Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
25Jun/123
Berlin erkunden: Jim-Morrison-Denkmal

Ein Trip in die Seelenküche

Innenraum der Kneipe Seelenküche in BerlinEin Trip ins Nirgendwo. Nur zwei Dosen Whiskey-Cola im Gepäck. Der Blick schweift aus dem Fenster des Linienbusses. Um mich herum ist es grün. Hier draußen ist Berlin keine Großstadt mehr. Hier draußen ist Berlin ländlich. Hier fährt der Bus über Landstraßen und Autobahnzubringer. Die Haltestellen haben hier keine digitalen Anzeigen, auf denen in oranger LED-Schrift steht, wie lange man noch wartend in die Leere starrt. Hier gibt es noch richtige Bushaltestellen. Mit Papierfahrplänen, die hinter Glasscheiben Verwirrung stiften und nicht selten fehlen oder wegen darüber gesprayter Graffitis nicht mehr lesbar sind.

Was also mache ich hier in der Pampa? Ganz genau diese Frage stelle ich mir auch, als ich fast widerwillig an der Haltestelle "Königsheideweg" aussteige und eine lange, leere Straße hinunterblicke. Links ein Gartencenter, das nur von März bis Oktober geöffnet hat. Rechts eine Baumschule. Ich bin im Auftrag des Rock'n'Rolls unterwegs. In dieser Gegend schwer vorstellbar, aber wahr. Skeptisch starre ich das Straßenschild an. So richtig glaube ich selbst noch nicht, dass ich hier richtig bin. Aber die Adresse stimmt. Schulterzucken. Hausnummer 9 suchen.

Allzu lang muss ich nicht suchen. Nach wenigen Metern erscheint es auf der linken Straßenseite. Ganz unscheinbar, verdeckt von so viel Grün, dass man nicht weiß, ob es so gewollt war, dass es so sprießt oder der Wildwuchs einfach nur der mangelnden Pflege geschuldet ist. Mitten in dem grünen Blättervorhang, über einem Tor, das Biergarten-Schrägstrich-Schrebergarten-Charme versprüht, blickt einen aus dem Nichts Jim Morrison an, der in dieser ländlichen Umgebung gleichermaßen Fehl am Platze, aber gerade deswegen so vertraut wirkt. Ich passe hier nämlich auch nicht so richtig hin.

Hier draußen steht es also, das Jim-Morrison-Denkmal, das 2003 "offiziell eingeweiht" wurde. Das behauptet zumindest Wikipedia, bleibt aber Antworten schuldig, wenn es darum geht, was das denn überhaupt heißen soll, "offiziell eingeweiht". Waren Ray Manzarek, Robby Krieger und/oder John Densmore hier? Hier draußen, eine gute Stunde Fahrtzeit vom Berliner Hauptbahnhof entfernt? Mitten zwischen Baumschulen und "Laubpiepern", wie der Berliner die Kleingärtner scheinbar nennt? Schwer vorstellbar.

"Seelenküche" nennt sich die kleine Kneipe, die versteckt neben dem Ab-März-offen-Gartencenter liegt. Alles Unbehagen verschwindet mit einem Mal, während ich durch das Tor spaziere. Als habe man eine magische Schwelle überschritten. Plötzlich ein Stück Heimat mitten im Nirgendwo. Die Sonne strahlt, der Himmel ist blau. Auf spartanischen Gartenmöbeln sitzen eine Frau, geschätzt um die 50 Jahre alt, und ein alter Herr mit weißem ZZ-Top-Vollbart. Beide haben große Bierkrüge vor sich und schweigen sich gemütlich an. Der Fremde, in dem Falle: ich, wird mit einem Nicken begrüßt.

Mitten in diesem Vorgarten steht ein Mann in kariertem Hemd und drübergezogener Lederweste. Mit imposantem Schnauzbart, verwuschelten grau-schwarzen Haaren und dem seligen Blick, wie ihn sich nur Kneipenwirte aneignen können, die gelernt haben, das Leben nicht zu schwer zu nehmen. "Kann ich helfen?", fragt er und grinst freundlich. "Hier soll es ein Jim-Morrison-Denkmal geben?" Der Berliner Kneipenwirt nickt. Dass ich deswegen gekommen bin, hatte er sich vermutlich schon gedacht, als ich mit meinem Doors-Shirt den Vorgarten seiner Seelenküche betreten habe.

