Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
20Feb/120

33 Stunden Stockholm – Ein Reisereport

Stockholmer Landschaft
4.00 Uhr am sehr, sehr, sehr frühen Samstagmorgen. Normalerweise ist das die Zeit, wann ich ins Bett gehe. An diesem Samstag stehe ich hingegen zu dieser Uhrzeit auf. Der Grund: Dorian fliegt nach Stockholm. Als Abgesandter des RockHard-Magazins wird mir die Ehre zuteil, vorab in die neue Marduk-Scheibe (den Titel darf ich noch nicht verraten) hineinzuhören.

Für mich wird dadurch immerhin ein kleiner Traum wahr: Seit Jahren wollte ich endlich mal nach Schweden – bisher lösten sich alle Pläne jedoch immer wieder in Luft auf. Schöne Frauen, teures Bier, eisige Kälte? Nicht jedes Klischee über Schweden ist wahr, wie ich in den folgenden 33 Stunden feststellen werde.

Der Trip startet letztlich schon am Freitagabend. Fieberhaft überlege ich, wie es mir gelingen soll, rechtzeitig ins Bett zu gehen und auch schlafen zu können – ich verfluche meinen verkorksten Tag-Nacht-Rhythmus! Letztlich komme ich immerhin auf knappe drei Stunden Schlaf bevor es zum Düsseldorfer Flughafen geht. Völlig verschlafen stolpere ich dort als erstes in Chris Boltendahl von Grave Digger, der mit seiner Familie unterwegs zu sein scheint. Wo der wohl hinfliegt? Keine Ahnung. Ich bin aber auch zu müde, um nachzufragen. Wir nicken uns kurz zu und gehen unserer Wege.

Der Flug ist sehr angenehm. Gemeinsam mit dem Kollegen vom Metal Hammer und einem Promoter der zuständigen Plattenfirma geht es innerhalb von zwei Stunden nach Stockholm. An Schlaf ist unterwegs nicht zu denken. Unter uns verschwinden die Lichter Düsseldorfs hinter Wolken. Über den Wolken wird geplaudert. Worüber man in diesem Business eben so plaudert: Gute Bands, schlechte Bands, skurrile Interview-Erlebnisse und Rock'n'Roll-Anekdoten. Die Zeit verfliegt und schwupps stehen wir am Gepäckband des Stockholmer Flughafens.

Mit dem Schnellzug geht es vom sehr weit außerhalb gelegenen Flughafen in die Innenstadt. Wir fahren durch winterliche Waldlandschaften, vereinzelt blickt man auf Häuser, die aussehen wie aus einer Astrid-Lindgren-Verfilmung. Aber wir kommen auch durch die weniger romantischen Ecken des Stockholmer Umlands. Industriegelände, hässliche Brücken, mit Graffitis besprühte Tunnel...

Der Stadtteil, in dem wir letztlich landen, ist jedoch schön. Unser Hotel liegt sehr zentral, in der Nähe des Medborgarplatsen. Lange bleiben wir da jedoch nicht. Wenn man nur etwas mehr als einen Tag Zeit hat, um Stockholm unsicher zu machen, dann möchte man das auch nutzen. Und Stefan, unser Reiseführer, hat sich top vorbereitet: Womit macht man Musikverrückte glücklicher als mit einem kleinen Shopping-Trip durch Stockholms Underground-Plattenläden?

Plattenladen in Stockholm

Platten, Platten, Platten... Unseren Reiseführer freut's.

Wir landen schließlich im „An Ideal For Living“, einem unscheinbaren Laden, der sich laut seinen Werbeschlagworten zufolge auf „Vintage“, „Design“ und eben „Records“ spezialisiert hat. Von außen unspektakulär kommen wir im Inneren ins Staunen. Bereits im Eingangsbereich stehen ein paar Kisten mit Platten, der richtige Eyecatcher folgt jedoch erst, als wir eine Treppe hinunter in den Kellerraum des Ladens hinabsteigen. Wir befinden uns in Nerdvana. Tonnenweise stapeln sich die Schallplatten, vor allem im Bereich Rock und Metal hat der Laden einiges zu bieten. Ich gehe schließlich vom Glück beseelt mit vier neuen LPs aus dem Plattenparadies: Manowar – Sign Of The Hammer, Thin Lizzy – Live & Dangerous, Ozzy Osbourne – Blizzard Of Ozz und (natürlich) The Doors – Waiting For The Sun. Alles zusammen für 330 Kronen, was etwas mehr als 40 Euro entspricht. Yay!

