auf dem RockHard Festival zeigte Lawless sein wahres Gesicht. Ersmals auch wieder für die Öffentlichkeit: Zwei der Gewinner einer Meet-and-Greet-Aktion durften während des Headliner-Auftritts auf die Bühne kommen, wo ihnen jeweils eine Gitarre aus dem Bestand von Blackie überreicht werden sollte.

Und ja, die beiden Gewinner gingen letztlich tatsächlich mit ihren gewonnen Gitarren von der Bühne. Allerdings nicht von Blackie überreicht. Der war sich für eine solche Aktion zu schade - wider des besseren Wissens, dass er sich damit endgültig als fannaher Musiker hätte präsentieren können.

Also durfte Götz Kühnemund, Herausgeber des RockHard-Magazins und Chef-Veranstalter des Festivals, heran. Mit einem künstlichen Grinsen versuchte er noch Blackie aufzufordern, die Gitarren selbst zu überreichen, aber der schritt zielstrebig ans andere Ende der Bühne und machte damit unverzüglich klar, dass er kein Teil der Aktion sein wollte.

Immerhin fiel ihm noch ein, das Publikum zu etwas mehr Applaus anzustacheln. Schließlich sei die Situation, vor ein paar tausend W.A.S.P.-Fans eine Gitarre geschenkt zu bekommen, "vermutlich der beste Moment des Lebens". Anschließend beförderte er die Gewinner mit einer Handbewegung von der Bühne. "Okay, ihr könnt jetzt verschwinden", blaffte er ins Mikrofon.

Wer sich ein wenig mit W.A.S.P. und der Geschichte ihres sehr eigenwilligen Fronters befasst hat, für den ist an dieser Aktion nur überraschend, dass er diesmal wieder in der Öffentlichkeit sein wahres Gesicht zeigte. Was im Backstage-Bereich beim RockHard Festival abging, hat Götz Kühnemund im aktuellen Interview, das ich für den METAL MIRROR führte, wunderbar zusammengefasst:

"Das hätte man echt filmen müssen. So viel Arroganz gegenüber den eigenen Fans habe ich noch nie gesehen. Manche der Gewinner waren zwar so W.A.S.P.-devot, dass der die vermutlich sogar hätte bespucken können, ohne dass sie was gesagt hätten, aber die meisten waren schwer enttäuscht. Die durften im Entenmarsch hineinspazieren, genau ein Autogramm bekommen, kein Foto, kein Gespräch mit Blackie. Der hat nur schnell die Dinge signiert, die Fans dabei angeschaut, als seien die das Letzte und dann schnell rausgeschmissen. Direkt daneben stand ein Tourmanager, der aufpasste, dass niemand Blackie auf die Schulter klopft. Ich stand auch daneben, habe vor Wut gekocht und hätte dem am liebsten eine reingehauen. In zehn Jahren RockHard Festival habe ich nie so einen unsympathischen Musiker gesehen."

Götz Kühnemund in METAL MIRROR #67

W.A.S.P. auf dem Rockhard Festival

Mit selbstgefälligen Posen kennt Blackie Lawless sich aus.

Mich erinnert das an eine Anekdote, die sich auf dem Magic Circle Festival 2009 ereignete. Damals sollten W.A.S.P. zum ersten Mal seit einer Weile wieder in Deutschland spielen. 60 Minuten waren angekündigt, 30 Minuten lang ließ sich Blackie Lawless und dessen Band nicht blicken. Schon eine Stunde vorher wurde der gesamte Backstage-Bereich auf Geheiß des eigenwilligen Fronters großflächig abgesperrt, damit ihn bloß niemand dabei störe, wenn er auf dem Weg in Richtung Bühne sei.

Jetzt braucht man aber nicht glauben, dass Blackie es nötig hatte, den Weg von Backstage-Bereich zu Bühne selbst zurückzulegen. Am Vormittag hatte es geregnet. Der Rasen war feucht, teils auch etwas matschig. Wer schon einmal eine W.A.S.P.-Show gesehen hat, dem werden die markant weißen Stiefel von Blackie aufgefallen sein. Besagte Stiefel sollten nicht schmutzig werden. Die Lösung: Er ließ sich von einigen Backstage-Helfern über den gesamten Rasen bis auf die Bühne tragen. Ein wahrer Rockstar eben.

Vergeben habe ich ihm damals wenige Minuten später. So wie ich Blackie auf dem RockHard Festival binnen weniger Minuten vergab. Vermutlich bin ich da einfach zu inkonsequent. Oder zumindest zu leicht durch Musik zu bestechen. Aber wenn dieser arrogante Dreckssack ans Mikrofon tritt und seine einzigartige Stimme erklingen lässt, bin ich immer noch begeistert. Die Show auf dem RockHard Festival war abermals ein grandioser Trip, das sieht sogar Götz so.

Der ist sonst allerdings nicht so inkonsequent wie ich. Und auf eine gewisse Art und Weise ehrt ihn das. Mir kündigte er jedenfalls an, dass er Blackie durchaus noch in die Suppe spucken möchte. Blackie sollte das nicht unterschätzen. Kein anderer Metal-Journalist hat hierzulande einen vergleichbaren Einfluss auf die Szene. Götz kennt jeden. Und wenn er ankündigt, dass er seinen Veranstalter-Kumpels klar machen will, durch welchen Trubel er mit W.A.S.P. im Allgemeinen und Blackie im Speziellen trotz guter Vorzeichen gegangen ist, werden es sich mit Sicherheit einige mehr als zweimal überlegen, ob sie die Band für ihr Festival buchen - und damit das Risiko eingehen, das Blackie einfach mit sich zu bringen scheint. Jahrelang hat er (zumindest halbherzig) versucht, sich einen anderen Ruf zu erarbeiten. Das Projekt ist seit Pfingsten offiziell gescheitert.


Anmerkung: Die Musik von W.A.S.P. wird für mich trotz aller unsympathischen Rockstar-Anfälle auf ewig unsterblich bleiben. Selbst die Live-Shows von Blackie und Co. waren zuletzt granatenstark und aus Fan-Sicht nur zu empfehlen. Also: Wenn ihr die Chance habt, W.A.S.P. irgendwo zu sehen, dann tut das, solange es noch die Gelegenheit dazu gibt!

29Jun/120
Manowar - The Lord Of Steel

Manowar haben Charakter. Nur keinen guten mehr.

Manowar-Weste mit Backpatch von "Triumph Of Steel".

Ich stecke in einer Zwickmühle.... nein... ich fange anders an: Irgendwann mal, vor langer, langer Zeit, da fand ich nach jahrelanger Suche eine Band, die ich für lange, lange Zeit meine Lieblingsband nannte. Ich war damals ein unbedarfter Teenager und stieß auf die ersten Alben einer Band, die heute nur noch ein Schatten ihrer selbst ist: Manowar. Deren ersten vier Alben vergöttere ich noch heute. Vor allem "Hail To England" und "Sign Of The Hammer" sind in meinen Augen absolut unerreichte Heavy-Metal-Alben. Wie Manowar es gleichermaßen schafften, songdienlich und doch raffiniert zu sein, das imponierte mir. Songs zu schreiben, die kompositorisch anspruchsvoll sind (ja, das konnten Manowar tatsächlich mal, man denke nur an "Bridge Of Death"), die man aber trotzdem nach dem dritten Mal nicht mehr aus dem Ohr bekam, das erschien mir immer einmalig zu sein. Obendrein war Eric Adams, als er auf dem Höhepunkt seines Könnens war, der beste Sänger, den es im klassischen Heavy Metal je gab. Maiden- und Priest-Fans mögen mich dafür steinigen wollen, aber ich stehe dazu: Eric Adams war vielleicht technisch nicht ganz so stark wie Dickinson oder Halford, aber ich kenne keinen Sänger, der dem klassischen Heavy Metal so viel Charakter verpasst hat.

Das alles ist jedoch Geschichte. Eine einsame Lederweste mit Manowar-Backpatch ist heute das einzige Relikt, das noch daran erinnert, dass ich einst mal ein großer Manowar-Fan war. Seit einiger Zeit trage ich diese Weste nicht mehr auf Festivals. Nicht weil ich die Frühwerke heute weniger schätzen würde, sondern weil ich mit dieser Band nicht mehr so recht in Verbindung gebracht werden möchte. "Warriors Of The World" war bereits ein kleiner Abstieg zu allen vorherigen Werken, aber was sich die selbstgekrönten "Kings Of Metal" mit "Gods Of War" (2007) erlaubten, ging auf keine Kuhhaut mehr. Das skandalöse Magic Circle Festival 2 zeigte die New Yorker zwar von ihrer live-technisch hervorragenden Seite, viele weitere Live-Shows, die ich mir anschaute, waren jedoch eher mittelprächtig. Tiefpunkt war die Manowar-Show Anfang 2010 in Hannover, nach der ich konsterniert und gesenkten Hauptes nach Hause stapfte, endgültig wissend, dass meine einstige Lieblingsband nur noch ein lächerliches Abziehbild dessen sind, was sie einst mal waren.

Eric Adams kommt schon lange nicht mehr so hoch mit seiner Stimme, streut immer wieder seine zwischenzeitlichen "Hugh!"-Grunzer ein, um das zu kaschieren. Die Show-Einlagen wurden weniger, das Set schlechter, die Ticketpreise teurer, das unerträgliche Gelaber von Selbstdarsteller Joey DeMaio mehr und mehr. Diese Band ist das beste Beispiel für eine Truppe, die alle Trümpfe in der Hand hielt und sich selbst demontiert hat.

Nun kommt mit "The Lord Of Steel" nach vielen Jahren das neue Album von Manowar. Das vor fünf Jahren groß angekündigte Valhalla-Thor-Nordische-Mythologie-Blabla-Konzept, das Joey einst großspurig zusammen mit Buch, Computerspiel, Film und Manowar-Teeservice ankündigte, längst in die Tonne gekloppt, regiert nun irgendein Pseudokonzept über den Wilden Westen das Album, das trotzdem irgendwie nur von Steel, Power, Warriors und Heavy Metal handelt.