Und mitten in diesem Vorgarten steht es auch. Das Berliner Jim-Morrison-Denkmal. Eine pompöse, ja fast schon theatralische Gedenkstätte, die wohl an das Pariser Grab des besten Fronters aller Zeiten erinnern soll. Weiße Kieselsteine bilden das Fundament dieser einen Quadratmeter großen Friedhofs-Simulation. Schwarz umzäunt, goldene Spitzen. Am Boden wächst eine einsame Rose, die wunderschön in vollem Rot blüht. Über allem thront eine weiße Säule, von der ein Schwarz-weiß-Portrait Jim Morrisons herabblickt. Auf einer goldenen Plakette steht "James Douglas Morrison, amerikanischer Poet und Sänger, * 8.12.1943 † 3.7.1971".

"Hast du Bier?", frage ich.

Im Inneren erschließt sich einem erst das ganze Ausmaß des Jim-Morrison-Kultes, den die Seelenküche betreibt. Mehrere Räume sind vollgehangen mit Rock'n'Roll-Postern. Die meisten zeigen Jim Morrison in den unterschiedlichsten Phasen seiner viel zu kurzen Karriere. Als Jungspund, der gerade erst dem Leben am Strand von Los Angeles entsprungen ist. Als Sexsymbol mit nacktem Oberkörper und langen Locken. Als aufgedunsenen Säufer mit Vollbart, als der er mit nur 27 starb. Auf einer Fensterbank steht eine Büste, wie man sie sonst nur aus griechischen Restaurants kennt. Meist zeigen sie irgendwelche Götter des Olymps, hier ist es ein Rock-Gott, der in Stein gemeißelt wurde. Fotocollagen dokumentieren Partyabende aus der Kneipe, die ohne ihre Jim-Morrison-Aufmachung nichts anderes wäre, als eine weitere deutsche Spießerbierbude zwischen noch spießigeren Kleingärten. Doch die Seelenküche ist anders. Ein fremdes Element in der Einöde.

"Dann will ich erstmal den richtigen Sound anmachen", sagt Schnauzbart-Betreiber Bernd mit einem Grinsen und legt eine The-Doors-Best-Of auf. "Roadhouse Blues" erklingt. Jim Morrisons Stimme hallt durch diesen kleinen Kneipentempel, der ihm zu Ehren errichtet wurde. Das Bier ist frisch gezapft. Ja, hier lässt es sich gut aushalten.

Bernd, Betreiber der Seelenküche, setzt sich mit einer halbvollen Flasche Tequila-Bier dazu und erzählt seine Geschichte. Dass er schon seit mehr als drei Jahrzehnten Kneipenbetreiber ist, als Rock-Fan aber immer eine Musikkneipe aufmachen wollte. Dass er sich nebenbei immer als Konzertveranstalter versuchte. Leider nur mit mäßigem Erfolg. Zuletzt habe er mehrere tausend Euro Verlust wegen eines organisierten Konzerts gemacht. Es waren einfach nicht genug Leute gekommen. "Das war trotzdem ein netter Abend", sagt er und wischt die Gedanken an das Verlustgeschäft mit einer Handbewegung weg.

Jetzt habe er nur noch wenige Monate bis zur Rente. Die kriege er auch noch rum, sagt er, während er an seinem auffällig modernen Smartphone herumspielt und mir Videos und Bilder von den von ihm organisierten Konzerten zeigt. Über eine kleine Open-Air-Bühne hinter seiner Kneipe habe er auch schon nachgedacht, grübelt er laut. Bernd möchte vor allem eines sein: kein normaler Kneipenwirt. Eher ein Konzertveranstalter. Einer, bei dem die Leute eine gute Zeit haben. Bei dem es mehr gibt als Bier und Kneipenschlager.

Hier draußen alles andere als einfach. Denn Laufkundschaft gibt es keine. Wer seinen Weg in die Seelenküche findet, der findet ihn sehr bewusst. Der hat danach gesucht und sich nicht von Busfahrten ins Nirgendwo abhalten lassen. Einst sei sogar ein Doors-Fan aus Australien zu Besuch gekommen. Doch spätestens seit die angrenzende Autobahn fertiggestellt sei, gäbe es so gut wie keine Laufkundschaft mehr. Das sei auch mal anders gewesen.

Plötzlich stolpert ein Mann, vermutlich in seinen Dreißigern, in die Kneipe. Dem Shirt-Aufdruck nach zu urteilen, ist er Mitarbeiter des angrenzenden Gartencenters. "Machst du mir ein Bier?", fragt er mit lallendem Unterton und schwankt in Richtung Tresen. Offenbar kein Unbekannter, sondern einer der wenigen Stammgäste, die ein Gegenmittel für die Langeweile auf der Arbeit gefunden haben. Mit seinem frisch gezapften Bier geht er wieder raus. "Ich saufe draußen", sagt er und verabschiedet sich in Richtung Vorgarten.

