Was macht Nattefrost?
Ich bin besorgt. Über einen Menschen, der mir eigentlich gar nicht nahe steht. Sein Name ist Nattefrost. Na ja, um ehrlich zu sein: Roger Rasmussen. Aber unter diesem Namen kennt ihn kaum jemand. Unter dem Namen Nattefrost ist er hingegen Black-Metal-Fans auf der ganzen Welt bekannt. Er ist Sänger, Gründer, Songwriter, Chef, kurz: die Seele einer der in meinen Augen coolsten Black-Metal-Bands aller Zeiten: Carpathian Forest.
Ich weiß noch exakt, wie ich das erste Mal mit Carpathian Forest in Kontakt kam. Das war 2003 und ich sah mir die DVD des Wacken Open Airs 2003 an. Nattefrost stand da auf der Bühne, in einer Lackhose, mit schwarz-weißer Farbe im Gesicht, ellenlangen Nägeln an den Armen und seinem typischen Bondage-Outfit. Neben ihm stand der damals noch stark übergewichtige Vrangsinn, halbnackt. Nur um es klarzustellen: Es war nicht das Outfit, das mich zu der Band hinzog. Es war die Musik. Wie keine Black-Metal-Band zuvor schaffte Nattefrost es, zwei Genres miteinander zu kreuzen, die sich viel näher stehen, als es der gemeine Musikhörer erahnt: Black Metal und Rock'n'Roll. Carpathian Forest hatten diesen unwiderstehlichen Groove, ohne dabei jedoch an Black-Metal-Härte zu sparen. Absolut einzigartig! Hinzu kommt das Charisma, das dieser Zwerg (Nattefrost ist geschätzt maximal(!) 1,70) ausstrahlt, sobald er seine Black-Metal-Uniform anlegt. Ein Provokateur sondergleichen, der dabei ab und zu auch die Grenze des Vertretbaren überschritt. Das Wacken begrüßte er mit den Worten "We're here to fuck you, to make sex with you, it's darker than you think!" und zum Abschluss kotzte er auf die Bühne. Lecker. Ich war binnen Sekunden zum Carpathian-Forest-Fan mutiert.
Sorgen mache ich mir, weil man von Nattefrost nichts sieht und nichts hört. Auf MySpace und Facebook lungern mehrere Dutzend Typen herum, die sich als er ausgeben, die offizielle Carpathian-Forest-Seite ist derweil scheintot. Die letzten Einträge stammen aus dem Mai 2010. Und selbst da war es bereits lange still um den egozentrischen Norweger und seine Band. Das letzte, absolut fantastische Album trug den verheißungsvollen Titel "Fuck You All!". Das war 2006. Seitdem herrscht Stille. Zuerst wurde noch die neue CD angekündigt (ich glaube, sie sollte den Titel "Universal Funeral" tragen, aber nagelt mich darauf bitte nicht fest). Erschienen ist diese bisher nicht. Getourt wird auch nicht mehr.
Das wäre soweit alles ziemlich unspektakulär. Musiker, die mal eine Pause einlegen, gibt es unzählige. Warum also dieser Wirbel, nur weil es Nattefrost betrifft? Die Antwort ist simpel: Ich hatte das Vergnügen, ihn kennenzulernen. Es war 2006, kurz bevor "Fuck You All!" erschien. Die Band spielte damals im Essener Turock. Der METAL MIRROR lief gerade ernsthaft an und ich hatte mir fest vorgenommen, Nattefrost zu interviewen. Ich rief den Tourmanager an, der sprach kurz mit Nattefrost und gab mir dann grünes Licht. Zuerst erkannte ich ihn nicht und stolperte an ihm vorbei. Er war kleiner als erwartet und hatte aufgehört, sich seine Haare zu färben. Statt pechschwarz trug er jetzt seine Naturfarbe rotblond. Wir setzten uns vor das Turock und unterhielten uns. Über alles Mögliche. Er war einer der ersten Musiker, der mich an sich heran ließ. Der einen nicht nur mit oberflächlichen Standardantworten abspeiste, sondern einen Dialog ermöglichte. Und was er erzählte, war nicht immer schön: Er hatte gerade seine schwere Heroinsucht überwunden. Oder besser gesagt: Überwinden müssen. Nach einer Überdosis inklusive Herzstillstand und Wiederbelebung hatte er dem Teufelszeug abgeschworen und seine Gedanken während des Entzugs in Zeichnungen verarbeitet, die das Artwork von "Fuck You All!" zieren.
Doch trotz (oder vielleicht gerade wegen) des Entzugs: So richtig fit wirkte Nattefrost nicht. Er war unfassbar nervös und bei weitem nicht mehr so unantastbar und charismatisch wie auf der Bühne. Immer blickte er unruhig umher und war nicht in der Lage, einem länger in die Augen zu schauen, ohne wieder hibbelig an sich selbst herumzukratzen. Seine Oberarme zierten etliche Narben. Die meisten hatten die Form ausgedrückter Zigaretten. Andere die von Rasierklingen.
Später am Abend, wir saßen gerade in der Essener Fußgängerzone vor einer Dönerbude, spazierte Nattefrost an uns vorbei, um den anliegenden Sexshop auszutesten. Wenige Minuten später kam er wieder heraus. "I was looking for a cheap dildo for on stage, you know?", lachte er und wirkte angesichts dieses scherzhaften Akts der Provokation wieder ganz in seinem Element. Das schien die andere Seite von Nattefrost zu sein: Ein Künstler, der vor allem dann aufblühte, wenn er den Leuten auf den Schlips treten konnte. Bei meinem ersten Carpathian-Forest-Konzert (das war der Abend, an dem ich erstmals Tsjuder kennenlernte) trug er Frauenkleider und Plastiktitten. Bei einer in Polen gefilmten DVD holte er sich stark übergewichtige, ältere Damen als Stripperinnen auf die Bühne. Nattefrosts Humor erschien mir immer sehr eigen, seine Provokationen längst nicht immer akzeptabel, aber wenigstens hatte er Charakter.
Und mir fehlt dieser Künstler. Mir fehlt der Black'n'Roll, den er kreierte. Und mir fehlen diese astreinen Live-Shows, bei denen man nie wissen konnte, was als nächstes passiert.
Anfang des Jahres wollte ich Nattefrost aufspüren und mal in Form eines Interviews nachhorchen, wie es ihm geht. Aber alle Spuren verliefen sich im Sand. Ich fragte bei seinen Bandkollegen Tchort und Vrangsinn per E-Mail an. Keine Antwort. Ein Kontaktversuch über die scheintote MySpace-Seite brachte freilich auch keinen Erfolg. Als ich Tsjuder kürzlich für RockHard und Metal Mirror interviewte, fragte ich Nag, von dem ich weiß, dass er lose mit Roger befreundet ist. Aber Nag hielt sich - und das ehrt ihn natürlich - sehr bedeckt. Er würde ihn ab und zu mal sehen. Dennoch: Wie es ihm derzeit geht und was das seit Ewigkeiten angekündigte Album macht, wollte oder konnte er nicht beantworten. Da müsse ich Nattefrost selbst fragen....ist ja nicht so, als hätte ich das nicht schon versucht. Im Metal-Hammer-Forum erzählte mir vor Monaten ein Benutzer, dass Nattefrost angeblich Vater geworden sei und deswegen keine Zeit mehr für Musik hätte. Ich würde es ihm wünschen.
Sachdienliche Hinweise über Nattefrosts Verbleib nehme ich gerne entgegen. Dazu bitte die Kontaktfunktion nutzen. Danke!