Und da befinde ich mich nun in meiner Zwickmühle: Ich weiß nicht, was ich von dem Album halten soll. Die Scheibe ist im aktuellen Kreuzfeuer vom METAL MIRROR, meine Note ist seit mehr als 24 Stunden überfällig und ich sitze hier und weiß einfach nicht, wie viele Punkte ich denn jetzt vergeben soll. Das hat mehrere Gründe: Persönlich gesehen bin ich enttäuscht. Auch wenn ich seit "Warriors Of The World" keinerlei Erwartungen mehr an neue Manowar-Alben stelle, tut es jedes Mal wieder weh, dass eine Band, die einst Songs wie "Gates Of Valhalla", "Guyana (Cult Of The Damned)" oder "Battle Hymn" und "Gloves Of Metal" geschrieben hat, heute so einen dilettantischen Quatsch auf Platte bannt. Joey hat seinen Bass mittlerweile so laut aufgedreht, dass er einfach alles wegwummert und das gesamte Songkonzept zum Einsturz bringt, Eric Adams kämpft sich durch die Songs, hat nur noch wenige, sehr wenige Momente, in denen man den alten Eric Adams heraushört. Die Produktion klingt synthetisch, künstlich, steril, einfach unnatürlich und billig.

Und doch: Ich kann irgendwie nicht wirklich aufhören, dieses Album zu hören. Seit Tagen läuft die Platte bei mir auf und ab. Und das nicht nur, weil ich noch immer auf der Suche nach meiner Note für "The Lord Of Steel" bin. Irgendwas fesselt mich an die Scheibe. Mittlerweile kann ich - wenn ich denn wollen würde - fast jeden Song mitsingen, was nicht sonderlich schwer ist bei Fünftklässler-Englisch-Reimen der Marke "In Heavy Metal we believe / If you don't like it - time to leave!" (Manowarriors). Joey DeMaio hat nach wie vor das unbestreitbare Talent, Songs zu schreiben, die so simpel sind, dass sie sich sofort festsetzen. "El Gringo" beispielsweise setzt gekonnt einen Hintergrund-Chor ein, arbeitet Eric Adams (für dessen Verhältnisse mittelmäßigen) Gesang gut heraus und ist im Refrain so simpel, dass man sich an die Schlagermucke in einem Mallorca-Bierzelt erinnert fühlt. Aber irgendwie beißt sich das halt im Ohr fest, ob man möchte oder nicht.

Der springende Punkt ist: Manowar haben Charakter. Noch immer. Nur eben keinen guten Charakter mehr. Aber dadurch wird das Hörerlebnis nach wie vor irgendwie interessant. So sehr Erics Stimme auch abgenommen haben mag, seelenlos ist diese nach wie vor nicht. So sehr Joey seinen Bass jetzt auch in den Vordergrund geschoben hat, einfach nur unspektakulär ist das nicht. Vielleicht ist es das, was mich an dem Album fesselt. Dass ich noch immer den Charakter der Band spüre, die sich schon lange selbst verloren hat. Und auch wenn mir das musikalisch alles gar nicht mehr so richtig gefallen möchte, macht selbst das Kopfschütteln dabei mehr Spaß als sich die x-te Klonkrieger-Band anzuhören, die alles hat, nur eben keine eigene Vision.

Was das jetzt für meine Wertung bedeutet? Ich habe noch immer keinen blassen Schimmer. Ich glaube, da muss ich noch ein paar weitere Runden den Kopf schütteln...

27Jun/120
Black-Metal-Schrott: Furze - Psych Minus Space Control

Meine erste Arschbombe

Furze - Psych Minus Space Control

Cover von Furzes "Psych Minus Space Control", erschienen am 11. Mai 2012 (Fysisk Format)

In RockHard #301 durfte ich eine Premiere feiern: Nach fast drei Jahren freier Mitarbeit für das Magazin, habe ich erstmals die "Arschbombe" beigesteuert. Zur Erläuterung: Die "Arschbombe" ist jeden Monat das Album, das in der Review-Sektion am mieserabelsten abgeschnitten hat. Ich persönlich habe die Kategorie schon immer sehr gerne gelesen. Verrisse sind eben meist sehr viel unterhaltsamer geschrieben als der x-te Review zu einer Scheibe, die nicht wirklich gut, nicht wirklich schlecht, sondern eben einfach nur naja ist. Wo dann Sound und Beherrschung der Instrumente gelobt werden, im nächsten Nebensatz aber angemerkt wird, dass es das alles schon viel besser und sowieso viel zu oft gab. Da es mittlerweile in den meisten Magazinen von Reviews zu derartigen Scheiben nur so wimmelt (da können wir uns auch beim METAL MIRROR nicht von freisprechen), ist es regelrecht erfrischend, dass es eine Review-Kategorie gibt, bei der man weiß, dass es niemals langweilig wird, sondern man immer schonungslose Kost geboten bekommt.

Wie bereits erwähnt, im vergangenen Monat durfte ich diese "Arschbombe" beisteuern. Nicht wissentlich, versteht sich. Das habe ich erst nach Schreiben des Textes erfahren. Allerdings hatte ich das bei dieser Scheibe schon vorher im Gefühl. Hauptfigur meiner Arschbombe ist nämlich das Ein-Mann-Projekt Furze, neben den glücklicherweise aufgelösten Xasthur eine der furchtbarsten Black-Metal-Bands, die in Rekordzeit Alben zusammenrotzen, und dann behaupten, es sei richtig guter Black Metal, nur weil sie diesen mit der richtigen Attitüde eingespielt hätten. Keine Frage, die auf CD gebannte Atmosphäre, die Einstellung mit der diese Musik eingespielt wurde (sofern man es denn schafft, diese auf die Musik abfärben zu lassen), das sind vor allem für eine so emotionale und verschrobene Musikrichtung wie den Black Metal durchaus relevante Faktoren. Aber es sind eben nicht die einzigen.

Sicher, oft klingt Black Metal simpel. Für ungeschulte Ohren manchmal sogar primitiv. Der Unterschied ist nur: Gekonnt primitiv zu spielen, aus Gründen der Songdienlichkeit, ist nochmal eine ganz andere Baustelle, als es einfach nicht richtig zu können, vier Noten zu zupfen, hirnlos zu kreischen und das dann als primitiven, ergo: guten Black Metal zu verkaufen. Furze (sprich: Bandkopf Woe J. Reaper) gehören jedenfalls in genau diese Kategorie, versuchen neuerdings zurück zu den Wurzeln des Genres zu gehen und werden damit seit Jahren von Label zu Label geschoben (erst Apocalyptic Empire, dann Candlelight, dann Agonia, jetzt Fysisk Format). Ihr neues Album "Psych Minus Space Control" ist nach dem sogar noch etwas katastrophaleren "Reaper Subconscious Guide" ein weiteres hervorragendes Beispiel, wie man es bloß nicht machen sollte - quasi eine Art Warnhinweis für andere Bands, die glauben, mal eben ein Black-Metal-Album aufnehmen zu können.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich möchte euch natürlich nicht meine erste "Arschbombe"  vorenthalten:

Herzlich Willkommen zu einem neuen Trip mit FURZE, der Band mit dem Namen, der dazu verführt, dass man hier irgendwelche Kalauer über Darmatmung vom Zaun bricht. Aber diese Platte hat gar nicht verdient, dass man kreative Wortwitze reißt, sie selbst ist nämlich so dermaßen uninspirierender Vollschrott, dass es einem eher am anderen Ende wieder herauskommt. Vermutlich soll dieser weitgehend instrumentale Brei total sphärisch sein, den Black Metal auf ein neues Level hieven. Tut er aber nicht. Stattdessen klingt das hier nach Fingerübungen eines Gitarrenschülers, der nicht nur im ersten Lehrjahr, sondern auch noch auf Valium ist. Hier werden ewig ausufernde Brechreiz-Passagen zusammengeschustert und damit weniger Charme versprüht als es Kassettenrekorder-Aufnahmen von Riffideen jeder anderen unkonventionellen Black-Metal-Band getan hätten.

© RockHard #301

Was man in der Redaktion von powermetal.de für ein Zeug raucht, dass man die hilflosen Psychedelic-Doom-Versuche von Woe J. Reaper tatsächlich als einen würdigen Rückschritt in Richtung Black-Sabbath-Quintessenz wertet, bleibt wohl einzig und alleine deren Geheimnis...

P.S.: Das Cover-Artwork, das Jesus als Pseudo-Bleistift-Kritzelei auf eine Mausefalle spannt und unter anderem eine Maus mit Papstmütze zeigt, ist auch ganz großer Sport...

28Jan/120

Eine Liebeserklärung

Plattenspieler von Vinyl

Das Objekt der Begierde: Mein Plattenspieler plus Verstärker.

Seit ein paar Wochen habe ich einen Plattenspieler. Einen richtigen. Das war längst überfällig. Seit Jahren habe ich mit dem Gedanken gespielt, dabei aber immer abgewogen, ob sich das für mich lohnt. Immerhin verbringe ich fast meine gesamte Zeit hinter irgendwelchen Rechnern. Die viele Musik, die ich als Musikjournalist dabei höre und hören "muss", will ich schnell und komfortabel anhören, durchskippen und notfalls wieder aus meiner Playlist rausschmeißen können. Da bietet sich das Hören über den Rechner (natürlich mit guter Soundanlage) einfach an.

Dennoch: Für die unsterblichen Alben, die man nicht hört, weil es die Aufgabe ist, etwas über sie zu schreiben, sondern die man am Abend beim Bierchen auf der Couch anhören möchte, für diese Alben wollte ich einen Plattenspieler. Mittlerweile ist das Schmuckstück seit ein paar Wochen in Betrieb. Und ich habe viel gelernt.

Man fühlt sich der Musik weit mehr verbunden. Es ist ein richtiges Ritual, an das das Einlegen einer CD, geschweige denn das Mausklick-Laden einer MP3-Datei, nicht einmal entfernt herankommen kann. Es beginnt damit, dass einen das Artwork einer Vinyl wirklich gefangen nimmt. Es gibt viel mehr zu entdecken, man sieht selbst auf bekannten Plattencovern so viele neue Details, die einem vorher noch nie aufgefallen sind. Es ist atemberaubend. Dann zieht man diese (im besten Fall) schwere Vinylplatte heraus, pustet einmal drüber und legt sie vorsichtig auf den Plattenteller. Die Nadel wird positioniert, heruntergelassen, der protektive Glaskasten geschlossen. Die Reise geht los.

Dadurch, dass man so viel "Aufwand" (in sehr deutliche Anführungszeichen gesetzt) betreibt, um an die Musik zu kommen, nimmt man diese viel bewusster wahr. Man fühlt eine ganz andere Verbindung. Das ist das hundertprozentige Gegenteil des eh zu vermeidenden Nebenbeihörens.

