“Wisst ihr eigentlich, wie beschränkt ihr seid, denn ihr hört Grind!”

Stilecht mit Leopardenmuster und Blockflöte: Die Excrementory Grindfuckers auf dem Dong Open Air 2010 (Foto: D. Gorr)
In dem Teil meines Freundeskreises, der auf Heavy Metal steht, ernte ich selbst bei den richtig Toleranten meist sehr missmutige Blicke, wenn ich gestehe, dass ich die Excrementory Grindfuckers zwar albern, aber eben gut finde. Heute möchte ich erklären wieso. Ja, das Publikum, das bei einem Grindfuckers-Konzert zur Polonaise aufruft, gehört oft zu der Kategorie "Metaller", die auf dem Wacken in Blechdosenrüstung und mit Hello-Kitty-Luftgitarre laut "Helga!" brüllt, nicht ahnend, dass man sich damit lediglich als Festival-Novize und Depp vom Dienst brandmarkt. Diese Leute finden gewöhnlicherweise auch die Grindfuckers toll. Weil das eben genau so absurd und blöde ist. Zumindest auf den ersten Blick.
Für mich sind die Grindfuckers aber etwas mehr als das. Für mich sind sie eine wandelnde, lärmende Musiksatire. Eine Band, die musikalische Trends und Anbiedereien aufs Korn nimmt, indem sie sich eben genau an diese Trends anbiedert. Sich selbst werden die Grindfuckers niemals ein solches Etikett anhaften. Dafür ist es der Band viel zu wichtig, dass sie ihren chaotischen Ruf beibehält. Ein solch hehrer Anspruch würde da nur schlecht ins Bild passen. Und ja, ich will nicht ausschließen, dass die Grindfuckers sich ganz unbewusst, quasi aus Jux und Tollerei zu diesem Satire-Organismus entwickelt haben. Aber sie erfüllen diesen Zweck.
Was gibt es denn Ironischeres, als einen Song "I Don't Wanna Sound Like Korn" zu taufen, auf diesem dann aber exakt deren Effekte und Trademarks zu verwenden? Oder einen Metalcore-Song mit all seinen typischen Elementen - sprich: Beatdown-Passagen, klarer Gesang im Refrain, modisches Geshoute in den Strophen - zu schreiben und diesen "Malen nach Zahlen" zu nennen? Oder der 3-Sekunden-Remix des Neue-Deutsche-Welle-Hits "Da-Da-Da", der einfach nur aus eben einem "Da-Da-Da" besteht. Das soll keine Kritik sein? Und selbst den Grindcore, in dem sich die Band laut Eigenaussage übrigens niemals verorten würde, nehmen die Excrementory Grindfuckers knallhart auf die Schippe. Unter dem Titel "How II Make A Grind" schrieben sie mehrere hochgradig stupide Anleitungen, wie man denn einen Grindfuckers-Song schreibt. In "Glockenkantate" singen sie zwischen Grindprügel-Passagen: "Wisst ihr eigentlich wie beschränkt ihr seid, denn ihr hört Grind!"
Beeindruckend dabei: Wenn die Jungs aus Hannover und Umgebung sich an einem Pop-Song versuchen, klingt das ebenso authentisch als wenn sie kalt-klirrende Black-Metal-Riffs heraushauen. R'n'B-Synthesizer, Schlagergeschunkel, Country-Elemente, Singer-Songwriter-Gitarre, Power-Metal-Ballade - die Band setzt jede noch so absurde Musiknische verwirrend gut in Szene, bevor sie genau deren typische Elemente ins Absurde, den lärmenden Grindcore, überführt. Das ist Musikkritik auf höchst unterhaltsame Weise. Kritik, die Fans der besagten Richtungen nicht verstehen werden, weil sie sich erst in den überzeugend umgesetzten Musiknischen wiedererkennen, anschließend dann missverstanden fühlen werden. Kritik, die die Party-Metaller nicht verstehen werden, weil sie damit beschäftigt sind, Polonaise zu tanzen. Kritik, die die Excrementory Grindfuckers vielleicht manchmal gar nicht so beabsichtigt haben und die ab und an von den absurden Blödelnummern verdeckt wird. Das ändert aber nichts daran, dass sie da ist.
Ganz nebenbei bemerkt machen einige der Songs auch einfach richtig viel Spaß beim Hören. Meine drei Grindfuckers-Favoriten: Das EAV-Cover "Vater Morgana" (ja, bewusst falsch geschrieben), das folkige "Zu Cool" und der bescheuerte Country-Grind-Trip "Hinnerk, der Grindfucker".
Die zehn besten Songs von Deep Purple
Der Orgelgott ist tot! Jon Lord, Gründungsmitglied des Hard-Rock-Urgesteins Deep Purple, ist im Alter von 71 Jahren seinem Krebsleiden erlegen. Zwar wusste man seit einer Weile, dass es Jon nicht allzu gut ging, zuletzt hieß es aber, dass es keinen akuten Grund zur Sorge gebe. Umso schockierender ist nun die Todesnachricht.
Seitdem ich es erfahren habe, laufen Deep Purple mal wieder rauf und runter bei mir. Nur ein paar Bands verbinde ich noch stärker mit meiner Kindheit als Deep Purple. Schon als Grundschüler fand ich Rolf Zuckowski scheiße und liebte den Hard Rock von Foreigner, Golden Earring und eben Deep Purple. Irgendwie war die Band schon immer ein Teil meines Lebens. Umso trauriger bin ich, dass wir deutlicher denn je auf die Zielgerade einbiegen: die Hard-Rock-Bands der ersten Stunde werden nicht mehr allzu lange aktiv sein. Zu den wenigen Bands, die sich bisher dem Zahn der Zeit widersetzt haben, gehören Deep Purple. Natürlich kommt Ian Gillan heute nicht mehr an seine früheren Leistungen heran, aber im Gegensatz zu vielen anderen völlig demotiviert wirkenden Rentertruppen wirken die Briten noch immer wie eine Windbrise, die einem Staub vergangener Tage in die Kehle weht.
Dass man Deep Purples (und damit eben auch Jon Lords) Musik auch in hundert Jahren noch hören und schätzen wird, davon bin ich fest überzeugt. Hier sind die zehn besten Beispiele, warum das so ist:
10. Smoke On The Water
Der muss ja dabei sein. Auch wenn ich ihn seit Jahren nicht mehr zuhause gehört habe. "Smoke On The Water" ist der Beweis dafür, dass man einen Song zu eingängig komponieren kann. Kein Rock-Riff auf der Welt ist bekannter als das Thema von "Smoke On The Water". Ich glaube, selbst in den hintersten Winkeln der Erde hat man diesen Riff schon einmal gehört. Objektiv gesehen ist "Smoke On The Water" natürlich nicht nur eine saustarke Nummer, die weit mehr zu bieten hat als die Ohrwurm-Notenabfolge, sondern auch noch ein Welthit. Und genau da ist vielleicht das Problem: Keine Rock-Disco ohne "Smoke On The Water", kein Bierabend unter Kumpels, bei dem nicht irgendeiner diesen einzigen Riff auf einer beiliegenden Akustikklampfe spielt. Hach, was soll's, ich liebe den Song trotzdem!