Ja, vermutlich hat dieses Rock-Juwel im Nirgendwo schon bessere Zeiten gesehen. Und doch strahlt dieser Ort so etwas wie Harmonie aus. Eine gewisse Selbstzufriedenheit. Die Seelenküche ist kein angesagter Szeneclub in einer der größten Städte der Welt. Sie ist mit ihrem Retrocharme die exakte Antithese zu dem Höher-schneller-weiter-Wettbewerb der Großstadt. Sie hat sich dem Denkmal eines Sängers verschrieben, der bereits seit mehr als vierzig Jahren tot ist und den weite Teile der heutigen Club-Szene maximal von seinen berühmt-berüchtigen Exzessen kennen, nicht wegen seiner einzigartigen Stimme und Texte. An diesem Ort scheint die Zeit stillzustehen.

Ich fühle mich hier sehr wohl.

Oder um es mit den Worten des Poeten und dem Song, der der Kneipe ihren Namen gegeben hat, zu sagen:

Well, the clock says it's time to close now
I guess I'd better go now
I'd really like to stay here all night
The cars crawl past all stuffed with eyes
Street lights share their hollow glow
Your brain seems bruised with numb surprise
Still one place to go
Still one place to go

(...)

Let me sleep all night in your soul kitchen
Warm my mind near your gentle stove
Turn me out and I'll wander baby
Stumblin' in the neon groves

Well the clock says it's time to close now
I know I have to go now
I really want to stay here
All night, all night, all night

Kommentare (3) Trackbacks (0)
  1. Hallo Dorian, ich finde Du hast mit Deinen Artikel über die Seelenküche den Nagel auf den Kopf getroffen. Es gebe noch sehr viel zu erzählen und zu schreiben über das Projekt Seelenküche. Ich hoffe nur das ich es noch lange halten kann oder sich mal jüngere Fans für ein Projekt dieser Art interessieren und weiter führen würden. Wenn Du wieder in Berlin bist würde ich mich über Deinen Besuch freuen.
    Gruß Bernd

  2. Hallo, Dorian, hübscher Artikel, wirklich. Aber – wie immer – die Fehlerchen oder “Unterlassungen”. Schade, daß Du offenbar im Innern übersehen hast, woraus ein großer Teil der Wände besteht. Aus Türen. Wir sind in einer Doors-Kneipe. Zu dick?
    Ich kann’s noch dicker. Es macht sich ganz gut, das Ding mit “ein alter Herr mit weißem ZZ-Top-Vollbart”. Is ja ‘n Artikel eines Musikjournalisten … Aber die, vom Träger des Bartes unbeabsichtigte, Ähnlichkeit desselben mit Karl Marx wäre eine vielleicht noch interessantere Bemerkung wert gewesen (wir sind in der Seelenküche). Oder, was, bitte, keine Unterstellung sein soll, sondern eine Erkundigung, kennt ein Musikjournalist der heutigen Tage nicht (mehr) das Konterfei des Bärtigen aus Trier?
    Na, ja, und dann das mit dem “vollgehangen” … Hier ist die transitive Form von “vollhängen” geboten: “vollgehängt”. Leider kann ich das mit dem Verb “vollhängen” gar nicht oder nicht so gut erklären wie mit “hängen”. Gute Bilder oder böse Politiker werden aufgehängt; wenn ein Radrennfahrer einen Ausreißversuch unternimmt, rollen hinter ihm die Abgehängten, nicht die Abgehangenen, hingegen ist eine Wurst oder eine Speckseite gut abgehangen. Und da wäre noch ein schönes Beispiel – und um damit zu enden: Ich bin gesonnen zu hoffen, Du bist mir trotz meinem Schreiben gut gesinnt.
    Herzlichst k.d.
    (Klassenkamerad von Bernd und Jürgen aus der Seelenküche); den Marx- resp. ZZ-Top-Vollbart habe ich vorgestern abgenommen

    • Hey K.D.,

      erstmal vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren. DAS ist in der heutigen Zeit ja nun wirklich rar. Zu allen angesprochenen Punkten:

      1. Da ich den Bandnamen The Doors eher als metaphorische, spirituelle Tür verstehe, erschien mir das Draufrumreiten auf physischen Türen doch arg uninteressant.

      2. Karl Marx sollte man in jeder Generation kennen, sofern man denn über eine halbwegs gesunde Allgemeinbildung verfügt. Und tatsächlich war meine erste Assoziation, als ich deinen Prachtbart sah: Karl Marx. Dennoch – du hast es schon ganz gut erfasst – als Musikjournalist würde ich fast jederzeit einen ZZ-Top-Vergleich einem Karl-Marx-Vergleich vorziehen. Es sei denn natürlich, der Kontext erzwingt anderes.

      3. Danke für das “Vollhängen”-Feedback. Es geht doch nichts darüber, einzelne Worte zu diskutieren.

      Besten Gruß,
      Dorian

      P.S.: Lass deinen Bart wieder wachsen!


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