Dann folgt der Sound. Es mag wie ein High-Fidelity-Klischee klingen, das man nur allzu gern glauben möchte, obwohl man es eigentlich besser weiß, aber in diesem Fall entspricht es einfach der Wahrheit: Vinyl klingt anders. Es klingt viel wärmer und voller. Auf einer guten Anlage abgespielt, umarmt einen die Musik. Man kann sie unmöglich ignorieren.

Die Musik gewinnt in diesem Format so unglaublich viel Kraft. Ich habe schon jetzt einige meiner absoluten Lieblingsalben auf Vinyl. Von diesen Alben dachte ich im Vorfeld, dass sie eigentlich nicht mehr zu toppen wären; dass ich sie bereits vollkommen erschlossen hätte. Ich lag falsch. Diese ohnehin vergötterte Musik mit so viel Wärme zu erleben, ist eine unbeschreibliche Erfahrung, die ich nie wieder missen möchte. Es ist ein Rausch, wirklich. Fast intim. In diesen Momenten leistet man Bis-in-den-Tod-Schwüre für seine Lieblingsbands.

Die emotionalsten Momente, die man mit Musik haben kann, wird man auf diesem Weg machen können, da bin ich mir sicher. Als ich das erste Mal Golden Earrings Überalbum „Moontan“ auflegte und „Are You Receiving Me“ hörte, einer der für mich bedeutendsten Songs in meiner musikalischen Entwicklung (danke Papa!), hatte ich wirklich Tränen in den Augen, weil es mich so umhaute. Nie zuvor – so hatte ich das Gefühl – habe ich diesen Song so abgöttisch geliebt.

Ich bemitleide all die Leute, die solche Erfahrungen niemals machen werden, weil sie physische Tonträger für tot erklären und sich stattdessen lieber per Mausklick bei iTunes eine Datei herunterladen. Weil das doch komfortabler ist. Ich frage mich nur: Warum sollte gute Musik komfortabel sein? Gute Musik sollte kein Nebenbeiding sein. Nicht ein Instrument zur Ablenkung oder zur Hintergrundbeschallung. Gute Musik hat es verdient, dass man ihr die gesamte Aufmerksamkeit schenkt. So wie man es bei einem guten Film auch macht. Vor allem, weil man Musik dadurch ganz neu entdeckt, im besten Fall noch aufs Cover starrt oder die beigelegten Texte liest und auf sich wirken lässt. Es ist eine Rundum-Erfahrung, eine fast schon spirituelle Reise in die Welt der Musik.

Was ich mit all dem eigentlich nur sagen möchte, ist: Ich liebe dich, mein Plattenspieler.

25Jan/122

Rein und wieder raus aus dem Dschungel: Martin Kesici hat nichts dazugelernt

Martin Kesicis Profilbild auf der Webseite vom Dschungel-Camp. (c) www.dschungel-camp.de

Martin Kesicis Profilbild auf der Webseite vom Dschungel-Camp. (c) www.dschungel-camp.de

Eine Plage hat Deutschland befallen. Und ich bin erneut darüber erschüttert, wie weit sie um sich gegriffen hat. Da lassen sich ein paar angeblich prominente, weitgehend talentlose, von Selbstrespekt befreite Nichtsnutze in einen australischen Dschungel karren und ganz Deutschland schaut zu und geilt sich an den Ekelprüfungen auf, die diese Leute durchzustehen haben, um noch einmal in die entfernte Reichweite ihres einstigen Ruhmes zu gelangen. Noch einmal das Gefühl haben, jemand zu sein. Selbst wenn man dafür im Dschungel Scheiße fressen muss.

Was mich noch viel mehr schockiert als der Mangel an Selbstwertgefühl, unter dem die Kandidaten offensichtlich leiden, ist die gesellschaftliche Akzeptanz dieses medialen Drecks. Es gibt Leute, von denen erwarte ich es, dass sie sich diesen Schrott angucken. Das ist der Typ Mensch, der mich zu meiner Schulzeit auslachte, wenn ich morgens vor Unterrichtsbeginn nichts zu der Diskussion, was denn gestern im Big-Brother-Container lief, beizusteuern hatte. Von diesen Leuten erwarte ich nichts anderes, als dass sie ihr höchstwahrscheinlich stinklangweiliges, eindimensionales Leben dadurch aufpeppeln müssen, indem sie traurigen Existenzen bei der Selbsterniedrigung zuschauen. Bis hierhin schockiert mich das nicht. Ich habe schon vor Jahren aufgehört, schockiert (oder überhaupt noch überrascht) zu sein, wenn wieder ein neues "Ekelformat" die Bildschirme der Republik erobert.

Was mich aber schockiert, ist die Überpräsenz dieses Formats. Man hat eigentlich gar keine andere Möglichkeit, als darüber informiert zu werden, wer im Dschungel gerade angesagt und wer schon wieder draußen ist. Zumindest nicht, wenn man ein Leben führt, in dem die Medien einen halbwegs wichtigen Part spielen.

Morgens fahre ich mit der U-Bahn zur Arbeit. Vier Stationen. Mehr nicht. Das sind geschätzt 6 Minuten Fahrtzeit, in denen ich nicht darum herumkomme, zu erfahren, was ex-Fußballprofi Ailton zum Favoriten der Dschungel-Zuschauerschaft macht. Bin ich ja auch selbst schuld. Ich hatte unabsichtlich auf einen Monitor des in Hannovers U-Bahnen präsenten Fahrgastfernsehens geschaut, weil da eben noch die Wetteraussichten für die kommenden Tage standen.

Sobald ich an einem Computer angekommen bin, geht es weiter. GMX-Mails aufrufen, ohne dass fett oben auf der Startseite ein Bild von irgendeiner entsetzt dreinblickenden Blondine mit jeder Menge Krabbelviecher im Gesicht prangt? Absolut undenkbar. Und damit nicht genug. Auch Spiegel Online hält es für eine Notwendigkeit, mich täglich darüber zu informieren, wen ihr Autor zum Dschungelkönig des Tages ernennt. Im Kulturteil (ja verdammt, im KULTURteil) glotzt mich dann die Visage von Dirk Bach an, der dieses Aufgeilen am Leid anderer auch noch als Quasi-Resozialisierung für ex-Stars verteidigt. Widerlich! Und dabei will ich von diesem Mist doch eigentlich gar nichts mitbekommen. Aber keine Chance: Ganz passiv, teils nur durch versehentlich gelesene Schlagzeilen, erlange ich Wissen darüber, wie es bei der aktuellen Staffel läuft. Die einzige Chance, diesen ganzen Schund komplett auszublenden, wäre ein selbstauferlegter medialer Blackout. Nur wer kann sich das schon erlauben, wenn er im Medienbereich arbeitet?

Aber vermutlich würde nicht einmal das funktionieren, denn die Plage hat längst meinen erweiterten Bekanntenkreis befallen. Vereinzelt habe ich das Gefühl, geschätzte Mitmenschen nicht wiederzuerkennen. Da reden angehende Akademiker davon, dass man so etwas ja durchaus mal am Abend einschalten könnte, wenn man "einfach mal abschalten" wollen würde. Selten habe ich mich diesen Menschen so fremd gefühlt.

Fremd fühle ich mich auch den Kandidaten. Das mag daran liegen, dass ich nach einem eben getätigten Blick auf die Kandidatenliste bis auf drei Personen niemanden kenne. Brigitte Nielsen kenne ich, weil sie eine recht markante Nebenrolle in der ewig coolen Action-Komöde "Beverly Hills Cop II" spielte. Ailton, weil der zuletzt für den damaligen Sechstliga-Fußballverein meiner Heimatstadt Krefeld aufgelaufen ist. Und dann ist da Martin Kesici, ein Typ, der es eigentlich besser wissen müsste. Zumindest hat er das mal behauptet.

Die Geschichte des Martin Kesici ist eigentlich eine traurige. Und früher habe ich ihn sogar in Schutz genommen. Alles begann für den Heavy-Metal-Fan bei irgendeiner dieser unsäglichen Casting-Shows (meine Recherche ergibt: Sie hieß "Star Search"). Dort konnte er sich mit seinem Ziegenbart und der langen Mähne perfekt als Metal-Bad-Boy mit weichem Kern inszenieren, der die mir mittlerweile fast unerträglich gewordene Weichspüler-Nummer "Nothing Else Matters" zum Besten gab.

Als sich andeutete, dass es das schnelllebige Pop-Universum wohl kaum auf Dauer gut mit dem ehemaligen Bauarbeiter meinen würde, versuchte Kesici umzusatteln. Nur zwei Jahre später sah ich ihn als Überraschungsgast auf einem überaus verregneten Wacken Open Air 2005. Die Reaktionen auf seine Hard-Rock-Einlage fielen - vornehm ausgedrückt - bescheiden aus. In den ersten Reihen standen etliche Metal-Fans, die Kesici unverblümt den Mittelfinger zeigten, als sie erkannten, wer da vor ihnen den Rocker mimte.

Doch Kesici stand seinen Mann, kämpfte sich durch seine paar Songs, die er mitgebracht hatte (diese grässliche Pophymne hatte er damals geschickterweise zuhause gelassen) und ließ sich von den Stinkefingern weder den Mut, noch die Stimme rauben. Das fand ich damals doch recht respektabel. Die Songs waren zwar allesamt stinklangweilig, aber zu dem Zeitpunkt glaubte ich ihm, wenn er in Interviews offen über seine Popvergangenheit meckerte und betonte, dass er sich nur wünscht, dass man ihn als jemanden wahrnimmt, der Metal und Rock wirklich liebt. Ich vergab ihm. Jeder macht Fehler. Warum sollte ein gescholtener Popstar nicht wieder den Weg zurück zu einer ehrlicheren Musikrichtung finden dürfen? Die Art und Weise, wie er mit seiner Castingshow-Teilnahme umging, schien glaubwürdig. Als ich im vergangenen Jahr von der Plattenfirma SPV die Nachricht erhielt, man habe Martin Kesici unter Vertrag genommen, war ich mir endgültig sicher: der Typ meint es ernst. Der sucht den Anschluss an die Heavy-Metal-Szene, koste es was es wolle.

