Making Of: METAL MIRROR #59
Die neue Ausgabe von METAL MIRROR ist erschienen. Und das heißt: Es ist erneut Zeit für einen Werbeblock. Hier alles zur Entstehung der aktuellen Ausgabe.
Ist es nicht wundervoll, dieses Titelbild? Selten passte ein Cover so gut zur zugehörigen Story wie dieses Mal. Das Titelbild ist simpel, ja fast schon stumpf. Kein Schnickschnack. Nichts beschönigt. Roh und einfach, ganz genau so wie Venoms Musik. Lustigerweise war die Idee zu diesem Titelbild eher aus der Not geboren. Venom haben mit die schlechtesten Promofotos, die ich seit einer langen Zeit gesehen habe. Als ich die Bilder das erste Mal sah, verzog es mein Gesicht vor Schreck. Daraufhin schrieb ich Venoms Management, ob es da nicht noch bessere Bilder geben würde. Man antwortete mir mit zwei weiteren Fotos, die ebenfalls von eher bescheidener Qualität waren. Und damit meine ich nicht mal das Motiv, das in der Gestalt von Cronos zugebenermaßen nicht das Attraktivste sein mag. Egal. Da das "Welcome To Hell"-Album einen ganz entscheidenden Part in unserem Special einnahm, kam ich schließlich auf die Idee, doch einfach das Cover des Albums als Titelbild zu nehmen. Die Idee zündete sofort, Benne und David, denen ich beiden einen Entwurf schickte, waren begeistert. Das reichte als Bestätigung.
Ansonsten startet die Ausgabe mit etwas, was die Jugend heutzutage einen Diss nennt. Opfer der Mobbing-Attacke sind Brutal Truth, deren Album in diesem Monat (und wenn man die Durchschnittspunktzahl betrachtet: auch in diesem Jahr) unsere großen Kreuzfeuer-Verlierer sind. Meine Güte, was ist das doch für ein scheußliches Album. Das muss man an dieser Stelle tatsächlich mal in aller Offenheit sagen. Uninspirierter, unnötiger, charakterloser Krach. Ein ganzes Album lang. Und diese Orgie endet in einem 15-minütigen Track, der eigentlich nur aus Störgeräuschen besteht. Aufmerksam wurde ich auf den Song zuerst, als Miri mir eines Abends eine E-Mail schrieb, in der nur stand: "Ich muss dich jetzt in aller Deutlichkeit fragen, ob Brutal Truth den Track Control Room ernst meinen...." Ich wusste darauf nach dem ersten Reinhören selbst keine Antwort. Ist das akustische Kunst, die ich vielleicht nur nicht verstehe? Zumindest wäre ich dann in guter Gesellschaft, denn in unserer Kreuzfeuer-Belegschaft stieß die Platte fast ausschließlich auf ziemliche Ablehnung. Nur Elvis gab sechs Gnadenpunkte. Wofür genau, kann ich mir selbst nicht erklären. Aber Geschmäcker sind ja verschieden. Jedenfalls habe ich etwas gelernt: Man kann mit dem letzten Track der CD hervorragend Wetten gewinnen. Jenny ist die Erste, die mir wegen des Songs ein Bier schuldet. Weitere werden folgen.
Doch kommen wir zum Prachtstück der Ausgabe: Fünf Doppelseiten Venom! Das ist ein Fest für jeden Old-School-Metaller. Und wie alleine das Feedback binnen der ersten zwei Tage mir gezeigt hat: Die Arbeit für dieses Special hat sich gelohnt. Wir haben kürzlich in einer Redaktionskonferenz beschlossen, dass wir zukünftig noch verstärkter darauf achten wollen, dass die Titelstorys sich von den restlichen Interviews abheben. Während des vergangenen Jahres waren da mit Sicherheit etliche coole Storys und auch spannende Interviews dabei, aber manch ein Interview unterschied sich von den weiteren Geschichten nur dadurch, dass es eben auch auf dem Titelbild der Ausgabe gefeatured wurde. Das Venom-Special soll da noch einmal deutlich machen, wie eine wirklich coole Titelstory aufbereitet werden sollte.
Ich war selbst davon überrascht, dass der Venom-Phoner so reibungslos über die Bühne ging. Der Termin musste nicht mehrfach verschoben werden, Musiker und Label hielten Zeitpläne ein und obendrein war Cronos sogar noch sehr redselig. Fast schon zu sehr. Bereits im Vorfeld warnten mich Promoagentur und Label, dass Cronos gerne ohne Punkt und Komma redet und man deswegen Probleme bekomme, mit seinem Fragenkatalog durchzukommen. Und ja, auf meinem Diktiergerät standen bereits mehr als 7 Minuten, als Cronos meine zweite Frage beantwortet hatte. Also etwas das Tempo anziehen. Manchmal muss man einem Musiker auch mal ins Wort fallen - selbst wenn es eine Legende wie Cronos ist.
Was ich an dem Briten mit dem höchsten Haaransatz der Welt besonders schätze, ist seine Offenheit. Cronos ist tatsächlich noch immer der Punk, den er in der Eingangsfrage beschreibt: Klappe aufreißen, die eigene Meinung sagen. Ich finde das sehr erfrischend. Vielleicht sind Venom auch nur deswegen so weit gekommen und beeinflussten so viele Musiker. Einige Beispiele finden sich dafür ja nur eine Seite weiter. Die Rekrutierung geeigneter Musiker gestaltete sich als recht einfach. Fast jeder Old-School-Metaller führt die Band als einen wichtigen Einfluss an, man brauchte dort nur ein bisschen seine Fühler ausstrecken. Hail Of Bullets, Desaster und Gorgoroth waren die ersten, die sich umgehend zurückmeldeten und ihre Antworten rausschickten, die nachher in kompaktere Statements zusammengefasst wurden. Als vorerst letzter Kandidat erhielt ich dann noch die Antworten von Toxic Holocausts Joel Grind, der sich überglücklich zeigte und sich mehrfach per E-Mail dafür bedankte, dass ich ihn dafür gefragt hatte. Ist doch Ehrensache, Joel. Dennoch: Noch fehlte da was. Da waren sich Elvis und ich während einiger ICQ-Dialoge ziemlich sicher: Wir brauchten Onkel Tom von Sodom. Kaum ein anderer Musiker führt Venom so offenherzig als seinen Haupteinfluss an wie er. Einziges Problem: Auf meine private E-Mail antwortete er nicht, vom Label hörte ich vorerst auch nichts, es sah nicht gut aus. Also wurde das Special, das mittlerweile fertig geschrieben war, komplett ins Layout gepackt. Und wie es der Zufall so will, war die Seite gerade fertig, als plötzlich doch noch eine E-Mail von Tom ins Postfach flatterte. Also die Seite nochmal neu gebastelt. Tom Angelripper ist's wert.
Für mich war das Special übrigens ein super Anlass, um mich nochmal durch die Venom-Frühwerke zu hören. Mein Venom-Lieblingssong ist übrigens noch immer "Black Metal", dicht gefolgt von "One Thousand Days In Sodom".
Okay, genug über Venom schwadroniert. Damit wir auch die Leser begeistert dabei halten, die nichts mit Venom anfangen können (ich hoffe ja ehrlich gesagt, dass es solche Leser nicht gibt...), wollten wir einen direkten Kontrast danach schaffen. The Devil's Blood oder gar Krisiun dahinter zu packen, wäre doch arg eintönig gewesen. Also mal ganz bewusst die Pop-New-Gothic-irgendwas-Chart-Rocker Evanescence an der Stelle platziert. Ich hoffe nur, dass nicht allzu viele Venom-Special-Leser das Dokument reflexartig geschlossen haben. Ich will ehrlich sein: Ich mag Evanescence nicht. Ich kann verstehen, warum "Bring Me To Life" ein so großer Hit wurde. Der Song ist eben total eingängig. Aber Begeisterung löst diese Form von Musik nicht in mir aus. Mir war es dennoch wichtig, die Band mit in die Ausgabe zu packen. Die Musikszene, in der wir uns bewegen ist vielseitig. Manch einer mag bei Evanescence vielleicht einen klaren Schnitt ziehen, in meinen Augen wäre das aber nicht angebracht. Natürlich spielt die Band keinen klassischen Metal, aber die Einflüsse sind vorhanden. Außerdem ärgere ich gerne konservative Metaller. Lustigerweise hat sich bisher noch niemand beschwert. Sind vielleicht doch alles "Bring Me To Life"-Fans...