9. Black Night
Der Song ist bis heute der höchste Einstieg, den Deep Purple jemals in die Charts ihres Heimatlandes geschafft haben. Das mutet angesichts der anderen herausragenden Singles zwar etwas komisch an, aber nachvollziehbar ist die Euphorie für das immer etwas roh wirkende "Black Night" trotzdem. Deep Purple holtern und poltern, wirken schwer wie nie und haben natürlich einen weiteren Killer-Riff im Gepäck, der dem Song immer wieder die rote Linie zurückgibt.
8. Burn
Die beste Nummer mit David Coverdale als Ian-Gillan-Ersatz. Allerdings lebt "Burn" nicht in erster Linie von dem (natürlich durchweg geilen) Gesang, sondern einzig und ausschließlich von diesem überaus einprägsamen Riff. Den Refrain fand ich hingegen immer schwierig. Einfach nur ein lang gehaltenes "Buuuuuuuuuuurn" zu singen, macht irgendwie weniger Spaß als vieles andere. Kein Wunder, dass meine Lieblingspassagen die sind, in denen die Gitarre zu dem Hauptriff des Songs zurückfindet.
7. Space Truckin'
Eigentlich gehört "Space Truckin'" noch weiter nach vorne in die Liste, vermute ich. Aber auch wenn es nicht ganz so extrem wie mit "Smoke On The Water" ist, habe ich mir diesen Hit etwas kaputt gehört. Dieser markante Riff, dieser nicht zu vergessene Refrain, bei dem vor dem inneren Auge ein ganzes Stadion immer wieder mitbrüllt "C'mon, c'mon, c'mon, let's go space truckin!" - das hatte vielleicht zu viel eingängiges Potenzial, um nicht in Rock-Diskotheken weltweit immer und wieder aufgelegt zu werden. Das hat bei mir - zumindest nüchtern - dafür gesorgt, dass die Euphorie etwas nachgelassen hat. Dabei war "Space Truckin'" eine Weile sogar mein Lieblingssong von Deep Purple. Das wird er auch heute noch ganz schnell. Dafür brauche ich nur ein Bier und eine Tanzfläche...
6. Pictures Of Home
Auf "Machine Head", dem zweifellos besten Album von Deep Purple, stand "Pictures Of Home" immer ein wenig in der zweiten Reihe, verdeckt von der Jukebox-Nummer "Smoke On The Water" und auch dem orgiastischen "Space Truckin'". Eigentlich unverständlich, befindet sich die Nummer doch locker auf Augenhöhe, ist in meinen Augen sogar noch ein wenig geiler, weil eben weniger abgenutzt. Der Riff ist markant wie so viele Deep-Purple-Riffs, die Schweineorgel verlegt einen Teppich in Stakkato-Farbe und die gesungen Strophen wirken so eingängig als seien sie eigene Refrains. Wann wird der Rest der Deep-Purple-Fraktion erkennen, dass "Pictures Of Home" eine Weltnummer ist?
5. Fireball
Eine Hochgeschwindigkeits-Granate wie sie im frühen Hard-Rock-Zeitalter nur Deep Purple schreiben konnten. Das Drumming auf "Fireball" ist so feurig wie der Titel und treibt den Song unnachgiebig nach vorne. Drei Minuten, 21 Sekunden, dann ist hier alles gesagt. Durchatmen ist bei diesem Song weder erlaubt, noch möglich. Spätestens das Flitzefinger-Orgelsolo raubt einem die Luft. Jon Lord in grandioser Form!
4. When A Blind Man Cries
Irgendwie hat "When A Blind Man Cries" immer im Schatten der Götterballade "Child In Time" gestanden - und ist damit ganz unfreiwillig zum vielleicht unterbewertesten Deep-Purple-Song der gesamten Diskographie mutiert. Ich habe das nie verstanden. Denn obwohl die Ballade mit nicht einmal vier Minuten unfassbar kurz ausfällt, entfesselt sie mühelos ihre gesamte Wirkung. Ian Gillans Gesang treibt einem Tränen in die Augen. Jedes einzelne Wort betont er so markant, dass es wie ein weiterer kleiner Stich ins Herz ist. "Had a friend once in a room. Had a good time but it ended much to soon." Kaum ein anderer Song schafft es, Einsamkeit akustisch so wundervoll umzusetzen.
3. Hush
Die in meinen Augen beste Deep-Purple-Nummer bei der Ian Gillan nicht singt. Rod Evans macht auf dem Debüt allerdings auch eine super Figur. Der Song mag nicht so raffiniert sein wie eine Vielzahl der vorherigen Songs, aber mit wie viel Melodie-Gespür Deep Purple bereits auf ihrem ersten Album gesegnet waren, zeigt keine Nummer besser als "Hush". Partytauglicher kann man einen Refrain eigentlich nicht schreiben. Und Jon Lords Orgelsolo im Mittelteil ist ebenfalls schon ein früher Wegweiser, der zeigte, zu was dieser Ausnahmemusiker noch fähig sein sollte.
2. Child In Time
Die Jahrhundert-Nummer, ein 10-Minuten-Epos, der ergreifender nicht sein könnte. "Child In Time" steht auf einer Stufe mit den ganz großen Nummern: Lynyrd Skynyrds "Free Bird", Led Zeppelins "Stairway To Heaven", Queens "Bohemian Rhapsody". Die Mischung aus gefühlvollem Melancholie-Einstieg und wahnwitzig-orgasmischem End-Inferno suchen seinesgleichen. Über allem schwebt die beste Gesangsleistung, die Ian Gillan jemals abgeliefert hat. Wenn er sich auf dem Höhepunkt des Songs die Seele aus dem Leib kreischt, ist man gewillt zu sagen, dass er auf dem Höhepunkt seiner Karriere der beste Hard-Rock-Sänger der Welt war. Zu schade, dass Deep Purple die Nummer seit Jahren nicht mehr spielen, wohlwissend, dass Gillan zu solchen Ausnahmeleistungen leider nicht mehr im Stande ist. Auf Platte bleibt der Song jedoch unsterblich!
