Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
25Jan/122

Rein und wieder raus aus dem Dschungel: Martin Kesici hat nichts dazugelernt

Martin Kesicis Profilbild auf der Webseite vom Dschungel-Camp. (c) www.dschungel-camp.de

Martin Kesicis Profilbild auf der Webseite vom Dschungel-Camp. (c) www.dschungel-camp.de

Eine Plage hat Deutschland befallen. Und ich bin erneut darüber erschüttert, wie weit sie um sich gegriffen hat. Da lassen sich ein paar angeblich prominente, weitgehend talentlose, von Selbstrespekt befreite Nichtsnutze in einen australischen Dschungel karren und ganz Deutschland schaut zu und geilt sich an den Ekelprüfungen auf, die diese Leute durchzustehen haben, um noch einmal in die entfernte Reichweite ihres einstigen Ruhmes zu gelangen. Noch einmal das Gefühl haben, jemand zu sein. Selbst wenn man dafür im Dschungel Scheiße fressen muss.

Was mich noch viel mehr schockiert als der Mangel an Selbstwertgefühl, unter dem die Kandidaten offensichtlich leiden, ist die gesellschaftliche Akzeptanz dieses medialen Drecks. Es gibt Leute, von denen erwarte ich es, dass sie sich diesen Schrott angucken. Das ist der Typ Mensch, der mich zu meiner Schulzeit auslachte, wenn ich morgens vor Unterrichtsbeginn nichts zu der Diskussion, was denn gestern im Big-Brother-Container lief, beizusteuern hatte. Von diesen Leuten erwarte ich nichts anderes, als dass sie ihr höchstwahrscheinlich stinklangweiliges, eindimensionales Leben dadurch aufpeppeln müssen, indem sie traurigen Existenzen bei der Selbsterniedrigung zuschauen. Bis hierhin schockiert mich das nicht. Ich habe schon vor Jahren aufgehört, schockiert (oder überhaupt noch überrascht) zu sein, wenn wieder ein neues "Ekelformat" die Bildschirme der Republik erobert.

Was mich aber schockiert, ist die Überpräsenz dieses Formats. Man hat eigentlich gar keine andere Möglichkeit, als darüber informiert zu werden, wer im Dschungel gerade angesagt und wer schon wieder draußen ist. Zumindest nicht, wenn man ein Leben führt, in dem die Medien einen halbwegs wichtigen Part spielen.

Morgens fahre ich mit der U-Bahn zur Arbeit. Vier Stationen. Mehr nicht. Das sind geschätzt 6 Minuten Fahrtzeit, in denen ich nicht darum herumkomme, zu erfahren, was ex-Fußballprofi Ailton zum Favoriten der Dschungel-Zuschauerschaft macht. Bin ich ja auch selbst schuld. Ich hatte unabsichtlich auf einen Monitor des in Hannovers U-Bahnen präsenten Fahrgastfernsehens geschaut, weil da eben noch die Wetteraussichten für die kommenden Tage standen.

Sobald ich an einem Computer angekommen bin, geht es weiter. GMX-Mails aufrufen, ohne dass fett oben auf der Startseite ein Bild von irgendeiner entsetzt dreinblickenden Blondine mit jeder Menge Krabbelviecher im Gesicht prangt? Absolut undenkbar. Und damit nicht genug. Auch Spiegel Online hält es für eine Notwendigkeit, mich täglich darüber zu informieren, wen ihr Autor zum Dschungelkönig des Tages ernennt. Im Kulturteil (ja verdammt, im KULTURteil) glotzt mich dann die Visage von Dirk Bach an, der dieses Aufgeilen am Leid anderer auch noch als Quasi-Resozialisierung für ex-Stars verteidigt. Widerlich! Und dabei will ich von diesem Mist doch eigentlich gar nichts mitbekommen. Aber keine Chance: Ganz passiv, teils nur durch versehentlich gelesene Schlagzeilen, erlange ich Wissen darüber, wie es bei der aktuellen Staffel läuft. Die einzige Chance, diesen ganzen Schund komplett auszublenden, wäre ein selbstauferlegter medialer Blackout. Nur wer kann sich das schon erlauben, wenn er im Medienbereich arbeitet?

Aber vermutlich würde nicht einmal das funktionieren, denn die Plage hat längst meinen erweiterten Bekanntenkreis befallen. Vereinzelt habe ich das Gefühl, geschätzte Mitmenschen nicht wiederzuerkennen. Da reden angehende Akademiker davon, dass man so etwas ja durchaus mal am Abend einschalten könnte, wenn man "einfach mal abschalten" wollen würde. Selten habe ich mich diesen Menschen so fremd gefühlt.