Eine sehr viel größere Ehre als Amy Lee im Magazin zu haben, war jedoch das Interview mit Fast Eddie Clarke. Motörhead sind zu wesentlichen Teilen mit dafür verantwortlich, dass ich heute die Musik höre, die ich höre. Und vor allem die Alben mit Fast Eddie zählen noch heute zu meinen Favoriten in der Motörhead-Diskographie. Umso cooler war es, dass das Interview mit dem mittlerweile Ü60-Gitarristen klappte. Die Telefonleitung machte zwar (typisch für Gespräche nach Spanien oder Portugal, habe ich neulich herausgefunden) immer wieder Zicken, aber ich und Fast Eddie hielten durch und gingen gemeinsam noch unseren Nachgefragt-Fragebogen durch. Der wird in der kommenden Ausgabe veröffentlicht. Ihr dürft gespannt sein!
Und von Popstars und alternden Rockstars zu der vielleicht aufstrebendsten Psychedelic-Rock-Band der vergangenen Jahre. The Devil's Blood können in meinen Augen gar nicht überbewertet werden. Die Musik, die Selim kreiert ist absolut einmalig. Seine Aussagen hingegen oft seltsam. Aber letztlich macht das ein Interview umso besser. Nichts ist langweiliger, als wenn Interviewer und Interviewter durchweg einer Meinung sind und sich gegenseitig die Eier schaukeln. Mit Selim kann man hingegen gut diskutieren und - was noch viel wichtiger ist - in seiner Meinung angreifen, ohne dass er es gleich persönlich nimmt und auflegt. Vermutlich sind ihm Interviewer viel zu unwichtig, als dass sie irgendeinen Einfluss auf ihn haben können.
Eine lockere Interviewsituation herbeizuzaubern, das ist auch D:A:Ds Jesper gelungen. Wie oft hat man schon einen Musiker zum Interview an der Leitung, der parallel seine Joggingrunden dreht? Meine kurioseste Interviewsituation war ein Phoner, bei dem mein Gesprächspartner in der Badewanne lag und gemütlich vor sich hinplanschte. Aber das ist eine Geschichte, die ich ein anderes Mal erzählen werde.
Anschließend bietet unsere Ausgabe noch viel Futter für die Fans extremerer oder düsterer Klänge. Krisiun, Isole und Hypocrisy sind dabei. Zuerst hatte ich mit Hypocrisy als Titelstory geplant. Dann wurde dieser Plan jedoch von Venom verdrängt. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Eines Tages landen Hypocrisy mit einem großen Special auf dem Cover, versprochen! Ansonsten möchte ich vor allem auf The Konsortium hinweisen. Wie alle unsere Debütastisch!-Teilnehmer haben auch diese Jungs ein saugeiles Debüt herausgebracht. Wenn David schon mal neun Punkte gibt...
Und damit sind wir bereits beim Kreuzfeuer angelangt. Zwei Dinge sind auffällig:
1. Brutal Truth holen sich, wie bereits erwähnt, einen vernichten Durchschnittswert ab. Und noch während ich diese Zeilen tippe, frage ich mich schon wieder, was die Jungs mit dieser Scheibe bezwecken wollten und wie man dafür sechs Punkte geben kann.
2. Ich habe das erste Mal seit weit über vier Jahren wieder die Höchstnote gegeben. Das letzte Mal war, wenn ich mich recht entsinne, am Anfang des Jahres 2007 und die Lorbeeren gingen an Abbath' Nebenprojekt I, das ich bis heute vergöttere. Ich will keineswegs sagen, dass es seitdem keine Alben gab, die nicht ebenfalls die vollen 10 Punkte verdient hätten, aber manchmal braucht eine CD noch etwas zum Reifen. Innerhalb eines Monats kann man so einer Platte ja nur eine bestimmte Anzahl an Durchläufen gönnen. Bei manchen bereits für sehr gut befundenen Alben, kristallisiert sich nach ein paar Monaten jedoch noch heraus, dass man es hier mit einem echten Meilenstein zu tun hat. Drei Alben, die mir sofort einfallen und eigentlich auch die Höchstnote verdient hätten: 1. Ghost - Opus Eponymous 2. The Devil's Blood - The Time Of No Time Evermore 3. Steel Panther - Feel The Steel.
Diesmal zücke ich die Höchstnote von Anfang an. Sonst ärgere ich mich hinterher wieder. Und verdient hat die Scheibe das zweifellos. Die Musik von The Devil's Blood ist so raffiniert, dass sie bei jedem weiteren Durchgang wächst und weitere Aspekte von sich offenbart. Ich habe in den vergangenen Wochen wirklich so gut wie täglich mehrere Runden lang "The Thousandfold Epicentre" laufen lassen. Teilweise lief die Platte sogar nachts, während ich bereits im Bett lag und schlief. An Faszination hat sie nicht eingebüßt. Ganz im Gegenteil! Und deswegen: Volle Punktzahl und das würdigste Killer-Album seit langem.
Ansonsten ist an der Review-Sektion nicht viel auffällig. Mich persönlich hat gewundert, dass Venom es so weit nach oben geschafft haben, gelten meine Kolleginnen Jenny und Miri doch sonst als gnadenlose Totschlägerinnen jedweder Rumpelmucke. Ansonsten ist die Review-Sektion wie immer: es gibt gute und es gibt schlechte Kritiken. Über die guten freuen sich Bands und Plattenfirmen, für die schlechten ernten wir die ein oder andere böse E-Mail - anonym versteht sich. Das gehört irgendwie dazu.
Machen wir also einen Sprung an das Ende der Ausgabe und begrüßen unsere neue Rubrik: die Tweetshow. Ich hatte schon lange die Überlegung, irgendeinen Rausschmeißer zu entwickeln. Leichte Unterhaltung sollte es sein. Dafür sind Live-Berichte nur bedingt geeignet. Irgendwann kam mir die Tweetshow-Idee. Die Umsetzung geschah dann überaus spontan wenige Tage vor Ausgabenschluss. Ich bin dennoch sehr zufrieden, wie sich die erste Ausgabe der Tweetshow präsentiert. Ich hoffe mal, dass wir da zukünftig jeden Monat spannende Twitter-Themen finden und dass ein paar mehr deutsche Metal-Musiker Zeit in ihren Twitter-Account investieren werden. Bisher scheint das ein überwiegend amerikanisches Phänomen zu sein. Für die kommende Ausgabe haben wir die Seite übrigens schon entworfen. Ihr dürft gespannt sein, welches Thema wir uns ausgeguckt haben. Das erfahrt ihr Ende November.
Ich geh dann mal weiter The Devil's Blood hören...
Making Of: METAL MIRROR #58
Werbeblock: Vorgestern ist mit einwöchiger Verspätung die neue Ausgabe von METAL MIRROR erschienen. Nachfolgend ein Blick hinter die Kulissen.
Iced Earth sind die vierte Band, die es zum zweiten Mal auf den Titel einer Ausgabe von METAL MIRROR geschafft hat. Vor ihnen haben das nur Moonsorrow (#1, #17), Gorgoroth (#12; #25) und Destruction (#4, #33) geschafft. Das erste Mal waren Iced Earth im Sommer 2008 (Ausgabe #20) auf unserem Cover. Und auch damals war es Jenny Bombeck, die sich mit Feuereifer ins Interview-Gefecht stürzte und mit Charakterkopf Jon Schaffer telefonierte. Der große Unterschied: Damals sah man Matt Barlow auf dem Cover der neuen Ausgabe. Diesmal Bandchef Jon Schaffer, allerdings schon fast in den Hintergrund gedrängt von einem Typen, der einem im ersten Moment so gar nichts sagen will und eher mit leicht fettig wirkenden Haaren als mit charismatischer Ausstrahlung glänzt. Darf ich vorstellen? Dieser Typ ist Stu Block, neuer Sänger von Iced Earth und Nachfolger des einzigartigen Matt Barlow. Die große Überraschung, wie sich spätestens im Kreuzfeuer auf Seite 42 zeigt: Diesmal klappt das scheinbar. Das mag vor allem daran liegen, dass die Band diesmal keinen harten Schnitt vollzieht, wie es bei dem Wechsel Barlow-Ripper der Fall war. Stu singt absolut fantastisch, beweist eigenen Charakter und klingt dennoch nicht so viel anders als Barlow. Uns erschien das Vorstellen des neuen Sängers eine würdige Titelstory zu sein. Erst recht, wenn man bedenkt, dass unsere Power-Metal-Fraktion, allen voran unsere Metal-Damen Miriam Görge und Jenny Bombeck, hin und weg von "Dystopia" sind.
