Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
9Jul/120
W.A.S.P. und die Arroganz

Der Rockstar, der sich um seine Stiefel sorgte…

W.A.S.P. auf dem RockHard Festival 2012

Nicht nur manchmal zum Haare raufen: Blackie Lawless' Rockstar-Gehabe.

Fast hatte man den wahren Charaker von Blackie Lawless vergessen. Jahrelang war der Sänger, Fronter, kurz: das Genie von W.A.S.P. darum bemüht, sich wieder in der hiesigen Konzert-Szene zu etablieren. Vor nicht einmal zehn Jahren schien der Ruf von W.A.S.P. bereits endgültig hinüber zu sein. Blackie und seine Jungs ließen sich damals selten hier blicken. Und wenn, dann machten sie mit Playback-Shows, abstrusen Fotografie-Verboten und überteuerten Ticketpreisen auf sich aufmerksam.

Irgendwann auf dieser Straße in Richung Selbstzerstörung muss wohl auch Blackie gemerkt haben, dass er so nicht weiter machen kann. Dass er sich gerade selbst einen der wichtigsten Musik- und vor allem Heavy-Metal-Märkte der Welt kaputt spielt. Ab diesem Zeitpunkt versuchte er, seine Arroganz auf Backstage-Eskapaden zu beschränken. Mit Erfolg: Die Shows waren wieder besser besucht, Blackie spielte wieder live, die endgütige Rehabilitation schien beschlossen. All die Negativschlagzeilen der Vergangenheit, als Fan hatte man sie guten Gewissens abgehakt. Hinweggespült von brillanten Live-Konzerten.

All das ist jetzt Geschichte. An nur einem einzigen Abend hat Blackie all die Bemühungen des vergangenen Jahrzehnts zunichte gemacht. Auf dem RockHard Festival zeigte Lawless sein wahres Gesicht. Ersmals auch wieder für die Öffentlichkeit: Zwei der Gewinner einer Meet-and-Greet-Aktion durften während des Headliner-Auftritts auf die Bühne kommen, wo ihnen jeweils eine Gitarre aus dem Bestand von Blackie überreicht werden sollte.

Und ja, die beiden Gewinner gingen letztlich tatsächlich mit ihren gewonnen Gitarren von der Bühne. Allerdings nicht von Blackie überreicht. Der war sich für eine solche Aktion zu schade - wider des besseren Wissens, dass er sich damit endgültig als fannaher Musiker hätte präsentieren können.

Also durfte Götz Kühnemund, Herausgeber des RockHard-Magazins und Chef-Veranstalter des Festivals, heran. Mit einem künstlichen Grinsen versuchte er noch Blackie aufzufordern, die Gitarren selbst zu überreichen, aber der schritt zielstrebig ans andere Ende der Bühne und machte damit unverzüglich klar, dass er kein Teil der Aktion sein wollte.

Immerhin fiel ihm noch ein, das Publikum zu etwas mehr Applaus anzustacheln. Schließlich sei die Situation, vor ein paar tausend W.A.S.P.-Fans eine Gitarre geschenkt zu bekommen, "vermutlich der beste Moment des Lebens". Anschließend beförderte er die Gewinner mit einer Handbewegung von der Bühne. "Okay, ihr könnt jetzt verschwinden", blaffte er ins Mikrofon.

Wer sich ein wenig mit W.A.S.P. und der Geschichte ihres sehr eigenwilligen Fronters befasst hat, für den ist an dieser Aktion nur überraschend, dass er diesmal wieder in der Öffentlichkeit sein wahres Gesicht zeigte. Was im Backstage-Bereich beim RockHard Festival abging, hat Götz Kühnemund im aktuellen Interview, das ich für den METAL MIRROR führte, wunderbar zusammengefasst:

"Das hätte man echt filmen müssen. So viel Arroganz gegenüber den eigenen Fans habe ich noch nie gesehen. Manche der Gewinner waren zwar so W.A.S.P.-devot, dass der die vermutlich sogar hätte bespucken können, ohne dass sie was gesagt hätten, aber die meisten waren schwer enttäuscht. Die durften im Entenmarsch hineinspazieren, genau ein Autogramm bekommen, kein Foto, kein Gespräch mit Blackie. Der hat nur schnell die Dinge signiert, die Fans dabei angeschaut, als seien die das Letzte und dann schnell rausgeschmissen. Direkt daneben stand ein Tourmanager, der aufpasste, dass niemand Blackie auf die Schulter klopft. Ich stand auch daneben, habe vor Wut gekocht und hätte dem am liebsten eine reingehauen. In zehn Jahren RockHard Festival habe ich nie so einen unsympathischen Musiker gesehen."

Götz Kühnemund in METAL MIRROR #67

W.A.S.P. auf dem Rockhard Festival

Mit selbstgefälligen Posen kennt Blackie Lawless sich aus.

Mich erinnert das an eine Anekdote, die sich auf dem Magic Circle Festival 2009 ereignete. Damals sollten W.A.S.P. zum ersten Mal seit einer Weile wieder in Deutschland spielen. 60 Minuten waren angekündigt, 30 Minuten lang ließ sich Blackie Lawless und dessen Band nicht blicken. Schon eine Stunde vorher wurde der gesamte Backstage-Bereich auf Geheiß des eigenwilligen Fronters großflächig abgesperrt, damit ihn bloß niemand dabei störe, wenn er auf dem Weg in Richtung Bühne sei.

Jetzt braucht man aber nicht glauben, dass Blackie es nötig hatte, den Weg von Backstage-Bereich zu Bühne selbst zurückzulegen. Am Vormittag hatte es geregnet. Der Rasen war feucht, teils auch etwas matschig. Wer schon einmal eine W.A.S.P.-Show gesehen hat, dem werden die markant weißen Stiefel von Blackie aufgefallen sein. Besagte Stiefel sollten nicht schmutzig werden. Die Lösung: Er ließ sich von einigen Backstage-Helfern über den gesamten Rasen bis auf die Bühne tragen. Ein wahrer Rockstar eben.

Vergeben habe ich ihm damals wenige Minuten später. So wie ich Blackie auf dem RockHard Festival binnen weniger Minuten vergab. Vermutlich bin ich da einfach zu inkonsequent. Oder zumindest zu leicht durch Musik zu bestechen. Aber wenn dieser arrogante Dreckssack ans Mikrofon tritt und seine einzigartige Stimme erklingen lässt, bin ich immer noch begeistert. Die Show auf dem RockHard Festival war abermals ein grandioser Trip, das sieht sogar Götz so.

Der ist sonst allerdings nicht so inkonsequent wie ich. Und auf eine gewisse Art und Weise ehrt ihn das. Mir kündigte er jedenfalls an, dass er Blackie durchaus noch in die Suppe spucken möchte. Blackie sollte das nicht unterschätzen. Kein anderer Metal-Journalist hat hierzulande einen vergleichbaren Einfluss auf die Szene. Götz kennt jeden. Und wenn er ankündigt, dass er seinen Veranstalter-Kumpels klar machen will, durch welchen Trubel er mit W.A.S.P. im Allgemeinen und Blackie im Speziellen trotz guter Vorzeichen gegangen ist, werden es sich mit Sicherheit einige mehr als zweimal überlegen, ob sie die Band für ihr Festival buchen - und damit das Risiko eingehen, das Blackie einfach mit sich zu bringen scheint. Jahrelang hat er (zumindest halbherzig) versucht, sich einen anderen Ruf zu erarbeiten. Das Projekt ist seit Pfingsten offiziell gescheitert.


Anmerkung: Die Musik von W.A.S.P. wird für mich trotz aller unsympathischen Rockstar-Anfälle auf ewig unsterblich bleiben. Selbst die Live-Shows von Blackie und Co. waren zuletzt granatenstark und aus Fan-Sicht nur zu empfehlen. Also: Wenn ihr die Chance habt, W.A.S.P. irgendwo zu sehen, dann tut das, solange es noch die Gelegenheit dazu gibt!