Die weiteren Plattenläden, die Stefan herausgesucht hat, können nicht mit diesem Geheimtipp mithalten. In einem gibt es fast nur Techno-House-sonstwas-Platten. Wir gehen nach wenigen Sekunden rückwärts wieder aus dem Laden. Der nächste Plattenladen hat nicht einmal ansatzweise eine so große Auswahl und bietet weniger Second-Hand-Raritäten, sondern eher Vinyl-Neuheiten und vor allem CDs an. Mir ist's egal, ich habe ja ein, ach quatsch: vier super Andenken.

Es geht zurück zum Hotel. Die Listening-Session soll später in der sogenannten Vampire Lounge, angeblich die beste Cocktailbar Stockholms, stattfinden. Stefan möchte im Vorfeld den Club abchecken, um zu klären, ob alles funktioniert. Für uns bedeutet das eine gute Dreiviertelstunde Freizeit. Hinlegen? Power-Napping? Pah, von wegen.

Mit meiner Kamera im Anschlag begebe ich mich auf einen kleinen Spaziergang durch Stockholm. Im Supermarkt um die Ecke kaufe ich mir eine Dose Lätt-Öl, sprich: Bier mit weniger Prozenten. In diesem Falle: 2,8 Umdrehungen, aber sehr lecker. Und der Preis von 8 Kronen (rund 1 Euro) geht auch in Ordnung.

Als ich wieder vor dem Supermarkt stehe, überkommen mich jedoch Zweifel: Darf man in Stockholm einfach mit einer Bierdose durch die Gegend marschieren? Es soll ja Gegenden geben, in denen so etwas nicht so gern gesehen wird, manchmal gar verboten ist. Und die Supermarktfrau schaute mich schon etwas seltsam an, als ich nur mit einer Dose Bier an ihrer Kasse stand und im Portemonnaie umherwühlte, verzweifelt darum bemüht, die richtige Kronenanzahl zu erspähen. Passenderweise sackt die örtliche Polizei um die Ecke einen volltrunkenen Obdachlosen ein, der seine Wodkabuddel über dem Kopf umherwirbelt. Machen die das jetzt weil er strunzenvoll ist? Oder weil er in der Öffentlichkeit Alkohol trinkt? Ich drücke meine Bierdose jedenfalls eng an meinen Körper. "Notfalls sagen, dass du unwissender Tourist bist", denke ich mir und nehme einen weiteren großen Schluck aus der blauen Dose.

Richtiges Schweden-Flair kommt bei meinem Spaziergang aber nicht auf. Am Platz um die Ecke gibt es alles, was es in jeder Großstadt des Planeten gibt: McDonalds, Burger King, jede Menge Touristen, Straßenmusiker und einen Feuerspucker. Ich schieße ein paar Fotos, lasse das überfüllte Treiben auf mich wirken und stapfe durch den Schnee zurück zum Hotel.

Stockholm: Feuerspucker

Feuerspucker und Touristen: Großstadtflair in Stockholm

Dann ist es Zeit für die Listening-Session. In der Hotel-Lobby treffe ich die anderen Journalisten. Mit dabei sind Kollegen aus Belgien, Finnland, Frankreich, Spanien und natürlich Schweden. Ab jetzt wird nur noch Englisch geredet, selbst wenn man nur mit seinen deutschen Kollegen quatscht. Die Vampire Lounge befindet sich glücklicherweise keine zehn Minuten Fußweg entfernt. Unterwegs gibt es internationalen Metal-Journalisten-Smalltalk. Wofür schreibst du? Wie war die Hinreise? Hast du auch so'n Bierdurst?

Die Vampire Lounge macht bereits beim Betreten des Kellergewölbes mächtig Eindruck. Im Erdgeschoss befindet sich ein deutsch-schwedisches Restaurant, das typisch gutbürgerlich wirkt. Im Keller herrscht jedoch eine ganz andere Atmosphäre. Die Bar ist komplett abgedunkelt, nur sehr vereinzelt gibt es spärliche, meist dunkelrote Lichtquellen. Marduk sind bereits vor Ort – zumindest zum größten Teil. Morgan, den Bandchef, erkennt man sofort. Schon alleine, weil er eine unglaubliche Präsenz ausstrahlt. Er hat eine laute Stimme, ist groß und drückt mit jeder Körperbewegung Selbstbewusstsein aus. Er begrüßt jeden Journalisten einzeln und stellt sich vor. Manieren hat er, dieser gefürchtete Black-Metal-Musiker. Sein Kollege, der Ausnahmeschreihals Mortuus, ist dagegen sehr viel wortkarger, bleibt meist in der Ecke sitzen und wirkt ganz anders - irgendwie verwundbarer - als auf der Bühne