Ganz und gar nicht gefiel Miri hingegen die neue Absu-Platte. Bereits zum vierten Mal in Folge gipfelte eine unserer nächtlichen ICQ-Diskussionen über das Für und Wider von lahmen Bands wie Brainstorm (sorry, Jungs!) im Gegensatz zu Knallerbands wie Absu in einem ihrer berüchtigten O-Töne. Vielleicht sollten wir die Kategorie in "Quatsch mit Miri" umbenennen?
David versuchte im Vorfeld übrigens wieder einmal die Notengebung zu beeinflussen und drohte all jenen Gewalt an, die Absu eine schlechte Note verpassen würden. Unsere beiden Kreuzfeuer-Damen zeigten sich davon jedoch unbeeindruckt. Da muss David wohl noch mehr pumpen gehen.
Schade ist derweil, dass das geplante Absu-Interview von David mit Absus Proscriptor noch nicht zustande kam. Wir hoffen, das in der nächsten Ausgabe nachliefern zu können. Gleiches gilt für Opeth und Machine Head, bei denen wir ebenfalls noch dran sind, uns Interviewtermine zu organisieren.
Allerdings mindert das nicht die Qualität der neuen Ausgabe, die keinesfalls so übermäßig Power-Metal-lastig ausfällt, wie man es zu Beginn vielleicht denken könnte. Wir starten zwar mit besagter Iced-Earth-Titeltory und den schwäbischen (Nicht-)Cover-Girls, gemeint sind Brainstorm, wären aber nicht der METAL MIRROR, wenn wir nicht noch eine ganze Menge Interviews und Artikel anderer Richtungen dabei hätten. Mehr denn je sogar, möchte ich fast sagen. Es ist schon fast ironisch, dass wir in einem Monat, in dem die Ausgabe wegen Stress und Zeitmangel um eine Woche verschoben werden musste, eine der abwechslungsreichsten Ausgaben der vergangenen Monate zusammengeschustert bekommen haben. Wir sind wieder einmal unserer Maxime treu geblieben: Wir wollen für die ungewöhnlichen Geschichten im Metal-Journalismus sorgen. Neben Bands und deren Alben sowie Line-Up-Wechseln gibt es deswegen diesmal sowohl Comedy als auch Wissenschaft. Ja, richtig gehört: Comedy und Wissenschaft. Und trotzdem ist's Heavy Metal!

Cover des Bandes "Metal Matters"
Zum einen wurde mir vor anderthalb Monaten der "Metal Matters"-Band zugeschickt. Der Band ist als Konsequenz einer im vergangenen Jahr stattgefundenen Tagung in Braunschweig entstanden. Dort wurde Heavy Metal hinsichtlich verschiedenster wissenschaftlicher Aspekte untersucht. Bereits damals veröffentlichten wir ein Interview mit Dr. Rolf Nohr, dem Initiator der Tagung. Dass wir da auch einen Artikel über den Tagungsband veröffentlichen würden, war Ehrensache. Wissenschaft liegt mir ja. Immerhin ist sie der Grund, warum die Ausgabe sich eine Woche verzögerte. Lustigerweise sollte ich vergangenes Jahr zuerst selbst ein Paper für die Tagung einreichen. Eine meiner Professorinnen empfahl mich damals einem anderen Professor, wir überlegten uns ein cooles Thema, aber letztlich kamen mir terminliche Schwierigkeiten dazwischen. Immerhin hat es dazu gereicht, dass der METAL MIRROR im Literaturverzeichnis eines Beitrags erscheint, in dem es unter anderem um die Selbstdarstellung von Black-Metallern geht. Konkret wird sich dabei auf ein Interview berufen, das wir in Ausgabe #38 mit Fenriz von Darkthrone geführt haben. Wen es interessiert: Der Beitrag trägt den Titel "Wir fordern das Unmögliche. Zur Formulierung und Funktion anti-moderner Topoi in einigen Metal-Subgenres" und wurde von Jan Leichsenring geschrieben. Danke fürs Lesen, Jan.
So viel zur Wissenschaft. Nun zur Comedy: Bülent Ceylan trat in diesem Jahr als erster Komiker, oder wie er es bezeichnet: professioneller Depp, auf dem Wacken Open Air auf. Nun, professionelle Deppen habe ich auf der Wacken-Bühne schon einige gesehen. Wirkliche Comedians jedoch noch nicht. Das schrie also förmlich nach einem Interview im METAL MIRROR. Und obwohl Bülent mittlerweile kleine Arenen füllt und zu den aufstrebendsten Comedians Deutschlands gehört, verlief die Kontaktaufnahme ziemlich unproblematisch. Ich rief bei seiner Agentin an, erwischte den Anrufbeantworter, quatschte drauf, die Agentin rief zurück, erwischte den Anrufbeantworter, quatschte drauf. Wir machten einen Termin aus, an dem ich Bülent anrufen sollte und schon war die Sache im Kasten. Im Vorfeld wurde mir noch per E-Mail mitgeteilt, ich solle bitte keine Fragen zu seinem Privatleben stellen.
Ich liebe diesen PR-Agenten-Schutzinstinkt, quasi den natürlichen Feind der Pressefreiheit. Normalerweise setze ich mich über solche Vorgaben nämlich gerne hinweg. Wenn jemand über ein Thema nicht reden möchte, kann er es ja schließlich auch selbst sagen, wenn ich nachfrage. Dafür braucht es keinen Wachhund, der unerwünschten Fragen schon vorher einen Riegel vorschiebt. In dem Fall war mir das aber egal. Denn Bülents Privatleben interessiert mich ohnehin nur bis zu seinem Musikgeschmack. Also unterhielten wir uns über Musik und das Wacken. War ganz nett. Auch für Bülent. Der war am Ende ganz euphorisiert, dass er als erster Comedian im METAL MIRROR vertreten sein würde und versprach mir gleich einen Batzen Freikarten für eine seiner Shows auf der kommenden Tour. Dabei ist Comedy im Stile von Ceylan und Co. eigentlich gar nicht so sehr mein Ding. Ich stehe eher auf die etwas sozialkritischeren Kabarettisten, wie Hagen Rether, Wilfried Schmickler und Dieter Nuhr. Oder eben auf Tsjuder, die ich eine Seite später interviewt habe. Zu denen brauche ich aber keine weiteren Worte verlieren. Das steht bereits alles hier.

Pressefoto von Tsjuder
Nach einem Monat Zwangspause haben wir außerdem beschlossen, unserer Artikelserie "Mein bestes Stück" eine weitere Chance zu geben. Die Idee ist schlichtweg zu gut, als dass man die Serie einfach sterben lassen sollte. Wir werden in Zukunft noch intensiver nach Kandidaten für diese Serie suchen. Wird schon. Skeptisch war ich jedoch durchaus, als Elvis mir per E-Mail mitteilte, dass er jemanden für die Serie hätte. Zugleich aber auch dankbar, denn zu dem Zeitpunkt befand ich mich auf dem Stress-Höhepunkt meiner Masterarbeit und war für jede weitere gefüllte Seite froh. Dennoch: Sollte man die Serie tatsächlich wiederbeleben, nachdem man sie erst im vergangenen Monat vorerst auf Eis gelegt hatte? Als ich allerdings die diesmalige Geschichte hörte, wichen alle Zweifel. Die Anekdote ist einfach zu cool, um sie nicht zu veröffentlichten.
