Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
2Jul/120
Buch-Rezension: Ace Frehley - Keine Kompromisse

Eine schonungslose Abrechnung?

Ace Frehley - Keine KompromisseWenn ein Musiker wie Ace Frehley, der als Spaceman Mitgründer der Rock-Giganten KISS war, im Alter von 60 Jahren auf sein Leben zurückblickt und eine Biographie veröffentlicht, erwartet man vor allem Skandale, Abrechnungen, Konfrontationen. Erst recht, wenn besagte Biographie den Titel „Keine Kompromisse“ trägt. Und ja, Ace rechnet ab. Nicht so gnadenlos, wie man es erwartet hätte, aber noch während des Lesens bekommt man einen Eindruck davon, welch zwiegespaltene Beziehung der einstige Lead-Gitarrist zu der vielleicht größten Rockband des Planeten hat. Je nach Stimmungslage flüchtet sich Ace in nostalgische Gedankenspaziergänge, plötzlich wird der Ton jedoch giftig und er erzählt zum wiederholten Mal, wieso er Paul Stanley und vor allem (!) Gene Simmons für... nunja... selbstsüchtige Arschlöcher hält, die alles daran setzen, um seine Rolle in den Anfangstagen der Band herunterzuspielen. Angesichts der Regelmäßigkeit, mit der Ace diese Vermutungen vor allem gegen Ende des Buches fast Mantra-artig wieder und wieder herunterbetet, möchte man schon fast von einer leichten Paranoia sprechen. Wenn Ace dann auch noch esoterisch wird, von Glückszahlen, Gottes Plan und seinen Begegnungen mit Außerirdischen berichtet, wird es teilweise etwas arg abenteuerlich und zu dem Stirnrunzeln gesellt sich etwas Fremdscham angesichts so viel Naivität. Es spricht doch Bände, dass er sich für dieses Buch kaum noch bei seinem eigenen Erinnerungsschatz bedienen konnte, sondern wegen der vielen alkohol- und drogenbedingten Gedächtnislücken auf Aussagen von Bodyguards, Freunden, Musikern, Produzenten und Co. zurückgreifen musste. Wenn Ace dann nach Konsum unterschiedlichster Drogencocktails nackt vor seiner Haustür aufwacht und er das als Beleg dafür heranzieht, dass er von Außerirdischen entführt wurde, dann möchte man doch stark daran zweifeln, dass er tatsächlich einen IQ von über 150 hat, wie er im Laufe des Buches stolz referiert.

Und das ist längst nicht das einzige Paradoxon. Ace hat ein unglaubliches Talent dafür, den reumütigen, geläuterten ex-Sünder zu spielen, ohne dabei wirklich Reue zu zeigen. Selbst wenn er in einem Kapitel noch erzählt, wie er wieder mal vollkommen berauscht den größten Mist baute (auf dem Programm stehen Unfälle mit Schusswaffen, eine Verfolgungsjagd mit der Polizei, Bar-Schlägereien und etliche volltrunkene Autofahrten und -unfälle), freut er sich zwei Seiten später, dass ihn niemand einsperrte, sobald er seinen Namen sagte. Ace möchte bescheiden sein, weil er damit der Anti-Gene-Simmons wäre, mit dem er endgültig brach, weil Gene seine Tochter aus einer Filmszene des KISS-Films „Detroit Rock City“ schnitt.

Lässt man diese in manchen Aspekten recht einseitige Herangehensweise von Ace mal außen vor, bleibt eine über weite Strecken doch unterhaltsame Biographie übrig, die vor allem während der KISS-Jahre Spaß macht. Auch der Werdegang des jungen Straßengangsters Paul Frehley vom Tunichtgut zum Tunichtgut-Millionär liest sich weitgehend interessant, auch wenn ich persönlich finde, dass manch eine Passage einen längst nicht so gefangen nimmt, wie es die Biographien von Slash, Mötley Crüe oder Ozzy Osbourne vermochten. Das mag alleine daran liegen, dass deren Biographien weit umfangreicher waren als die nicht einmal 300 Seiten von Ace Frehley, aber es ist auch ein wenig die Art des Erzählens. Hatte man bei besagten Vorreitern noch das Gefühl, dass man wirklich jede Etappe mitmachte, dass es schier ewig zu dauern schien, bis man plötzlich gemeinsam mit dem Protagonisten die große Bühne der Welt erklomm, im Geld schwamm und sich mit Groupies herumtrieb, geht das bei Ace alles verhältnismäßig schnell. Ob sich Ace nicht mehr an weitere Details des steinigen Wegs an die Spitze erinnert oder diese für schlicht zu uninteressant hielt, weiß ich nicht, mir geht bei diesem Durchhuschen nur ein wenig die Empathie flöten. Hinzu kommt die in meinen Augen etwas altertümliche Übersetzung ins Deutsche, durch die Ace manchmal klingt wie ein Ü60-Jähriger, der verzweifelt versucht, coole Ausdrücke zu finden. Aber wer weiß, vielleicht ist er das ja mittlerweile auch und die Übersetzer haben sich dabei nur am Original orientiert.

Genug gemeckert: Unterm Strich habe ich „Keine Kompromisse“ gerne gelesen. Dem Titel, der eine doch noch schonungslosere, offenere Abrechnung suggeriert, wird das Buch zwar oft nur in Ansätzen gerecht, aber kurzweiliger Lesespaß ist garantiert – all den Personen, die sich anstelle Frehleys an die vielen Anekdoten erinnern konnten sei Dank. Ohne sie wäre der Spaceman ziemlich aufgeschmissen gewesen, so dauerbenebelt wie er die meisten Jahrzehnte erlebt hat.


Ursprünglich ist dieser Text in METAL MIRROR #66 erschienen. 

Kommentare (0) Trackbacks (0)

Zu diesem Artikel wurden noch keine Kommentare geschrieben.


Kommentar schreiben


Noch keine Trackbacks.