Als das Einheitsgeplänkel vorbei ist, geht es mit den ersten Bierchen und schließlich mit dem neuen Marduk-Album los. Wie das Album klingt und heißt, darüber will ich an dieser Stelle nichts verraten. Diese Infos kann man allesamt im nächsten RockHard durchlesen. Gleiches gilt für das Interview mit Morgan, das ich direkt im Anschluss an die Listening-Session mit ihm führe. Was bei unserem halbstündigen Gespräch herauskommt, wird man in zwei Ausgaben ebenfalls im RockHard erfahren können.

Ich bin nur froh, dass mein Interview das erste Interview auf der Tagesordnung ist. Ich hasse es, Musiker zu interviewen, die sich gerade in einem Interview-Marathon befinden und nur noch routiniert ihren Standardtext runterrasseln (meist unabhängig davon, ob dieser zur gestellten Frage passt). Ich erlebe jedenfalls einen frischen, ja fast Interview-hungrigen Bandchef. Der nächste Vorteil des frühen Interview-Termins: Ich kann als erster zurück an die Bar. Dort quatsche ich eine ganze Weile mit dem finnischen Journalisten Timo, ein sehr netter Mittdreißiger mit krassem Rauschebart. Die französische Kollegin sitzt derweil lieber alleine an einem Tisch und geht nochmal ihre Notizen durch. Was der spanische Kollege macht, weiß ich auch nicht. Der sitzt eigentlich die gesamte Listening-Session hindurch hinter seinem Macbook, drei Tische von allen anderen entfernt. Freiwillig gewählte Isolation. Eigentlich schade, denn das internationale Ründchen lernt sich langsam kennen und fängt spätestens beim an die Listening-Session anschließenden Abendessen an, Witze auf Kosten jeder anwesenden Nationalität zu machen. Der Belgier und die Französin sind der festen Überzeugung, dass „wir Deutschen“ nichts anderes außer Wurst essen. Mit dem obligatorischen Abwechslungsschnitzel zwischendurch, versteht sich. Interessant. So fühlt es sich also an, Opfer eines nationalen Stereotyps zu sein.

Doch es kommt auch Sinnvolles beim Essen heraus. Timo, der finnische Kollege, weist mich als Die-Hard-Bathory-Fan darauf hin, dass ich unbedingt Quorthons Grab besuchen soll. Wann werde ich schon noch die Gelegenheit dazu haben?! Stefan, unser Reiseführer, ist glücklicherweise auch begeistert von der Idee. Wir besiegeln die Idee mit einem Handschlag: Morgen werden wir Quorthons Grab suchen und finden!

Stockholm: Vampire Lounge

"Ihr Deutschen esst doch eh nur Wurst."

Der offizielle Rahmen der Listening-Session neigt sich derweil dem Ende entgegen. Der inoffizielle Teil hat jedoch gerade erst begonnen. Nur wenige Straßen entfernt findet nämlich gerade eine Überraschungsparty für ein Mitglied der Stoner-Metal-Truppe Grand Magus statt – in einem Club, der sich „Garlic & Shots“ schimpft. Unterwegs haben wir zwar ein paar Journalisten an die Müdigkeit, die Schreiblust oder den Alkoholkonsum verloren, der Großteil der Anwesenden spaziert (oder stolpert, je nach Verfassung) jedoch in den Kellerraum des ungewöhnlichen Clubs. Und der Laden riecht nicht nur nach Garlic (= Knoblauch), sondern auch nach Rock’n’Roll! Die Decke ist zugekleistert mit Rockpostern, die schon so lange da zu hängen scheinen, dass sie eins mit dem harten Putz geworden sind. Auf klapprigen Barhockern und ausgewetzten Sofas hockt Stockholms Rockszene. Das für deutsche Verhältnisse krass überteuerte Bier (0,3 l kriegt man nicht für unter rund 5 Euro) wird auf wackeligen Gartenmöbeln abgestellt. Aus den Boxen dröhnen Rock und Punk, dann aber auch wieder elektronische Musik. So feiert man also in Stockholm: querbeet!