Aufmerksame Leser der Artikelserie werden den Protagonisten des aktuellen Artikels wiedererkennen. Markus war auch der erste Kandidat der Serie. Damals erzählte er von einem der ersten Slayer-Konzert in Deutschland. Diese Story hat er diesmal getoppt. Zumindest in meinen Augen. Wer sonst besitzt bitte eine der nie veröffentlichten ersten Motörhead-Singles und hat diese obendrein von Lemmy signieren lassen? Wenn Markus noch mehr solcher Anekdoten auf Lager hat, sollten wir vielleicht darüber nachdenken, die Serie in "Markus Plauderkiste" (oder irgendwas Vergleichbares, was sich unser hauptberuflicher Werbetexter Elvis dann ausdenken dürfte) umzubenennen.
Elvis war es auch, der unserer zweiten Artikelserie den Titel "Debütastisch!" gab. Diesmal gibt es im Rahmen der Serie ein Interview mit den sehr coolen Skull Fist aus Kanada. Diese Serie mit Interviews zu befüllen, ist deswegen so schön, weil man meist mit Musikern spricht, die noch nicht so sonderlich viele Interviews geführt haben und deswegen umso motivierter und glücklicher über die Gelegenheit sind, dass sie sich mit jemandem über die eigene Musik unterhalten können und daraus später ein Artikel entsteht. So auch in diesem Fall. Jackie Slaughter unterhielt sich eine gefühlte Ewigkeit mit mir. Am Ende schaltete ich das Aufnahmegerät und den Telefonlautsprecher aus und setzte mich gemütlich auf meine Couch. Wir quatschten einfach nur so über Musik, Alkohol und den Anvil-Film. Sehr erfrischend. Und lesenswert obendrein. Findet übrigens auch Jackie selbst, der mir erst vor wenigen Stunden per E-Mail schrieb, dass er das absolut "rad!" finde und zum Glück schon ein "Chick" an der Angel hätte, die ihm den deutschen Text übersetzen könne.

Pressefoto von Skull Fist. Jackie Slaughter ist unten rechts im Bild.
Anfang 2012 wird die Band im Rahmen einer sehr coolen Tour wieder in Deutschland sein. Wir haben am Telefon bereits beschlossen, dass wir im METAL MIRROR dann eine coole Backstage-Story mit Skull Fist machen werden. Ich bin sehr gespannt, ob es dazu kommen wird. Könnte lustig sein. Pussys und Wodka, oder wie war das noch?

An Autumn For Crippled Children - Everything
Glaubt man unserem Kreuzfeuer, so kommt dieser Tage mehr gute Musik denn je heraus. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so viele 9-Punkte-Wertungen in einem Kreuzfeuer gesehen habe. Selbst bis hinab in die unteren Riegen wurde diesen Monat gerne mal eine Note nah am Höchstwert gezückt. Miri konnte es nicht fassen, dass außer ihr keiner der neuen Brainstorm-Platte 9 Punkte gegeben hat (und diese damit mit einem immer noch akzeptablen Schnitt auf dem letzten Platz landete) und schrieb eine pikierte "Wie scheiße seid ihr denn bitte alle?!"-Mail in die Kreuzfeuerrunde.
Dass An Autumn For Crippled Children das Kreuzfeuer gewonnen haben, hat mich jedenfalls positiv überrascht. Ich hatte die Band absichtlich ausgesucht, nachdem mich schon ihr Debüt umgehauen hatte und "Everything" ebenfalls einen grandiosen Ersteindruck machte. Die zweite Überraschung für mich: das neue Opeth-Album. Erst kürzlich habe ich in diesem Blog an anderer Stelle gestanden, dass ich Opeth' Musik nicht leiden kann. Das ändert sich mit "Heritage". Das Album präsentiert absolut tollen Prog-Psychedelic-70er-Rock.
Entgegen der allgemeinen Jubelschreie (unter anderem Album des Monats im RockHard #292) konnten Arch/Matheos uns fünf Kreuzfeuer-Schützen nicht wirklich begeistern. Auf Facebook kommentierte das ex-Erazor-Sänger und Fates-Warning-Fanatist Benedikt mit den Worten "Habt ihr gar keinen Progger in der Redaktion?" Ich weiß nicht, ob er Recht hat. Eigentlich wäre solche Musik vor allem was für Miri, aber ihr Kreuzfeuer-Kommentar zu dem Album geht in eine sehr ähnliche Richtung, in die auch meine Empfindung geht: Die nicht ganz so hohe Bewertung tut einem irgendwie leid. Aber nur weil eine Platte technisch gesehen absolut brillant ist, heißt das noch lange nicht, dass sie auch Spaß macht. Und letztlich geht es doch nur darum: Spaß beim Hören. Immerhin zeigt sich auch Benedikt halbwegs versöhnlich: "Okay, die ARCH-Kritiken sind so formuliert, dass ich damit leben kann. Auch wenn es schon hart ist, dass so ein unbegreiflicher Dreck wie die neue ANTHRAX besser abgeschnitten hat, aber ich hab Euch trotzdem lieb."
Puh, nochmal Glück gehabt.
Hinweis: Ansonsten bietet die Ausgabe noch Interviews mit The Answer, Vader, Tombs, Skeletonwitch, The Rotted und vieles, vieles mehr. Hier geht es zur detaillierten Inhaltsseite.
Bülent Ceylan vs. Lou Gramm. Oder: Was bitte ist Prominenz?
Manch einem wird es nicht entgangen sein, dass wir in der aktuellen Metal-Mirror-Ausgabe unserer Maxime treu geblieben sind, immer wieder ungewöhnliche Storys zu suchen und zu finden. Es brauchen ja nicht immer Bands und deren neue Alben sein, die im Fokus stehen. Auf dem Wacken Open Air erkannte ich eine solche Gelegenheit und packte sie wenige Wochen später beim Schopfe: Ich organisierte mir ein Interview mit Bülent Ceylan, aufstrebender Komiker, laut Eigenaussage Metal-Fan und der erste Comedian, der auf einem großen Heavy-Metal-Festival aufgetreten ist. Ich wollte ihm einmal auf den Zahn fühlen. Wie viel Heavy Metal ist der gute Bülent denn eigentlich? Was dabei herausgekommen ist, möchte ich hier gar nicht vorweg nehmen. Das könnt ihr hier nachlesen. Worüber ich schreiben möchte, ist etwas anderes.
Mir hat dieser Vorfall wieder einmal gezeigt, wie unterschiedliche Vorstellungen von Prominenz wir haben, ich habe, ihr habt. Ich habe in den sieben Jahren, in denen ich den METAL MIRROR herausgebe, unzählige Bands und Musiker interviewt. Vor manch einem Interview saß ich hibbelig vorm Telefon und kaute auf meinen Fingernägeln, weil ich nervös war. Wenn dann mein Telefondisplay leuchtete und klar war, dass am anderen Ende Musiker X von Band Y war, um mit mir zu sprechen, dann erstarrte ich manchmal für ein paar Schrecksekunden vor Ehrfurcht. Das war nicht oft der Fall und es legte sich binnen weniger Sekunden. Aber wenn es passierte, dann waren waren am anderen Ende der Leitung so Namen wie Eric Adams von Manowar, Rob Halford von Judas Priest, Lou Gramm von Foreigner. Absolute Legenden des Heavy Metals und Hard Rocks. Musiker, die teils ganze Generationen maßgeblich geprägt und Musikstile erfunden haben. Diese Bands haben ganze Zweige der Musikkultur geschaffen. Und diese Typen riefen von irgendeinem luxuriösen Anwesen aus den Musikjournalisten und Studenten Dorian in seiner kleinen unaufgeräumten Bude an. Eine fast schon skurrile Situation.
Was hat das alles mit Bülent Ceylan zu tun, mag sich manch einer jetzt fragen. Ganz einfach: Verglichen mit diesen Legenden, die ich teils schon Jahre zuvor interviewt habe, ist ein Bülent Ceylan ehrlich gesagt ein kleiner Fisch. Nervosität oder Ehrfurcht? Keine Spur. Klar, das liegt mit Sicherheit auch an der mit jedem Monat steigenden Erfahrung, der jahrelang aufgebauten Routine und meinem furchtbar übertriebenen Selbstbewusstsein. Aber das ist nicht der einzige Grund. Für mich ist ein Bülent Ceylan, so erfolgreich er derzeit auch sein mag, nicht einmal ansatzweise so prominent und bedeutsam wie die eben erwähnten Namen.