1. Highway Star
"Child In Time" ist offensichtlich der Song mit mehr Tiefgang und kompositorischer Raffinesse, das ändert aber nichts daran, dass "Highway Star" bis in alle Ewigkeiten mein Lieblingssong von Deep Purple sein wird. Der Song hat einfach alles, was ich von Deep Purple erwarte: Einen Killer-Riff, der sich für mich bis heute noch nicht abgenutzt hat; geile Soloeinlagen; ein immer wiederkehrendes Thema, das den Song immer wieder auffängt; Ian Gillan in Bestform. Kein Song macht im Auto mehr Spaß als "Highway Star", das suggeriert bereits der Name. Und Deep Purple haben damit nicht zu viel versprochen, sondern eine so rebellische Autoraser-Atmosphäre eingefangen, dass sich diese mühelos auf den Hörer, ergo: den Autofahrer, überträgt. Ich bin bei "Highway Star" schon mehr als einmal geblitzt worden. Dass der Song trotzdem meine Lieblingsnummer von Deep Purple geblieben ist, spricht da doch Bände...
Ruhe in Frieden, Jon! Dass du es nicht mehr miterleben wirst, dass Deep Purple ihre längst überfällige Nominierung für die Rock'n'Roll Hall Of Fame erhalten, ist traurig und skandalös zugleich.
Der Rockstar, der sich um seine Stiefel sorgte…
Fast hatte man den wahren Charaker von Blackie Lawless vergessen. Jahrelang war der Sänger, Fronter, kurz: das Genie von W.A.S.P. darum bemüht, sich wieder in der hiesigen Konzert-Szene zu etablieren. Vor nicht einmal zehn Jahren schien der Ruf von W.A.S.P. bereits endgültig hinüber zu sein. Blackie und seine Jungs ließen sich damals selten hier blicken. Und wenn, dann machten sie mit Playback-Shows, abstrusen Fotografie-Verboten und überteuerten Ticketpreisen auf sich aufmerksam.
Irgendwann auf dieser Straße in Richung Selbstzerstörung muss wohl auch Blackie gemerkt haben, dass er so nicht weiter machen kann. Dass er sich gerade selbst einen der wichtigsten Musik- und vor allem Heavy-Metal-Märkte der Welt kaputt spielt. Ab diesem Zeitpunkt versuchte er, seine Arroganz auf Backstage-Eskapaden zu beschränken. Mit Erfolg: Die Shows waren wieder besser besucht, Blackie spielte wieder live, die endgütige Rehabilitation schien beschlossen. All die Negativschlagzeilen der Vergangenheit, als Fan hatte man sie guten Gewissens abgehakt. Hinweggespült von brillanten Live-Konzerten.
All das ist jetzt Geschichte. An nur einem einzigen Abend hat Blackie all die Bemühungen des vergangenen Jahrzehnts zunichte gemacht. Auf dem RockHard Festival zeigte Lawless sein wahres Gesicht. Ersmals auch wieder für die Öffentlichkeit: Zwei der Gewinner einer Meet-and-Greet-Aktion durften während des Headliner-Auftritts auf die Bühne kommen, wo ihnen jeweils eine Gitarre aus dem Bestand von Blackie überreicht werden sollte.
Und ja, die beiden Gewinner gingen letztlich tatsächlich mit ihren gewonnen Gitarren von der Bühne. Allerdings nicht von Blackie überreicht. Der war sich für eine solche Aktion zu schade - wider des besseren Wissens, dass er sich damit endgültig als fannaher Musiker hätte präsentieren können.
Also durfte Götz Kühnemund, Herausgeber des RockHard-Magazins und Chef-Veranstalter des Festivals, heran. Mit einem künstlichen Grinsen versuchte er noch Blackie aufzufordern, die Gitarren selbst zu überreichen, aber der schritt zielstrebig ans andere Ende der Bühne und machte damit unverzüglich klar, dass er kein Teil der Aktion sein wollte.
Immerhin fiel ihm noch ein, das Publikum zu etwas mehr Applaus anzustacheln. Schließlich sei die Situation, vor ein paar tausend W.A.S.P.-Fans eine Gitarre geschenkt zu bekommen, "vermutlich der beste Moment des Lebens". Anschließend beförderte er die Gewinner mit einer Handbewegung von der Bühne. "Okay, ihr könnt jetzt verschwinden", blaffte er ins Mikrofon.
Wer sich ein wenig mit W.A.S.P. und der Geschichte ihres sehr eigenwilligen Fronters befasst hat, für den ist an dieser Aktion nur überraschend, dass er diesmal wieder in der Öffentlichkeit sein wahres Gesicht zeigte. Was im Backstage-Bereich beim RockHard Festival abging, hat Götz Kühnemund im aktuellen Interview, das ich für den METAL MIRROR führte, wunderbar zusammengefasst:
"Das hätte man echt filmen müssen. So viel Arroganz gegenüber den eigenen Fans habe ich noch nie gesehen. Manche der Gewinner waren zwar so W.A.S.P.-devot, dass der die vermutlich sogar hätte bespucken können, ohne dass sie was gesagt hätten, aber die meisten waren schwer enttäuscht. Die durften im Entenmarsch hineinspazieren, genau ein Autogramm bekommen, kein Foto, kein Gespräch mit Blackie. Der hat nur schnell die Dinge signiert, die Fans dabei angeschaut, als seien die das Letzte und dann schnell rausgeschmissen. Direkt daneben stand ein Tourmanager, der aufpasste, dass niemand Blackie auf die Schulter klopft. Ich stand auch daneben, habe vor Wut gekocht und hätte dem am liebsten eine reingehauen. In zehn Jahren RockHard Festival habe ich nie so einen unsympathischen Musiker gesehen."
Götz Kühnemund in METAL MIRROR #67
Mich erinnert das an eine Anekdote, die sich auf dem Magic Circle Festival 2009 ereignete. Damals sollten W.A.S.P. zum ersten Mal seit einer Weile wieder in Deutschland spielen. 60 Minuten waren angekündigt, 30 Minuten lang ließ sich Blackie Lawless und dessen Band nicht blicken. Schon eine Stunde vorher wurde der gesamte Backstage-Bereich auf Geheiß des eigenwilligen Fronters großflächig abgesperrt, damit ihn bloß niemand dabei störe, wenn er auf dem Weg in Richtung Bühne sei.
Jetzt braucht man aber nicht glauben, dass Blackie es nötig hatte, den Weg von Backstage-Bereich zu Bühne selbst zurückzulegen. Am Vormittag hatte es geregnet. Der Rasen war feucht, teils auch etwas matschig. Wer schon einmal eine W.A.S.P.-Show gesehen hat, dem werden die markant weißen Stiefel von Blackie aufgefallen sein. Besagte Stiefel sollten nicht schmutzig werden. Die Lösung: Er ließ sich von einigen Backstage-Helfern über den gesamten Rasen bis auf die Bühne tragen. Ein wahrer Rockstar eben.