Mittlerweile glaube ich das nicht mehr. Stattdessen glaube ich, dass Kesici ein Opportunist ist, der sich an jede Gelegenheit klammern wird, die ihn in irgendeiner Art und Weise im Rampenlicht hält. Eine andere Interpretation lässt seine Dschungelcamp-Teilnahme in meinen Augen nicht zu. Zeitgleich inszeniert er sich jedoch als bodenständiger Typ, der notfalls auch wieder auf'm Bau arbeiten würde - eine geschickte Masche, die das RTL-Publikum mit Sicherheit gerne glaubt. Aber nicht die musikalische Szene, der er sich angeblich so verbunden fühlt und von der er als Künstler akzeptiert werden möchte. Für die wird sich das Thema Martin Kesici als Metal-Rock-Musiker endgültig erledigt haben.

Beim nächsten Überraschungsauftritt auf dem Wacken Open Air könnte ich den Leuten in der ersten Reihe nicht einmal die vielen Stinkefinger übel nehmen.

 


Hinweis: Ja, ich weiß, dass Kesici freiwillig kurz nach Staffelstart wieder draußen ist (vielen Dank, liebes Fahrgastfernsehen...). Das ändert an seiner grundsätzlichen Bereitschaft, bei diesem Blödsinn mitzumachen, aber herzlich wenig. Ich bin nur gespannt, ob er abermals versuchen wird, sich nun als geläuterter Anti-Mainstream-Typ zu präsentieren, der tief im Herzen eigentlich doch so'n richtiger Metal-Rocker ist.

18Jan/120

Die 50 besten Songs des Jahres 2011

Die 50 besten Songs des Jahres 2011

In einer musikalischen Bierrunde nach der nächsten muss ich mir Jahr für Jahr anhören, dass heutzutage ja keine gute Musik mehr rauskommen würde und früher sowieso alles besser war. "Schwachsinn!", sage ich. Auch heutzutage werden Jahr für Jahr unzählige grandiose Alben veröffentlicht, fantastische Songs geschrieben und Bands gegründet, die die Musik immer noch um ein wesentliches Stück bereichern. 2011 war ein Jahr mit vielen Highlights. Und damit man das nicht als inhaltslose Floskel abtun kann, habe ich mich in den letzten Wochen noch einmal kreuz und quer durch das vergangene Jahr gehört und eine Liste mit den 50 besten Songs aus 2011 zusammengestellt.

Das Erstellen solch einer Liste ist alles andere als einfach, wie ich dabei feststellen durfte. Und damit meine ich nicht die nicht eingehaltene Objektivität, auf die ich es bestimmt nicht abgezielt hatte, sondern das Schwanken der eigenen Meinung. Meine Liste umfasst Songs aus allen Bereichen des Heavy Metals, von hart bis zart. Es gibt Rock-Klassiker, die nach den Siebzigern klingen und elektronischen Metal. Black-Metal-Orgien und kitschige Schweineorgel-Songs. Poppige Refrains und Blastbeats. Dabei ertappte ich mich immer wieder selbst dabei, dass ich die Liste umstellte, je nachdem in welcher Stimmung ich war. Gute Laune und Partystimmung? Na klar, da muss ein Song mit Mitsing-Refrain und Pop-Appeal her. Schlechte Laune und Lethargie? Schwupps, schon habe ich Bock auf abstrusen, endlos ausufernden Black-Doom-Metal mit naturmystischem Einschlag. Und so ging es Tage, ach was: Wochen hin und her. Als ich endlich glaubte, ich habe eine endgültige, halbwegs stimmungsneutrale Einschätzung geschafft, stattete mir mein Bruder Benne einen Besuch ab. Wir saßen gemeinsam auf meiner Couch, tranken Bier und hörten uns in viereinhalb Stunden die gesamte Liste durch. Und natürlich warf ich wieder einiges über den Haufen.

Bei manch einem Song schreckte Benne erstaunt auf und fragte mich unverblümt: "Haben sie dir ins Gehirn geschissen?" Und in dem Moment fragte ich mich das auch. Ich erkannte überhaupt nicht mehr, was ich an dem Song ursprünglich gemocht hatte. Schwupps, weg war der Song (um welchen es sich handelt, werde ich aus Respekt vor den Musikschaffenden nicht verraten). Andere Songs hatte ich viel zu schlecht eingestuft und musste nun die passende Lücke weiter oben in der Rangliste finden. Dann wies mich Benne noch auf das ein oder andere Album bzw. den ein oder anderen Song hin, den ich vollkommen vergessen hatte. Also wurde die Liste wieder überarbeitet. Jetzt, nachdem weitere Wochen vergangen sind, bin ich halbwegs sicher, dass ich meine endgültige Liste fertig habe. Dass es hierbei keinen objektiven Maßstab gibt, erklärt sich von selbst. Vielmehr soll diese Liste ein kleiner Wegweiser sein. Ich bin mir sicher, dass die meisten den ein oder anderen tollen Song entdecken können.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Durchstöbern!

50. Moonsorrow - Tähdetön

Moonsorrow sind nach wie vor die derzeitige Spitze, wenn es um epischen Folk-Pagan-Metal geht. Einziges Problem: Diese Songkolosse, die selten kürzer als zehn Minuten gehen, wirken in Albenform mehr als Gesamtkunstwerk, weniger als einzelne Songs. Dass Titel und Texte auf Finnisch gehalten sind, macht den Wiedererkennungswert nicht unbedingt besser. Dennoch: "Tähdetön" ist ein wunderbarer Repräsentant für Moonsorrows Musik: Episch, voller Atmosphäre und wie immer auch ein wenig sperrig.

49. Opeth - Folklore

Wer hätte gedacht, dass ich jemals einen Opeth-Song für solch eine Liste in Erwägung ziehen werde? Aber der gute Mikael hat es sich verdient - auch wenn Liebhaber der Band die Truppe vermutlich sehr viel weiter vorne positionieren werden. Was hat sich also geändert? Nun, Opeth machen nicht mehr progressiven Death-Melancholic-Rock-irgendwas-Metal, sondern werden auf ihrem aktuellen Album sehr viel psychedelischer, was durchaus gewagt ist, sich aber zumindest in meinem Fall bezahlt gemacht hat. "Folklore" kreiert eine ganz merkwürdige, faszinierende Atmosphäre und wird vor allem gegen Ende zu einem mitreißenden Stück, dem man aber etwas Zeit geben muss.

48. Megadeth - Sudden Death

Die Rückkehr von Megadave: So einen Hit wie "Symphony Of Destructon" erwarte ich von Megadeth nicht mehr, aber "Sudden Death" lässt durchblicken, dass der Rotschopf nach wie vor den ein oder anderen Riff aus dem Ärmel schütteln kann, der hängen bleibt. Coole Solos gibt es sowieso.

47. Arch Enemy - Bloodstained Cross

Arch Enemy gehören zu den Bands, für die ich mich zu "Anthems Of Rebellion"-Zeiten richtig begeistert habe. In meinen Augen sind die Alben der Band zwar mittlerweile recht redundant, aber "Bloodstained Cross" wirkt wie eine kleine Erinnerung, warum die Band so populär geworden ist: Michael Amott ist ein Gott an der Gitarre, die Melodien sind toll, Angelas Stimme ist nach wie vor cool - einer der besseren Arch-Enemy-Songs seit dem Kracheralbum von 2003.

46. Absu - Circles Of The Oath

Miri hat Absu mal passenderweise als eine epileptische ADS-Truppe bezeichnet. Besser bringt man die Mucke dieser freakigen Black-Thrasher eigentlich nicht auf den Punkt. Für sanfte Gemüter ist dieser chaotische Hochgeschwindigkeitstrip nichts, aber definitiv eine der besten Abrissbirnen des Jahres.

45. Samael - Luxferre

Es gibt nur wenige Bands, die Metal mit Elektronik kreuzen können, ohne dass dabei totaler Mist herauskommt. Samael haben dieses Verfahren perfektioniert und werden dabei eigentlich nur noch von Rob Zombie und Pain übertroffen. Mit denen lassen Samael sich aber auch irgendwie nicht vergleichen. Denn Samael sind trotz allem böser, dunkler, okkulter - das muss am Black-Metal-Background liegen. Ursprünglich starteten die Schweizer nämlich als eine der ganz frühen Black-Metal-Bands.

44. Eat The Gun - Runner

Die vermutlich unbekannteste Band in dieser Top 50 - und dabei habe ich später sogar eine Band ohne Label dabei, die aber absoluten Kultstatus genießt. Von dem sind Eat The Gun noch meilenweit entfernt. Mit "Runner" sind die Jungs aus Münster jedoch auf einem guten Weg. Zugegeben: Das zu diesem Song gehörende Album finde ich mit jedem weiteren Durchlauf noch belangloser, aber diese fast schon poppige Rockhymne hat es mir mit ihrem catchy Refrain angetan.

43. Negura Bunget - Hotar

Natur zu vertonen erfreut sich im heidnischen Metal einer enormen Beliebtheit. Doch während die ganzen grässlichen Pseudowikinger bei ihren Versuchen meist kläglich scheitern, verbuchen Negura Bunget seit Beginn ihrer Karriere einen Erfolg nach dem nächsten. Auch "Hotar", das erste Stück der 2011 erschienenen EP, kreiert eine unglaubliche Atmosphäre, wie es nur Negura Bunget zu schaffen vermögen. Das ist keine Musik für Nebenher. Solche Songs muss man alleine in der Dunkelheit auf Kopfhörer hören - vorzugsweise während man einen nächtlichen Waldspaziergang macht.

42. Thulcandra - In Blood And Fire

Manchmal glaube ich, Jon Nödtveidt ist gar nicht tot, sondern hat sich einer Gesichtsoperation unterzogen und macht nun bei Thulcandra Musik. Die Band, die von Obscuras Steffen Kummerer angeführt wird, klingt so dermaßen nach Dissection, dass es schon gruselig ist - kalt-klirrende Riffs inklusive. Für Fans der Black-Death-Legende ist das Pflicht!

41. HammerFall - Bang Your Head

Metal Mirrors HammerFall-Kultist David wird vermutlich schon Anschlagspläne auf mich vorbereiten, aber höher haben es HammerFall nicht in meiner Rangliste geschafft. Keine Frage, die Truppe gehört zu den besten Bands ihres Genres, aber für mich hat die Band seit "Legacy Of Kings" einen stetigen Abstieg erfahren. "Bang Your Head" ist eine arschcoole Metal-Hymne mit klischeehaftem Text, tollen Vocals von Gottsänger Joacim Cans, aber so ein pures Euphoriegefühl wie einst "Heeding The Call" kann das bei mir nicht mehr auslösen. Sorry, David...