Umso interessanter sind deswegen die unterschiedlichen Reaktionen des Umfelds. Szenario: Ich sitze in einer munteren Bierrunde unter Bekannten in irgendeiner Kneipe. In einem Nebensatz kommt zur Sprache, dass ich kürzlich Lou Gramm interviewt habe. Ich blicke in Gesichter, die wie große Fragezeichen aussehen. "Lou... wer?" - "Lou Gramm." - "Wer ist Lou Gramm?" - "Der ehemalige Sänger von Foreigner?!" - "Wer sind Foreigner?"
In diesen Momenten hilft meist nur eins: "I Want To Know What Love Is" oder "Cold As Ice" summen. Das kennt ja doch jeder. Auch die Leute in der munteren Bierrunde. "Aaahhh, wusste gar nicht, von wem das ist", stimmt die Runde dann meist im Kollektiv an.
Anderes Szenario: Ich sitze in einer munteren Bierrunde unter Bekannten in irgendeiner Kneipe. In einem Nebensatz kommt zur Sprache, dass ich kürzlich Bülent Ceylan interviewt habe. Ich blicke in staunende Gesichter. "Woaaahh, echt?!" - "Äh, ja." - "Ist ja krass." - "Äh, ja?" - "Kann man davon mal die Aufnahme hören?" - "Äh, ne."
Mich überrascht das. Ganz ehrlich! Das mag vielleicht die Form von Naivität sein, die man sich zulegt, wenn man abgesehen von Nachrichten und Fußball jahrelang so gut wie kein TV schaut und sich immer weiter und weiter in einen speziellen Musikzweig und vor allem dessen Ursprünge hineinarbeitet, hineindenkt, hineinhört, hineinlebt. Aber was ist denn ein Bülent Ceylan im Vergleich zu einem Lou Gramm? Nichts gegen Bülent, der ist ein echt sehr netter Typ, wie ich in unserem halbstündigen Telefonat feststellen durfte. Aber mal ernsthaft: Bülent macht Comedy. Lou Gramm hat den melodischen Hard Rock der Achtziger maßgeblich mitgeprägt und mit Foreigner über 50 Millionen Alben verkauft.
Für mich liegen da einfach Welten zwischen. Für große Teile meines Umfeldes ist Bülent der Promi und Lou Gramm irgendein Typ von irgendeiner alten Band. Verrückt. Man kann daraus wohl nur den Rückschluss ziehen, dass auch der Ruhm, den man sich durch die größten Erfolge aufgebaut hat, innerhalb einiger Jahrzehnte langsam verpufft. In den Achtzigern wäre es schlichtweg undenkbar gewesen, dass jemand Foreigner nicht kennt. Aber die Zeiten ändern sich. Vermutlich wird in zwanzig Jahren irgendein Journalist in seiner Bekanntenrunde in einer Cyberspace-Kneipe sitzen, Astronautenbier trinken und beiläufig erwähnen, dass er neulich den klassischen, deutschen Comedian Bülent Ceylan zu seiner 30th-Anniversary-Tour interviewt hat. Und die Leute werden sagen: "Bülent...wer?"
Vergeben und vergessen? Taake sind wieder da.

Sturz- statt Hakenkreuz auf der Brust: Hoest von Taake beim PartySan 2011 (Foto: E. Dolff / Metal Mirror)
Die Metal-Szene ist seltsam. Hardliner verzeihen Metallica bis heute nicht ihre Rock-Anbiedereien in den Neunzigern. Ozzy Osbourne gilt für viele seit seinem Osbournes-Spektakel als reine Witzfigur. Ein Martin Kesici hat es sich mit seinem Star-Search-Einsatz bis in alle Ewigkeit mit jedem Heavy-Metal-Publikum verscherzt. Es verstieß gegen die Szenekonvention, das ein Sänger, der bei einer populären Castingshow gewann, auf einmal für sich beanspruchte, im angeblichen Underground des Heavy Metals zuhause zu sein. Vergebung? Ausgeschlossen! Sobald sich irgendjemand für den Erfolg verbiegt, gilt das als Kapitalverbrechen. Egal, ob man dann Hetfield oder Kesici heißt. Die Glaubwürdigkeit ist verspielt. Zumindest bei vielen Fans.
Dumm ist diese vielfach gelebte Zero-Tolerance-Policy sowieso. Aber sie wird noch absurder, wenn dann auf der anderen Seite sehr viel haarsträubendere Aktionen mit einem Schulterzucken als Kavaliersdelikt abgetan werden, wenn nur genug Gras über die Sache gewachsen ist. Die Rede ist in diesem Fall von Taake. Ich habe die Veröffentlichung des neuen Albums der norwegischen Black-Metaller mit Spannung erwartet. Nicht etwa, weil die Musik von Taake meist überaus passabel ist, sondern weil ich mich im Vorfeld fragte, wie die Medien reagieren. Aber reisen wir zuerst einmal ein paar Jahre zurück.
Es war im Frühjahr 2007, als mir mein Metal-Mirror-Kollege David eines Morgens bei ICQ schrieb: "Alter, du glaubst nicht, was gestern beim Taake-Auftritt abging!" Taake-Chef Hoest hatte sich mal wieder daneben benommen. Diesmal jedoch so richtig. Die Geschichte machte im Internet schnell die Runde: Hoest war bei der Show im Essener Turock mit einem Hakenkreuz auf der Brust auf die Bühne gegangen und beschmiss das Publikum mit Flaschen und Zigaretten. Manche Quellen sprechen sogar davon, dass er auch den Hitlergruß zeigte (den einige gehirnamputierter Black-Metaller angeblich freudig erwiderten...). Veranstalter und Turock-Inhaber Peter Siewert, den ich spätestens seit dieser Aktion schätze, griff couragiert ein und prügelte Hoest mitsamt Band von der Bühne. Hoest war nie als Unschuldslamm bekannt, saß zuweilen wegen Körperverletzung Gefängnisstrafen ab, aber mit so einem, wollen wir es Ausrutscher nennen?, hatte niemand gerechnet. Weder die Fans, noch Peter. Und auch Hoest nicht so wirklich. Der sah sich plötzlich mit der bitteren Realität konfrontiert.
Veranstalter schmissen die Band reihenweise vom Billing. PR-Firmen, Labels, Vertriebe, Magazine... niemand wollte das heiße Eisen Taake auch nur mit der Kneifzange anfassen. Bei einem Festival in Norwegen übte Mille Petrozza, Kreators Thrash-Altmeister und bekennender Linker, so einen Druck auf die Veranstalter aus, dass die Band auch in ihrem eigenen Heimatland vom Billing flogen. Taake, so schien es, waren bis in alle Ewigkeit gebrandmarkt. Zumal Hoest seine Situation nicht unbedingt durch sein anschließendes Statement verbesserte. Halbherzig entschuldigte er sich für den Vorfall, nutzte die Gelegenheit aber gleich, um Turock-Chef Peter als "Untermensch" zu bezeichnen und forderte ihn auf, "Moslem-Schwänze zu lutschen". Dass er zwei Sätze vorher irgendwas von "keine Nazi-Band" gefaselt hatte und sich für den Vorfall entschuldigte, erschien in dem Moment nicht mehr ganz so glaubwürdig.
Und so blieben Taake vorerst auf der schwarzen Liste. Ihr 2008 erschienenes Album wurde fast nirgendwo beachtet. Schließlich gab es Ende 2008 eine dringend notwendige Aussprache im Metal Hammer. Dort beteuerte Hoest, nicht rechtsradikal zu sein. Die Artikelbilder zeigten ihn von seiner sanften Seite. Ironischerweise, aber natürlich beabsichtigt, saß er im Kreator-Shirt auf der Wiese vor seinem Haus und kuschelte mit einem Kaninchen (ja, wirklich!). Anschließend war nicht so richtig klar, wie es denn jetzt nun weitergehen sollte. Darf man wieder? Darf man nicht? Wie verhält man sich mit diesem schwarzen Schaf unter den schwarzen Schafen? Die Vergangenheit ausblenden? Doch wieder darauf herumreiten? Nochmal das ganze in Interviewform aufrollen? Die Möglichkeiten sind quasi endlos. Und genau deswegen war ich so gespannt auf die Veröffentlichung des neuen Albums.