Vergeben habe ich ihm damals wenige Minuten später. So wie ich Blackie auf dem RockHard Festival binnen weniger Minuten vergab. Vermutlich bin ich da einfach zu inkonsequent. Oder zumindest zu leicht durch Musik zu bestechen. Aber wenn dieser arrogante Dreckssack ans Mikrofon tritt und seine einzigartige Stimme erklingen lässt, bin ich immer noch begeistert. Die Show auf dem RockHard Festival war abermals ein grandioser Trip, das sieht sogar Götz so.
Der ist sonst allerdings nicht so inkonsequent wie ich. Und auf eine gewisse Art und Weise ehrt ihn das. Mir kündigte er jedenfalls an, dass er Blackie durchaus noch in die Suppe spucken möchte. Blackie sollte das nicht unterschätzen. Kein anderer Metal-Journalist hat hierzulande einen vergleichbaren Einfluss auf die Szene. Götz kennt jeden. Und wenn er ankündigt, dass er seinen Veranstalter-Kumpels klar machen will, durch welchen Trubel er mit W.A.S.P. im Allgemeinen und Blackie im Speziellen trotz guter Vorzeichen gegangen ist, werden es sich mit Sicherheit einige mehr als zweimal überlegen, ob sie die Band für ihr Festival buchen - und damit das Risiko eingehen, das Blackie einfach mit sich zu bringen scheint. Jahrelang hat er (zumindest halbherzig) versucht, sich einen anderen Ruf zu erarbeiten. Das Projekt ist seit Pfingsten offiziell gescheitert.
Anmerkung: Die Musik von W.A.S.P. wird für mich trotz aller unsympathischen Rockstar-Anfälle auf ewig unsterblich bleiben. Selbst die Live-Shows von Blackie und Co. waren zuletzt granatenstark und aus Fan-Sicht nur zu empfehlen. Also: Wenn ihr die Chance habt, W.A.S.P. irgendwo zu sehen, dann tut das, solange es noch die Gelegenheit dazu gibt!
Eine schonungslose Abrechnung?
Wenn ein Musiker wie Ace Frehley, der als Spaceman Mitgründer der Rock-Giganten KISS war, im Alter von 60 Jahren auf sein Leben zurückblickt und eine Biographie veröffentlicht, erwartet man vor allem Skandale, Abrechnungen, Konfrontationen. Erst recht, wenn besagte Biographie den Titel „Keine Kompromisse“ trägt. Und ja, Ace rechnet ab. Nicht so gnadenlos, wie man es erwartet hätte, aber noch während des Lesens bekommt man einen Eindruck davon, welch zwiegespaltene Beziehung der einstige Lead-Gitarrist zu der vielleicht größten Rockband des Planeten hat. Je nach Stimmungslage flüchtet sich Ace in nostalgische Gedankenspaziergänge, plötzlich wird der Ton jedoch giftig und er erzählt zum wiederholten Mal, wieso er Paul Stanley und vor allem (!) Gene Simmons für... nunja... selbstsüchtige Arschlöcher hält, die alles daran setzen, um seine Rolle in den Anfangstagen der Band herunterzuspielen. Angesichts der Regelmäßigkeit, mit der Ace diese Vermutungen vor allem gegen Ende des Buches fast Mantra-artig wieder und wieder herunterbetet, möchte man schon fast von einer leichten Paranoia sprechen. Wenn Ace dann auch noch esoterisch wird, von Glückszahlen, Gottes Plan und seinen Begegnungen mit Außerirdischen berichtet, wird es teilweise etwas arg abenteuerlich und zu dem Stirnrunzeln gesellt sich etwas Fremdscham angesichts so viel Naivität. Es spricht doch Bände, dass er sich für dieses Buch kaum noch bei seinem eigenen Erinnerungsschatz bedienen konnte, sondern wegen der vielen alkohol- und drogenbedingten Gedächtnislücken auf Aussagen von Bodyguards, Freunden, Musikern, Produzenten und Co. zurückgreifen musste. Wenn Ace dann nach Konsum unterschiedlichster Drogencocktails nackt vor seiner Haustür aufwacht und er das als Beleg dafür heranzieht, dass er von Außerirdischen entführt wurde, dann möchte man doch stark daran zweifeln, dass er tatsächlich einen IQ von über 150 hat, wie er im Laufe des Buches stolz referiert.
Und das ist längst nicht das einzige Paradoxon. Ace hat ein unglaubliches Talent dafür, den reumütigen, geläuterten ex-Sünder zu spielen, ohne dabei wirklich Reue zu zeigen. Selbst wenn er in einem Kapitel noch erzählt, wie er wieder mal vollkommen berauscht den größten Mist baute (auf dem Programm stehen Unfälle mit Schusswaffen, eine Verfolgungsjagd mit der Polizei, Bar-Schlägereien und etliche volltrunkene Autofahrten und -unfälle), freut er sich zwei Seiten später, dass ihn niemand einsperrte, sobald er seinen Namen sagte. Ace möchte bescheiden sein, weil er damit der Anti-Gene-Simmons wäre, mit dem er endgültig brach, weil Gene seine Tochter aus einer Filmszene des KISS-Films „Detroit Rock City“ schnitt.
Lässt man diese in manchen Aspekten recht einseitige Herangehensweise von Ace mal außen vor, bleibt eine über weite Strecken doch unterhaltsame Biographie übrig, die vor allem während der KISS-Jahre Spaß macht. Auch der Werdegang des jungen Straßengangsters Paul Frehley vom Tunichtgut zum Tunichtgut-Millionär liest sich weitgehend interessant, auch wenn ich persönlich finde, dass manch eine Passage einen längst nicht so gefangen nimmt, wie es die Biographien von Slash, Mötley Crüe oder Ozzy Osbourne vermochten. Das mag alleine daran liegen, dass deren Biographien weit umfangreicher waren als die nicht einmal 300 Seiten von Ace Frehley, aber es ist auch ein wenig die Art des Erzählens. Hatte man bei besagten Vorreitern noch das Gefühl, dass man wirklich jede Etappe mitmachte, dass es schier ewig zu dauern schien, bis man plötzlich gemeinsam mit dem Protagonisten die große Bühne der Welt erklomm, im Geld schwamm und sich mit Groupies herumtrieb, geht das bei Ace alles verhältnismäßig schnell. Ob sich Ace nicht mehr an weitere Details des steinigen Wegs an die Spitze erinnert oder diese für schlicht zu uninteressant hielt, weiß ich nicht, mir geht bei diesem Durchhuschen nur ein wenig die Empathie flöten. Hinzu kommt die in meinen Augen etwas altertümliche Übersetzung ins Deutsche, durch die Ace manchmal klingt wie ein Ü60-Jähriger, der verzweifelt versucht, coole Ausdrücke zu finden. Aber wer weiß, vielleicht ist er das ja mittlerweile auch und die Übersetzer haben sich dabei nur am Original orientiert.