Das trifft auch auf den Altersdurchschnitt der Besucher zu. Jungspunde drängeln sich verschwitzt über die Tanzfläche, vorbei an Rock-Dinosauriern. Wobei man manch einer Person das Alter gar nicht anmerkt. Ich unterhalte mich mit einer vermeintlich jungen Schwedin. Nach 15 Minuten erfahre ich, dass sie bereits 36 ist und zwei Kinder hat. Hut ab, die hat sich gut gehalten. Und schon überkommen mich Zweifel: Sind die ganzen Jünglinge hier vielleicht eigentlich viel älter als sie aussehen? Wirken Schweden und Schwedinnen in unseren Augen vielleicht einfach jünger? Hübscher sind sie jedenfalls nicht – auch wenn das Klischee oft das Gegenteil behauptet. Und es gibt auch weitaus weniger blonde Menschen als man es im Vorfeld vermutet. Eigentlich sehen die genau so aus wie wir. Was für eine Erkenntnis. Darauf noch ein Schluck überteuertes Bier und weiter die Menge beobachten. So viel Atmosphäre aufsaugen, wie es nur geht.

Die Grand-Magus-Jungs scheinen hier jedenfalls zuhause zu sein. Klar, Grand Magus ist nicht die größte Band der Welt, aber immerhin ein Name in internationalen Szenekreisen. Hier sitzen die Jungs trotzdem ganz entspannt zwischen ihrer Vielzahl an Freunden und anderen Club-Besuchern. Ich unterhalte mich kurz mit Janne „JB“ Christoffersson, dem Frontmann der Truppe. Wirkt im direkten Gespräch eine ganze Ecke sympathischer als auf der Bühne. Und sieh an: der kann ja sogar lachen.

Gleiches gilt auch für Daniel aka Mortuus, den Marduk-Sänger. Morgan hatte scheinbar keine Lust mehr auf den After-Listening-Knoblauch-Shot mit der restlichen Belegschaft, Mortuus sitzt jedoch gutgelaunt und breitschultrig auf einer ranzigen Couch und unterhält sich mit den Journalisten und mitgebrachten Kumpels. Als Marduk-Fronter erkannt wird er nicht – das mag am fehlenden Corpsepaint liegen, das ihn gleich eine ganze Ecke freundlicher erscheinen lässt. Andererseits kann es natürlich auch sein, dass man ihn hier einfach so gut kennt, dass es nichts Besonderes mehr ist, wenn er im Knoblauch-Club herumhängt.

Irgendwann setzt jedoch die Müdigkeit ein. Für mich ein ungewohntes Gefühl. Vermutlich hängt mir noch immer der Flug oder besser gesagt: das unmenschlich frühe Aufstehen in den Knochen. Also zurück ins Hotel. Morgen ist ja auch noch ein Tag!

Der nächste Tag. Ich wache auf, weil ich Durst habe. Der berühmte Nachdurst eben. Ein Blick auf die Uhr, Panik. In 30 Minuten wird das Frühstücksbuffet geschlossen! Die langen Haare ungekämmt, schnell in ein Bandshirt geschmissen, die Ringe angezogen – auch beim Frühstück kann man Rock’n’Roll sein. Mein Kollege vom Metal Hammer hält es da genau so. Im Frühstücksraum gucken die wenigen, noch frühstückenden schwedischen Spießerpärchen nicht schlecht, als die beiden langhaarigen Metal-Dudes verpennt und leicht verkatert Orangensaft und Toastbrot konsumieren. Irgendwann stößt auch unser Reiseführer Stefan dazu. Anscheinend waren die Jungs nach „Garlic & Shots“, wo um 1 Uhr Zapfenstreich war, noch in einem anderen Club.

Nach so viel Party wird es heute Zeit für ein paar Sehenswürdigkeiten. Unseren Plan haben wir ja bereits am Vorabend geschmiedet: Wir wollen Quorthons Grab besuchen! Am Morgen danach ist nicht mehr die ganze Reisegruppe davon überzeugt, dass uns das auch gelingen wird, aber ich verbreite Optimismus. Das muss einfach klappen!

Stockholms Friedhof

In Schnee gehüllt: Der Friedhof in Stockholm.