40. Hell - On Earth As It Is In Hell

Für RockHard-Chef Götz laut einem Zitat auf einer Magazin-Rückenanzeige das beste Metal-Album des Jahres... Das sehe ich anders, aber zweifellos sind Hell ziemlich geil, was in erster Linie an den sehr charakteristischen Oldschool-Vocals liegt. Hell holen - wie so viele Bands heutzutage - die Achtziger zurück: schnelle Riffs und King-Diamond-Tribut-Gesang. Was viele Bands vergeblich versuchen, gelingt Hell scheinbar ganz locker. Der Song, zu dem es auch ein offizielles Video gibt, ist das definitive Aushängeschild der Platte. Mehr solcher Hits und ich schließe mich Götz vielleicht eines Tages an.

39. Taake - Myr

Nochmal in aller Klarheit: Ich mag Taake nicht. Und vor allem mag ich Hoest nicht. Aber wenn ich das Album einmal losgelöst von all dem Unfug und den Querelen betrachte, die der Frontdepp in der Vergangenheit fabriziert hat, dann sticht in erster Linie "Myr" als ziemlich cooler Black-Metal-Song heraus. Vor allem, weil er zur einen Hälfte klassischer True Norwegian Black Metal ist, in der zweiten Hälfte aber mit einem minutenlangen Banjo-Einsatz schockiert. Das, lieber Hoest, ist musikalische Provokation, wie man sie gerne sieht. Also belasse es dabei und spare dir all den anderen Quatsch.

38. Sebastian Bach - Kicking & Screaming

Der Skid-Row-Fronter, Musical-Darsteller, Rolling-Stone-Coverboy, Frauenschwarm, Gilmore-Girls-Schauspieler und beste Freund von Axl Rose ist zurück mit einer Soloplatte: Sebastian Bach. Darauf hören wir viel belanglosen Kram, aber eben auch einen Ohrwurm, nämlich den Titeltrack "Kicking & Screaming". Mir ist der Song zwar etwas zu modern produziert und ich bin nicht durchweg in der Stimmung für den charakteristischen Gesang Bachs, aber dieser Song hat Eier, einen geilen Refrain und obendrein ein Killer-Riff. Und das ist wohl mehr, als die meisten von dem Tausendsassa erwarteten.

37. Riotgod - Breed

Kyuss lassen grüßen: Riotgod stehen ganz in der Tradition der besten, tollsten, coolsten, größten, einflussreichsten (sorry, ich gerate ins Schwärmen) Stoner-Rock-Band aller Zeiten. Dabei stecken hinter Riotgod auch keine unbekannten Gesichter. Die beiden Monster-Magnet-Mitglieder Jim Baglino (Bass) und Bob Pantella (Schlagzeug) haben diese Band 2006 gegründet und klingen so unglaublich schwer, groovy und cool, dass es eine Freude ist. Obendrein klingt Sänger Mark Sunshine so dermaßen nach John Garcia, dass ich immer wieder vermute, dass der Name lediglich ein Pseudonym Garcias ist.

36. Uriah Heep - Into The Wild

"Die Rückkehr der Rock-Dinosaurier" lautete die Überschrift des Interviews, das ich in diesem Jahr mit den Rockgöttern führte, die unter anderem die Welthits "Easy Livin'" und "Lady In Black" verzapft haben. Uriah Heep sind zweifellos eine der ganz wenigen Bands, die es nicht nötig haben, sich auf ihre einstigen Erfolge zu berufen, damit man sich ihre neuen Songs gerne anhört. "Into The Wild" ist das beste Beispiel dafür. Während Nazareth sich erst dieses Jahr vollkommen selbst demontiert haben, sprühen Uriah Heep vor Energie. Die Schweineorgel dudelt herrlich, die Solos sind geil, der Song hat einfach alles, wofür ich Uriah Heep seit meiner frühsten Kindheit liebe.

35. The Konsortium - Under The Black Flag

The Konsortium gehören zweifellos zu den besten Newcomern des aktuellen Jahres. Im Black-Thrash-Genre sind sie sogar die unumstritten beste Neuentdeckung des vergangenen Jahres. "Under The Black Flag" macht das binnen weniger Sekunden deutlich: Auf so einen geilen Riff und so eine seltsame Haudrauf-Atmosphäre können andere Bands einige Jahrzehnte erfolglos hinarbeiten. Wer hinter der Band steckt, ist übrigens weitgehend unbekannt: Die Bandmitglieder haben sich schlicht durchnummeriert. Man weiß lediglich, dass Teloch (war u.a. bei Gorgoroth und Mayhem aktiv) mit von der Partie ist.

34. Endstille - Bloody H (The Hurt-Gene)

Ich war ja der festen Überzeugung, dass Endstille tot sind. Erster Indikator waren die ohnehin mit jedem Mal schwächer werdenden Alben, die vermuten ließen, dass die Band ihren Zenit recht früh (nämlich 2005 mit "Navigator") erreicht hatte. Dann kam hinzu, dass man sich von der doch sehr charakteristischen Stimme Iblis' trennte. Mit Zingultus, den Black-Metal-Hardliner von den überaus geilen Graupel kennen werden, haben die Norddeutschen jedoch einen noch besseren Schreihals gefunden, der sich überraschend gut in das Endstille-Fundament einfügt. "Bloody H", ein typischer Vertreter der auf jedem Endstille-Album vertretenen Nach-vorne-Nummern, macht ziemlich deutlich, dass die Band vielleicht ihren zweiten Frühling erlebt. Mal abwarten...

33. In Solitude - The World, The Flesh, The Devil

Über Hell habe ich erst einige Songs vorher geschrieben, In Solitude fahren eine ähnliche Schiene, sind in meinen Augen jedoch besser. Die Band spielt ebenfalls geilsten Oldschool-Metal, der ganz und gar im Erbe der großen Mercyful Fate ergo King Diamond steht. Auch hier sind es die Vocals, die den Ausschlag geben. Live hat mich das im vergangenen Jahr weniger überzeugt, aber das mag auch daran gelegen haben, dass die Band zu recht früher Stunde ran musste und in der ausnahmsweise vorhandenen Festival-Sonne nicht zünden konnte.

32. Vreid - Welcome To The Asylum

Ich muss gestehen: Im Gegensatz zu allen vorherigen Alben, hat mich Vreids aktuelle Scheibe eher enttäuscht. "Milorg" hatte 2009 so viele geile Hits zu bieten, auf "V" entdecke ich nur einen Song, der es mit den frühen Granaten aufnehmen kann. Nicht dass wir uns falsch verstehen: die meisten Songs auf "V" sind immer noch gut, aber Vreid können es eben noch besser, das weiß ich! Und das zeigt auch "Welcome To The Asylum", ein grooviger Black-Metal-Kracher, der mich in wenigen Momenten sogar an die frühen Immortal erinnert, bevor es mit Vreid'schem Groove weitergeht.

31. U.D.O. - Rev-Raptor

Es ist erstaunlich: Ich habe Udo Dirkschneider gedanklich schon oft abgeschrieben und den "German Tank" dabei scheinbar unterschätzt. Zwar wirkt der ex-Accept-Sänger bei allem, was er heute tut, etwas gelangweilt, aber "Rev-Raptor" (und auch sein Bruder "Leatherhead") ist ein saugeiler Heavy-Metal-Hammer, den man unweigerlich mitsingen muss! Der Song folgt Heavy-Metal-Schema F, macht dabei aber so ziemlich alles richtig. Das Abschreiben kann ich also wieder abschreiben...

30. Johann Wolfgang Pozoj - I Am The Forest

Ein absoluter Geheimtipp für Black-Metaller. Erst ganz am Ende des Jahres stolperte ich mitten in der Nacht über diese Black-Metal-Truppe aus Kroatien und war hin und weg: Die Band hat Aggressivität, sie hat Groove und ein tolles Gespür fürs Tempo. Als ich am Ende auf "I Am The Forest" stieß, war ich so umgehauen von der Kombination des mystischen Intros und dem geilen Black-Metal-Groove, das ich den Song kurzerhand in diese Liste aufnahm. Jetzt, Wochen später, hat sich meine Begeisterung noch immer nicht gelegt. Wer Black Metal mag, wird Johann Wolfgang Pozoj trotz des komischen Namens lieben.

29. Venom - Hammerhead

Zugegeben: Venom kann man nicht immer hören. Die Musik ist so unglaublich stumpf, dass man in eben solch einer Laune sein muss, um einen Songrüpel wie "Hammerhead" genießen zu können. Ist man jedoch in der passenden Stimmung, gibt es kaum etwas, was einen zufriedener stellen kann als eine Krachgranate wie der Opener des aktuellen Albums "Fallen Angels". Groove, Quietsche-Solo, Cronos gewaltiges Organ - das sind Venom wie sie sich in dreißig Jahren nicht weiterentwickelt haben.

28. Debauchery - Zombie Blitzkrieg

Mir ist egal, was die Death-Metal-Fraktion sagt: Debauchery sind cool. Natürlich gibt es etliche Songs, die mir am Allerwertesten vorbeigehen, aber auf jedem Album holt Thomas mindestens zwei oder drei Songs aus dem Ärmel, die einfach Bock beim Hören machen. Natürlich ist das kein "richtiger Death Metal", aber wen interessiert das? Mich nicht. Nennt es Death'n'Roll, Zombie Metal, Debauchery Rock, nennt es wie ihr wollt, das ändert nichts daran, dass Songs wie "Zombie Blitzkrieg" Laune machen. Fakt!

27. Skeletonwitch - This Horrifying Force (The Desire To Kill)

Die "Arschlöcher aus Ohio", wie sie sich beim Interview vorstellten, das ich mit Teilen der Band auf dem Wacken Open Air führte, sind obendrein absolut überragende Songschreiber, die sich bevorzugt irgendwo zwischen Black-Thrash und NWOBHM austoben. "This Horrifying Force (The Desire To Kill)" geht eher in die schnelle Black-Thrash-Richtung, überzeugt dabei aber mit immer wieder reingearbeiteten Melodiepassagen.