Genug gemeckert: Unterm Strich habe ich „Keine Kompromisse“ gerne gelesen. Dem Titel, der eine doch noch schonungslosere, offenere Abrechnung suggeriert, wird das Buch zwar oft nur in Ansätzen gerecht, aber kurzweiliger Lesespaß ist garantiert – all den Personen, die sich anstelle Frehleys an die vielen Anekdoten erinnern konnten sei Dank. Ohne sie wäre der Spaceman ziemlich aufgeschmissen gewesen, so dauerbenebelt wie er die meisten Jahrzehnte erlebt hat.
Ursprünglich ist dieser Text in METAL MIRROR #66 erschienen.
Manowar haben Charakter. Nur keinen guten mehr.
Ich stecke in einer Zwickmühle.... nein... ich fange anders an: Irgendwann mal, vor langer, langer Zeit, da fand ich nach jahrelanger Suche eine Band, die ich für lange, lange Zeit meine Lieblingsband nannte. Ich war damals ein unbedarfter Teenager und stieß auf die ersten Alben einer Band, die heute nur noch ein Schatten ihrer selbst ist: Manowar. Deren ersten vier Alben vergöttere ich noch heute. Vor allem "Hail To England" und "Sign Of The Hammer" sind in meinen Augen absolut unerreichte Heavy-Metal-Alben. Wie Manowar es gleichermaßen schafften, songdienlich und doch raffiniert zu sein, das imponierte mir. Songs zu schreiben, die kompositorisch anspruchsvoll sind (ja, das konnten Manowar tatsächlich mal, man denke nur an "Bridge Of Death"), die man aber trotzdem nach dem dritten Mal nicht mehr aus dem Ohr bekam, das erschien mir immer einmalig zu sein. Obendrein war Eric Adams, als er auf dem Höhepunkt seines Könnens war, der beste Sänger, den es im klassischen Heavy Metal je gab. Maiden- und Priest-Fans mögen mich dafür steinigen wollen, aber ich stehe dazu: Eric Adams war vielleicht technisch nicht ganz so stark wie Dickinson oder Halford, aber ich kenne keinen Sänger, der dem klassischen Heavy Metal so viel Charakter verpasst hat.
Das alles ist jedoch Geschichte. Eine einsame Lederweste mit Manowar-Backpatch ist heute das einzige Relikt, das noch daran erinnert, dass ich einst mal ein großer Manowar-Fan war. Seit einiger Zeit trage ich diese Weste nicht mehr auf Festivals. Nicht weil ich die Frühwerke heute weniger schätzen würde, sondern weil ich mit dieser Band nicht mehr so recht in Verbindung gebracht werden möchte. "Warriors Of The World" war bereits ein kleiner Abstieg zu allen vorherigen Werken, aber was sich die selbstgekrönten "Kings Of Metal" mit "Gods Of War" (2007) erlaubten, ging auf keine Kuhhaut mehr. Das skandalöse Magic Circle Festival 2 zeigte die New Yorker zwar von ihrer live-technisch hervorragenden Seite, viele weitere Live-Shows, die ich mir anschaute, waren jedoch eher mittelprächtig. Tiefpunkt war die Manowar-Show Anfang 2010 in Hannover, nach der ich konsterniert und gesenkten Hauptes nach Hause stapfte, endgültig wissend, dass meine einstige Lieblingsband nur noch ein lächerliches Abziehbild dessen sind, was sie einst mal waren.
Eric Adams kommt schon lange nicht mehr so hoch mit seiner Stimme, streut immer wieder seine zwischenzeitlichen "Hugh!"-Grunzer ein, um das zu kaschieren. Die Show-Einlagen wurden weniger, das Set schlechter, die Ticketpreise teurer, das unerträgliche Gelaber von Selbstdarsteller Joey DeMaio mehr und mehr. Diese Band ist das beste Beispiel für eine Truppe, die alle Trümpfe in der Hand hielt und sich selbst demontiert hat.
Nun kommt mit "The Lord Of Steel" nach vielen Jahren das neue Album von Manowar. Das vor fünf Jahren groß angekündigte Valhalla-Thor-Nordische-Mythologie-Blabla-Konzept, das Joey einst großspurig zusammen mit Buch, Computerspiel, Film und Manowar-Teeservice ankündigte, längst in die Tonne gekloppt, regiert nun irgendein Pseudokonzept über den Wilden Westen das Album, das trotzdem irgendwie nur von Steel, Power, Warriors und Heavy Metal handelt.
Und da befinde ich mich nun in meiner Zwickmühle: Ich weiß nicht, was ich von dem Album halten soll. Die Scheibe ist im aktuellen Kreuzfeuer vom METAL MIRROR, meine Note ist seit mehr als 24 Stunden überfällig und ich sitze hier und weiß einfach nicht, wie viele Punkte ich denn jetzt vergeben soll. Das hat mehrere Gründe: Persönlich gesehen bin ich enttäuscht. Auch wenn ich seit "Warriors Of The World" keinerlei Erwartungen mehr an neue Manowar-Alben stelle, tut es jedes Mal wieder weh, dass eine Band, die einst Songs wie "Gates Of Valhalla", "Guyana (Cult Of The Damned)" oder "Battle Hymn" und "Gloves Of Metal" geschrieben hat, heute so einen dilettantischen Quatsch auf Platte bannt. Joey hat seinen Bass mittlerweile so laut aufgedreht, dass er einfach alles wegwummert und das gesamte Songkonzept zum Einsturz bringt, Eric Adams kämpft sich durch die Songs, hat nur noch wenige, sehr wenige Momente, in denen man den alten Eric Adams heraushört. Die Produktion klingt synthetisch, künstlich, steril, einfach unnatürlich und billig.
Und doch: Ich kann irgendwie nicht wirklich aufhören, dieses Album zu hören. Seit Tagen läuft die Platte bei mir auf und ab. Und das nicht nur, weil ich noch immer auf der Suche nach meiner Note für "The Lord Of Steel" bin. Irgendwas fesselt mich an die Scheibe. Mittlerweile kann ich - wenn ich denn wollen würde - fast jeden Song mitsingen, was nicht sonderlich schwer ist bei Fünftklässler-Englisch-Reimen der Marke "In Heavy Metal we believe / If you don't like it - time to leave!" (Manowarriors). Joey DeMaio hat nach wie vor das unbestreitbare Talent, Songs zu schreiben, die so simpel sind, dass sie sich sofort festsetzen. "El Gringo" beispielsweise setzt gekonnt einen Hintergrund-Chor ein, arbeitet Eric Adams (für dessen Verhältnisse mittelmäßigen) Gesang gut heraus und ist im Refrain so simpel, dass man sich an die Schlagermucke in einem Mallorca-Bierzelt erinnert fühlt. Aber irgendwie beißt sich das halt im Ohr fest, ob man möchte oder nicht.