Die Industrie hat Taake mittlerweile wieder still, leise und ohne groß Aufsehen zu erregen in ihrer Mitte integriert. Die Band spielte in diesem Jahr auf dem PartySan-Open-Air, hat eine leistungsstarke PR-Agentur im Rücken, mit der wir beim Metal Mirror seit etlichen Jahren zusammenarbeiten, und auch ihr altes Label Dark Essence Records hat die Truppe zurückgeholt. Es ist, als habe die große Swastika-Kontroverse nie stattgefunden. Zumindest wirkt das derzeit so.
Der Punkt ist: Hoest ist kein Nazi. Hoest ist lediglich einer der größten Vollidioten, die diese Szene zu bieten hat. Einer, der glaubt, nur dann bühnenwirksame Aufmerksamkeit generieren zu können, wenn er Tabus und Grenzen bricht. Hoest ist ein notorischer Provokateur, der sich mit Nationalsozialismus nicht besser auskennt als ein neugieriger Unterstufenschüler, der das erste Mal von der Besessenheit und dem diabolischen Wesen der Nazis hört. Angezogen und interessiert, weil das alles ganz, ganz böse ist. In seiner Rolle als richtig harter Szenetyp ist er vollkommen aufgegangen. Körperverletzung, Misanthropie, da passte doch auch noch das Kokettieren mit dem Nationalsozialismus ins Resumee. Aber das alles ist jetzt Geschichte. Hoest hatte unterschätzt, wie sensibel man in Deutschland auf Anspielungen in diese Richtung reagiert. Umso wichtiger war es für ihn, sich für eine Weile brav zu verhalten. Ganz unauffällig bleiben. Gras über die ganze Sache wachsen lassen. Und in der Tat: Taake wurde Gnade zuteil. Die neue Platte besiegelt, so scheint es, die Resozialisierung.
Wie es der Zufall will, landete die Scheibe dann direkt in einem RockHard-Päckchen auf meinem Schreibtisch. Also Schluss mit der Beobachterrolle.Wie geht man... nein: wie gehe ich mit diesem Album um? Totschweigen macht in meinen Augen keinen Sinn. Egal wie sehr ich den Typen hinter der Band ablehne: Taake sind - rein musikalisch gesehen! - einer der bedeutendsten Vertreter des norwegischen Black Metals der Gegenwart. Schon alleine aus künstlerisch-musikalischer Sicht ist so ein Album also hochinteressant. Aber ich will auch kein Teil der Hat-nie-passiert-Fraktion sein. Denn dieser Vorfall hat nun einmal stattgefunden und hat - zumindest mir - Taake bis in alle Ewigkeit zu weiten Teilen ungenießbar gemacht. Künstlerisch ist das Album wieder ein absoluter Kracher und eines der besten Black-Metal-Alben des bisherigen Jahres. Seitdem ich meine Rezension geschrieben habe, ist das Album trotzdem kein einziges Mal mehr in meinem Player gelandet. Apropos Rezension: In der habe ich den in meinen Augen besten Weg gewählt. Ich habe meinen inneren Zwiespalt geschildert und klar auf den Essener Vorfall hingewiesen, aber die Musik separat von der Dummheit Hoests bewertet.
Vollkommene Vergebung wird es zumindest von meiner Seite aus bei Taake nicht geben. Nur sehen das wohl viele Veranstalter, Promoter und Labelmenschen anders. Wie sich wohl die anderen Journalisten gegenüber dem Album verhalten werden? Ich bin selbst sehr gespannt, frage mich derweil nur: Was müsste eigentlich passieren, dass ein Hoest sich endgültig die Finger verbrennt und auf immer und ewig ein rotes Tuch für die Metal-Szene bleibt? Das Hakenkreuz auf der Brust hat dafür scheinbar nicht gereicht. Zwei-drei Jahre Sperre, mehr nicht. Um ihn und Taake endgültig zu verbannen, da müsste schon eine Casting-Show her.
Die Metal-Szene ist seltsam.
Making Of: METAL MIRROR #57
Werbeblock: Bereits Anfang September ist die neue Ausgabe von METAL MIRROR erschienen. Nachfolgend ein Blick hinter die Kulissen der aktuellen Ausgabe.
Es ist immer wieder schön, wenn der METAL MIRROR Träume erfüllen kann. Wenn man mit der vielen Arbeit schon quasi kein Geld verdient, so soll man doch wenigstens eine persönliche Bereicherung aus dem Magazin ziehen. Das Treffen bzw. Interviewen früher Idole kann zwar auch desillusionierend sein, im aktuellen Falle glaube ich jedoch nicht, dass das der Fall war. Seitdem ich Miri kenne (und das war schon eine Weile bevor sie beim Mirror anfing), war sie ein knallharter Edguy-Fan. Weder neue Ausrichtung, noch Pophymnen oder der langsam einsetzende Haarausfall bei Tobi hat daran in all den Jahren etwas geändert.
Demnach war es nicht eine Sekunde lang eine Option, dass jemand anderes als Miri das Interview führen würde, als klar wurde, dass wir die Möglichkeit bekommen, eine Edguy-Titelstory zu veröffentlichen. Für Tobi war das dadurch zugegebenermaßen eine dankbare Angelegenheit, denn ich hätte dem Frontjoker manch eine selbstverliebte Phrase nicht so unkommentiert durchgehen lassen. Dafür ärgere ich einfach zu gerne. Erst recht, wenn ein Musiker alle anderen aufstrebenden Bands an die Wursttheke schicken möchte.
Von solchen Rockstar-Attitüden sind die Rival Sons weit entfernt. Ob sich das eines Tages ändern wird - wer weiß. Derzeit schwimmen die Blues-Rocker auf einer Welle des Erfolgs, im Interview entpuppte sich Gitarrist Scott Holiday jedoch als absolut bodenständiger und überaus gutgelaunter Familienvater, der sich derzeit zwar tierisch über den Erfolg der Band freut, aber auch besorgt wirkt, wenn er daran denkt, wieviel weniger Zeit er dadurch zukünftig mit seiner Familie verbringen kann. Die Bürden des Rockstar-Daseins... Dass Rival Sons den Rock-Olymp erklimmen können, davon bin ich mit jedem weiteren Monat, in dem das Album bei mir rauf- und runterläuft, mehr überzeugt. Das Interview bestätigte mir, was ich schon vorher vermutete: diese Jungs stehen zu hundert Prozent in der Tradition all der Bands, die ich vergöttere - Led Zeppelin an vorderster Front! Man höre sich nur mal "Pressure & Time", also den Titelsong des aktuellen Albums an. Der klingt wirklich so dermaßen nach Page-Plant-Bonham-Jones, dass es fast schon gruselig ist.
Der Fokus auf die Festivals war in dieser Ausgabe nicht zu vermeiden. Im August ist einfach jedes Jahr der glorreiche Abschluss der Open-Air-Saison. Wacken, PartySan, SummerBreeze - drei der in meinen Augen wichtigsten Veranstaltungen für die hiesige Heavy-Metal-Landschaft, wo sollte man da einsparen? Umso länger habe ich darüber gegrübelt, wie man den Platz am besten verteilt. Letztlich haben wir natürlich etwas gewichten müssen. Auf Musikerkommentare haben wir dabei dieses Jahr bewusst verzichtet. Schlicht und ergreifend aus dem Grund, dass in all den Jahren, die ich mit diesem Stilmittel gearbeitet habe, in quasi jedem Falle das gleiche inhaltsleere Blabla herauskommt. Da reden Musiker davon, dass das Festival das absolut genialste überhaupt sei, waren aber nicht einmal auf dem Campingplatz. Kritisiert wird nicht, weil man möchte ja wieder eingeladen werden. Ich möchte den Musikern das nicht vorwerfen. Ihre Haltung ist ja verständlich. Die Konsequenz ist jedoch, dass Kurzinterviews über Festivals, auf denen die Band gerade spielt, zu nichts mehr taugen als dem Prominenzfaktor. Der wurde diesmal bewusst ausgeklammert. Ich bin nämlich der festen Überzeugung, dass die Festivalberichte auch so überzeugen können. Da braucht es weder Aussage noch Visage eines Musikers, der dann doch eh nichts beizutragen hat.