26. Tsjuder - Fra En Ratten Kiste

Ich habe auf das aktuelle Tsjuder-Album lange gewartet. Sehr lange. Wie ich in diesem Blog schon einmal geschrieben habe, zählt ihr 2004er Album "Desert Northern Hell" zu den besten jüngeren Scheiben des norwegischen Black Metals. Bei so viel Erwartungsdruck hatten es Tsjuder keinesfalls leicht bei mir und in der Tat war ich ein klitzekleines bisschen enttäuscht, als ich "Legion Helvete" hörte. Das Album ist nicht so gut wie sein Vorgänger, aber eben immer noch viel besser als so ziemlich alles andere, was dieser Tage im True Norwegian Black Metal herauskommt. "Fra En Ratten Kiste" ist der zweifellos beste Song auf dem Album. Die Nummer hätte auch gut und gerne von "Desert Northern Hell" stammen können, wäre da aber unter den ewigen Killern "Mouth Of Madness", "Ghoul" und "Malignant Coronation" etwas untergegangen.

25. Sister - Too Bad For You

Diesen Song hier aufzulisten, ist ein bisschen geschummelt, denn ursprünglich erschien dieser Ohrwurm bereits 2009 auf einer EP. Für ihr Metal-Blade-Debüt "Hated" hat die Band jedoch eine neue Version des Songs aufgenommen, der an Partylaune nichts eingebüßt hat. Die Typen mögen mit ihrem Mötley-Crüe-Look bei manchen Metallern auf Unverständnis stoßen (ich finde es supercool!), aber selbst die Kajal-Hasser da draußen können diesem Song eigentlich nicht guten Gewissens seine Qualität absprechen. Und wenn doch: Too bad for you!

24. Djerv - Madman

Eine überraschende Entdeckung von Metal Mirrors Jenny. Djerv machen... nunja... was machen Djerv eigentlich? So richtig zusammenfassen kann man das gar nicht. Die Gitarren sind catchy, der Bass wummert ziemlich. Die Band hat Groove, tolle Refrains, der weibliche Gesang ist ausgeflippt und erinnert teilweise an deutsche New-Rock-Bands der Marke frühe Guano Apes, nur um einen dann im nächsten Moment in eine völlig andere Richtung zu lenken. Ich finde dafür einfach kein Genre. Und das brauche ich auch nicht. Djervs "Madman" macht unglaublich viel Laune! Kleine Randnotiz: Die Sängerin Agnete, auf youtube wird sie als "Gwen Stefani from Hell" charakterisiert, sang auch bei Dimmu Borgirs Single "Gateways" den weiblichen Part. Grandiose Stimme!

23. Woods Of Desolation - Darker Days

Ich bin ja sehr froh, dass ich mich doch nicht um einen Lunar-Aurora-Ersatz kümmern muss, weil die deutsche Black-Metal-Legende in Kürze ein neues Album veröffentlichen wird. Aber wenn ich eine neue Band für den Thron des atmosphärischen Black Metals brauchen würde, wären die Australier Woods Of Desolation heiße Anwärter. Grandiose Synthesizer, eine unglaublich verstörende und zugleich epische Atmosphäre, die durch den Wechsel aus Gekeife und mystischem Clean-Gesang nur noch verstärkt wird - genau so muss Black Metal klingen.

22. Forgotten Tomb - Reject Existence

Ich bin nicht stolz darauf, dass Forgotten Tomb in dieser Liste auftauchen. Herr Morbid, der Fronter dieser italienischen Truppe, ist ein hochgradig unsympathischer Kerl, der nicht nur fragwürdige Aussagen tätigt und zwielichtige Beziehungen pflegt, sondern in Interviews auch gerne ausfällig gegenüber Journalisten wird. Nichtsdestotrotz ist "Reject Existence" ein absolut faszinierender Song eines sehr guten Albums, das sich irgendwo zwischen Black Metal, Doom Metal, sehr viel Atmosphäre, Melodien und Rock ansiedelt. Diese Mischung hat Charakter. Und zwar einen sehr viel besseren als ihr Schöpfer.

21. Sarke - Pessimist

Zeit für Dampfhammer-Musik! Natürlich wurde es Sarke sehr einfach dadurch gemacht, dass sich Nocturno Culto von Darkthrone dazu bereit erklärte, die Vocals bei dieser eigentlich als Soloprojekt gestarteten Band zu übernehmen, aber Nocturno hat nur beschleunigt, was sonst ohnehin geschehen wäre: die Band hätte von sich hören lassen. Thomas "Sarke" Berglie hat ein so unglaubliches Händchen dafür, düsteren Metal mit Rock'n'Roll zu kombinieren, dass der Fuß niemals still stehen kann. Wer bei "Pessimist" nicht mitwippt, kommt von einem mir fremden Planeten. Nocturnos rotzige Vocals veredeln diese Mischung obendrein.

20. Steelpreacher - We Want Metal

Die Top 20 startet mit einer Band, die nach wie vor alles in Eigenregie macht und auf so ziemlich alles scheißt, was man machen müsste, um richtig groß und professionell durchzustarten. Egal, Kultstatus genießen die Steelpreacher trotzdem. Ihr Erfolgsgeheimnis: Diese Jungs sind echte Originale, die obendrein ein Händchen für eingängige Melodien und Refrains haben. Ja, ihr ganzen Spötter, ich weiß: Das ist keine komplexe Musik, da gibt es keine technischen Spielereien. Aber seit wann kommt es darauf in der Musik an? Die Songs sollen Spaß machen und nach geilem Achtziger-Metal klingen. Für die chaotischen Jungs aus Koblenz ist das ein Kinderspiel. Die Produktion von "We Want Metal" könnte zwar etwas besser sein, aber trotzdem brüllt man den Song jederzeit gerne inbrünstig mit.

19. An Autumn For Crippled Children - Formlessness

Schon das Debüt der mysteriösen Black-Metal-Band begeisterte mich fast ausschließlich. Der Zweitling "Everything" zieht da gebührend nach. "Formlessness" ist ein Musterbeispiel dafür, warum diese Band einen so aufzurütteln vermag. An Autumn For Crippled Children (seltsamer Name übrigens, der oft nur mit AAFCC abgekürzt wird) haben längst die Grenzen des reinen Black Metals hinter sich gelassen. Das Gekeife ist zwar hoch und verzerrt, die Gitarren schrammeln ganz schön und mit Brutalität wird nicht gegeizt, aber dann gibt es eben diese vielen Passagen, in denen das ganze Gekloppe nur Beiwerk ist und eine überaus harmonische Melodie in den Vordergrund rückt und für eine sehr entrückte Atmosphäre sorgt. Ist das Post-Black-Metal? Avantgarde-Black-Metal? Experimental oder Atmospheric Black Metal? Scheißegal, es ist saugeil!

18. Amon Amarth - For Victory Or Death

Im Gegensatz zu vielen anderen Bands, die irgendwann vor fünf-sechs-sieben Jahren den großen Durchbruch schafften, haben sich Amon Amarth nie wirklich verschlechtert. Ganz im Gegenteil: Ein so rundum gelungenes Album wie seinerzeit "Versus The World" haben die schwedischen Death-Metaller zwar nie wieder abgeliefert, aber was das Songwriting anbelangt, sind die fünf Wikinger mit jedem Album gereift, haben sich mehr und mehr vom reinen Death Metal verabschiedet (zum Leidwesen der True-Fraktion) und sich mehr auf das Spiel mit Melodien eingelassen. Das trägt Früchte: "For Victory Or Death" überzeugt erneut mit einer umwerfend schönen Melodie, eingebettet in das Death-Metal-Fundament. An "Embrace The Endless Ocean" vom Vorgängeralbum kommt der Song nicht ran, rangiert bei mir aber auf jeden Fall in der Top 5 der besten Amon-Amarth-Songs.

17. Demonaz - Where Gods Once Rode

Ih finde es sehr cool, dass Demonaz es trotz seiner Krankheit (der Gründer, Texter und ex-Gitarrist von Immortal leidet unter einer chronischen Sehnenscheidenentzündung) geschafft hat, ein Soloalbum aufzunehmen. Natürlich sind die Parallelen zu seiner Hauptband, für die er ja noch heute alle Texte verfasst, unübersehbar. Allerdings ist Demonaz weniger Black-Metal-konform, sondern schlägt eine sehr viel epischere Breitseite mit viel Heavy Metal ein. Teilweise erinnern die Songs an das geniale I-Album, an dem Harald Nævdal, so Demonaz' bürgerlicher Name, ebenfalls mitgewirkt hat. Und dieser Vergleich kann nur Gutes bedeuten!

16. Turisas - Stand Up And Fight

Völlig zu Unrecht wurden Turisas seit jeher zu der Vielzahl an Bands hinzugezählt, die Mitte des vergangenen Jahrzehnts im schier endlosen Strome des Viking-Hypes auf der Welle des Erfolges mitschwammen. Dass Turisas sich stets bei Touren mit derlei Bands zusammenschloss, sorgte zusätzlich dafür, dass die Mathias Nygard und seine Mannen mehr und mehr mit dieser Szene verschmolzen. Dabei sind Turisas eigentlich in allen Belangen sehr viel komplexer, tiefgründer und schlicht besser als 99 Prozent der Bands, die diese Szene bis heute bevölkern. Mittlerweile kann die Band problemlos ein 60-Minuten-Set ausschließlich mit Hits füllen. Das neue Album gleicht einem epischen Film-Soundtrack, bei dem aber auch erneut der großartige Hit nicht fehlen darf. Diesmal hört er auf den Namen "Stand Up And Fight" und hat beste Chancen, dem Evergreen "Battle Metal" den Rang abzulaufen.

15. Blood Ceremony - My Demon Brother

Das große Siebziger-Revival wird bisher noch nicht langweilig. Blood Ceremony mögen nicht ganz so sensationell wie Ghost, Rival Sons oder The Devil's Blood sein, aber die Truppe geht mit so viel okkultem Dunkelcharme an ihre Musik heran, dass Gänsehaut garantiert ist. Hammond-Orgel, psychedelischer Frauengesang, schwerer Doom-Sound, toller Refrain - Blood Ceremony sind so etwas wie die weiblichen angeführten Black Sabbath der Neuzeit.

14. Amorphis - Battle For Light

Von Amorphis habe ich wirklich gar nichts mehr erwartet. Für mich war eigentlich immer nur die Phase rund um das grandiose "Tales From The Thousand Lakes" interessant. Ihr neues Album "The Beginning Of Times" und allen voran "Battle For Light" hat mich wieder auf sie aufmerksam gemacht. Der Song hat einfach alles, was ich mir von Amorphis wünsche: Brutale Vocals, sanfte Vocals, tolle Synthesizer und Melodien, die so wunderschön und melancholisch sind, dass es schon fast weh tut.