Der springende Punkt ist: Manowar haben Charakter. Noch immer. Nur eben keinen guten Charakter mehr. Aber dadurch wird das Hörerlebnis nach wie vor irgendwie interessant. So sehr Erics Stimme auch abgenommen haben mag, seelenlos ist diese nach wie vor nicht. So sehr Joey seinen Bass jetzt auch in den Vordergrund geschoben hat, einfach nur unspektakulär ist das nicht. Vielleicht ist es das, was mich an dem Album fesselt. Dass ich noch immer den Charakter der Band spüre, die sich schon lange selbst verloren hat. Und auch wenn mir das musikalisch alles gar nicht mehr so richtig gefallen möchte, macht selbst das Kopfschütteln dabei mehr Spaß als sich die x-te Klonkrieger-Band anzuhören, die alles hat, nur eben keine eigene Vision.
Was das jetzt für meine Wertung bedeutet? Ich habe noch immer keinen blassen Schimmer. Ich glaube, da muss ich noch ein paar weitere Runden den Kopf schütteln...
Meine erste Arschbombe
In RockHard #301 durfte ich eine Premiere feiern: Nach fast drei Jahren freier Mitarbeit für das Magazin, habe ich erstmals die "Arschbombe" beigesteuert. Zur Erläuterung: Die "Arschbombe" ist jeden Monat das Album, das in der Review-Sektion am mieserabelsten abgeschnitten hat. Ich persönlich habe die Kategorie schon immer sehr gerne gelesen. Verrisse sind eben meist sehr viel unterhaltsamer geschrieben als der x-te Review zu einer Scheibe, die nicht wirklich gut, nicht wirklich schlecht, sondern eben einfach nur naja ist. Wo dann Sound und Beherrschung der Instrumente gelobt werden, im nächsten Nebensatz aber angemerkt wird, dass es das alles schon viel besser und sowieso viel zu oft gab. Da es mittlerweile in den meisten Magazinen von Reviews zu derartigen Scheiben nur so wimmelt (da können wir uns auch beim METAL MIRROR nicht von freisprechen), ist es regelrecht erfrischend, dass es eine Review-Kategorie gibt, bei der man weiß, dass es niemals langweilig wird, sondern man immer schonungslose Kost geboten bekommt.
Wie bereits erwähnt, im vergangenen Monat durfte ich diese "Arschbombe" beisteuern. Nicht wissentlich, versteht sich. Das habe ich erst nach Schreiben des Textes erfahren. Allerdings hatte ich das bei dieser Scheibe schon vorher im Gefühl. Hauptfigur meiner Arschbombe ist nämlich das Ein-Mann-Projekt Furze, neben den glücklicherweise aufgelösten Xasthur eine der furchtbarsten Black-Metal-Bands, die in Rekordzeit Alben zusammenrotzen, und dann behaupten, es sei richtig guter Black Metal, nur weil sie diesen mit der richtigen Attitüde eingespielt hätten. Keine Frage, die auf CD gebannte Atmosphäre, die Einstellung mit der diese Musik eingespielt wurde (sofern man es denn schafft, diese auf die Musik abfärben zu lassen), das sind vor allem für eine so emotionale und verschrobene Musikrichtung wie den Black Metal durchaus relevante Faktoren. Aber es sind eben nicht die einzigen.
Sicher, oft klingt Black Metal simpel. Für ungeschulte Ohren manchmal sogar primitiv. Der Unterschied ist nur: Gekonnt primitiv zu spielen, aus Gründen der Songdienlichkeit, ist nochmal eine ganz andere Baustelle, als es einfach nicht richtig zu können, vier Noten zu zupfen, hirnlos zu kreischen und das dann als primitiven, ergo: guten Black Metal zu verkaufen. Furze (sprich: Bandkopf Woe J. Reaper) gehören jedenfalls in genau diese Kategorie, versuchen neuerdings zurück zu den Wurzeln des Genres zu gehen und werden damit seit Jahren von Label zu Label geschoben (erst Apocalyptic Empire, dann Candlelight, dann Agonia, jetzt Fysisk Format). Ihr neues Album "Psych Minus Space Control" ist nach dem sogar noch etwas katastrophaleren "Reaper Subconscious Guide" ein weiteres hervorragendes Beispiel, wie man es bloß nicht machen sollte - quasi eine Art Warnhinweis für andere Bands, die glauben, mal eben ein Black-Metal-Album aufnehmen zu können.
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich möchte euch natürlich nicht meine erste "Arschbombe" vorenthalten:
Herzlich Willkommen zu einem neuen Trip mit FURZE, der Band mit dem Namen, der dazu verführt, dass man hier irgendwelche Kalauer über Darmatmung vom Zaun bricht. Aber diese Platte hat gar nicht verdient, dass man kreative Wortwitze reißt, sie selbst ist nämlich so dermaßen uninspirierender Vollschrott, dass es einem eher am anderen Ende wieder herauskommt. Vermutlich soll dieser weitgehend instrumentale Brei total sphärisch sein, den Black Metal auf ein neues Level hieven. Tut er aber nicht. Stattdessen klingt das hier nach Fingerübungen eines Gitarrenschülers, der nicht nur im ersten Lehrjahr, sondern auch noch auf Valium ist. Hier werden ewig ausufernde Brechreiz-Passagen zusammengeschustert und damit weniger Charme versprüht als es Kassettenrekorder-Aufnahmen von Riffideen jeder anderen unkonventionellen Black-Metal-Band getan hätten.
© RockHard #301
Was man in der Redaktion von powermetal.de für ein Zeug raucht, dass man die hilflosen Psychedelic-Doom-Versuche von Woe J. Reaper tatsächlich als einen würdigen Rückschritt in Richtung Black-Sabbath-Quintessenz wertet, bleibt wohl einzig und alleine deren Geheimnis...
P.S.: Das Cover-Artwork, das Jesus als Pseudo-Bleistift-Kritzelei auf eine Mausefalle spannt und unter anderem eine Maus mit Papstmütze zeigt, ist auch ganz großer Sport...
Ein Trip in die Seelenküche
Ein Trip ins Nirgendwo. Nur zwei Dosen Whiskey-Cola im Gepäck. Der Blick schweift aus dem Fenster des Linienbusses. Um mich herum ist es grün. Hier draußen ist Berlin keine Großstadt mehr. Hier draußen ist Berlin ländlich. Hier fährt der Bus über Landstraßen und Autobahnzubringer. Die Haltestellen haben hier keine digitalen Anzeigen, auf denen in oranger LED-Schrift steht, wie lange man noch wartend in die Leere starrt. Hier gibt es noch richtige Bushaltestellen. Mit Papierfahrplänen, die hinter Glasscheiben Verwirrung stiften und nicht selten fehlen oder wegen darüber gesprayter Graffitis nicht mehr lesbar sind.
