Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
24Nov/110

Harald vs. Lemmy – Wenn Langeweile auf Routine trifft

Motörhead bei Harald Schmidt (Copyright: Sat. 1)

Von links nach rechts: Phil Campbell, Mikkey Dee, Lemmy Kilmister und Harald Schmidt (Copyright: Sat. 1)

Ich werde jetzt einmal mit einem Tabu der Metal- und Rock-Szene brechen. Ich werde schlecht über Lemmy sprechen, den Gottvater des Heavy Metals. Das unerschütterliche Frontmonster, das uns die Illusion vorlebt, dass es ewig so weitergehen wird. Dass man hundert werden kann, auch wenn man täglich Whiskey wie Wasser kippt. Mit seinem Lebensstil ist der Motörhead-Fronter das Sinnbild des Heavy Metals. Und entsprechend scheint es in diesen Kreisen verboten zu sein, den Mann mit der Warze und den Cowboy-Stiefeln zu kritisieren. Dabei gäbe es manchmal durchaus Gründe dafür, wie mir vorgestern wieder deutlich wurde.

Die Wahrheit ist: Lemmy ist gelangweilt. Seit Jahren befindet er sich mit Motörhead in der gleichen Album-Tour-Album-Tour-Routine. Selbst die Jahreszeit, in der er hier JEDES Jahr spielt, ist die gleiche. Von Ende November bis Anfang Dezember sind Motörhead in Deutschland unterwegs. Basta! Da kann man quasi die Uhr nach stellen. Ist ja auch soweit noch legitim. Die Musik macht noch immer Bock. Die Setlist variiert regelmäßig, wenn man mal von dem obligatorischen Ace-Of-Spades-Overkill-Finale absieht. Ich glaube, dass diese Momente die einzigen sind, in denen Lemmy es noch schafft, aus der selbst aufgebürdeten Routine auszubrechen.

All der andere Zirkus scheint ihm zuwider zu sein. Oder zumindest ist er bis in die letzte Körperzelle von der Medienlandschaft gelangweilt. Er tummelte sich mehrfach bei Raabs Events, hat unzählige Male mit jedem bedeutenden Rock-Journalisten der Welt geplaudert und selbst bei Harald Schmidt war er jetzt zum dritten Mal mit seiner Band zu Gast. Wer möchte dem Ü60-Jährigen da schon vorwerfen, dass er nicht vor Enthusiasmus zu platzen scheint, als er abermals von Dirty Harry ins Studio gerufen wird?

Das Problem ist nur: Lemmy muss man in dieser Verfassung aus der Reserve locken. Irgendeine abgedrehte Aktion abziehen. Vielleicht irgendwas mit Whiskey. Irgendetwas, was einen selbst zuhause so ein bisschen mitreißt. Ein provokanter Akt, der die Hausfrauen vor den Geräten herausfordert, sie piekst und unvermittelt mit der dreckigen Welt des Rock'n'Rolls konfrontiert. Ich glaube, Lemmy wäre für jeden Scheiß in dieser Richtung zu haben. Das wäre endlich mal etwas Neues. Aber dafür braucht es eben einen Moderator, der jung, frisch, zumindest aber voller revolutionärer Ideen ist. Quasi Harald Schmidt vor einem Jahrzehnt. Aber das ist Geschichte. Denn der Anzugträger, der Lemmy da nach einer gefühlten Ewigkeit und vielen schlechten Gags ins Studio bittet, ist noch viel, viel, viel mehr von all dem Trubel gelangweilt als Lemmy selbst. Wie soll in dieser Situation, wenn gelangweilter Medienprofi auf einen vom Medienzirkus gelangweilten Rockstar trifft, ein aufregendes Gespräch entstehen?

Und so kommt es wie es kommen muss: Harald Schmidt erwähnt ein paar Mal das noch immer aktuelle Album "The Wörld Is Yours" (2010), zeigt auch brav das Cover in die Kamera. Ansonsten gibt es Tour-Smalltalk. Helmut Zerlett darf mit Langhaar-Perücke nach vorne kommen und als selbsternannter Weinexperte den Motörhead-Wein analysieren (Urteil: "Nice."), bevor alle fünf Gesprächspartner die Gläser erheben.

Die einzige Prise Rock'n'Roll streut dann schließlich doch Lemmy bei, der einem weiblichen Fan aus Köln das Dekolleté signiert (daraus soll später ein Tattoo werden) und trocken über Prince urteilt, dass dieser zwar ein guter Musiker ist, aber meist keine gute Musik macht. Ansonsten gibt es inhaltsleeres Blabla, den ein oder anderen Stangenwaren-Gag von Schmidt und dann irgendwann endlich Musik ("I Know How To Die"), die eben das vermag, was das viertelstündige Geplänkel vorher nicht schaffte: Der Sat1-Zuschauer daheim erlebt eine direkte Konfrontation mit der Welt des Rock'n'Rolls.

Hat ja lange genug gedauert.

 

Hinweis: Die gesamte Sendung kann man hier im Videocenter von Sat. 1 nachschauen.

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