Vor allem der Wacken-Bericht hat diesmal eine experimentellere Herangehensweise und wurde in weiten Teilen von mir im Alleingang verfasst. Mein Gedanke war: Warum werden Festivalberichte eigentlich fast immer nach dem gleichen Prinzip aufgebaut? Es geht von Band zu Band. Im meist nüchternen, natürlich auch teils nett beschreibenden Stil, aber doch teils eben ohne die gewisse Lässigkeit. Der aktuelle Bericht bietet einen etwas anderen Ansatz. Das Programm der Bühnen wurde nicht strikt voneinander getrennt, sondern findet in einem gemeinsamen Fließtext zusammen. Benne nannte das Ergebnis skeptisch "etwas flapsig", aber ich finde den Ansatz gut. Mir selbst macht der Bericht - bei aller ab und an vorhandener Bescheidenheit - sehr viel mehr Spaß beim Lesen als das trockene Programm-Runterbeten aller anderen Online-Magazine. Und dem Wacken (oder auch jeder anderen Veranstaltung) schadet eine solche Herangehensweise auf keinen Fall. Im Gegenteil: Ich glaube dass das "flapsige" Beschreiben des Ölwrestling-Kampfes eher im Kopf hängen bleibt als der tausendste Bericht, der von A bis Z die Setlist einer spielenden Band herunterbetet. Und letztlich ist es das was zählt.
Entsprechend haben wir ja auch in der vorherigen Ausgabe mit dem Bericht vom Metalcamp experimentiert. Wer es schließlich doch etwas klassischer bei der Festival-Berichterstattung mag, wird am ehesten bei den ebenfalls coolen Berichten vom SummerBreeze und PartySan fündig. Sind also alle zufrieden? Gut. Weiter geht's.
Zumal noch drei weitere coole Interviews warten. Eines mit Saltatio Mortis, die ich persönlich hochgradig unspannend hinsichtlich aller Belange finde, die es aber Miri enorm angetan haben. Mal schauen, ob auch Alea (wie Tobi Sammet vor ihm) den Haarausfall-mindert-nicht-die-Beliebtheit-Test bestehen wird. Eine Antwort werden wir leider erst in ein paar Jahren erwarten können. Miri ist allerdings nicht die einzige, die ein Idol interviewte. Auch David stellte sich bereits Monate vor Erscheinen der Platte von ICS Vortex als dessen Interviewpartner bereit. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch gar nicht, dass der ex-Dimmu-Borgir-Musiker demnächst ein Soloalbum aufnehmen wird. Aber David ist bei seinen Helden eben immer hervorragend informiert und schwor schon im Vorfeld, dass die Platte ein "Killer-Album" bei uns werden würde - er sollte Recht behalten, wie wir seit Erscheinen der Ausgabe wissen.
Ein weiteres Interview fand für unsere letzten Monat neu gestartete Artikelserie "Debütastisch!" statt. Nachdem Djerv den Anfang gemacht hatten, traf sich David, jahrelanger Fan von Type O Negative, diesen Monat mit A Pale Horse Named Death im Biergarten des Kölner Undergrounds. Apropos Artikelserie: "Mein bestes Stück" haben wir vorerst auf Eis gelegt. Die Akquise neuer Personen, die wir mit ihrer Geschichte vorstellen konnten, war in jedem Monat ein sehr träger, zäher Prozess gewesen. Diesen Monat fanden wir abermals niemanden und waren es leid, erneut nur den eigenen Freundeskreis zu durchstöbern. Vielleicht reaktivieren wir die Serie in der Zukunft noch einmal, vorerst wird jedoch "Debütastisch!" alleine die Stellung halten.
Die Auswahl des Kreuzfeuers stellte mich diesen Monat abermals vor eine Herausforderung. Bereits im vorherigen Monat machte sich die Sommerflaute etwas bemerkbar. Diesmal war die Auswahl nicht einfacher. Letztlich ließen sich aber neun Platten finden, die populär, wichtig und stilistisch verteilt genug waren, um ein ordentliches Kreuzfeuer aufzubauen. Dass Edguy dabei soweit oben landeten, überraschte mich. Allerdings passt das: Denn die Platte überraschte mich auch sonst. Ich hatte die Band nach "Hellfire Club" abgeschrieben. Das war ein richtig gutes Album. Danach ging es für meinen Geschmack aber steil bergab. "Superheroes" und tropische Partysongs, keine Ahnung wieso, aber das fand ich doch etwas zu albern. Umso schöner finde ich, dass die Band jetzt ein Album abliefert, das facettenreich, nie banal erscheint. Die zweite Hälfte ist vielleicht an manchen Stellen etwas zu soft, aber im Groben und Ganzen ist die Platte das beste Edguy-Album seit "Hellfire Club". Und wenn selbst David 5 Punkte für ein Edguy-Album vergibt, kommt das quasi einer Erhebung in den Adelsstand gleich.
Die großen Verlierer waren hingegen Kittie. Ein Album voll mit austauschbaren New-Metal-Songs, die sich in Zeiten unzähliger Metal-Musikerinnen nicht mehr nur auf den Frauenbonus berufen können, sondern losgelöst vom Geschlecht überzeugen müssen. Daran scheiterten Kittie diesmal. Mal sehen, ob die Katzen schon alle neun Leben aufgebraucht haben. Zumindest passiv haben sie in der Redaktion aber für Freudentränen gesorgt: Als Jenny und ich beim Redigieren Elvis' Kommentar zur Scheibe lasen, lachten wir wirklich Tränen:
Hello Kittie! Krass, dass es euch immer noch gibt. Ehrlich gesagt habt ihr da echt nen tollen Stil kreiert. Besonders der Gesang, der zwischen Schnurren und Fauchen wechselt, ist einmalig. Leider bin ich ein Hund und ihr Katzen seid nix für mich. Gruß, Bellvis
Making Of: METAL MIRROR #56
Werbeblock: In der Nacht von Sonntag auf Montag ist die neue Ausgabe von METAL MIRROR erschienen. In diesem Blog möchte ich nicht (nur) anpreisen, warum die Ausgabe super, toll, grandios und überhaupt ist, sondern einen Blick hinter die Kulissen des Magazins werfen. Eine Art Making-Of quasi.
Die aktuelle Ausgabe ist, wie schon die Ausgabe davor, unter sehr stressigen Bedingungen entstanden. Und damit meine ich nicht nur die Tatsache, dass wichtige Teile der eigenen Belegschaft ständig auf irgendwelchen Festivals unterwegs sind, sondern meine Abschlussarbeit, über die ich in den kommenden Tagen bestimmt mal etwas schreiben werde. Dass wir trotzdem mit Status Quo eine der wohl größten Bands in der Geschichte des Mirrors als Titelstory dabei haben, ist da umso cooler. Wobei ursprünglich ein ganz anderes Thema, nämlich Sepultura, für den Titel vorgesehen waren. Natürlich stehen Sepultura vom Popularitätsfaktor weit unter Status Quo, aber traditionellerweise kriegen wir auf Titelstorys mit Bands, die nur entfernt etwas mit Heavy Metal zu tun haben, eher mürrisches Feedback. Der gemeine Metaller bleibt eben gerne unter sich. Und eine Rock-Band wie Status Quo, deren Songs auch die Oma von nebenan mitsingen kann, ist nunmal nur entfernt Heavy Metal. Nicht weniger cool, aber eben nur entfernt Heavy Metal.
Dabei könnten sich die meisten Metal-Bands eine dicke Scheibe Interviewfreude von Francis Rossi abschneiden. Denn der hatte wirklich gute Laune, verarschte mich erstmal am Telefon und plauderte munter vor sich hin. Keine Ein-Satz-Antworten, kein genervtes Knurren, wenn man ihn mit Altersschwäche-Thesen provoziert. Irgendwie wirkte Francis so, als hätte er wirklich Bock auf das Gespräch. Vielleicht ist das eine in Jahren perfektionierte Profimasche. Vielleicht sind Status Quo aber auch nur froh, dass es neben "Wetten, dass...?" noch Rock- bzw. Metal-Magazine gibt, die der Band wirklich Gehör schenken. Im aktuellen RockHard hat es jedenfalls gerade mal für einen 3-Fragen-an-Kasten gereicht.