Was also mache ich hier in der Pampa? Ganz genau diese Frage stelle ich mir auch, als ich fast widerwillig an der Haltestelle "Königsheideweg" aussteige und eine lange, leere Straße hinunterblicke. Links ein Gartencenter, das nur von März bis Oktober geöffnet hat. Rechts eine Baumschule. Ich bin im Auftrag des Rock'n'Rolls unterwegs. In dieser Gegend schwer vorstellbar, aber wahr. Skeptisch starre ich das Straßenschild an. So richtig glaube ich selbst noch nicht, dass ich hier richtig bin. Aber die Adresse stimmt. Schulterzucken. Hausnummer 9 suchen.
Allzu lang muss ich nicht suchen. Nach wenigen Metern erscheint es auf der linken Straßenseite. Ganz unscheinbar, verdeckt von so viel Grün, dass man nicht weiß, ob es so gewollt war, dass es so sprießt oder der Wildwuchs einfach nur der mangelnden Pflege geschuldet ist. Mitten in dem grünen Blättervorhang, über einem Tor, das Biergarten-Schrägstrich-Schrebergarten-Charme versprüht, blickt einen aus dem Nichts Jim Morrison an, der in dieser ländlichen Umgebung gleichermaßen Fehl am Platze, aber gerade deswegen so vertraut wirkt. Ich passe hier nämlich auch nicht so richtig hin.
Hier draußen steht es also, das Jim-Morrison-Denkmal, das 2003 "offiziell eingeweiht" wurde. Das behauptet zumindest Wikipedia, bleibt aber Antworten schuldig, wenn es darum geht, was das denn überhaupt heißen soll, "offiziell eingeweiht". Waren Ray Manzarek, Robby Krieger und/oder John Densmore hier? Hier draußen, eine gute Stunde Fahrtzeit vom Berliner Hauptbahnhof entfernt? Mitten zwischen Baumschulen und "Laubpiepern", wie der Berliner die Kleingärtner scheinbar nennt? Schwer vorstellbar.
"Seelenküche" nennt sich die kleine Kneipe, die versteckt neben dem Ab-März-offen-Gartencenter liegt. Alles Unbehagen verschwindet mit einem Mal, während ich durch das Tor spaziere. Als habe man eine magische Schwelle überschritten. Plötzlich ein Stück Heimat mitten im Nirgendwo. Die Sonne strahlt, der Himmel ist blau. Auf spartanischen Gartenmöbeln sitzen eine Frau, geschätzt um die 50 Jahre alt, und ein alter Herr mit weißem ZZ-Top-Vollbart. Beide haben große Bierkrüge vor sich und schweigen sich gemütlich an. Der Fremde, in dem Falle: ich, wird mit einem Nicken begrüßt.
Mitten in diesem Vorgarten steht ein Mann in kariertem Hemd und drübergezogener Lederweste. Mit imposantem Schnauzbart, verwuschelten grau-schwarzen Haaren und dem seligen Blick, wie ihn sich nur Kneipenwirte aneignen können, die gelernt haben, das Leben nicht zu schwer zu nehmen. "Kann ich helfen?", fragt er und grinst freundlich. "Hier soll es ein Jim-Morrison-Denkmal geben?" Der Berliner Kneipenwirt nickt. Dass ich deswegen gekommen bin, hatte er sich vermutlich schon gedacht, als ich mit meinem Doors-Shirt den Vorgarten seiner Seelenküche betreten habe.
Und mitten in diesem Vorgarten steht es auch. Das Berliner Jim-Morrison-Denkmal. Eine pompöse, ja fast schon theatralische Gedenkstätte, die wohl an das Pariser Grab des besten Fronters aller Zeiten erinnern soll. Weiße Kieselsteine bilden das Fundament dieser einen Quadratmeter großen Friedhofs-Simulation. Schwarz umzäunt, goldene Spitzen. Am Boden wächst eine einsame Rose, die wunderschön in vollem Rot blüht. Über allem thront eine weiße Säule, von der ein Schwarz-weiß-Portrait Jim Morrisons herabblickt. Auf einer goldenen Plakette steht "James Douglas Morrison, amerikanischer Poet und Sänger, * 8.12.1943 † 3.7.1971".
"Hast du Bier?", frage ich.
Im Inneren erschließt sich einem erst das ganze Ausmaß des Jim-Morrison-Kultes, den die Seelenküche betreibt. Mehrere Räume sind vollgehangen mit Rock'n'Roll-Postern. Die meisten zeigen Jim Morrison in den unterschiedlichsten Phasen seiner viel zu kurzen Karriere. Als Jungspund, der gerade erst dem Leben am Strand von Los Angeles entsprungen ist. Als Sexsymbol mit nacktem Oberkörper und langen Locken. Als aufgedunsenen Säufer mit Vollbart, als der er mit nur 27 starb. Auf einer Fensterbank steht eine Büste, wie man sie sonst nur aus griechischen Restaurants kennt. Meist zeigen sie irgendwelche Götter des Olymps, hier ist es ein Rock-Gott, der in Stein gemeißelt wurde. Fotocollagen dokumentieren Partyabende aus der Kneipe, die ohne ihre Jim-Morrison-Aufmachung nichts anderes wäre, als eine weitere deutsche Spießerbierbude zwischen noch spießigeren Kleingärten. Doch die Seelenküche ist anders. Ein fremdes Element in der Einöde.
"Dann will ich erstmal den richtigen Sound anmachen", sagt Schnauzbart-Betreiber Bernd mit einem Grinsen und legt eine The-Doors-Best-Of auf. "Roadhouse Blues" erklingt. Jim Morrisons Stimme hallt durch diesen kleinen Kneipentempel, der ihm zu Ehren errichtet wurde. Das Bier ist frisch gezapft. Ja, hier lässt es sich gut aushalten.
Bernd, Betreiber der Seelenküche, setzt sich mit einer halbvollen Flasche Tequila-Bier dazu und erzählt seine Geschichte. Dass er schon seit mehr als drei Jahrzehnten Kneipenbetreiber ist, als Rock-Fan aber immer eine Musikkneipe aufmachen wollte. Dass er sich nebenbei immer als Konzertveranstalter versuchte. Leider nur mit mäßigem Erfolg. Zuletzt habe er mehrere tausend Euro Verlust wegen eines organisierten Konzerts gemacht. Es waren einfach nicht genug Leute gekommen. "Das war trotzdem ein netter Abend", sagt er und wischt die Gedanken an das Verlustgeschäft mit einer Handbewegung weg.