Mit der U-Bahn machen wir uns auf den Weg. Bis zum Friedhof sind es nur vier oder fünf Stationen. Der Friedhof ist freilich leicht zu finden, ein einzelnes Grab hingegen – das erweist sich als sehr viel schwieriger. Doch schon so hat sich der Besuch gelohnt. Wir haben das perfekte Wetter erwischt. In der Nacht ist Neuschnee gefallen, der Himmel ist strahlendblau, die Sonne strahlt und die gefühlte Temperatur entsprechend ganz angenehm. Uns bietet sich ein fantastischer Anblick. Die vielen Gräber sind schneebedeckt und schimmern im Strahlen der Sonne. Langsam gehen wir durch die Friedhofswege, immer die Augen offen nach einem Grab, auf dem der Name Forsberg, Quorthons bürgerlicher Nachname, steht. Unter unseren Füßen knarzt der weiße Neuschnee, die Sonne blendet, es ist – im wahrsten Sinne des Wortes – totenstill. Eine sehr harmonische, fast schon beruhigende Kulisse. Dennoch: Ohne Hilfe kommen wir hier nicht weiter. Immerhin ist es nicht so, als sei Quorthons Grab eine große Pilgerstätte, wie es bei Phil Lynott oder Jim Morrison der Fall ist. Es ist traurig, aber außerhalb der Metal-Szene genoss Quorthon quasi keine Popularität.

Ich schreibe eine SMS nach Deutschland, mit der Bitte, doch mal nach Quorthons Grabnummer zu googlen. Dann heißt es abwarten und weiter über den Friedhof spazieren gehen. Wenige Minuten später klingelt mein Telefon. Die Info: Kvarter 1, Grab 525. Immer gut, wenn man Leute kennt, auf die man sich jederzeit verlassen kann. Jetzt ist alles ganz einfach. In Kvarter 1 befanden wir uns ohnehin schon. Müssen nur noch die Gräber abgezählt werden.

Nach wenigen Minuten ist es soweit. Wir stehen vor Quorthons Grab. Es ist noch unscheinbarer und kleiner als wir es vermutet hatten. Ohne die Hilfe hätten wir das Grab niemals gefunden. Es liegt abseits des Hauptweges, vollkommen unauffällig zwischen einer Vielzahl anderer Familiengräber. Ein recht kleiner, rechteckiger Stein, auf dem drei Namen (es ist ebenfalls ein Familiengrab) stehen. Fromm, Sulling und eben Forsberg. Hier liegt er also, einer der bedeutendsten Musiker, die der Heavy Metal je hatte und verlor. Ein Mann wie ein Mythos. Ein Visionär, der im Alleingang zwei Subgenres des Heavy Metals, den Black und den Viking Metal, mitbegründete. Dessen markant schräge Stimme und die epischen Songstrukturen man noch auf der ganzen Welt hören wird, wenn uns alle längst das Zeitliche gesegnet hat. Ich hätte ihn zu gerne einmal interviewt, diesen unsterblichen, öffentlichkeitsscheuen Pionier, um den sich bis heute die Mythen ranken. Hieß er Tomas oder Ace mit Vornamen? War Boss, Inhaber des Black-Mark-Labels, tatsächlich sein Vater? Eigentlich meint man über all die Dinge Bescheid zu wissen. Bathory-Freaks streiten sich über diese Fragen aber immer noch. Und das seit Jahren. Es kursieren zahlreiche Versionen der Wahrheit über diese Band und diesen Musiker. Und mindestens genauso viele Anekdoten und Geschichten. Meine Lieblings-Quorthon-Anekdote ist die, dass er eines Tages mit seiner damaligen Freundin durch die Plattenläden streifte. Seine Freundin begutachtete eine Bathory-Scheibe, empfahl sie Quorthon als echt gute Band und fragte, was er von der Band halte. Quorthon nickte nur, lächelte und sagte der Legende zufolge: „Das ist meine Band.“ Bis zu dem Zeitpunkt hatte er es nicht für nötig erachtet, seiner Freundin mitzuteilen, dass er der kreative Kopf hinter einer der schon damals wichtigsten Bands der Black- und Viking-Metal-Szene war. Ob die Geschichte wahr ist? Wer weiß. Schon zu Lebzeiten war Quorthon ein Mythos.

Quorthons Grab auf dem Stockholmer Friedhof

Das Grab eines grandiosen Musikers: Ruhe in Frieden, Quorthon!