Fremd fühle ich mich auch den Kandidaten. Das mag daran liegen, dass ich nach einem eben getätigten Blick auf die Kandidatenliste bis auf drei Personen niemanden kenne. Brigitte Nielsen kenne ich, weil sie eine recht markante Nebenrolle in der ewig coolen Action-Komöde "Beverly Hills Cop II" spielte. Ailton, weil der zuletzt für den damaligen Sechstliga-Fußballverein meiner Heimatstadt Krefeld aufgelaufen ist. Und dann ist da Martin Kesici, ein Typ, der es eigentlich besser wissen müsste. Zumindest hat er das mal behauptet.

Die Geschichte des Martin Kesici ist eigentlich eine traurige. Und früher habe ich ihn sogar in Schutz genommen. Alles begann für den Heavy-Metal-Fan bei irgendeiner dieser unsäglichen Casting-Shows (meine Recherche ergibt: Sie hieß "Star Search"). Dort konnte er sich mit seinem Ziegenbart und der langen Mähne perfekt als Metal-Bad-Boy mit weichem Kern inszenieren, der die mir mittlerweile fast unerträglich gewordene Weichspüler-Nummer "Nothing Else Matters" zum Besten gab.

Als sich andeutete, dass es das schnelllebige Pop-Universum wohl kaum auf Dauer gut mit dem ehemaligen Bauarbeiter meinen würde, versuchte Kesici umzusatteln. Nur zwei Jahre später sah ich ihn als Überraschungsgast auf einem überaus verregneten Wacken Open Air 2005. Die Reaktionen auf seine Hard-Rock-Einlage fielen - vornehm ausgedrückt - bescheiden aus. In den ersten Reihen standen etliche Metal-Fans, die Kesici unverblümt den Mittelfinger zeigten, als sie erkannten, wer da vor ihnen den Rocker mimte.

Doch Kesici stand seinen Mann, kämpfte sich durch seine paar Songs, die er mitgebracht hatte (diese grässliche Pophymne hatte er damals geschickterweise zuhause gelassen) und ließ sich von den Stinkefingern weder den Mut, noch die Stimme rauben. Das fand ich damals doch recht respektabel. Die Songs waren zwar allesamt stinklangweilig, aber zu dem Zeitpunkt glaubte ich ihm, wenn er in Interviews offen über seine Popvergangenheit meckerte und betonte, dass er sich nur wünscht, dass man ihn als jemanden wahrnimmt, der Metal und Rock wirklich liebt. Ich vergab ihm. Jeder macht Fehler. Warum sollte ein gescholtener Popstar nicht wieder den Weg zurück zu einer ehrlicheren Musikrichtung finden dürfen? Die Art und Weise, wie er mit seiner Castingshow-Teilnahme umging, schien glaubwürdig. Als ich im vergangenen Jahr von der Plattenfirma SPV die Nachricht erhielt, man habe Martin Kesici unter Vertrag genommen, war ich mir endgültig sicher: der Typ meint es ernst. Der sucht den Anschluss an die Heavy-Metal-Szene, koste es was es wolle.

Mittlerweile glaube ich das nicht mehr. Stattdessen glaube ich, dass Kesici ein Opportunist ist, der sich an jede Gelegenheit klammern wird, die ihn in irgendeiner Art und Weise im Rampenlicht hält. Eine andere Interpretation lässt seine Dschungelcamp-Teilnahme in meinen Augen nicht zu. Zeitgleich inszeniert er sich jedoch als bodenständiger Typ, der notfalls auch wieder auf'm Bau arbeiten würde - eine geschickte Masche, die das RTL-Publikum mit Sicherheit gerne glaubt. Aber nicht die musikalische Szene, der er sich angeblich so verbunden fühlt und von der er als Künstler akzeptiert werden möchte. Für die wird sich das Thema Martin Kesici als Metal-Rock-Musiker endgültig erledigt haben.

Beim nächsten Überraschungsauftritt auf dem Wacken Open Air könnte ich den Leuten in der ersten Reihe nicht einmal die vielen Stinkefinger übel nehmen.

 


Hinweis: Ja, ich weiß, dass Kesici freiwillig kurz nach Staffelstart wieder draußen ist (vielen Dank, liebes Fahrgastfernsehen...). Das ändert an seiner grundsätzlichen Bereitschaft, bei diesem Blödsinn mitzumachen, aber herzlich wenig. Ich bin nur gespannt, ob er abermals versuchen wird, sich nun als geläuterter Anti-Mainstream-Typ zu präsentieren, der tief im Herzen eigentlich doch so'n richtiger Metal-Rocker ist.