Jetzt habe er nur noch wenige Monate bis zur Rente. Die kriege er auch noch rum, sagt er, während er an seinem auffällig modernen Smartphone herumspielt und mir Videos und Bilder von den von ihm organisierten Konzerten zeigt. Über eine kleine Open-Air-Bühne hinter seiner Kneipe habe er auch schon nachgedacht, grübelt er laut. Bernd möchte vor allem eines sein: kein normaler Kneipenwirt. Eher ein Konzertveranstalter. Einer, bei dem die Leute eine gute Zeit haben. Bei dem es mehr gibt als Bier und Kneipenschlager.
Hier draußen alles andere als einfach. Denn Laufkundschaft gibt es keine. Wer seinen Weg in die Seelenküche findet, der findet ihn sehr bewusst. Der hat danach gesucht und sich nicht von Busfahrten ins Nirgendwo abhalten lassen. Einst sei sogar ein Doors-Fan aus Australien zu Besuch gekommen. Doch spätestens seit die angrenzende Autobahn fertiggestellt sei, gäbe es so gut wie keine Laufkundschaft mehr. Das sei auch mal anders gewesen.
Plötzlich stolpert ein Mann, vermutlich in seinen Dreißigern, in die Kneipe. Dem Shirt-Aufdruck nach zu urteilen, ist er Mitarbeiter des angrenzenden Gartencenters. "Machst du mir ein Bier?", fragt er mit lallendem Unterton und schwankt in Richtung Tresen. Offenbar kein Unbekannter, sondern einer der wenigen Stammgäste, die ein Gegenmittel für die Langeweile auf der Arbeit gefunden haben. Mit seinem frisch gezapften Bier geht er wieder raus. "Ich saufe draußen", sagt er und verabschiedet sich in Richtung Vorgarten.
Ja, vermutlich hat dieses Rock-Juwel im Nirgendwo schon bessere Zeiten gesehen. Und doch strahlt dieser Ort so etwas wie Harmonie aus. Eine gewisse Selbstzufriedenheit. Die Seelenküche ist kein angesagter Szeneclub in einer der größten Städte der Welt. Sie ist mit ihrem Retrocharme die exakte Antithese zu dem Höher-schneller-weiter-Wettbewerb der Großstadt. Sie hat sich dem Denkmal eines Sängers verschrieben, der bereits seit mehr als vierzig Jahren tot ist und den weite Teile der heutigen Club-Szene maximal von seinen berühmt-berüchtigen Exzessen kennen, nicht wegen seiner einzigartigen Stimme und Texte. An diesem Ort scheint die Zeit stillzustehen.
Ich fühle mich hier sehr wohl.
Oder um es mit den Worten des Poeten und dem Song, der der Kneipe ihren Namen gegeben hat, zu sagen:
Well, the clock says it's time to close now
I guess I'd better go now
I'd really like to stay here all night
The cars crawl past all stuffed with eyes
Street lights share their hollow glow
Your brain seems bruised with numb surprise
Still one place to go
Still one place to go(...)
Let me sleep all night in your soul kitchen
Warm my mind near your gentle stove
Turn me out and I'll wander baby
Stumblin' in the neon grovesWell the clock says it's time to close now
I know I have to go now
I really want to stay here
All night, all night, all night
Das pinke Album
Es hat eine gewisse Tradition in der Rock- und Pop-Musik, besonders legendäre Alben einer Band, die obendrein die optische Voraussetzung erfüllen, nicht mit ihrem Titel zu benennen, sondern ihnen eine Farbe zuzuordnen. Bekanntestes Beispiel: Das weiße Album der Beatles, das im Original eigentlich "The BEATLES" heißt und das Spiel mit den Farbennamen begonnen hat. Weezer nannten ihr selbstbetiteltes Album "The Green Album", Metallica ihr ebenfalls selbstbetiteltes Album "The Black Album", die Liste lässt sich mit Sicherheit noch erweitern.
Mein Vorschlag für diese Liste: Turbonegros 1998 erschienenes Album "Apocalypse Dudes", der neueste Schatz in meiner Vinylsammlung.
Band: Turbonegro
Album: Apocalypse Dudes
VÖ: 1998 (1999 Reprint)
Gekauft bei: 25 Music, Hannover
Preis: 16,99 €
Die Platte ist für mich der lebende Beweis, dass man auch noch Ende der Neunziger Punk-Rock machen kann, der sich nicht in der Belanglosigkeit der Toten Hosen oder dem blutarmen Geblödel der Ärzte verliert, der aber auch nicht so dreckig-asozial und schmuddelig daherkommen muss, dass man Angst hat, während des Hörens Filzläuse zu bekommen. Turbonegro erlauben sich alles. Und das macht die Band so geil. Irokesenschnitt und Anarcho-Parolen wurden gegen homoerotische Matrosen, Lippenstift und Rouge getauscht. Statt drei Akkorden und Gebell gibt es spielerische Intros, Ohrwurm-Chöre und Songdienlichkeit.
Punk ist das trotzdem. Death-Punk von mir aus. So nennen die norwegischen Verursacher ihre Musik jedenfalls, die mit "Apocalypse Dudes" das meiner Meinung nach beste Album ihrer bisherigen Karriere ablieferten. So viel Rock'n'Roll, so viel Eingängigkeit und so viel Eigensinn, gepaart mit der Mittelfinger-Einstellung, wie sie eben nur schwule Matrosen haben können, das ist Punk, der sich gegen die Starrköpfigkeit des Punks auflehnt, ohne dabei zu verweichlichen. Eine Seltenheit.
Dass ich "Apocalypse Dudes" (oder "das pinke Album", wie ich es von nun an nennen werde) meiner Vinylsammlung hinzugefügt habe, verdanke ich dem sensationellen Auftritt der Band auf dem RockHard Festival. Zwar mittlerweile mit neuem Sänger, aber eben immer noch als die unkonventionellen Stimmungskanonen, die für einen szeneweiten Anstieg der Verkaufszahlen von Matrosenmützen verantwortlich sind. Und zumindest mit diesem Auftritt für ein weiteres verkauftes Exemplar von "Apocalypse Dudes" gesorgt haben... verzeihung... ein weiteres verkauftes Exemplar ihres pinken Albums.
Okay, zugegeben: Meine Argumentation, die Platte als das pinke Album zu bezeichnen, ist nicht ganz wasserdicht. Turbonegros "pinkes Album" heißt im Original nicht "Turbonegro" und - viel gravierender - hat kein rein pinkes Cover. Im Original von 1998 ist das Cover sogar gar nicht pink, sondern fast komplett schwarz und zeigt ein mehrköpfiges Schlangenwesen. Erst der 1999 erschienene Nachdruck für Sympathy For The Record Industry hat das (in meinen Augen viel besser aussehende) Cover mit der pink-schwarzen Mütze vor dem pink umrandeten Schild. Zwar ist auch hier Pink eher die Akzent-, nicht die Füllfarbe, aber hey: Turbonegro wären nicht Turbonegro, wenn sie nicht vom herkömmlichen Muster abweichen würden.