Vom Neid ergriffen war ich, als Elvis mir seine Metalcamp-Fotos zugeschickt hat, von denen man "nur" drei in seinem Artikel sieht. Ich selbst war noch nie dort, habe aber nach Lesen seines Erlebnisberichts Heißhunger darauf bekommen, auch einmal in der Soca baden zu gehen. Wäre mal was anderes, als die staubigen, matschigen Kuhacker, die man sonst den ganzen Sommer über besiedelt. Dass Elvis' Bericht die spielenden Bands in zwei Sätzen abspeist, finde ich alles andere als störend. Irgendwie hat sich im Musikjournalismus eine Routine entwickelt, wenn es um die Berichte von Festivals geht. "Es spielte Band X, es spielte Band Y, ..." Warum nicht einmal ein alternatives Format bedienen? Weniger interessant wird das Metalcamp dadurch keinesfalls. Zum Glück können wir uns beim Mirror so etwas erlauben. Bei Beschwerden verweise ich dann immer auf unsere Oberzeile: "Das journalistische Magazin für Heavy-Metal-Kultur". Und des Metallers Urlaub fällt für mich in die Kategorie Kultur. Lawyered! Zumal wir ja auch einen eher typischen Festivalbericht vom Dong Open Air dabei haben.
Das wohl spannendste Thema der Ausgabe ist jedoch das Ghost-Interview. Ich hatte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass das so schnell klappen würde. Umso gespannter war ich auf die Gesprächsatmosphäre. Bei einer Band, die sich vollkommen anonymisiert, ist es durchaus vorstellbar, dass diese auch im direkten Gespräch ein Mysterium erzeugen möchte. Vor meinem inneren Ohr hörte ich mein Gegenüber bereits mit Batman-artig verstellter Stimme Ein-Satz-Antworten herauskloppen, die die Mystik der Band betonen sollen. Es kam aber ganz anders.
Erste Überraschung: eine freundliche Stimme. Typisch skandinavischer Akzent, gute Englischkenntnisse und: auskunftsfreudig. Zweite Überraschung: der Mann am anderen Ende der Leitung lacht erstaunlich viel für ein Mitglied einer solch düsteren Satansbraten-Band. Außerdem reger Betrieb im Hintergrund. Zuerst dachte ich an einen Fernseher. Später glaube ich, andere Stimmen im Raum und eine Tür auf- und wieder zuschlagen zu hören. Gegen Ende des Interviews fällt hörbar etwas um. Etwas aus Glas oder Porzellan. Mein Gesprächspartner hält da auch für zwei Sekunden kurz inne, unterbricht seinen Satz, redet dann aber weiter, als sei nichts geschehen. Wer er ist, habe ich nicht herausbekommen. Ist aber auch eigentlich nicht so wichtig, finde ich. Viel mehr habe ich mich über die Info gefreut, dass ein zweites Album bereits in der Mache ist.
Ebenfalls eine Überraschung war das Gespräch mit Joel Grind von Toxic Holocaust. Als ich vor drei Jahren mein erstes Interview mit Joel führte, war der nämlich eher mürrisch. Damals hatte er kaum Bock irgendwas zu erzählen und gähnte ins Telefon (dabei war es nur in unserer Zeitzone mitten in der Nacht). Diesmal lief das alles ganz anders. Klar, Joel ist nach wie vor keine Quasselstrippe, aber das Gespräch fand unter einer ganz anderen Atmosphäre statt als damals. Ob das daran liegt, dass er nicht mehr die ganze Arbeit alleine machen muss, sondern mittlerweile zwei feste Bandkollegen hat? Möglich. Jedenfalls hat Joel noch bereitwillig den Nachgefragt-Bogen beantwortet, auf den man sich in einer der nächsten Ausgaben freuen darf.
Unsere Artikelserie "Mein bestes Stück" ist jeden Monat aufs Neue ein Kampf. Ewig lange versuchen wir geeignete Kandidaten aufzuspüren. Die meisten Menschen in unserem Umfeld sind der festen Überzeugung, sie hätten keine Geschichte zu erzählen. Bullshit! Ich bin mir sicher, dass jeder Memorabilia besitzt, die ihn an eine bestimmte Episode erinnern. Jedenfalls wurde es Freitag. Sonntag sollte die Ausgabe erscheinen und wir hatten noch immer keinen Kandidaten für die Artikelserie. Langsam wurde ich nervös. Spontan eingesprungen ist dann schließlich Alex Kreit, dem ich für seine sehr nette Geschichte überaus dankbar bin. Alex ist als DJ in Hannover und Umland tätig und legt nebenbei bemerkt meist fantastische Musik auf. Ich kann das bezeugen, woher würde ich ihn sonst kennen? Schade ist nur, dass das Plektron, das wir im Bild sehen, zwar genau so aussieht wie Alex', allerdings ist es nicht das Original. Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass Rahmen und Autogrammkarte fehlen. Alex befindet sich gerade mitten im Umzug und das beste Stück befand sich in einem von geschätzt tausend Umzugskartons.
Da uns eine Artikelserie nicht genug erschien, haben wir mit dieser Ausgabe übrigens eine zweite Serie gestartet. Unter dem Arbeitstitel "Darf ich vorstellen?" wollten wir eine Serie entwickeln, wo wir uns einmal abseits der großen Namen auf Bands konzentrieren, die ihr Debüt rausbringen. Bevor uns jetzt die Promoter-Garde mit ihren tausend Debüts beschmeißt: das Debüt muss uns vom Hocker reißen. Alleine deswegen legen wir viel Wert darauf, dass diese Artikelserie NICHT monatlich mit dabei sein wird. Es kommen zwar jeden Monat Debüts heraus, die wenigsten davon sind aber so gut wie bspw. das von Djerv. Die Band hat Jenny entdeckt und war sofort hin und weg von dem unkonventionellen Stil der Truppe. Als uns klar wurde, dass diese ausgesprochen gute CD ein Debüt ist, haben wir die Idee der neuen Artikelserie entwickelt. Ich bin sehr gespannt, welche Band wir dort als nächste vorstellen dürfen. Die Credits für den Serientitel "Debütastisch!" gehen übrigens - wie könnte es anders sein - an unseren Werbetexter Elvis, der mit seinem freaky Geschmack übrigens auch dafür gesorgt hat, dass wir mit Skindred eine Reggae-Metal-Truppe mit im Magazin haben.
Das Kreuzfeuer war diesen Monat durchwachsen. Irgendwie ist ein bisschen Sommerflaute. Damit möchte ich nicht das coole Rival-Sons-Album schmälern, aber die Namen und die Wertungen sehen im Frühjahr und im Herbst dann doch anders aus. Egal. Die Rival Sons haben jedenfalls gewonnen. Und wirklich überrascht war ich nicht. Denn die Band spricht jeden an, der auf die Ursprünge des Heavy Metals steht, mit Ausnahme von David versteht sich. Der hat einen so undefinierbaren Musikgeschmack, dass man damit rechnen konnte, dass er die Platte als einziger kacke findet.
Apropos: Ich war diesmal dran, eine High Five zu schreiben. Die Idee der Fremdscham-Songs kam mir und Miri bei einem Gespräch vor ein paar Monaten. Die ersten beiden Kandidaten, Bonfires Hymne und Manowars "Father", standen sofort fest. Für den Rest musste ich eine Weile überlegen. Letztlich bin ich zuversichtlich, fünf ausgesprochen grauenhafte Songs herausgepickt zu haben. Dennoch gibt es bestimmt so viele, dass ich vielleicht irgendwann eine Fortsetzung schreiben werde. Damit ihr euch selbst vom Grauen überzeugen könnt (ich versinke schon wieder im Erdboden):
Mit diesen Klängen möchte ich mich auch verabschieden. Wie im Editorial angedeutet, steht das Wacken Open Air kurz bevor. Wir sind mit einem Trupp Mirrorianer vor Ort. Außerdem bin ich im Dienste von RockHard unterwegs. Wenn ihr jemanden bei Ghost in der ersten Reihe ausflippen seht, das bin ich. Wir sehen uns dort!
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