24Nov/110

Harald vs. Lemmy – Wenn Langeweile auf Routine trifft

Motörhead bei Harald Schmidt (Copyright: Sat. 1)

Von links nach rechts: Phil Campbell, Mikkey Dee, Lemmy Kilmister und Harald Schmidt (Copyright: Sat. 1)

Ich werde jetzt einmal mit einem Tabu der Metal- und Rock-Szene brechen. Ich werde schlecht über Lemmy sprechen, den Gottvater des Heavy Metals. Das unerschütterliche Frontmonster, das uns die Illusion vorlebt, dass es ewig so weitergehen wird. Dass man hundert werden kann, auch wenn man täglich Whiskey wie Wasser kippt. Mit seinem Lebensstil ist der Motörhead-Fronter das Sinnbild des Heavy Metals. Und entsprechend scheint es in diesen Kreisen verboten zu sein, den Mann mit der Warze und den Cowboy-Stiefeln zu kritisieren. Dabei gäbe es manchmal durchaus Gründe dafür, wie mir vorgestern wieder deutlich wurde.

Die Wahrheit ist: Lemmy ist gelangweilt. Seit Jahren befindet er sich mit Motörhead in der gleichen Album-Tour-Album-Tour-Routine. Selbst die Jahreszeit, in der er hier JEDES Jahr spielt, ist die gleiche. Von Ende November bis Anfang Dezember sind Motörhead in Deutschland unterwegs. Basta! Da kann man quasi die Uhr nach stellen. Ist ja auch soweit noch legitim. Die Musik macht noch immer Bock. Die Setlist variiert regelmäßig, wenn man mal von dem obligatorischen Ace-Of-Spades-Overkill-Finale absieht. Ich glaube, dass diese Momente die einzigen sind, in denen Lemmy es noch schafft, aus der selbst aufgebürdeten Routine auszubrechen.

All der andere Zirkus scheint ihm zuwider zu sein. Oder zumindest ist er bis in die letzte Körperzelle von der Medienlandschaft gelangweilt. Er tummelte sich mehrfach bei Raabs Events, hat unzählige Male mit jedem bedeutenden Rock-Journalisten der Welt geplaudert und selbst bei Harald Schmidt war er jetzt zum dritten Mal mit seiner Band zu Gast. Wer möchte dem Ü60-Jährigen da schon vorwerfen, dass er nicht vor Enthusiasmus zu platzen scheint, als er abermals von Dirty Harry ins Studio gerufen wird?

Das Problem ist nur: Lemmy muss man in dieser Verfassung aus der Reserve locken. Irgendeine abgedrehte Aktion abziehen. Vielleicht irgendwas mit Whiskey. Irgendetwas, was einen selbst zuhause so ein bisschen mitreißt. Ein provokanter Akt, der die Hausfrauen vor den Geräten herausfordert, sie piekst und unvermittelt mit der dreckigen Welt des Rock'n'Rolls konfrontiert. Ich glaube, Lemmy wäre für jeden Scheiß in dieser Richtung zu haben. Das wäre endlich mal etwas Neues. Aber dafür braucht es eben einen Moderator, der jung, frisch, zumindest aber voller revolutionärer Ideen ist. Quasi Harald Schmidt vor einem Jahrzehnt. Aber das ist Geschichte. Denn der Anzugträger, der Lemmy da nach einer gefühlten Ewigkeit und vielen schlechten Gags ins Studio bittet, ist noch viel, viel, viel mehr von all dem Trubel gelangweilt als Lemmy selbst. Wie soll in dieser Situation, wenn gelangweilter Medienprofi auf einen vom Medienzirkus gelangweilten Rockstar trifft, ein aufregendes Gespräch entstehen?

Und so kommt es wie es kommen muss: Harald Schmidt erwähnt ein paar Mal das noch immer aktuelle Album "The Wörld Is Yours" (2010), zeigt auch brav das Cover in die Kamera. Ansonsten gibt es Tour-Smalltalk. Helmut Zerlett darf mit Langhaar-Perücke nach vorne kommen und als selbsternannter Weinexperte den Motörhead-Wein analysieren (Urteil: "Nice."), bevor alle fünf Gesprächspartner die Gläser erheben.

Die einzige Prise Rock'n'Roll streut dann schließlich doch Lemmy bei, der einem weiblichen Fan aus Köln das Dekolleté signiert (daraus soll später ein Tattoo werden) und trocken über Prince urteilt, dass dieser zwar ein guter Musiker ist, aber meist keine gute Musik macht. Ansonsten gibt es inhaltsleeres Blabla, den ein oder anderen Stangenwaren-Gag von Schmidt und dann irgendwann endlich Musik ("I Know How To Die"), die eben das vermag, was das viertelstündige Geplänkel vorher nicht schaffte: Der Sat1-Zuschauer daheim erlebt eine direkte Konfrontation mit der Welt des Rock'n'Rolls.

Hat ja lange genug gedauert.

 

Hinweis: Die gesamte Sendung kann man hier im Videocenter von Sat. 1 nachschauen.