Vor dem Grab steht eine Leuchte. Die Kerze darin ist so gut wie abgebrannt. Wahrscheinlich war schon lange niemand mehr hier. Es erinnert nicht viel an Quorthon. Sein Grab ist kein Schrein geworden, den Jahr für Jahr Heerscharen an Fans besuchen, die dort Joints platzieren, persönliche Gedichte hinterlassen oder Whiskeyflaschen über dem Grab auskippen, um einem großen Musiker ihre Ehre zu erweisen. Auf diesem Familiengrab stehen nur drei Namen. Und wer sich nicht viel mit Quorthon befasst hat, erkennt sein Grab nicht einmal an seinem Nachnamen. Aus dem Grab wächst eine Pflanze, die mittlerweile sogar Teile des Grabsteines überdeckt. Ich glaube, das hätte ihm gut gefallen. Ruhe in Frieden, Quorthon! Du bist zu früh gegangen!

Als ich mich neben das Grab hocke, habe ich Tränen in den Augen. In dem Fall allerdings, weil mich die Sonne blendet und meine Augen deshalb tränen. Dennoch ist das alles irgendwie emotional. Schon vor Jahren habe ich in einer der ersten Ausgaben des METAL MIRRORs schriftlich in einer Top 5 verfügt, dass Bathorys Song „Hammerheart“ irgendwann mal auf meiner Beerdigung laufen wird. Das Stück ist so schön und traurig zugleich, dass ich es mir nur sehr, sehr selten anhöre. Obendrein ist es auf einem meiner ewigen zehn Lieblingsalben, nämlich dem legendären „Twilight Of The Gods“ (1991), das bei mir seit dem Schwedentrip wieder rauf und runter läuft.

Dennoch: Es wird Zeit zu gehen. Wir haben genug Zeit an Quorthons Grab verbracht. Zumal wir noch eine zweite Mission haben. Stefan möchte unbedingt zu dem großen Kreuz, das Entombed einst im Hintergrund eines ihrer ersten Bandfotos zeigten. Dieses Kreuz steht keine zehn Minuten Fußweg von Quorthons Grab entfernt und ist angesichts seiner Größe auch sehr viel einfacher zu finden als ein einzelnes Grab. Auch hier bietet sich wieder eine fantastische Aussicht auf eine weitläufige, schneebedeckte Landschaft. Mitten drin steht – beeindruckend groß – das Entombed-Kreuz. Überaus passend: Auf dem Bandfoto sieht man vier Bandmitglieder, wir sind zu viert unterwegs. Also schnell in Entombed-Pose bringen und ein spazierendes Pärchen fragen, ob sie uns eben fotografieren können. Das Ergebnis sieht doch ganz geil aus:

Stockholm: Entombed-Kreuz

Links Entombed, rechts unsere kleine Reisegruppe.

Der Rest des Tages geht schnell vorbei. Wir haben nur noch zwei Stunden Zeit, bevor es zurück zum Flughafen geht. Eine Zwischenmahlzeit genehmigen wir uns beim örtlichen Burger King. Ich versuche so viele Kronenmünzen wie möglich loszuwerden, da meine Bank in Deutschland nur die Noten zurücktauscht. Obendrein freue ich mich über die nationalen Unterschiede. Beim dortigen Burger King gibt es als Dip Sauce Béarnaise, statt einem Tablett kriegt man einen Korb und den Ketchup kann man sich neben der All-you-can-drink-Anlage frei in kleine Schälchen abfüllen. Verrückt!

Schließlich treffen wir noch eine ehemalige Kollegin von Stefan. Jenny, so der Name der blonden Frau im originalen (!) Rainbow-Tourshirt, hat für einige Zeit die Skandinavien-Promotion von Century Media geführt und hat etliche Anekdoten über die Musiker der Stadt auf Lager. Zu schade, dass nicht genug Zeit bleibt. Wir sitzen nur kurz im Café, plaudern etwas und machen uns dann mit dem Schnellzug auf in Richtung Flughafen.

Plötzlich sitzen wir wieder im Flieger. Es ist seltsam. Irgendwie kommt es einem so vor, als sei man gerade erst angekommen, andererseits hat man das Gefühl, eine Ewigkeit hier gewesen zu sein. Ziemlich genau 33 Stunden waren es. 33 Stunden, in denen ich endlos viele Eindrücke mitgenommen habe. Wie lauteten nochmal meine Eingangsfragen: Teures Bier, hübsche Frauen, Eiseskälte? Im Flieger ziehe ich in Gedanken ein Resümee: Eiseskälte? Pah! Hübsche Frauen? Hm. Teures Bier? Oh ja.

Bis zum nächsten Mal, Stockholm!

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