13. Skull Fist - Get Fisted

Schwupps, mit einem Mal ist man mitten in den Achtzigern. Wo die Metal-Musiker noch unförmige Wildwuchs-Matten trugen, Spandexhose und Kutte Hand in Hand gingen. Wo es längst nicht um technischen Firlefanz und perfektes Timing ging, sondern um die Energie, die die Musik versprüht. Skull Fist aus Kanada wirken wie Relikte aus dieser Zeit, sind dabei aber alle gerade Mal in ihren frühen Zwanzigern. Dass die Musik trotzdem hochgradig authentisch, ja fast partytauglich wirkt, mag daran liegen, dass diese Bands sich nicht nur ein Image aufgebunden haben, sondern das Musikerdasein mit jeder Faser ihres Körpers leben.

12. Pain - The Great Pretender

De facto gibt es keine Band, die Electro und Metal besser verbindet, als es Pain tun. Bei den Schweden kann man sich immer darauf verlassen, dass es mindestens drei richtige Hits auf einem neuen Album gibt. Es ist fast schon unheimlich, wie Peter Tägtgren, den ich sehr viel mehr für seine Musik als für seine Produzententätigkeit schätze, immer wieder so unendliche viele Ideen zu haben scheint. Dieser Typ ist eine Maschine. "The Great Pretender" ist nur einer von echt sehr vielen geilen Songs, die sich auf dem neuen Album "You Only Live Twice" finden lassen und schlägt eine perfekte Brücke zwischen elektronischen Synthesizer-Ohrwürmern und den harten Metal-Riffs, für die Peter ja ohnehin schon seit den frühen Neunzigern bekannt ist.

11. Nicke Borg - Alone

Ich liebe die Backyard Babies! Diese Jungs sind die sleazy, dreckigen Straßenköter des schwedischen Rock'n'Rolls - und ohne jede Anbiederei haben sie es bis an die Spitze der dortigen Musikszene geschafft. Das verdient Respekt! Doch auch wenn mir die Fähigkeiten der Backyard Babies bekannt waren, wäre ich niemals darauf gekommen, dass Nicke Borg, der Babies-Fronter, auch in der Lage ist, ein göttliches Soloalbum zu fabrizieren. "Alone", der Opener der Scheibe, ist zwar genau wie die ganze restliche Scheibe eine ganze Ecke sanfter als die Musik der Backyard Babies, frisst sich mit seiner folkigen Akustikgitarre jedoch schon beim allerersten Mal tief in die Gehörgänge - Musik für so ziemlich jede Stimmungslage!

10. ICS Vortex - Odin's Tree

Als Simen Hestnæs, so ICS Vortex' bürgerlicher Name, seine damalige Hauptband Dimmu Borgir verließ, war ich bestürzt. Die einzigartige Stimme des norwegischen Hünen hatte sich zwar nie in den Fokus der Musik der norwegischen Black-Metaller gedrängt, machte für mich aber trotzdem einen der wichtigsten Parts in diesem komplexen Konstrukt namens Dimmu Borgir aus. Mittlerweile hat sich meine Trauer gelegt, denn Dimmu Borgir haben trotz allem eine gute Scheibe abgeliefert und obendrein beschert uns Simen mit seinem ersten Soloalbum einen ungeahnten Ohrgasmus. Ich glaube nicht, dass es irgendjemanden gibt, der so eine Stimme wie ICS Vortex hat. Das war mir schon klar, bevor es diese Soloscheibe gab. Sie macht jedoch das unglaubliche Potenzial dieses Musikers noch eine ganze Ecke deutlicher. Sein glasklares Organ, gepaart mit progressivem, atmosphärischen Pagan-Folk-irgendwas-Metal, das ist ein akustisches Supermenü, von dem ich gerne einen dicken Nachschlag hätte.

9. Urfaust - Ein leeres Zauberspiel

Schummelalarm, aber ich konnte nicht anders: Urfausts "Der freiwillige Bettler" kam eigentlich schon im November 2010 heraus. Da die Promophase für dieses Album aber irgendwie etwas versetzt lief, erhielten wir die Platte erst 2011. Und ich kann einfach nicht verantworten, dass dieser Song und diese Band hier nicht auftauchen, denn Urfaust machen die vielleicht ungewöhnlichste Musik, die ich kenne. Irgendwie ist das Black Metal. Aber mit dem seltsamsten Gesang, den man sich vorstellen kann. Dieser Track gehört zu den direktesten, die man in der Urfaust-Diskographie finden wird. Oft lebt sich die Band auch in Doom-Metal-beeinflussten Atmosphärik-Orgien aus. Mir gefallen diese Frontalattacken jedoch nach wie vor am besten. "Ein leeres Zauberspiel" sagt in dreieinhalb Minuten alles, was man sagen kann. Ohne dass man auch nur ein einziges Wort versteht. Große Kunst!

8. Steel Panther - Tomorrow Night

Auf Platz 8 eine Band, die weit weniger komplex, dafür umso kultiger ist: Steel Panther starteten als Glam-Metal-Parodie. Und vielleicht sind sie das immer noch. Im Gegensatz zu allen anderen musikalischen Parodien, die man im Heavy Metal so kennt, haben die vier Jungs aus Los Angeles (woher auch sonst?) es jedoch geschafft, Musik zu schreiben, die es mühelos mit jeder Achtziger-Poser-Metal-Kapelle aufnehmen kann. Jeder Song ein Ohrwurm, geile Solos eines unglaublich guten Gitarristen und dazu das bekloppte, mit einem leichten ironischen Zwinkern vorgelebte Rockstar-Dasein - natürlich auch mit jeder Menge Schminke, Haarspray, Lippenstift und Glitzerklamotten. Glam Metal kann so schön sein. "Tomorrow Night" ist die Partyhymne des neuen Albums "Balls Out". Ich garantiere: Jeder kann diesen Song beim zweiten Mal mitsingen.

7. Nightwish - Storytime

Niemals, ich betone, NIEMALS hätte ich Anfang des Jahres geglaubt, dass am Ende Nightwish überhaupt in meiner Top 50 landen werden. Im Gegenteil: Ich hätte jede Wette angenommen, dass ich dieses Album hassen werde. Und hier sitze ich nun, ein Jahr später, und bin geläutert: Ich mochte Nightwish wenn überhaupt nur mit Tarja Turunen. Die neue Sängerin hat mich auf dem Wacken Open Air sogar mal so sehr gelangweilt, dass ich auf dem matschigen Festivalboden eingepennt bin. Als ich das erste Mal "Storytime", die erste Single des neuen Albums "Imaginaerum" hörte, war es sofort um mich geschehen. Ich habe im ersten Moment meinen Ohren gar nicht geglaubt. Das ist wieder genau die Nightwish-Atmosphäre, die ich ein Jahrzehnt früher faszinierend fand. Nur mit neuer Sängerin, die auf einmal toll in den Sound passt. Auf dem Album, das mittlerweile mit Gold ausgezeichnet wurde, ist bei weitem nicht jeder Song ein Hit, aber "Storytime" gehört unantastbar zu den besten Songs, die dieses Jahr hervorgebracht hat. Und das schockiert mich selbst ein bisschen.

6. Status Quo - Frozen Hero

Status Quo beweisen neben Uriah Heep (und sogar noch etwas besser), dass man für Rock'n'Roll nie zu alt ist. Francis Rossi hat die 60 mittlerweile hinter sich gelassen und doch kann ich einfach nicht fassen, wie frisch diese Platte wirkt. Ich liebe diesen typischen Status-Quo-Groove. Diese etwas zahnlosen Gitarren, dieser tanzbare Rhythmus, diese tollen Refrains - ich liebe diese Band, ich liebe ihr neues Album "Quid Pro Quo" und ich liebe vor allem diesen unfassbar coolen, groovigen Rock'n'Roll-Song. Macht bitte lange weiter, ihr Rockgötter!

5. Primordial - Bloodied Yet Unbowed

Alan "Nemtheanga" Averill hat eigentlich keine Konkurrenz, wenn er auf der Bühne steht. Der Sänger der irischen Pagan-Metaller Primordial gehört in meinen Augen zu den besten Frontern, die es jemals im Heavy Metal gab. Seine theatralischen Auftritte, die gesamte Gestik, jeder einzelne Blick löst bei mir immer wieder eine Gänsehaut aus - von seinem genialen, einfach nicht kopierbaren Organ einmal ganz abgesehen. Seit ihrem Album "The Gathering Wilderness" (2005) thronen Primordial weit, weit über der gesamten restlichen Folk-irgendwas-Szene, die mir in weiten Teilen mit ihrem Phrasengedresche, ihrer Oberflächlichkeit und ihren Thorshämmern nur auf die Nerven geht. Primordial haben sich lange abgesetzt. Warum Namedropping aus der Edda betreiben, wenn man ganz geschickt einen Bogen zur heutigen Politik und den vielen Problemen in Irland spannen kann? Primordial, und allen voran ihr unersetzbarer Fronter, leben im Hier und Jetzt und sind zudem mit einem musikalischen Talent gesegnet, dass es mir immer wieder aufs Neue die Sprache verschlägt. "Bloodied Yet Unbowed" ist so ein Track. Emotionaler, verstörender, epischer kann ein Song kaum sein.

4. Shining - Tillsammans Är Vi Allt

Ach, der will doch nur spielen: Niklas Kvarforth fällt oft nur wegen seiner seltsamen Aussagen, der unvorhersehbaren Bühnenshow und seinem exzentrischen, sich gerne in Szene setzenden Charakters auf. Ich schmunzle darüber und nehme diesen Typen eigentlich nie wirklich für voll. Niklas weiß, wie er sich zu inszenieren hat. Provokation bedeutet Publicity. Publicity bedeutet gute Verkaufszahlen und gute Verkaufszahlen bedeuten lecker Rotwein für diesen Verrückten. Schade ist nur, dass bei all dem Trubel um das Drumherum ständig vergessen wird, was für ein fantastischer Musiker Kvarforth ist. "Tillsammans Är Vi Allt" ruft das mal wieder ins Gedächtnis. Der Song ist eine Mischung aus derbem, aber nie dreckigen Black Metal und Pop-Nummer. Ja, richtig gehört. Und genau dieser Kontrast macht diese neuneinhalb Minuten so unwiderstehlich. Verstärkt wird das durch den Einsatz des schwedischen Popsängers Håkan Hemlin, der gemeinsam mit Kvarforth für Gänsehautstimmung sorgt. Ohne Skandal ging übrigens auch dieser Song nicht: Der Titel bedeutet zu deutsch so viel wie: Nur zusammen sind wir ein Ganzes und wurde Håkan Hemlin, der jahrelang massive Drogenprobleme hatte, als Liebessong beschrieben. Was er nicht ahnte: Der Song war keineswegs Kvarforths Liebeserklärung an eine Frau, sondern an Heroin. Die Medien stürzten sich auf diesen "Skandal" und Kvarforth hatte wieder einmal gut lachen.

