Dorian Gorr – Blog über Musikjournalismus und Co.
31Aug/110

Die Gamescom aus Sicht von RTL

Anstoß zu diesem Blog-Eintrag ist der folgende RTL-Beitrag:

Der Qualitätssender RTL dachte sich in diesem Jahr, er würde mal einen qualitativ hochwertigen Beitrag über die jährlich stattfindende Zockermesse Gamescom bringen und im Rahmen dessen beleuchten, wie er denn ist, der gemeine Zocker. Und klar, wer sucht, der findet. Bei RTL ging es aber scheinbar nie darum, einen wirklichen Bericht zur Gamescom zu bringen. Es ging von vorne herein darum, die Sensationsgeilheit der weitgehend verblödeten Zuschauerschaft zu befriedigen, die zwischen "Bauer sucht Frau" und "Mitten im Leben" auch mal ein Format schaut, das eine Nachrichtensendung imitiert.

Da wird die These aufgestellt, jeder junge Mann käme an einen Punkt in seinem Leben, wo er sich entscheiden müsse, ob er einen Rasierer oder ein Computerspiel kaufe. Beides geht nämlich nicht. Wer sich "falsch" (!) entscheide, der lande später auf der Gamescom. Quasi das Reich der Bekloppten, der Lebensversager, der Stinker und Nichtskönner. Und um das möglichst authentisch darzustellen, haben sich die Qualitätsjournalisten ein paar Besucher herausgepickt, die sie nach ihrem Äußeren oder dem Grund fürs Single-Dasein fragen. Dass die Antworten auf die Fragen "Wieviel Gedanken machst du dir um dein Styling?" (Besucher: "Nicht so viel. Ich bin so wie ich bin.") und "Warum hast du keine Freundin?" (Anderer Besucher: "Ich bin zu schüchtern. Ich kann halt nicht auf ein Mädel zugehen.") eigentlich gar nicht so unsympathisch wirken, hat RTL nicht davon abgehalten, mit der Aufklärungskampagne weiterzumachen.

Und da Styling nun einmal alles ist, holt man sich gleich mal eine Gewinnerin ins Bild: Laura Da Silva. Die ist Messehostesse, Plastikblondchen und Vorzeigeunsympathin in einem und darf nachfolgend die Zocker in Gruppen einteilen (die da wären: Verkleidete, Introvertierte und Stinkende). Damit das ganze an Demonstrationskraft gewinnt, schreitet sie als pseudomakellose Schönheit über die Messe und darf Besucher hinsichtlich ihres Äußeren bewerten und kategorisieren. Wie bei einem Besuch im Zoo plaudert sie über die verschiedenen Outfit-Typen, als stünden die Menschen gar nicht neben ihr. Die Haare sind länger als ihre, das T-Shirt ist schlabberig, na klar, dieser Herr legt keinen Wert auf sein Äußeres, urteilt die junge Dame, die so viel Tiefgang zu haben scheint, wie die Nordsee bei Ebbe. Dass der (im Übrigen nach Heavy Metal aussehende) Herr da Protest einlegt, ist für RTL nebensächlich.

Stattdessen wird der - wie die Reporter es nennen - "Computer-Spieler-Einheitslook" definiert: Dunkle Schlabberklamotten, die streng riechen. Aha. Befriedigen wir ein Vorurteil! Dass Computerspiele ein Phänomen sind, das sich längst durch alle Schichten der Gesellschaft zieht, ist hier egal. Es passt nämlich viel zu gut. Alle rein in die Schublade, das RTL-Publikum braucht neuen Stoff. Die grandiose Laura bereitet sich derweil auf ihr großes Abschluss-Statement vor. Kurz zusammengefasst: Computerspiele machen süchtig. Und deswegen haben die Zocker keine Zeit und keine Lust, sich zu waschen.

Der Punkt ist: Natürlich wird man auf der Gamescom Besucher finden, die dem Klischee des unhygienischen Zocker-Nerds entsprechen. Genau so, wie ich mit Sicherheit bei einem Bericht über den bösen, bösen Islam einen gewaltbereiten Moslem finde. Oder einen schwulen Friseur. Oder einen pöbelnden Fußball-Fan. Oder einen Ecstasy einwerfenden Techno-Hörer. Oder eine oberflächliche Blondine. Dafür müsste ich sogar nicht mal lange nach einem geeigneten Exemplar suchen, nicht wahr Laura?

Für jedes Klischee lässt sich jemand finden, der eben genau dieses Klischee vertritt. Der Witz ist: Dass diese Klischees niemals die Allgemeinheit widerspiegeln, das wissen auch die Leute bei RTL. Aber es ist eben so sehr viel einfacher, einen Bericht zusammenzuschustern, der nicht überrascht, aufklärt und eine neue Sichtweise zeigt, sondern dem "Explosiv"-Publikum genau das zeigt, was man doch schon immer zu wissen geglaubt hat.

RTL werkelt damit übrigens fleißig an einem weiteren Klischee: Bei RTL arbeiten nur unfähige, oberflächliche, sensationsgeile, unethische Schmierlappen-Journalisten. Oder entspricht das vielleicht der Wahrheit?


Anmerkung 1: Ich bin Hobbyzocker und habe ebenfalls längere Haare als Laura... Ich frage mich nur noch, in welche der drei Kategorien ich passe.

Anmerkung 2: RTL hat sich nach einer Beschwerdewelle in einer späteren "Explosiv"-Sendung mit einem Satz für den Bericht entschuldigt.

Anmerkung 3: Die passendste Antwort auf diesen RTL-Qualitätsbeitrag fanden übrigens die Jungs von GIGA. Seht selbst:

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