9Nov/110

Als Benne ein Astral-Doors-Shirt geschenkt bekam…

Bennes Shirt von Astral Doors

Bennes Astral-Doors-Shirt

Neulich musste ich schmunzeln. Aus einem eingesandten Umschlag purzelte die neue CD der schwedischen Hard-Rocker Astral Doors. Das wäre grundsätzlich nicht lustig. Allerdings verbinde ich mit dieser Band eine lustige Anekdote, die ich euch nicht vorenthalten möchte.

Es war das Wacken 2010. Wir, das sind üblicherweise das gemeingefährliche Mirror-Trio bestehend aus mir, Benne und Jenny, hatten gerade Pause und hingen auf dem Pressezeltplatz herum. Das Bier war warm, der Rum fast alle, die Laune gut. Wenige Pavillons hinter uns zelteten - sehr un-VIP-mäßig - die Jungs von Astral Doors plus Anhang. Natürlich mit dabei: Nils Patrik Johansson, seines Zeichens Sänger der Band und obendrein ein Hobby-Sunnyboy, der sich bei meinem ersten Astral-Doors-Konzert (damals im Vorprogramm der mächtigen Blind Guardian) im locker aufgeknüpften Styler-Hemd präsentierte und auch als Sänger der Vorband die ganz großen Rockstar-Posen im Schlaf beherrschte.

An diesem Nachmittag stapfte Nils scheinbar wahllos über den Presseplatz und erzählte allen, wer er sei: der Sänger von Astral Doors. Beeindruckend. Irgendwann war auch unsere entspannte Runde an der Reihe. Leicht wackelnd stapfte er an unseren Zelten vorbei, stellte sich unter unseren Pavillon und guckte erwartungsvoll in die Runde. Nichts passierte. "Don't you know who I am?", sagte er leicht lallend und blickte noch erwartungsvoller. "Ehm, no?!", antworten wir quasi-synchron. Nils schien das nicht fassen zu können, zeigte mit dem Finger auf sich und stieß diesen mehrfach gegen seine (natürlich) halb entblößte Brust. "I'm the singer of Astral Doors!" Ein weiterer erwartungsvoller Blick. Wir schauten uns etwas verwundert an: "And?"

Etwas grummelig zog Nils von dannen und gesellte sich wieder zu seiner eigenen feuchtfröhlichen Runde.

Nur eine knappe Stunde und scheinbar etliche Bierchen später: Wieder stapfte... besser: stolperte Nils quer durch unseren Pavillon, scheinbar aber nur auf dem Weg zum Klo. Als er von dort wiederkam und erneut seinen Weg zielstrebig durch unseren Pavillon suchte, rief Benne mit Oscar-reif geschauspielter Euphorie: "Hey, wow, aren't you the singer of Astral Doors?!" Nils blieb stehen und grinste fröhlich. Er war tatsächlich für einen Moment sprachlos. Man hatte ihn erkannt. Ihn, den Sänger von Astral Doors. Atemberaubend! Berauscht von diesem spontanen Prominenzgefühl sprintete Nils zurück zu seinem Zelt, kam im Eilschritt wieder zu uns und schenkte Benne aus Dank für das Erkennen ein Astral-Doors-Shirt.

Dass er sich uns erst eine Stunde vorher vorgestellt hatte, war zu dem Zeitpunkt scheinbar längst vergessen. Man muss ihm wohl dankbar sein, dem lieben Alkohol.

Das Shirt besitzt Benne übrigens heute noch. Meist trägt er es, wenn Waschtag ist.

Hinweis: Für eine klassische Hard-Rock-Band, die das Genre quasi nicht bereichert, finde ich die Astral Doors übrigens gar nicht so schlecht. Ihr neues Album "Jerusalem" ist am 21. Oktober erschienen und konnte in METAL MIRROR #59 eine zufriedenstellende Kritik ernten.