3. Sólstafir - Fjara

Sólstafir duellieren sich mit Urfaust um den Titel "Ungewöhnlichste Musik". Doch während Urfausts Musik irgendwie immer sehr abstrus, weltfremd, verworren und okkult wirkt, setzen Sólstafir alles auf Melancholie und landen damit prompt einen Volltreffer. Ich kann das Gefühl, das "Fjara" in mir auslöst, einfach nicht so richtig in Worte fassen. Der Song gehört zu den schönsten und traurigsten Songs, die ich jemals gehört habe. Jede Sekunde ist Emotion pur. Sólstafir haben für mich kein Genre. Streng genommen ist das irgendwas mit Folk-Einflüssen, aber so weit entfernt von allem und zudem so eigenständig und skurril, dass ich diese dauerbesoffenen Isländer beleidigen würde, wenn ich sie einfach in irgendeine Schublade packen würde. Ich möchte eigentlich auch gar nicht mehr zu dem Song sagen. Der ist nicht zu beschreiben. Tut mir einen Gefallen, klickt auf den Link, setzt den Kopfhörer auf und schließt die Augen. Der Rest ist Magie.

2. The Devil's Blood - The Thousandfold Epicentre

Für mich ist es komisch, diesen Song losgelöst vom gleichnamigen Album zu hören. Auch wenn die Platte erst im November herauskam, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich kein Album im vergangenen Jahr öfter gehört habe als The Devil's Bloods "The Thousandfold Epicentre". Zwei Monate lang lief die Scheibe jeden Tag mindestens zweimal komplett durch und bescherte mir eine Gänsehaut nach der nächsten. Diese Band kann man einfach nicht überbewerten. Schon der Vorgänger gehörte zu den besten Alben der vergangenen 20 Jahre, die neue Scheibe hält dieses Level locker. Jeder Song (mit Ausnahme des schwurbeligen Outros) hat seine eigene Atmosphäre, nimmt einen mit auf eine seltsame Reise. Ich weiß, dass der Typ, der hinter dieser Band steckt, nicht immer alle Latten am Zaun zu haben scheint, aber musikalisch ist Selim Lemouchi nichts anderes als eines der größten musikalischen Genies der Gegenwart. Das sage ich bei vollem Bewusstsein und ohne den Wunsch einen Hype zu füttern, der zumindest in meinem Kopf nicht wirklich existiert, den aber etliche andere wahrzunehmen scheinen. Das neue Album der Niederländer braucht etwas Zeit, deswegen war ich zuerst auch vorsichtig mit meiner Wertung im Metal Mirror. Nach nunmehr drei Monaten, in denen ich die Scheibe fast täglich auflege, ärgere ich mich eigentlich nur noch, dass die Notenskala bei 10 endet.

1. Rival Sons - Pressure And Time

Was kann danach noch folgen? Nun, nur einer der besten Rocksongs aller Zeiten. Ich habe mich schon selbst mehrfach geohrfeigt (ja, wortwörtlich), weil ich die Genialität des gleichnamigen Albums nicht sofort erkannte. Wäre ich bei Sinnen gewesen, hätte ich sofort die Höchstnote zücken müssen. Die Rival Sons sind das, was der Rockmusik solange zu fehlen schien. Und zwar in der reinsten Form, die man sich nur vorstellen kann: Eine Band von vier Musikbegeisterten, allesamt Blues-Rock-Fans, die sich - ohne wirklich Songs geschrieben zu haben - einfach in ein Studio stellen, vor Ort jammen und keine zwei Wochen später mit einem der besten Alben der vergangenen zehn Jahre herauskommen. Die Titelnummer "Pressure And Time" würde sogar die frühen Led Zeppelin neidisch machen: Catchy, voller Groove und mit dem geilsten Gesang, den ich in diesem Genre seit einer Ewigkeit gehört habe. Als ich die Band vor wenigen Monaten live im kleinen Kölner Underground sah, konnte ich meinen Augen nicht trauen. Das ist es! Ganz genau das ist es! Man hat auf einmal das Gefühl, dass es sie wieder gibt, diese Momente, in denen etwas in der Musik geschieht, was wirklich bedeutsam scheint. Die Rocker der vergangenen Generationen erzählen, dass sie uns bemitleiden, weil wir damals nicht die Rockgötter in all ihrer jugendlichen Frische gesehen haben. Und wir stimmen ihnen zu. Es bleibt der schale Nachgeschmack, dieses ungute Gefühl im Hinterkopf. Und wir haben Angst, dass es sie nicht mehr gibt, die Momente, die die Musik bereichern. Momente, an die man sich noch rührselig in Jahrzehnten erinnern wird. Die wirklich etwas bedeutet haben. Und ich habe begriffen: Es gibt sie noch, diese Momente. Doch genau wie damals muss man gewillt sein, sie zu finden. Ich habe einen solchen Moment gefunden: Und der Moment hört auf den Namen Rival Sons, die nichts anderes als die Spitze, den Olymp des Rock'n'Rolls verdient haben. Die Siebziger hatten Led Zeppelin. Wir, meine Freunde, wir haben die Rival Sons und grandiose Songs wie "Pressure And Time".

24Nov/110

Harald vs. Lemmy – Wenn Langeweile auf Routine trifft

Motörhead bei Harald Schmidt (Copyright: Sat. 1)

Von links nach rechts: Phil Campbell, Mikkey Dee, Lemmy Kilmister und Harald Schmidt (Copyright: Sat. 1)

Ich werde jetzt einmal mit einem Tabu der Metal- und Rock-Szene brechen. Ich werde schlecht über Lemmy sprechen, den Gottvater des Heavy Metals. Das unerschütterliche Frontmonster, das uns die Illusion vorlebt, dass es ewig so weitergehen wird. Dass man hundert werden kann, auch wenn man täglich Whiskey wie Wasser kippt. Mit seinem Lebensstil ist der Motörhead-Fronter das Sinnbild des Heavy Metals. Und entsprechend scheint es in diesen Kreisen verboten zu sein, den Mann mit der Warze und den Cowboy-Stiefeln zu kritisieren. Dabei gäbe es manchmal durchaus Gründe dafür, wie mir vorgestern wieder deutlich wurde.

Die Wahrheit ist: Lemmy ist gelangweilt. Seit Jahren befindet er sich mit Motörhead in der gleichen Album-Tour-Album-Tour-Routine. Selbst die Jahreszeit, in der er hier JEDES Jahr spielt, ist die gleiche. Von Ende November bis Anfang Dezember sind Motörhead in Deutschland unterwegs. Basta! Da kann man quasi die Uhr nach stellen. Ist ja auch soweit noch legitim. Die Musik macht noch immer Bock. Die Setlist variiert regelmäßig, wenn man mal von dem obligatorischen Ace-Of-Spades-Overkill-Finale absieht. Ich glaube, dass diese Momente die einzigen sind, in denen Lemmy es noch schafft, aus der selbst aufgebürdeten Routine auszubrechen.

All der andere Zirkus scheint ihm zuwider zu sein. Oder zumindest ist er bis in die letzte Körperzelle von der Medienlandschaft gelangweilt. Er tummelte sich mehrfach bei Raabs Events, hat unzählige Male mit jedem bedeutenden Rock-Journalisten der Welt geplaudert und selbst bei Harald Schmidt war er jetzt zum dritten Mal mit seiner Band zu Gast. Wer möchte dem Ü60-Jährigen da schon vorwerfen, dass er nicht vor Enthusiasmus zu platzen scheint, als er abermals von Dirty Harry ins Studio gerufen wird?

Das Problem ist nur: Lemmy muss man in dieser Verfassung aus der Reserve locken. Irgendeine abgedrehte Aktion abziehen. Vielleicht irgendwas mit Whiskey. Irgendetwas, was einen selbst zuhause so ein bisschen mitreißt. Ein provokanter Akt, der die Hausfrauen vor den Geräten herausfordert, sie piekst und unvermittelt mit der dreckigen Welt des Rock'n'Rolls konfrontiert. Ich glaube, Lemmy wäre für jeden Scheiß in dieser Richtung zu haben. Das wäre endlich mal etwas Neues. Aber dafür braucht es eben einen Moderator, der jung, frisch, zumindest aber voller revolutionärer Ideen ist. Quasi Harald Schmidt vor einem Jahrzehnt. Aber das ist Geschichte. Denn der Anzugträger, der Lemmy da nach einer gefühlten Ewigkeit und vielen schlechten Gags ins Studio bittet, ist noch viel, viel, viel mehr von all dem Trubel gelangweilt als Lemmy selbst. Wie soll in dieser Situation, wenn gelangweilter Medienprofi auf einen vom Medienzirkus gelangweilten Rockstar trifft, ein aufregendes Gespräch entstehen?

Und so kommt es wie es kommen muss: Harald Schmidt erwähnt ein paar Mal das noch immer aktuelle Album "The Wörld Is Yours" (2010), zeigt auch brav das Cover in die Kamera. Ansonsten gibt es Tour-Smalltalk. Helmut Zerlett darf mit Langhaar-Perücke nach vorne kommen und als selbsternannter Weinexperte den Motörhead-Wein analysieren (Urteil: "Nice."), bevor alle fünf Gesprächspartner die Gläser erheben.

Die einzige Prise Rock'n'Roll streut dann schließlich doch Lemmy bei, der einem weiblichen Fan aus Köln das Dekolleté signiert (daraus soll später ein Tattoo werden) und trocken über Prince urteilt, dass dieser zwar ein guter Musiker ist, aber meist keine gute Musik macht. Ansonsten gibt es inhaltsleeres Blabla, den ein oder anderen Stangenwaren-Gag von Schmidt und dann irgendwann endlich Musik ("I Know How To Die"), die eben das vermag, was das viertelstündige Geplänkel vorher nicht schaffte: Der Sat1-Zuschauer daheim erlebt eine direkte Konfrontation mit der Welt des Rock'n'Rolls.

Hat ja lange genug gedauert.

 

Hinweis: Die gesamte Sendung kann man hier im Videocenter von Sat. 1 nachschauen.

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